20.4.2016

Von Löwen, Lämmern, Schlangen und anderen Tieren im Aufsichtsrat

Wenn Sie an Ihren Aufsichtsrat (AR) denken: Welche Bilder tauchen bei Ihnen auf? Angenommen Sie würden die einzelnen Mitglieder in Tieren beschreiben: Welche Tiere kommen da vor? Welche Charaktereigenschaften zeichnet diese aus? Sind sie groß, klein, gefährlich oder lammfromm? Diese Übung heißt „AR in Tieren“ und ist Teil des zweitägigen IFAM-Seminars „Psychologie im AR“.

In diesem Modul wird bewusst ein unkonventioneller, emotionaler Zugang zur Aufsichtsratsarbeit angestrebt. Zahlen, Daten und Fakten sind für erfolgreiche AR-Arbeit zwar unverzichtbar. Mit dem Wissen über psychologische Zusammenhänge, informelle Strukturen, ungeschriebene Spielregeln, Gruppenprozesse, Verhaltensweisen, Persönlichkeitstypen, unsichtbare Machtstrukturen etc. sollen jedoch die Handlungs- und Gestaltungsmöglichkeiten von BetriebsrätInnen erweitert werden.

Macht und Ohnmacht

Die Auseinandersetzung mit dem eigenen Zugang zum Thema Macht und Ohnmacht, das Bewusstsein der eigenen Ressourcen und Beziehungsnetzwerke ist ebenso Teil des Seminars und soll die BetriebsrätInnen bei ihrer Aufgabe als AR-Mitglieder stärken. Immer wieder kommen von BetriebsrätInnen Aussagen wie: „Ich stoße in meiner AR-Tätigkeit oft an unsichtbare Grenzen“ oder „Wir von der ArbeitnehmerInnenseite gehören im AR nie dazu“ Für BetriebsrätInnen ist es wichtig, in der AR-Arbeit ihre Rolle und Funktion zu kennen und diese mit Selbstbewusstsein und Verantwortung zu erfüllen.

Beziehungen im erlauchten Kreis

Warum wird AR-Arbeit oft so „arbeitgeberlastig“ erlebt? Warum fühlen sich BetriebsrätInnen gegenüber den ArbeitgebervertreterInnen oft so unterlegen? Auf diese Fragen gibt es interessante Antworten in der Studie „Blick in den erlauchten Kreis“ von Roswitha Königswieser. Sie zieht Parallelen zur Adelsgesellschaft. Für „Nicht-Adlige“ ist es beinahe unmöglich dazuzugehören. Es gibt eine bestimmte Sprache, Spiel- und Benimmregeln. Dresscode, Small Talk und Sitzordnung sind nur kleine Beispiele der „ungeschriebenen Erwartungen“ der AR-Mitglieder. Weiters wird Loyalität und Gefühlskontrolle unter den AR-Mitgliedern erwartet. Offene Konfrontationen, unkontrollierte Gefühlsausbrüche, Blamagen und gegenseitig Bloßstellen gehören zu den absoluten Tabus.

Netzwerke und Beziehungen

Demgegenüber stehen bewusstes Taktieren und das Forcieren von Entscheidungen an der Tagesordnung und gehören zur „Dramaturgie“ und zum Spiel. BetriebsrätInnen sollten sich auf die AR-Sitzungen nicht nur inhaltlich, sondern auch strategisch vorbereiten. Die Arbeit im AR lebt von der kontinuierlichen Pflege von Netzwerken und Beziehungen, das sollten auch BetriebsrätInnen in der Zukunft stärker beachten. Diese Netzwerke müssen aufgebaut und wollen genutzt werden.

Gruppendynamik im Aufsichtsrat

Weiters kann das Wissen über gruppendynamische Prozesse und Vorgänge den Erfolg der eigenen AR-Tätigkeit maßgeblich beeinflussen. Nach Raoul Schindler entwickeln sich in jeder Gruppe vier bestimmte Funktionen heraus, die von den Gruppenmitgliedern übernommen werden und die in jeder Gruppe vertreten sind. Er spricht in diesem Zusammenhang von der Rangordnung in Gruppen. Diese Grundannahme lässt sich auch auf die Gruppe des AR umlegen und zeigt, welche Position den ArbeitnehmerInnen im AR „automatisch“ zugeschrieben wird.

Raoul Schindler beschreibt die 4 Positionen wie folgt. Die ALPHA-Position wird jener Person in der Gruppe zugeschrieben, die die Führungsfunktion innehat. Sie repräsentiert die Gruppe und diese lässt sich von ihr führen. Im AR wird diese Position dem/der AR-Vorsitzenden zugeschrieben. Die BETA-Position wird als BeraterInnen-Position verstanden. Diese Personen punkten mit ihrer fachlichen Kompetenz, sie unterhalten zu allen Gruppenmitgliedern gute Beziehungen und sie sind bereit, sich ALPHA unterzuordnen. Auch diese Position ist im AR keine unbekannte, es sind meist die engen Vertrauten des/der AR-Vorsitzenden.

Personen in der GAMMA-Position werden als die „normalen“ Gruppenmitglieder bezeichnet; Gefolgsleute, die sich emotional mit ALPHA identifizieren und ihm uneingeschränkt folgen. Die vierte Position ist die OMEGA-Position. Personen in dieser Position sind oft negativ mit ALPHA verbunden, sie nehmen Gegenpositionen ein und stehen oft auch in direkter Konfrontation mit ALPHA. In der Gruppe wird ihnen oft eine AußenseiterInnen-Rolle zugeschrieben, sie fungieren auch als Blitzableiter oder Sündenbock. Im AR übernehmen diese Funktion sehr oft die ArbeitnehmerInnen-VertreterInnen. Ihre Handlungsmöglichkeiten im AR sind aus dieser Position heraus sehr beschränkt. Sich dieser speziellen Position bewusst zu werden, ist Voraussetzung, um Spielräume auslosten und erfolgreiche Strategien ausarbeiten zu können.

Macht und Ohnmacht

Ein zweites, zentrales Thema im AR ist die Auseinandersetzung mit dem Thema Macht. Wie bereits oben erwähnt, können das Beleuchten des Macht-Raumes „Aufsichtsrat“ und das Sichtbarmachen von unterschiedlichen Machtmechanismen den Handlungsradius der AufsichtsrätInnen stark beeinflussen. Machtausübung kann sowohl verbal, als auch nonverbal passieren. Bereits in menschlichen Gesten und Haltungen sind Zeivon Dominanz und Unterordnung zu erkennen.

Nonverbale Zeichen der Unterordnung

  • Blick senken oder abwenden
  • Raum abtreten, aus dem Weg gehen
  • Sich berühren lassen
  • Lächeln
  • Schmal, klein machen
  • Schief, verkrümmt stehen
  • Gehorchen
  • Verstummen

Nonverbale Zeichen der Dominanz

  • Anstarren
  • In den Raum des anderen eindringen
  • Andere berühren
  • Stirn runzeln
  • Breit, groß machen, strecken
  • Gerade, aufrecht stehen
  • Mit den Fingern zeigen
  • Unterbrechen

Es ist faszinierend zu beobachten, wie wir selber auf die Machtsignale des Gegenübers reagieren. Ziel des Seminars kann sein, aktiver und bewusster mit der Ressource Macht umzugehen. Sie ist ein wichtiger Erfolgsfaktor für die Erreichung von Zielen. (Quelle: Kuderna/Mauerhofer, 2005)

Strategien und Erkenntnisse

Wir werden immer wieder gefragt, welche Empfehlungen und Strategien es zum Thema „Erfolgreiche AR-Arbeit“ gibt. Im Anschluss sind einige erarbeiteten Strategien unserer TeilnehmerInnen zusammengefasst, die zum Weiterdenken anregen sollen.

Dos

  • Sagen, was Sache ist
  • Wer fragt führt – geradlinig und ehrlich
  • Gute Vorbereitung
  • Kompetenz und Fachwissen
  • Provokationen vermeiden
  • Verbündete suchen
  • Realistische Ziele festlegen
  • Keinen Zeitdruck aufzwingen lassen
  • Kleidungs-Etikette beachten
  • Einhalten gewisser Benimm-Regeln
  • Gegenüber kennen
  • Kontakte außerhalb des Gremiums pflegen
  • Respekt;
  • Nachfragen, nachsetzen

Don’ts

  • Entscheidungen des Vorsitzenden direkt kritisieren
  • Persönliche Untergriffe und Beleidigungen
  • Demütigungen
  • Gefühlsausbrüche
  • Hierarchien verletzen
  • Ins Wort fallen

Ansonsten gilt das alte Sprichwort, das uns alle lebenslang begleiten möge: „Übung macht den Meister“. Dies gilt insbesondere für AR-Profis. 

Kontakt

Kammer für Arbeiter und Angestellte für Wien

Prinz Eugenstraße 20-22
1040 Wien

Telefon: +43 1 50165-0

- erreichbar mit der Linie D -