Karl-Heinz Platzer © Karl-Heinz Platzer
© Karl-Heinz Platzer

Vom Grenzstein zum Baustein

Karl-Heinz Platzer, Slowenien
Union der freien Gewerkschaften Sloweniens (ZSSS)

Mit der Absolvierung meines Europapraktikums im April 2018 beim Verbund freier Gewerkschaften in Slowenien (ZSSS) - zwei Wochen Ljubljana, zwei Wochen in Maribor - wurde ein weiterer Baustein für eine positive Weiterführung der Zusammenarbeit zwischen dem österreichischen ÖGB, dem ZSSS und dem IGR (Internationaler Gewerkschaftsrat) gesetzt.  

Warum ausgerechnet Slowenien?

Da ich selbst aus Feldbach in der Südoststeiermark stamme und zukünftig für den ÖGB in dieser Region arbeiten werde, wollte ich unbedingt die Möglichkeit nutzen, die slowenische Gewerkschaftsarbeit in unmittelbarer Nähe zur Grenze der Südoststeiermark kennenzulernen. Insbesondere neue Kontakte für die zukünftige Zusammenarbeit der Gewerkschaften in der Steiermark und in Kärnten mit Slowenien über den IGR (Internationaler Gewerkschaftsrat) waren das Ziel, denn um diesen war es in den letzten Jahren sehr still geworden.

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Martin Pakarinen  

martin.pakarinen@akwien.at

Banu Celik 
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1040 Wien

Die 7 Dachverbände in der Slowenischen Gewerkschaft

  • ZSSS (Verband der Freien Gewerkschaften Sloweniens)
  • Pergam, (Konföderation)
  • KNSS (Neuer Gewerkschaftsbund Sloweniens)
  • KS-90 (Unabhängige)
  • Alternativa (Alternative)
  • Solidarnost (Solidarität)
  • Bund der Gewerkschaften des öffentlichen Sektors

Bei so vielen Dachverbänden kann man sich vorstellen, wie die Stimmung unter den Gewerkschaften ist. Es ist durchaus üblich, dass alle Verbände im gleichen Unternehmen um Mitglieder werben. Jeder Verband kämpft für sich alleine und schwächt sich dadurch nur selbst.

Die beiden Verbände ZSSS und der Pergam führen bereits Gespräche über eine mögliche Zusammenlegung in naher Zukunft.

Das große Ziel der ZSSS ist es, irgendwann nur einen einzigen Dachverband in Slowenien zu haben – doch diese Verhandlungen werden sich noch über Jahre hinziehen.

Zveza svobodnih sindikatov Slovenije (ZSSS)

Union der freien Gewerkschaften Sloweniens

Die ZSSS ist eine freiwillige und demokratische Organisation, unabhängig von politischen Parteien, Parlament, Regierung und Religionsgemeinschaften, gegründet am 6. April 1990.

Der Verein finanziert sich ausschließlich aus Mitgliedsbeiträgen und Projektarbeiten.

Bis 1990 war die frühere ZSSS die einzige große Gewerkschaftsorganisation in Slowenien. Zwei Jahre vor den ersten demokratischen Wahlen (1988) begann sie sich von der institutionalisierten Machtorganisation wegzubewegen, hin zu einer Organisation, die die tatsächlichen Rechte der Arbeitnehmer/Innen vertritt.

Die ZSSS ist heute der größte und stärkste Gewerkschaftsverband in der slowenischen Republik. Sie hat 22 Branchengewerkschaften und untermauert ihre Stärke durch hohe Mitgliedszahlen. Die Gewerkschaften haben einen Organisationsgrad von ca. 25 Prozent.

Der Mitgliedsbetrag beträgt 1 Prozent vom Bruttogehalt, wobei ca.30 Prozent davon im Betrieb beim Präsidenten (bei uns Betriebsrat) bleiben und der Rest auf Branche und Dachverband aufgeteilt wird.

Die Ziele der Gewerkschaft werden durch Verhandlungen, Vereinbarungen, Streiks oder Massenmanifestationen erreicht. Der Vorteil der ZSSS und ihren Mitgliedern gegenüber anderen Gewerkschaftsorganisationen besteht in ihrem regionalen Gewerkschaftsnetzwerk.

Die 22 Branchengewerkschaften der ZSSS bestehen aus

  • 7 Industriegewerkschaften
  • 6 Dienstleistungsgewerkschaften
  • 6 Gewerkschaften des öffentlichen Sektors und

3 anderen Gewerkschaften (der sogenannte „Rest“)

Ich hatte die Möglichkeit, im Hauptgebäude der ZSSS in Ljubljana viele verschiedenen BranchensekretärInnen kennenzulernen und mit ihnen über ihre Aufgaben, aber auch über die Probleme in Sloweniens Gewerkschaft zu sprechen.

Mein Eindruck war, dass sich die vielen verschiedenen Branchen der ZSSS untereinander recht gut austauschen und unterstützen.

Die Probleme der slowenischen ZSSS

Die Hauptprobleme der ZSSS in Slowenien sind die finanzielle Lage und natürlich auch - wie in so vielen anderen Gewerkschaften - die sinkende Mitgliederzahl (seit der Unabhängigkeit 1991, als noch rund 60 Prozent der Arbeitnehmer gewerkschaftlich organisiert waren, ist die Zahl der Mitglieder stark zurückgegangen auf ca. 25 Prozent). Daher ist es auch immens schwierig, größere Projekte in Angriff zu nehmen. 

Jugendabteilung in der Gewerkschaft

In letzter Zeit wird sehr viel in der Jugendabteilung der Gewerkschaft (die handelten Personen sind nicht bei der ZSSS beschäftigt, sondern werden über ein Projekt abgerechnet) an Jugendarbeit geleistet, um an Schulen oder in Betrieben neue Mitglieder zu werben.

Der Internationale Gewerkschaftrat kurz IGR zwischen Steiermark-Slowenien und Kärnten-Slowenien

Der Internationale Gewerkschaftsrat (IGR) ist eine spezielle Form der transnationalen Zusammenarbeit und hat seinen Ursprung in informellen Zusammenschlüssen der Gewerkschaften in den Grenzregionen Europas. Mittlerweile hat Österreich neun institutionalisierte IGRs, europaweit gibt es sogar 45 IGRs, von denen derzeit 25 aktiv sind.

Nach dem Beitritts Sloweniens zur Europäischen Union im Jahr 2004 begann auch die intensive Zusammenarbeit mit Vertretern der Gewerkschaft aus der Steiermark und Kärnten mit der slowenischen ZSSS.

Das Bestreben, mit den Gewerkschaften noch stärker für ein besseres Leben der österreichischen und slowenischen ArbeitnehmerInnen zusammenzuarbeiten, hat sich auch intensiviert.

Projekte des IGR

Einige Projekte wurden in den letzten Jahren bereits in Angriff genommen und realisiert.

Ein kleiner Auszug:

  • Sprachkurs in Deutsch für slowenische Gewerkschafter
  • Sprachkurs in Slowenisch für österreichische Gewerkschafter
  • Projekt „Grenzraum aktiv“
  • Projekt „Gemeinsam Erweitern“
  • jährliche Wanderung zum Gedenkstein am Grenzübergang Sicheldorf-Gederovci

Das Projekt der gemeinsamen Wanderung zum Gedenkstein am Grenzübergang Sicheldorf/Gederovci

Im Jahr 2004 des EU-Beitrittes Sloweniens wurde an der Grenze zur Steiermark und Slowenien am Grenzübergang Sicheldorf/Gegerovci ein Gedenkstein gesetzt.

Die steirischen und slowenischen Gewerkschafter nahmen diesen Gedenkstein zum Anlass, seit dem Jahr 2004 jährlich eine gemeinsame Wanderung von Bad Radkersburg nach Sicheldorf/Gegerovci zu unternehmen.

Heuer hatten wir bereits die 15. Wanderung, an der zahlreiche Kolleginnen und Kollegen teilnahmen. In ihren Ansprachen hoben ZSSS-Sekretär Joze Türkl und IGR-Präsident Heinrich Kern den gemeinsamen Kampf gegen soziale Ungerechtigkeit, Armut und Disparitäten hervor. Es ist nach wie vor sehr wichtig, dass der IGR (Interregionaler Gewerkschaftsrat) weiterhin für die Interessen der ArbeitnehmerInnen eintritt.

Leider sind diese Aktivitäten in den letzten Jahren etwas weniger geworden, und es scheiterte oft an den finanziellen Mitteln der slowenischen Gewerkschaft.

Anfang Juli 2018 soll es ein Treffen samt klärendem Gespräch mit der Präsidentin samt zuständigen Personen der ZSSS und dem Präsidenten des IGR Steiermark-Slowenien geben, bei dem es hauptsächlich um die Zukunftsfrage der Zusammenarbeit über den IGR gehen soll.

Fazit

Mein Fazit nach 4 Wochen bei der ZSSS in Slowenien:

Man sieht, dass sich die Problemfelder der Gewerkschaften auf der ganzen Welt nicht großartig unterscheiden. Jedoch sollten wir aufwachen, aufstehen und uns viel stärker miteinander vernetzen.

Mit dem IGR wäre so eine Chance vorhanden, dennoch ist das mit so begrenzten finanziellen Möglichkeiten schwer realisierbar.

Aber wir sollten nicht aufgeben und weiterhin an ein gemeinsames Wir glauben. „Statt Grenzstein ein neuer Baustein“ ist wieder ein kleiner Schritt in diese Richtung.


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