Manuel Pretsch © Manuel Pretsch
© Manuel Pretsch

Der Blick in die Kristallkugel

Wie Gewerkschaften in Schweden mitwirken, um eine Gesellschaft mitzugestalten, die Freiheit, sozialen Frieden und Mut zu neuen Wegen ermöglicht.

Manuel Pretsch, Schweden
IF Metall + Unionen + Sveriges ingenjorer

Die Vorrausetzungen für dieses noble, aber nicht gerade tiefgestapelte Unterfangen sind gut. Vielleicht sogar europaweit die besten. Zumindest aus sozialpartnerschaftlicher Sicht: niedrige Arbeitslosigkeit, konstant gutes Wirtschaftswachstum, einer der höchsten gewerkschaftlichen Organisationsgrade weltweit und eine überwiegend sozialdemokratische Regierung - und das schon über einen langen Zeitraum. Außerdem ist Schweden für seine offene Gesellschaft bekannt, was auch damit zu tun hat, dass es dank kollektiven Englischkenntnissen kaum sprachliche Barrieren gibt.

Das schwedische Gesellschaftsmodell und die politische Kultur wurden vor allem in den 1970er Jahren unter den Begriff „schwedisches Modell“ zusammengefasst: Über Steuern werden umfassende Sozialleistungen, Bildungspolitik und Forschung finanziert.

Auf dieser Basis erlangte Schweden zum einem den Ruf eines sogenannten Wohlfahrtsstaates mit einer hohen sozialen Sicherheit - dies auch oder trotz der Tatsache, dass kein anderes EU-Land mehr Flüchtlinge aufgenommen hat als Schweden. Zum anderen kann Schweden auf eine beeindruckende wirtschaftliche Stärke verweisen. Viele namhafte Konzerne haben ihren Ursprung in Schweden und sind besonders in der Vergangenheit mit individualistischen Ideen und kompromisslosem Stil aufgefallen.

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Martin Pakarinen  

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Deshalb stellte sich für mich zum Beginn meines Praktikums folgende Frage: Wie kann sich eine Work-Life-Balance in einem Land gestalten, welches laut Statistik der Sozialstaat schlechthin ist und trotzdem - oder vielleicht gerade aus diesem Grund - wirtschaftlich innovativ und gleichzeitig stabil ist. Und welchen Teil tragen die Gewerkschaften dazu bei? Mein Hauptaugenmerk wollte ich auf das Einfangen von Stimmungen und Gefühlen legen, anstatt auf das reine Vergleichen von Zahlen aus Statistiken.

Meine Gastgeber waren 3 verschiedene Gewerkschaften. Die Arbeitergewerkschaft IF Metall, die Angestelltengewerkschaft Unionen und die Gewerkschaft für AkademikerInnen mit Namen Sveriges ingenjorer. Neben den grundsätzlichen Informationen über Aufbau, Kampagnen und Strategien der einzelnen Gewerkschaften in ihren Headoffices in Stockholm besuchte ich auch Betriebe in Göteborg. Dort traf ich Betriebsräte, besuchte Schulungseinrichtungen und begleitete regionale Sekretäre. Außerdem bekam ich die Möglichkeit einen Gesundheitskongress zum Thema Work-Life-Balance in Uppsala beizuwohnen. 

Keine Angst vorm Jobwechsel

Wohlbefinden durch das Gefühl von Freiheit und Selbstbestimmung am Beispiel der beruflichen Veränderung: Ein Berufswechsel in Österreich ist sehr stark verbunden mit Zukunftssorgen, Angst vor verpatztem Lebenslauf, Gehaltseinbußen oder einem Scheitern.

Bei meinem Aufenthalt bei den Sveriges ingenjorer, einer Gewerkschaft für Menschen mit akademischen Grad, war ich überrascht, als ich hörte, die beste Möglichkeit für eine Gehaltserhöhung sei ein Jobwechsel. Dies werde in der Praxis auch durchaus empfohlen und betroffene Mitglieder auch ausreichend unterstützt. Beauftragt ist damit ein Unternehmen mit Namen TRR, welches im Besitz von Gewerkschaften und dem schwedischen Arbeitgeber- und Wirtschaftsinteressensverband ist. Es ist politisch neutral und wird ohne Gewinn betrieben. Seit der Gründung 1974 hat es über 500 000 Mitgliedern geholfen, einen neuen Job zu finden. Momentan sind dem TRR etwa 35 000 Unternehmen und 950 000 Beschäftigte angeschlossen.

TRR geht davon aus, dass der Arbeitsmarkt mobiler werden muss und ein Jobwechsel grundsätzlich eine Win-win-Situation darstellt, weil es eine neue Chance sowohl für den einzelnen als auch für das Unternehmen ist. Wichtig ist, dass der Prozess des Wechselns auf respektvolle Art und Weise von statten geht. Dafür sorgt eine individuelle, der jeweiligen Situation entsprechende Unterstützung - ob ManagerIn oder ehemalige/r BetriebsrätIn.

Die digitale Support-Site TRR Online enthält Tools und Tipps, die den Weg zu einem neuen Job, Studienbeginn oder auch zur Unternehmensgründung erleichtern sollen. Man findet Übungen, kann sich über aktuelle Ereignisse auf den Arbeitsmarkt informieren oder an Gruppenaktivitäten teilnehmen.

Auch sogenanntes Job-Matching wird angeboten. Das bedeutet, wenn man ein aktives Suchprofil einreicht, erhält man Zugriff auf sämtliche aktuellen Stellenanzeigen, die dann einfach verglichen werden können. Alternativ oder zusätzlich werden regelmäßig Gruppenaktivitäten, Workshops und Seminare angeboten, bei denen man gemeinsam mit anderen Mitgliedern Wissen, Werkzeuge und Unterstützung erhält. Die Aktivitäten können großteils selbstständig ohne Absprache besucht werden und dienen dazu, Erfahrungen mit anderen in der gleichen Situation auszutauschen.

Dafür stellt TRR den KundInnen Räumlichkeiten zur Verfügung, in denen man sich manchmal auch nur einfindet, um gemeinsam einen Kaffee zu trinken, Internet, Kopierer oder Drucker zu benutzen. Dabei passiert es nicht selten, dass nützliche Kontakte ausgetauscht werden oder auch gleich direkt vor Ort Treffen mit neuen Arbeitgebern stattfinden. Für Arbeitslose soll dies die Möglichkeit bieten, einen strukturellen Tagesablauf zu erhalten und Isolation zu vermeiden.

Aber wie soll nun die versprochene Gehaltserhöhung beim Jobwechsel erreicht werden?

In vielen Kollektivverträgen in Schweden sind Gehaltssprünge nicht an die Arbeitsjahre gekoppelt. Das bedeutet, das Gehalt wird beim Einstellungsgespräch verhandelt und steigt später nicht mehr automatisch weiter. Um trotzdem einen Richtwert über die durchschnittlichen Gehälter zu haben, wurde von der Gewerkschaft eine Datenbank errichtet, bei der jedes Mitglied anonym die Möglichkeit hat, die Höhe seines derzeitigen Gehaltes anzugeben.

Erfahrungen und Rückmeldungen haben ergeben, dass die angegeben Werte sehr genau an der Realität liegen und auch stetig wachsen. Bei einem erwünschten Jobwechsel, kann man zum Beispiel eben bei TRR mit seinem Berater ein Einstellungsgespräch trainieren, zuvor in einen Workshop den passenden Lebenslauf erstellen und dann mittels Informationen aus der Gehaltsdatenbank eine Punktlandung hinlegen.

Sozialer Frieden durch internationale Gewerkschaftsarbeit

Der soziale Frieden, ein wichtiger Aspekt für ein gutes Gefühl von Sicherheit, kann in einer mittlerweile so vernetzten Welt nicht mehr nur landesweit gedacht werden. Auch Arbeitsverhältnisse können nicht mehr in nationalen Grenzen gedacht werden – das trifft auch auf Schweden zu: weltweit gibt es mehrere schwedische multinationale Unternehmen. Sie bauen neue Produktionsanlagen weltweit und wachsen stetig. Die wichtigsten Kriterien bei der Suche nach Standorten sind eine strategisch ausgerichtete geographische Lage, eine gut ausgebaute Infrastruktur und niedrige Unternehmensabgaben. Das Problem aus Gewerkschaftssicht: Viele dieser Unternehmen haben keine lokalen Gewerkschaftsorganisationen.

Die IF Metall hat ein eigenes Projekt ins Leben gerufen, das sich zum Ziel setzte, unorganisierte ArbeitnehmerInnen in schwedischen Unternehmen mit Sitz im Ausland zu organisieren, Gewerkschaftsorganisationen zu etablieren und mit deren Hilfe schwedische Standards auch dort zu etablieren. Namhafte Konzerne wie Electrolux, Volvo und Scania sind zum Beispiel davon betroffen; ArbeiterInnen in den jeweiligen Unternehmen sollen sich organisieren, eine örtliche Gewerkschaft aufbauen und dann die Mitglieder im Dialog mit dem Arbeitgeber vertreten.

Die Strategie in diesem Projekt besteht darin, zuerst die Organisatoren zu schulen und auszubilden, Werksbesuche abzuhalten und dann im Zeitraum 2018-2022 zusammen mit schwedischen Kontaktpersonen in den Unternehmen ein 3-phasiges Programm durchzuführen.

  1. Kontaktaufnahme mit den ArbeitnehmerInnen in den Betrieben zur Organisation der Mitglieder;
  2. Schaffung lokaler Gewerkschaften;
  3. Organisation und Unterstützung der Entwicklung der Gewerkschaftsaktivitäten in den neu gegründeten lokalen Gewerkschaften.

Bei meinen Gesprächen mit den Kollegen der IF Metall wurde immer wieder auf die notwendige sensible und vorausblickende Vorgangsweise verwiesen. Die Strategie muss an die jeweilige politische und gesellschaftliche Kultur angepasst werden.

Doch wichtig ist dies meiner Meinung nach jedenfalls, um für sozialen Frieden zu sorgen. Und Schweden, ein Land in welchem seit gut 200 Jahren kein Krieg mehr stattgefunden hat, bezieht vielleicht daraus die soziale Stärke, um international Verantwortung zu übernehmen.

Fazit

Nach einem Monat Aufenthalt in Schweden habe ich die Bevölkerung als zurückhaltend, aber bestimmend empfunden. Man spricht, wenn man was zu sagen hat. Mit den Öffnungszeiten hält man es gerne flexibel, beim Alkohol ist man dann wieder nicht so tolerant. Die für mich deutlich spürbarere Präsenz der Gewerkschaften in der Gesellschaft ist meiner Meinung nach u.a. den beschriebenen Projekten geschuldet. Damit werden Bedürfnisse bei Menschen angesprochen, die im Moment sehr prägend sind. Wenn es Gewerkschaften vermögen, sich in diesen Themen stärker aufzustellen, wird den Menschen die Sinnhaftigkeit von Gewerkschaften (wieder) klarer werden


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