Musitz: Rezension Superyachten
Musitz: Rezension Superyachten © AK WIEN
Juni 2023

Buchbesprechung: Herrschaftlicher Geltungskonsum – Mit Superyachten gehen die Krisen unserer Zeit vor Anker 

Luxusmärkte sind ein Phänomen einer immer zahlungskräftigeren globalen Elite. In „Superyachten“ nimmt uns Grégory Salle auf eine soziologisch inspirierte Reise durch ihre ferngerückte Konsumwelt. Ihre Kehrseite ist eine weltweit steigende Zahl von verhältnismäßig Mittellosen. Konsumexzesse einiger weniger sind Ausdruck und Treiber von sozio-ökonomischen wie ökologischen Verteilungsungerechtigkeiten, die uns alle treffen. 

Autorin: Lia Musitz

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Über die Autorin

Lia Musitz studierte Theater-, Film- und Medienwissenschaft und Sinologie in Wien und Wuhan. Derzeit schreibt sie ihre Dissertation im Fachbereich Wirtschaftssoziologie an der Goethe Universität Frankfurt und macht das Global Union Research Internship bei der AK und dem ÖGB.
Julia Musitz
Julia Musitz © AK WIEN

kurz und Knapp

  • Der „schwimmende Palast“ beschreibt die Architektur einer neuen, mobilen Herrschaftsform.

  • Wer ökologisches Umdenken von der Masse und nicht dominanten Klasse verlangt, legitimiert soziale Segregation.

  • Die Bewältigung der Klimakrise braucht soziale Wirtschaftspolitik.

Zurück in die Zukunft

2019 empfiehlt der „Economist“ dem arbeitenden Prekariat „für die Zukunft auf die Vergangenheit zu blicken“. Das mittelalterliche Zunftsystem soll der herrschenden Elite von Elon Musk und Tim Cook endlich etwas entgegensetzen können. Vili Lehdonvirta argumentiert, dass die normgebende Macht einiger weniger transnationaler Tech-Unternehmen die legale Autorität von Rechtsstaaten zunehmend aushebelt.  Er spricht von einer „Plattform-Aristokratie“. Mike Savage zeigt eine „Rückkehr sozialer Ungleichheit“ auf einem Niveau, das wir auch in sogenannten „entwickelten Ländern“ nur aus vergangenen Kaiserzeiten kennen. Der geerbte Reichtum einiger schaffte eine weltumspannende „Aristokratie der Vermögenden“. 

Im Glanz von Superyachten spiegeln sich die Machtverhältnisse unserer Zeit

Salles wichtigstes Argument ist: die Entfesselung globaler Märkte in den letzten Jahrzehnten hat zur Herausbildung einer neuen polit-ökonomischen Herrschaftselite geführt. In seinem Buch „Superyachten“ setzt er bei ihrem „exklusiven Geltungskonsum“ an, um ihre spezifischen Machtverhältnisse zu kartografieren.

Essayistisch und nicht ohne beißenden Humor erfahren wir in kurzweiligen 18 Kapiteln durch zahlreiche Beispiele, dass aus der Dusche so mancher privater Superyacht Champagner fließt oder weltberühmte gestohlene Kunstwerke vermutet werden, um exklusive Gäste, wie Politker:innen, zu unterhalten. Dafür muss das Bordpersonal pausenlos für Sonderwünsche bereitstehen und lebt unter katastrophalen Bedingungen verborgen unter Deck. In manchen Fällen verschwindet auch jemand von ihnen spurlos – und niemanden interessiert es. 

Der grenzenlose Konsum einzelner Privilegierter ist entkoppelt von jeglichem „Nützlichkeitskalkül“ oder „realer Bedürfnisbefriedigung“.  Der „schwimmende Palast“ ist Architektur einer neuen, mobilen Herrschaftsform. Seine Ästhetik der Verschwendung symbolisiert soziale Vorrechte. Schwimmend geht er auf raum-zeitliche Distanz zum Rest der Gesellschaft. Die mobile Herrschaftsform der Ultrareichen entzieht sich geltender sozialer und politischer Normen. Die Superyacht als individuelle Steuerfluchtoase spiegelt staatliche Steuerreformen zu Gunsten der Ultrareichen wider. Die „Exteriorität des Arbeitsrechts“ an Bord reflektiert grenzüberschreitende Kostensenkungen von Unternehmen durch Verlagerung von Arbeitsplätzen an Orte, wo Arbeitsrecht und Umweltschutzgesetze wenig gelten.  

Buchtipp

Salle: Superyachten
Salle: Superyachten © Suhrkamp Verlag

Grégory Salle: 
Superyachten – Luxus und Stille im Kapitalozän 

Suhrkamp, 2023, 170 Seiten.

Zum Autor: 
Grégory Salle, 1978 in Frankreich geboren, ist Soziologe und Politikwissenschaftler.


Die Lösung der ökologischen Krise ist eine sozio-ökonomische Frage

Der durchschnittliche Milliardär verbrauchte im Jahr 2018 8.190 Tonnen CO2, der Durchschnitts-Mensch fünf. Auch das Neptungras hat viel zur Minderung der Effekte des Klimawandels zu sagen. Beheimatet im Mittelmeer speichert es mehr CO2 und setzt mehr Sauerstoff frei als der Regenwald. Es genießt gesetzlichen Umweltschutz. Faktisch muss es aber den beliebten, illegalen Ankerplätzen von Ultrareichen weichen – 2050 wird es wohl ausgerottet sein. 

Wer ökologisches Umdenken nur von der Masse verlangt, geht so Salle, einer langen Tradition der Legitimierung sozialer Segregation auf den Leim. Während der Verschwendungskonsum der Reichen als guter Geschmack Anerkennung findet, wird das unökologische Verhalten der breiten Bevölkerung häufig verurteilt.

Salle ist mit Superyachten eine anschauliche, zugängliche und amüsante Analyse und Kritik an den sozio-ökonomischen Machtverhältnissen unserer Klimakrise gelungen. Er zeigt, dass es nicht genug ist, den Verschwendungskonsum von Ultrareichen zu pathologisieren oder zu verbieten. Meinen es die politischen Vertreter:innen ernst mit einer Abwendung der Klimakrise, werden sie bei einer sozio-ökonomischen Verteilungsgerechtigkeit ansetzen müssen. Wenn eine ökonomische Elite nicht durch Steuersenkungen und Umgehung von Arbeitsrecht sowie Umweltschutz über einen exorbitanten Überschuss an Kapital verfügen würde, hätte sie keinen Anreiz, es symbolisch zu verschwenden.  

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