20.06.2022

Buchbesprechung: How China Escaped Shock Therapy – Die politökonomischen Debatten hinter dem Aufstieg Chinas

Autorin: Miriam Frauenlob

Der Aufstieg Chinas zählt wohl zu den wichtigsten Geschehnissen der letzten 50 Jahre. Doch wie genau China dies schaffte, wurde bis dato erstaunlich wenig thematisiert. In „How China Escaped Shock Therapy“ stellt sich Isabella Weber dieser Frage und beschreibt auch, welche anderen Wege zur Debatte standen. 

Diesen Artikel downloaden


Ihr fulminantes Werk „How China Escaped Shock Therapy” beginnt die Ökonomin Isabella Weber mit einem eindrucksvollen Vergleich. Sie stellt die Entwicklung des Anteils des russischen und den des chinesischen Bruttoinlandsprodukts an der Weltwirtschaft seit 1990 gegenüber. Der Verlauf könnte nicht konträrer sein. Während China Russland Anfang der 1990er Jahre überholte und aktuell auf dem Weg zur größten Wirtschaftsmacht der Welt ist, stagniert Russland relativ. Aber auch absolut gesehen war Russland bereits vor dem Angriffskrieg auf die Ukraine mit einer – abseits von Öleinnahmen – tristen ökonomischen Lage konfrontiert.

Ausgehend von dieser Divergenz stellt sich Weber die Frage, was in China anders als in Russland und anderen postsowjetischen Ländern geschehen ist, das zu dieser Entwicklung geführt hat. Die Antwort sucht die Ökonomin in der Frage, wie China den Wandel von primär staatlicher Planung hin zu einer marktwirtschaftlichen Ökonomie vollzogen habe. China, so Weber, hat einen graduellen, experimentellen Weg gewählt und ist damit der gefürchteten neoliberalen Schocktherapie, die in vielen Ländern zu Stagnation und Armut geführt hat, entkommen. 

Das zentrale Element der Schocktherapie, um das sich große Teile des Buches drehen, ist die Frage der Preisliberalisierung. Die neoliberalen Vertreter dieses Ansatzes plädierten für einen „Big Bang“, in dem das Fundament der Preissetzung abgerissen und neugebaut werden sollte. Die Vertreter eines eher graduellen Ansatzes warnten hingegen davor, eine Ökonomie auf dem Reißbrett zu konstruieren und forderten eine kontinuierliche Liberalisierung, bei der der Status quo nur graduell verändert werden sollte. In China herrschten lange und intensive Debatten zwischen Vertretern beider Lager, beeinflusst von verschiedenen ökonomischen Schulen und Erfahrungen anderer Länder. Zwei Mal, das zeigen die Rekonstruktionen von Weber, „entkam“ China der Schocktherapie, als in den 1980ern schon fast für eine schlagartige Preisliberalisierung entschieden, dann aber kurzfristig umgeschwenkt wurde. Um diesen Prozess nachzuzeichnen, führte Isabella Weber zahlreiche Interviews mit vor allem chinesischen Ökonomen und liefert damit eine Pionierarbeit. 

In der Analyse der Debatte rund um die chinesische Preisreform der 1980er Jahre geht Weber zurück in die ökonomische Ideengeschichte, um die intellektuellen Anleihen der Reformer:innen aufzudecken. Sie analysiert das „Guanzi“, einen ökonomischen Text aus dem alten China, in dem zwischen „leichten“ bzw. unwichtigen und „schweren“, also zentralen Gütern unterschieden wurde. Schon damals wurde postuliert, dass hinsichtlich der schweren Güter ein Eingreifen in den Markt zur Stabilisierung notwendig wäre und lebensnotwendige Güter wie Weizen anders zu behandeln wären als kleinere Konsumgüter. Auch die Preiskontrollen, die in den USA nach dem Zweiten Weltkrieg bestanden, dienen Weber als intellektuelle Anleihe für ihre Analyse der chinesischen Debatte. 

Gleichzeitig zeigt sie auf, wie sich die Vertreter der Schocktherapie hingegen auf die deutsche Liberalisierung unter Ludwig Erhard im Jahr 1948 stützten und diese verklärten. Eindrücklich zeichnet Weber die intellektuellen Bezüge beider Lager nach. Damit bettet sie die Auseinandersetzungen gut in politische und ökonomische Entwicklungen in China, aber auch in die Wirtschaftswissenschaft allgemein vor und rund um die Zeit der Liberalisierungsdebatte ein. So werden sowohl die klassische Institutionenökonomik – insbesondere mit Bezug auf John K. Galbraith und seine Rolle in der Aufsichtsbehörde zur Kontrolle von Löhnen und Preisen unter Roosevelt – unter die Lupe genommen, als auch die neue Institutionenökonomik. Mit dieser warnten Vertreter der Schocktherapie vor dem Einschlagen eines Mischweges. 

Im Nachzeichnen dieser Auseinandersetzungen zwischen Ideolog:innen und Pragmatiker:innen bleibt einzig eine kritische Reflexion des unbestreitbar erfolgreichen Entwicklungsmodells Chinas aus. Wie Joel Andreas in einer Rezension im New Left Review1 herausarbeitet, beziehen sich Webers Ausführungen fast ausschließlich auf die Ebene des Wirtschaftswachstums, das erfolgreich gesteigert werden konnte. Dass die marktwirtschaftliche Reform Chinas auch einen massiven Anstieg in der Ungleichheit mit sich brachte, fällt ein wenig unter den Tisch. 

„How China Escaped Shock Therapy” ist ein Buch, dessen Aktualität zum Erscheinungszeitpunkt im Frühjahr 2021 vermutlich nicht abzusehen war. Die Analyse der Mischung aus staatlicher und marktwirtschaftlicher Koordination der Preise und die Differenzierung zwischen „schweren“ und „leichten“ Gütern ist in Zeiten der angebotsgetriebenen Inflation erhellend. Auch die Debatten rund um Preiskontrollen in der New Deal Ära, die Weber als inhaltliche Referenz heranzieht, könnten Anknüpfungspunkte für aktuelle Herausforderungen sein. 

Miriam Frauenlob, AK Wien

Diesen Artikel downloaden



  1. Joel Andreas, Paths not Taken, NLR 130, July–August 2021 (newleftreview.org) (23.05.2022) 

Rezension

Weber Buchcover
Weber: How China Escaped Shock Therapy © Routledge Verlag

Isabella Weber: How China Escaped Shock Therapy – The Market Reform Debate; Routledge, 2021

Zur Autorin: Isabella Weber ist Ökonomin an der University of Massachussets Amherst und forscht unter anderem zu China und ökonomischer Theoriegeschichte. „How China Escaped Shock Therapy“ gewann den Joan Robinson Prize 2021 und den Best Book Award für Interdisciplinary Studies 2022. 


Kontakt

Kontakt

Kammer für Arbeiter und Angestellte Wien

Abteilung EU & Internationales
Prinz Eugenstraße 20-22
1040 Wien

Telefon: +43 1 50165-0

- erreichbar mit der Linie D -