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Die Lebenserwartung steigt, die Menschen werden immer älter. Das ist eine sehr gute Nachricht, schließlich will niemand früh sterben. Das ist vor allem ein Erfolg der Medizin, des wachsenden Wohlstandes und des Sozialstaates, der dafür sorgt, dass dieser Wohlstand auch bei möglichst vielen ankommt.
Seit 1970 ist die Lebenserwartung bei Männern um 13 Jahre und bei Frauen um 10,9 Jahre gestiegen. In den ersten Jahrzehnten ging dabei ein erheblicher Anteil des Zugewinns auf die verminderte Säuglingssterblichkeit zurück. Für Pensionssysteme allerdings ist die Entwicklung der ferneren Lebenserwartung zum Alter 65 wesentlich relevanter, weil davon mitabhängt, wie lange Pensionen bezogen werden. Seit 1970 ist ein Anstieg von rund 7 Jahren zu verzeichnen. Deutlich sichtbar wird der durch die Pandemie verursachte Knick im Jahr 2020, sodass erst 2023 wieder das Niveau von 2019 erreicht wird.
Betrachtet man die Zugewinne in der ferneren Lebenserwartung seit 2010, zeigt sich über diesen Zeitraum hinweg eine deutlich stagnierende Entwicklung. Wie bereits beschrieben, führt die Covid-19-Pandemie im Jahr 2020 zu einem spürbaren Einbruch. Im Ergebnis ist das Wachstum der Lebenserwartung im Zehnjahresschnitt vergleichsweise gering: Bei Frauen steigt sie lediglich um 0,36 Jahre, bei Männern um 0,45 Jahre.
„Lieber reich und gesund als arm und krank“ lautet ein sarkastischer Spruch. Die Realität ist leider nicht weit davon entfernt: Denn Menschen mit hohem Einkommen erfreuen sich statistisch gesehen nicht nur einer besseren Gesundheit, sondern auch einer deutlich höheren Lebenserwartung und können damit auch deutlich länger ihre (höhere) Pension beziehen. Dem gegenüber haben gerade Menschen mit geringem Einkommen eine merklich geringere Zahl an Lebensjahren zu erwarten.
Mehrere Risikofaktoren gemeinsam verstärken die Unterschiede v.a. bei Männern noch mehr. Laut einer Studie des OGM aus 2024, erreichen 90 % der männlichen Angestellten im höchsten Einkommensquartil das Regelpensionsalter von 65 Jahren in erwerbsfähigem Zustand. Dies trifft nur auf 57 % der männlichen Arbeiter im niedrigsten Einkommensviertel zu – die restlichen 43 % sind bereits verstorben oder invalid. Die Kluft zwischen den Berufs- und Einkommengruppen ist groß. Eine Anhebung des Pensionsantrittsalters, ohne flankierende arbeitsmarkt-, sozial- und gesundheitspolitische Maßnahmen, würde stark „von unten nach oben“ umverteilen.
Ein niedriges Einkommen bedeutet eine geringere Lebenswartung. Laut einer Studie des DIW lebt die unterste Einkommensgruppe (Dezil) um 7 Jahre kürzer als die oberste.
Zudem zeigt eine Analyse des Deutschen Instituts für Wirtschaftsforschung (DIW), dass in der untersten Einkommensgruppe lediglich 76 % der Männer das 65. Lebensjahr erreichen. Anders ausgedrückt: Fast ein Viertel der männlichen Geringverdiener erlebt nicht einmal das gesetzliche Pensionsantrittsalter. Eine Anhebung des Pensionsalters mit der Lebenserwartung ist weder notwendig noch sinnvoll, sondern wäre eine massive Benachteiligung der Ärmsten.
Die Behauptung, das gesetzliche Pensionsalter müsste im Ausmaß der steigenden Lebenserwartung angehoben werden, weil sich nur so der Ausgabenanstieg eindämmen ließe, ist schlichtweg falsch. Sämtliche Langfristprojektio. nen erwarten – trotz anhaltenden Zuwachs der Lebenserwartung – einen nur moderaten und jedenfalls leistbaren Anstieg der relativen Pensionsausgaben. Das Pensionssystem ist längst auf die demografischen Herausforderungen
vorbereitet. Diese Forderung ist aber nicht nur unnötig, sondern aufgrund der unterschiedlichen Sterblichkeit auch extrem ungerecht.
Eine Anhebung des Pensionsalters um rund 3 Jahre würde bei den obersten Einkommen drei Viertel der Zunahme der Lebenserwartung entsprechen, während für die untersten Einkommen das Pensionsalter 3x stärker steigen würde als ihre Lebenserwartung! Das entspricht einer Verkürzung der Bezugsdauer um gut 15 Prozent. Das hat mit Fairness nichts zu tun. Fair wäre vielmehr, wenn Besserverdienende mittels progressiver Steuern einen Beitrag zu den Mehrausgaben ihrer steigenden Lebenserwartung leisten würden. Der in den Langfristprojektionen vorhergesagte moderate Anstieg der Bundesmittel ist daher nicht nur leistbar, sondern vielmehr auch ein Gebot der Fairness.
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