Rezension: Auf in multipolare Zeiten! Ein Wegweiser für Zukunftsvisionen statt falscher Nostalgie
Marweckis gedankenreiche Ausführungen widmen sich dem schleichenden Ende der ökonomischen und politischen Vorherrschaft des Westens. Statt es angstvoll zu bedauern, versucht Marwecki sich zu neuen Haltepunkten vorzutasten.
Autor: Valentin Wedl
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Buchempfehlung
Daniel Marwecki: Die Welt nach dem Westen
Über die Neuordnung der Macht im 21. Jahrhundert
Aufbau Verlag, 2025
Zum Autor: Daniel Marwecki ist Politikwissenschaftler und lehrt Internationale Beziehungen an der University of Hong Kong. Sein vieldiskutiertes Buch »Absolution? Israel und die Deutsche Staatsräson« erschienen 2024 auf Deutsch. Er schreibt u.a. für Le Monde Diplomatique, taz, Unherd, Jacobin, Berlin Review of Books.
Europas Depression
Doch wie geht Europa damit um? Die Diagnose des Autors zu den Reaktionsmustern fällt düster aus. Anstelle einer positiven, multipolaren Zukunftsvision, die weder als Verlust noch als Daseinskampf apostrophiert wird, dominieren seiner Ansicht nach Pessimismus, Nostalgie und Realitätsverweigerung. Wer etwa an die kategorische Ablehnung von Eurobonds seitens Deutschlands denkt (von Macron zu Recht gefordert, um den Rückstand Europas bei wichtigen Zukunftsinvestitionen endlich aufzuholen) wird den Autor bestätigt sehen.
Tatsächlich sind für Marwecki auch die Grundlagen des insbesondere deutschen Erfolgsmodells (u.a. billige Energie aus Russland, chinesische Absatzmärkte, amerikanische Sicherheit) offenkundig vorbei. Sich darauf einzustellen und die richtigen Schlüsse zu ziehen, wird vielleicht die schwierige Aufgabe einer neuen Generation von Ökonom:innen und Politiker:innen sein, die auch das Ablaufdatum des neoklassischen und ordoliberalen Wirtschaftsdenkens verstanden und verarbeitet haben werden. Und nicht nur an dieser Stelle lässt sich die europäische Geschichte sofort weiterschreiben.
Visionen für eine multipolare Welt
Denn mit fortschreitenden Klimaveränderungen und globalem Artensterben, mit wachsenden sozialen Ungleichheiten sowie demokratischen und völkerrechtlichen Erosionstendenzen gibt es genug Herausforderungen, die nach gemeinsamen multipolaren Lösungsansätzen nahezu schreien.
Ein selbstbewusstes Europa, das sich seiner Stärken (und Schwächen) bewusst ist, und dessen Bevölkerung es versteht, ihre Freiheiten und Wohlstandserwartungen nicht gegen, sondern mit dem Rest der Welt weiterzuentwickeln - auch das wäre vielleicht Teil jener Vision, die Marwecki zu Recht vermisst.
Dringende Leseempfehlung
Dass von untergehenden (Welt)Reichen auch ein immenses Aggressionsrisiko ausgeht, ist nicht nur eine Lehre der älteren wie jüngeren Geschichte. Es scheint sich in unserer blutigen, von Unsicherheiten und destruktiven Umwälzungen geprägten Gegenwart aufs Neue wieder zu verwirklichen. Die Lektüre Marweckis hilft, dem auf geistigem Gebiet Einhalt zu gebieten.
Mit seinem geradlinigen, unprätentiösen Schreibstil sollten Marweckis Beobachtungen und Schlüsse für alle politisch Interessierten ohne Weiteres gut zugänglich sein. Eine Fähigkeit, die innerhalb der Zunft der Politikwissenschaft auch rar gesät ist.
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