Rezension Kohei Saito: Vom dunklen Sozialismus – Ist das noch Fortschritt oder kann das weg?
In seinem jüngsten Buch stellt Kohei Saito unserer Gegenwart ein hartes Zeugnis aus: Die ökologische Krise erscheint nicht mehr als abwendbare Gefahr, sondern als Bruch mit dem kapitalistischen Fortschrittsversprechen. Sein Buch überzeugt dort, wo es die Krise diagnostiziert. Es führt aber nicht schlüssig aus, wie anhand dieser Diagnose eine demokratisch durchsetzbare Handlungsstrategie entwickelt werden kann.
Autor: Felix Mayr
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Der Philosoph Kohei Saito hat den Optimismus seines Vorgängerbuchs „Systemsturz“ abgelegt und sieht die planetare Krise mittlerweile als unausweichlich an. Hatte er zuvor noch für einen Wandel hin zum „Degrowth-Kommunismus“ argumentiert, erscheint ihm dieser angesichts des verspäteten und halbherzigen Handelns nicht mehr als realistische Lösung. Vielmehr müsse dieser nun mit einer Art „grünen Kriegswirtschaft“ verbunden werden: Denn laut Saito stelle die Klimakrise eine ähnlich existenzielle Bedrohung dar wie ein großer Krieg. Deshalb müsse der Staat Ressourcen ähnlich entschlossen mobilisieren, wie dies in Kriegszeiten geschieht.
Allerdings soll die Mobilisierung nicht für Waffen, sondern für Dekarbonisierung und ökologische Transformation erfolgen. Diese soll etwa auch mit Steuererhöhungen einhergehen, um Verteilungsungleichheiten abzufedern. Hier verweist der Autor auf ein historisches Beispiel aus den USA, wo 1945 Einkommen von über 200.000 Dollar – das entspricht heute umgerechnet etwa 3,55 Millionen Dollar – mit 94 Prozent besteuert wurden.
Die USA als Endzeitlabor
Das Buch nimmt stark auf aktuelle Vorgänge in den Vereinigten Staaten Bezug, wodurch Leser:innen einem gewissen US-Zentrismus begegnen. Zwar lässt sich argumentieren, dass Saitos Fokus auf die USA naheliegt: Schließlich konzentriert sich die von ihm kritisierte Macht einzelner Personen und Konzerne besonders sichtbar bei amerikanischen Tech-Autokraten. Dass die USA ihre wirtschaftliche Vormachtstellung auch künftig behaupten können, ist keineswegs selbstverständlich, zumal zunehmend versucht wird, diese durch militärische Stärke zu sichern. Durch die Darstellung der aktuellen amerikanischen Außenpolitik angesichts der bevorstehenden globalen Katastrophe als rationales Kalkül übernimmt er dabei allerdings unfreiwillig eben jene Endzeitfantasien, mit denen Tech-Milliardäre wie Peter Thiel für ihre Sache werben. So spricht Saito von einem „Endzeitfaschismus“, gegen den Widerstand geleistet werden müsse, und warnt, dass unsere Welt „am Rande des Abgrunds [stehe], der zu unserer Auslöschung führen wird“. Selbst auf dem Buchcover steht die Welt vor einem dystopischen Hintergrund buchstäblich auf dem Kopf.
Auch verwendet Saito – zumindest in der deutschen Übersetzung – gerne aktuell in Mode stehende Signalwörter, die zuweilen an „Clickbaiting“ erinnern: So brauche es eine „grüne Kriegswirtschaft“ und „radikale“ Hoffnung; anderswo wird zu einer „radikalen“ Demokratie aufgerufen. Hier arbeitet die Rhetorik zuweilen spürbar gegen die Analyse, obwohl letztere grundsätzlich eine Stärke Saitos ist. Schließlich weiß der Autor komplexe Ideen und Zusammenhänge verständlich und durchaus spannend darzulegen.
Gleichzeitig verschweigt Saito keine unangenehmen Wahrheiten, wenn er die Verantwortung für eine tiefgreifende Anpassung unserer Lebensweise nicht nur den Reichsten der Reichen zuschreibt. Er benennt unser gegenwärtiges Konsumverhalten als „Bullshit-Konsum“ (in Anlehnung an den Begriff „Bullshit-Jobs“): So schaffe unsere Rentenökonomie keinen Mehrwert, sondern lebe von der Verschwendung von Ressourcen, sowohl aufseiten von Angebot als auch Nachfrage. Profit werde mittlerweile durch institutionalisierte Verschwendung generiert, nicht aber zur Befriedigung genuiner Bedürfnisse. Aus diesem Grund misstraut Saito auch entschieden dem Heilsversprechen des technologischen Fortschritts, weil dieser nur wieder auf der Ausbeutung natürlicher Ressourcen bzw. der Generierung von künstlicher Nachfrage beruhen werde. Begrenzte natürliche Ressourcen würden durch die Monopolisierung von Reichtum dramatisch im Preis steigen. Damit sei unser aller Überleben gefährdet. Die zentrale Frage lautet Saito zufolge also: Wie können wir mit „möglichst wenig Autoritarismus“ ein egalitäres System erschaffen, das der Klimakrise gewachsen ist?
Die Idee des „dunklen“ Sozialismus
Der Klimakollaps und seine direkten Folgen – eine chronische Mangelwirtschaft – werden laut Saitos Analyse zu einer dysfunktionalen Gesellschaft führen: „Akuter Mangel, Minuswachstum, weniger von allem“. Aus diesem Grund bezeichnet er diesen Übergang als das „Ende des Fortschritts“. Es brauche also eine demokratische Planung, die uns von jenem Gefangenendilemma befreit, in dem alle nur auf den eigenen Vorteil bedacht sind und gerade deshalb insgesamt weniger erreichen als durch gemeinschaftliche Kooperation. Es brauche daher einen „dunklen“ Sozialismus. „Dunkel“ solle dieser deshalb sein, weil er mit der „dunklen“ Aufklärung zwar die Hoffnungslosigkeit und die Wut als Handlungsmotivation teilt, nicht aber deren Abkehr von den Menschenrechten. Durch Planwirtschaft in Verbindung mit Demokratie solle so eine „Diktatur der Ökologie“ (begrifflich angelehnt an die „Diktatur des Proletariats“) geschaffen werden, mittels derer ein „Kommunismus von unten“ mit einem „Sozialismus von oben“ verbunden werde. Sein Gegenmodell besteht aus demokratischer Planung, Dekommodifizierung, vergesellschafteten Investitionen und einer Wirtschaft, die ökologische Grenzen nicht als externe Kosten behandelt, sondern als verbindlichen Rahmen.
Als Prototypen hierfür nennt er Beispiele wie Ecuador unter Correa von 2007-2017, wo eine partizipative Planwirtschaft als dezentralisiertes Modell errichtet wurde, etwa in Form von Vierjahresplänen für das so genannte „Buen Vivir“, das gute Leben (für alle). Saito beschreibt auch das „Rote Wien“ (1918–1934) als einen solchen Prototyp: Damals wurden gezielt Planungsinstrumente eingesetzt, um Commons zu schaffen und die Solidarität zu stärken. Er verschweigt dabei nicht, dass diese beiden Beispiele schlussendlich rechten und autoritären Tendenzen zum Opfer fielen. Damit stellt sich die berechtigte Frage, aus welcher Überzeugung heraus er seinen Systemvorschlag als überlebensfähig erachtet. Bekannte Problemfelder einer tatsächlichen oder nur „scheinbaren“ Partizipation – man denke z. B. an die jeweiligen Agenden der EU-Kommission, die ja durchaus als „demokratisch“ geplante Wirtschaft vermarktet werden könnten – werden ebenfalls nicht besprochen. So kann in Frage gestellt werden, inwieweit die breite Öffentlichkeit die gegenwärtige europäische Krisenstrategie tatsächlich unterstützt oder an ihrer Ausrichtung mitwirken konnte. Dies gilt insbesondere für die Abkehr vom Green Deal zugunsten umfangreicher militärischer Investitionen. Gerade eine solche Mitsprache scheint durch die gezielte Schwächung der organisierten Zivilgesellschaft eher eingeschränkt zu werden.
Schlussendlich würden seine Vorschläge – wie etwa die klare Trennung zwischen gesellschaftlich notwendigen Bedürfnissen und künstlich erzeugten Konsumwünschen sowie die Beschränkung Letzterer – eine schwere Zumutung für einen nicht unwesentlichen Teil unserer Gesellschaft darstellen. Rechtsextreme und populistische Kräfte halten aktuell noch wirksam die Vorstellung aufrecht, dass ein (unliebsames) globales Schicksal nicht notwendigerweise alle betreffen muss. Wie aber ließe sich diese Zielgruppe für die von Saito genannten Konzepte mobilisieren? Denn er gesteht selbst ein, dass seine Konzepte sicherlich keinen Beliebtheitswettbewerb gewinnen würden. Daher stellt sich die Frage: Wie sollen sich diese dann in einem von ihm betont demokratischen System durchsetzen? Seine Ideen setzen eine solidarische Opferbereitschaft voraus, die angesichts jener Untergangsfantasien, die auch der Autor selbst schürt, zunehmend abhandenzukommen scheint.
Wenn schon die Überzeugungsarbeit für völlig unzureichende Maßnahmen zum Umweltschutz angesichts massiver Lobbyarbeit seitens der etablierten Industrie scheitert, bleibt fraglich, wie sie erst für eine „grüne Kriegswirtschaft“ gelingen soll, zumal in einer gesellschaftlichen Realität, die zunehmend auf einer entpolitisierten Form des Individualismus und Hedonismus aufbaut. Saito scheint darauf zu setzen, dass Menschen aus gesellschaftlicher Verantwortung heraus zu gemeinschaftlichem Handeln finden. Gerade dieser Schritt bleibt jedoch mehr behauptet als überzeugend begründet. So ruft er am Ende gar zu „radikaler“ Hoffnung auf, die als Zündelement notwendig sein werde, um als globale Gemeinschaft in die Gänge zu kommen. Eben diese emotionale Strahlkraft der Hoffnung sucht man im Buch allerdings vergeblich. So bleibt der von ihm verfolgte Ansatz stark als Diagnose, aber als Handlungsstrategie wenig überzeugend argumentiert.
Rezension
Kohei Saito
Am Ende des Fortschritts
Überleben in den Ruinen des Kapitalismus
Verlag dtv, 2026
Fazit
Saito zeigt in seinem Buch eindringlich, warum ein grundlegender Wandel notwendig ist. Wie dieser (demokratisch) durchgesetzt werden kann, legt er allerdings nicht überzeugend dar. Immerhin verlangt sein Modell genau jene Rationalität, Solidarität und Opferbereitschaft, deren gesellschaftliches Fehlen Saito selbst beklagt. Damit bleibt der „dunkle“ Sozialismus weniger eine realistische Strategie als ein theoretisches Gegenmodell.
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