Zahnlose Globalisierungskritik: Vom nervösen Zeitalter und Autoritarismus
Oliver Rathkolb vergleicht die Globalisierung heute mit jener vor hundert Jahren. Seine eindringliche Warnung vor autoritären Tendenzen, die von der Globalisierung angeheizt werden, ist hochaktuell. Seine Schlussfolgerungen sind es allerdings nicht: Statt einer echten wirtschaftspolitischen Kehrtwende soll Innovationsfähigkeit durch Deregulierungen innerhalb einer sozialen Marktwirtschaft wiederhergestellt werden.
Autor: Florian Kögler
Diesen Artikel downloadenDie „Turboglobalisierung“ löst durch tiefgreifende Veränderungen in allen Gesellschaftsbereichen persönliche Verunsicherungen aus, die so weit gehen, dass man von einem nervösen Zeitalter sprechen kann. Das ist die Grundthese von Oliver Rathkolb. In seinem Buch gelingt es ihm, über die Brücke der Nervosität den erstarkenden Autoritarismus sowohl damals als auch heute mit grundlegenden Veränderungen der Wirtschaftsweise in Verbindung zu bringen. Rathkolb entwickelt diesen Punkt allerdings nicht weiter, etwa in Richtung einer antifaschistischen Wirtschaftspolitik nach Isabella Weber, und verbleibt sozialpolitisch bei einem Appell zum Verringern der Einkommensunterschiede in der Bevölkerung. Sein Fokus liegt mehr auf der historischen Gegenüberstellung der beiden „Turboglobalisierungen“.
Triebkräfte der Globalisierung
Was treibt die Turboglobalisierung überhaupt an? Nach Rathkolb sind es primär Produktivitätsgewinne durch Innovationen von erfinderischen Unternehmer:innen. Eine Analyse der zentralen Rolle transnationaler Konzerne, neoliberaler Think Tanks und konservativer Politiker:innen wie Reagan und Thatcher für die Globalisierung bleibt er schuldig. Insbesondere im Hinblick darauf, dass deren Politik neben Profitsteigerung vor allem auf die Schwächung der starken Arbeiterbewegung zielte.
So verwundert es auch nicht, dass der ehemalige Schumpeter-Professor Rathkolb nicht völlig mit dieser Globalisierungslogik brechen will. Er fordert nicht etwa eine stärkere industriepolitische Steuerung durch den Staat oder eine gemeinsame Schuldenaufnahme auf EU-Ebene. Stattdessen schlägt er vor, Innovationskraft durch die Förderung von Risikokapital, die Errichtung einer Kapitalmarktunion oder die Reduzierung der Auflagen für Banken und Versicherungen zu steigern. „Überregulierung“ von Märkten sei, so Rathkolb, ein Fehler. Deregulierende Maßnahmen zur Innovationsförderung sollen in eine soziale Marktwirtschaft eingebettet werden.
Buch
Oliver Rathkolb
Ökonomie der Angst – Die Rückkehr des nervösen Zeitalters
Molden Verlag, 2025
Zum Autor:
Oliver Rathkolb war langjähriger Vorstand des Instituts für Zeitgeschichte der Universität Wien sowie wissenschaftlicher Leiter der Stiftung Bruno Kreisky Archiv. Zu seinen neueren Publikationen gehören „Die paradoxe Republik. Österreich 1945–2025“ und „Schirach: Eine Generation zwischen Goethe und Hitler“
Friedliche Koexistenz?
Ein Ende dieser sozialen Marktwirtschaft würde nach Rathkolb auf zwei Weisen zum Autoritarismus führen: Einerseits durch das Erstarken rechtsextremer Kräfte im Westen und andererseits durch den globalen Machtverlust gegenüber China und Russland. Seine Einordnungen zu den sich verändernden globalen Kräfteverhältnissen bieten wenig Neues. Zwar erfrischt sein Appell für eine „friedliche Koexistenz“, deren Ziel es sein sollte, durch intensive politische und kulturelle Kontakte das militärische Konfliktrisiko zu senken. Allerdings widerspricht er sich in diesem Punkt mit seiner wiederholten Hinterfragung sämtlicher wirtschaftlicher, wissenschaftlicher und kultureller Beziehungen mit China.
Mit seiner Kritik der chinesischen „Wettbewerbsverzerrung“ reiht sich Rathkolb in jene neoliberalen Stimmen ein, die staatliche Industriepolitik als illegitim sehen. Ob Europa ohne eine solche Industriepolitik sowie etwa gänzlich ohne die billigen Klimatechnologien Chinas die Herausforderung der Klimakrise meistern kann, ist zu bezweifeln.
Alte Konzepte in neuem Gewand
Der historische Vergleich mit Globalisierungsprozessen aus dem frühen 20. Jahrhundert ist durchaus lesenswert. Parallelen zwischen damaligen „Robber Barons“ und heutigen „Cyber Barons“ verdeutlichen eindrücklich den Einfluss von Tech-Milliardären wie Musk und Zuckerberg auf die Politik. Aus seinem Vergleich der beiden Turboglobalisierungen schließt Rathkolb, dass Globalisierung „nicht automatisch zu Demokratie“ führt und deshalb in den Sozialstaat eingebettet werden muss.
Diese grundlegende These Rathkolbs stärkt somit zwar jene, die sich für eine gerechtere Besteuerung von Vermögen und eine Verringerung von Einkommensunterschieden einsetzen. Allerdings braucht es für eine neue Weltordnung und dem drohenden wirtschaftlichen Abstieg Europas neue Konzepte, die mit der bisherigen Globalisierungslogik brechen und bei Rathkolb nicht zu finden sind.
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