Businessfrau reicht im Büro einem sitzenden Roboter die Hand
© Adobe Stock, LIGHTFIELD STUDIOS
10.11.2025

Maschine als Boss?

Kurzfassung des Blogbeitrages von Titus Udrea

Titus Udrea ist Techno-Soziologe im Büro für Digitale Agenden der AK Wien
Titus Udrea ist Techno-Soziologe © Ludwig Schedl

Eine Studie des Europäischen Parlaments (EPRS) zeigt: Immer öfter steuern digitale Systeme den Arbeitsalltag. Bei diesem algorithmischen Management (AM) übernimmt Software die Aufgabenverteilung, Überwachung und Leistungsbewertung von Beschäftigten. Diese Form der digitalen Steuerung braucht insbesondere auch am Arbeitsplatz klare Regeln und Schutzmechanismen.

Aktuelle Entwicklungen

Laut der Studie sind EU-weit bereits rund 42 Prozent der Beschäftigten betroffen. Algorithmisches Management hat dabei auch in Betrieben mit Arbeitnehmer:innenvertretung Fuß gefasst hat. Die Systeme beschränken sich längst nicht mehr auf Plattformarbeit, sondern steuern auch in Lagerhäusern, Krankenhäusern, der Telekommunikation, bei Dienstleistern und in der Industrie den Arbeitstag.

Die Software verteilt automatisch Aufgaben, misst Leistung, setzt Benchmarks und verschickt Warnungen. Diese kontinuierlichen Bewertungen fließen in Anreiz- und Sanktionsmechanismen ein. Was früher Vorgesetzte zwischenmenschlich verhandelten, läuft heute über Dashboards und Softwarelogiken: Statt „Sprechen Sie mit Ihrem Chef“ heißt es öfter „Das System zeigt, Sie haben 78 Prozent des Ziels erreicht.“

Warum das wichtig ist

Die Steuerung durch Software ersetzt das persönliche Führungsgespräch durch datengetriebene Vorgaben und bringt drei zentrale Probleme mit sich:

  • Steigender Arbeitsdruck: Automatisierte Vorgaben erhöhen das Tempo und den Erwartungsdruck.
  • Fehlende Transparenz, illegale Funktionen: Bewertungskriterien bleiben verborgen oder grenzen an unzulässige Überwachung.
  • Regulierungslücken: Bestehende Datenschutzrechte greifen meist nur punktuell und ersetzen keine kollektive Mitbestimmung.

Was die Studie des EU-Parlaments zeigt

Die Studie bestätigt, was wir auch in unseren beauftragten Analysen zum algorithmischen Management im Außendienst und in mobilen Arbeitsumgebungen beobachten:
Ursprüngliche Planungshilfen entwickeln sich schleichend zu Überwachungsinstrumenten. Besonders relevant: Das Europäische Parlament empfiehlt, ein Rechtsinstrument für AM zu prüfen – ergänzend zu DSGVO, Plattformarbeitsrichtlinie und AI Act. Damit rück das Thema allmählich von der Forschungsebene in die politische Wahrnehmung.

Was Mitbestimmungs-Akteure jetzt tun können

  • Transparenz einfordern: Datenerhebung, Bewertungsentstehung und Entscheidungs-Algorithmen offenlegen.
  • Frühzeitige Einbindung sicherstellen: Betriebsräte und Personalvertretungen brauchen technisches Wissen vor der Systemeinführung.
  • Überwachung als Arbeitsfrage begreifen: Routing-Apps oder Wearables beeinflussen Autonomie und Gesundheit.
  • Cyber- und Datensicherheit einbeziehen: Manipulierbare oder unsichere Systeme schaden Beschäftigten direkt.
  • Kennzahlen nutzen: Studiendaten (42 % betroffen, 55 % erwartet) belegen den europaweiten Trend und Handlungsbedarf.
  • Psychosoziale Risiken betonen: Dauerbewertung und Echtzeitdruck als Stressoren an bestehende Schutzrahmen anknüpfen.


Algorithmisches Management ist Realität: Es verlagert Führung und Kontrolle vom persönlichen Gespräch hin zum Urteil des Systems. Um neue Machtasymmetrien zu verhindern, müssen Beschäftigtenvertretungen jetzt aktiv werden und ihre Forderungen in die Diskussion um eine europäische Richtlinie einbringen. Nicht das System sollte über die Menschen entscheiden, sondern die Menschen über das System. 


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