Schematische Darstellung Industrie- und Technologiestack
© Titus Udrea
12.01.2026

Europas KI-Strategie fehlt das Funda­ment 

Kurzfassung des Blogbeitrages von Titus Udrea

Titus Udrea ist Techno-Soziologe im Büro für Digitale Agenden der AK Wien
Titus Udrea ist Techno-Soziologe © Ludwig Schedl

Mit der Apply-AI-Strategie, dem Aktionsplan für den KI-Kontinent und der Datenunion vollzieht die Kommission einen Wandel von der Regulierung hin zur Anwendung. Die geforderte „KI zuerst“-Politik verlangt, KI in Wirtschaft und Verwaltung systematisch als Erstlösung zu prüfen. Auch der Digital Omnibus soll den Rechtsrahmen vereinfachen.

Der „KI zuerst“-Ansatz setzt voraus, dass Europa bereits über Chips, Rechenleistung, Energie und Dateninfrastrukturen verfügt. Ohne die Beherrschung dieser Grundlagen verstärkt die reine Anwendungskonzertierung jedoch bestehende Abhängigkeiten. Regulierung und isolierte Initiativen (wie der Chips Act oder EuroHPC) schaffen noch kein funktionierendes Gesamtsystem.

Stack zuerst: die industrielle Logik hinter digitaler Souveränität

Der Stack-Ansatz beschreibt die technologische Schichtstruktur von unten nach oben:

  • Basis: Energie, Rohstoffe, Chips, Hardware.
  • Mitte: Daten, Cloud-Systeme, Software
  • Oben: Produkte, Anwendungen (z. B. in Mobilität, Industrie, Verwaltung).

Wer die zentralen Schichten des Stacks beherrscht, also von Energie und Rohstoffen über Hardware und Dateninfrastruktur bis hin zu Software, bestimmt Wertschöpfungsketten und technologische Souveränität.

Energie und kritische Rohstoffe als Rückgrat

Die größten strategischen Lücken Europas liegen ganz unten: bei Energie, Netzen und Rohstoffen (Lithium, Kobalt, Seltenerde). Souveränität bedeutet hier nicht Autarkie, sondern strategische Interdependenz – also unersetzbare Nischen zu besetzen (wie ASML bei Lithografie) und verlässliche Rohstoffpartnerschaften mit Afrika, Lateinamerika und Asien aufzubauen.

Infrastruktur zählt: Europas neue KI-Fabriken und die Grenzen der Narrative

Über den Zugang zu Energie und Rohstoffen hinaus entscheidet die technologische Infrastruktur darüber, ob Europa KI souverän nutzen kann. Hier setzt der Aktionsplan für den KI-Kontinent an: Ein Netzwerk von KI-Fabriken und Gigafabriken auf Basis des EuroHPC-Netzes soll Start-ups, KMU und Forschung Zugang zu Rechenleistung und Daten geben – finanziert über InvestAI. Ein neuer Rechtsrahmen für Cloud- und KI-Infrastruktur soll zudem den Ausbau europäischer Rechenzentren beschleunigen.

Doch die grundlegenden Abhängigkeiten bleiben bestehen: Chips stammen aus den USA und Asien, der Energiebedarf wächst schneller als Netze oder Speicher, und viele KMUs können Hochleistungsrechner kaum nutzen. Ohne europäische Koordinierung droht ein Flickenteppich. Europa baut KI-Fabriken auf einer Lieferkette, die es nicht beherrscht – es bleiben europäische Einrichtungen auf fremden Grundlagen.

Jenseits politischer Erzählungen bleibt KI eine abhängige Technologie, die Energie, Rohstoffe, Daten, Netze und Arbeitskraft braucht. Ein Wettlauf um Anwendungen findet daher auf fremdem Terrain statt und verstärkt bestehende Abhängigkeiten. Zugleich ist Europas politisches Modell – Innovation verbunden mit Rechten, Werten, Teilhabe und demokratischer Kontrolle – ein wichtiger strategischer Vorteil.

Wie ein „Stack-Europa“ aussehen könnte

Eine zukunftsfähige Strategie versteht KI als Ergebnis eines starken Fundaments, nicht als Ausgangspunkt. Ein Stack-Europa würde bestehende Gesetze und Initiativen verbinden:

  • Den Stack sichern: Investitionen in Chips, Rechen- und Energieinfrastruktur bündeln und den Ausbau der KI-Fabriken beschleunigen.
  • Vorgelagerte Inputs stärken: Gewinnung, Verarbeitung und Recycling kritischer Materialien und Batterien gezielt fördern
  • Nachfrage verankern: Stabile Märkte für europäische Anbieter durch gemeinsame öffentliche Beschaffung (z. B. in Klima oder Verteidigung) schaffen.
  • Partnerschaften ausbauen: Globale Kooperationen für Rohstoffe und Fertigung vertiefen (Global Gateway).
  • In Menschen und Nutzung investieren: KI-Fabriken durch Schulungen und benutzerfreundliche Zugänge nutzbar machen.
Europas digitale Zukunft entscheidet sich im Fundament, nicht an der Anwendungsoberfläche. Statt einer symbolischen „KI zuerst“-Politik braucht es einen „Stack zuerst“-Ansatz: Wer die physischen, energetischen und digitalen Grundlagen beherrscht, kann die technologische Zukunft souverän gestalten.


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