Lehrlinge © goodluz, stock.adobe.com
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8.11.2022

Lehre: Gute Ausbildung hängt stark von der Branche ab

Endlich eigenes Geld verdienen, als Lehrling einen Beruf erlernen – und nach der Ausbildung als Fachkraft durchstarten: Diese Hoffnung wird bei vielen Jugendlichen im Lauf der Ausbildung enttäuscht. Die Qualität der Lehrausbildung hängt stark von der Branche ab, zeigt eine Spezialauswertung des vierten österreichischen Lehrlingsmonitors von Arbeiterkammer, Gewerkschaftsbund und Gewerkschaftsjugend.

Unzufriedenheit im Tourismus und Handel

Besondere Unzufriedenheit herrscht bei den Lehrlingen in Tourismus- und Handels-Lehrberufen – hier wollen viele Lehrlinge nach dem Lehrabschluss nur weg. Damit wird klar: Der oft beklagte chronische Arbeitskräftemangel in diesen Bereichen ist hausgemacht. Gut schneiden umgekehrt der Bereich Metall/Elektro und der Beruf Maurerin oder Maurer ab. Für die Spezialauswertung hat das Österreichische Institut für Berufsbildungsforschung die Angaben von gut 4.100 Lehrlingen im letzten Lehrjahr ausgewertet.

Generell ist nur ein Drittel der Lehrlinge im Tourismus und im Handel mit den Ausbildungsbedingungen sehr zufrieden. Ebenfalls nur ein Drittel sieht sich im Tourismus als gut ausgebildete Fachkraft (im Handel ist dieser Anteil mit 37 Prozent eine Spur höher). In der Folge möchten im Tourismus 28 Prozent und im Handel 36 Prozent nach der Lehre den Beruf oder die Branche wechseln.

Richard Tiefenbacher, Vorsitzender der Österreichischen Gewerkschaftsjugend: „Solange es Betriebe gibt, die Lehrlinge weiterhin als billige Hilfskräfte ausnutzen und nicht qualitativ hochwertig ausbilden, wird sich das Image der Lehre nicht reinwaschen können.

Da bringt auch ein größeres Lehrstellenangebot nichts. Denn junge Menschen wollen nicht in Branchen arbeiten, wo sie bereits beim Berufseinstieg mit einer schlechten Ausbildungsqualität konfrontiert werden. Solange hier kein Umdenken stattfindet und Verbesserungen eingeführt werden, würde ich keinem jungen Menschen empfehlen, in entsprechenden Branchen eine Lehre zu beginnen.“

Ilkim Erdost, Bereichsleiterin Bildung in der AK Wien: „Der chronische Arbeitskräftemangel in manchen Branchen ist selbst gemacht. Wir spüren jedoch aktuell nur die schwachen Vorboten von zukünftigen Lücken, die entstehen werden, wenn sich nicht rasch etwas ändert.

Die Unternehmen kommen mit ihrer unterdurchschnittlichen Performance in der Lehrausbildung so nicht mehr weiter. Sie müssen gemeinsam an Verbesserungen in der jeweiligen Branche arbeiten und bessere Ausbildungs- und Arbeitsbedingungen schaffen.“

Im Interesse der Jugendlichen fordern Gewerkschaftsbund, Gewerkschaftsjugend und Arbeiterkammer: 

  • Ausbildungsbedingungen besonders im Tourismus verbessern;
  • das Qualitätsprojekt Ausbildungsbegleitung Malerin, Maler auf Lehrberufe im Tourismus ausweiten;
  • Lehrstellenförderung mit Qualitäts- und Sozialkriterien verknüpfen, um Anreize für bessere Ausbildungsbedingungen zu schaffen.

Erst der Wunschberuf …

Die Jugendlichen sehen die Berufe, für die sie sich entscheiden, durchaus positiv. Gerade die Ausbildung im Tourismus ist für zwei von fünf Lehrlingen in diesem Bereich der Wunschberuf (38 Prozent). Besonders häufig wollen Jugendliche Köchin oder Koch werden. Übertroffen wird der Tourismus bei den verglichenen Branchen am Anfang nur vom Bau: Für 42 Prozent der Lehrlinge als Maurerin oder Maurer war das von Anfang an der Wunschberuf.

... dann die Enttäuschung

Je länger die Ausbildung dauert, desto unterschiedlicher schätzen die Jugendlichen die jeweilige Branche ihres Lehrberufs ein. Die Lehrlinge im Tourismus und im Handel sagen am häufigsten, sie hätten daran gedacht, die Ausbildung abzubrechen – und sie möchten nach der Lehre den Beruf oder die Branche wechseln.

Zu den negativen Erfahrungen zählen oft Tätigkeiten, die nichts mit der eigentlichen Ausbildung zu tun haben, wie zum Beispiel ein Restaurantfachkraft-Lehrling, die, anstatt im Betrieb zu lernen, in der Wohnung des Chefs umräumen musste. Gerade im Handel und im Tourismus berichten Lehrlinge auch häufig von Problemen, die sie während der Ausbildung belasten. Am seltensten sagen sie in diesen Branchen, sie seien sehr zufrieden mit den Ausbildungsbedingungen und sie würden sich als Fachkraft sehen.

Das sagen die Lehrlinge zu ihrer Ausbildung © öibf
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Gute Ausbildung statt hausgemachter Arbeitskräftemangel

Das Geheimnis der Branchen Bau, Metall und Elektro, denen ihre Lehrlinge ein gutes Zeugnis ausstellen, ist schnell erklärt. Sie bieten gute Ausbildungsbildungsbedingungen und Jobchancen. 

Im Lehrberuf Maurerin oder Maurer zum Beispiel zeigt die Branche, wie es gehen kann. Das Lehrlingseinkommen ist hoch – 1.629 Euro brutto im Monat ab dem zweiten Lehrjahr. Kombiniert wird der praktische Einsatz auf den Baustellen mit qualitativer Ausbildung in Lehrbauhöfen. Das sorgt für entsprechend hohe Beliebtheit und Zufriedenheit bei den Jugendlichen.

Und das sollte ein Vorbild für die Ausbildung in anderen Lehrberufen sein. Insbesondere im Tourismus steht oft der Einsatz der Lehrlinge als Hilfskräfte im Vordergrund. So gibt es oft auch keinen Ausbildungsplan, der den Lehrlingen Aufschluss geben würde, welche Berufsbildinhalte vom Betrieb wann vermittelt werden sollten. Dazu kommt Einsatz in der Nacht und am Wochenende, und oft gehen die Chefs nicht sehr respektvoll mit den Jugendlichen um.

Das Programm für mehr Qualität in der Ausbildung

Noch macht sich insbesondere der Tourismus seinen Arbeitskräftemangel durch schlechte Ausbildungsbedingungen für Lehrlinge selbst. Lehre ist aber ein Ausbildungsverhältnis – Lehrlinge sind keine Hilfskräfte, sondern die Fachkräfte von morgen. Um die Ausbildungsbedingungen der Jugendlichen auch in den Nachzügler-Branchen zu verbessern, fordern AK, ÖGJ und ÖGB: 

  • Ausbildungsbedingungen verbessern, besonders im Tourismus – durch bessere Arbeitszeiten, Einhalten bestehender Schutzbestimmungen, respektvollen Umgang. 

  • Leuchtturmprojekt Ausbildungsbegleitung Malerin, Maler österreichweit auf Lehrberufe im Tourismus ausweiten: Beim Leuchtturmprojekt „Ausbildungsbegleitung“ werden Lehrlinge und Lehrbetriebe während der Lehrzeit bis zur Lehrabschlussprüfung von qualifiziertem externen Personal begleitet. Es steht informierend und beratend zur Seite und unterstützt so auf dem Weg zur erfolgreichen Lehrabschlussprüfung. 

  • Lehrstellenförderung mit Qualitäts- und Sozialkriterien verknüpfen, um Anreize für bessere Ausbildungsbedingungen zu schaffen. Statt nach dem Gießkannenprinzip müssen die Mittel der Lehrstellenförderung gezielt dazu eingesetzt werden, um die Bedingungen in den Ausbildungsbetrieben zu verbessern. 

  •  Facharbeitsfonds: Die ÖGJ fordert die Einführung eines Facharbeitsfonds, finanziert aus Beiträgen von nicht ausbildenden Betrieben, um ausbildungsbereite Betriebe zu stärken und zu unterstützen. 

  • Stärkung der Jugendvertrauensräte. In Fragen der Ausbildung soll den Jugendvertrauensräten eine aktivere Rolle ermöglicht werden, sodass sie bei Missständen noch besser eingreifen und die Interessen der Jugendlichen schützen können. 

  • Transparente und zeitgemäße Lehrabschlussprüfungen – Lehrabschlussprüfungen sollten öffentlich sein, so dass sich Lehrlinge schon vor Prüfungsantritt ein Bild machen können, was sie erwartet.  

Daten zur Umfrage

Sonderauswertung des vierten Lehrlingsmonitors. Durchführung: öibf – Österreichisches Institut für Berufsbildungsforschung, Wien 2022

Kontakt

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Pressestelle der AK Wien und der Bundesarbeitskammer

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