Pierre Bourdieu © Ulf Andersen, Getty Images
Pierre Bourdieu © Ulf Andersen, Getty Images
25.7.2019

Klasse, Milieu, Soziale Reproduktion: Was bleibt von Pierre Bourdieu?

Tagung anlässlich des 40jährigen Erscheinens der „Feinen Unterschiede“
AK Wien, 26-27.Juni 2019
 

Das wohl wichtigste Werk des französischen Soziologen Pierre Bourdieu „Die feinen Unterschiede“ erschien vor genau 40 Jahren im französischen Original unter dem Titel La Distinction (1979). Bourdieus Werk gilt heute als Schlüsselwerk zu Klasse, Klassifikation und Lebensstilen. Es ist eine empirisch extrem reichhaltige Studie über soziale Ungleichheiten der französischen Gesellschaft der 1960er- und 1970er-Jahre.

Darin beschäftigt sich Bourdieu empirisch u.a. mit der Frage, wie Lebensstile von den sozialen Verhältnissen geprägt werden – und damit, wie der Lebensstil von der sozialen Klasse abhängig ist, aus der man stammt bzw. in der man lebt. Zweitens analysiert Bourdieu, wie dieser Lebensstil dazu beiträgt, soziale Klassenverhältnisse aufrecht zu erhalten. Menschen bilden – so argumentiert Bourdieu – einen Klassengeschmack aus und der prägt die Haltung zu anderen Bereichen, wie beispielsweise zu Bildung, Konsum oder politischer Einstellung. Was Bourdieu dabei besonders interessiert hat: Wie dadurch Macht und Herrschaft in Klassengesellschaften reproduziert wird.  

Wir haben dieses Jubiläum zum Anlass genommen, um auf dieser Veranstaltung an das Werk Bourdieus und seine kritisch-reflexive Gesellschaftsanalyse einer breiteren Öffentlichkeit in Erinnerung zu rufen. Des Weiteren sollte gemeinsam die Frage erarbeitet werden, wie aktuell Bourdieus Analyse 40 Jahre später ist, ob die Trends und Mechanismen der sozialen Reproduktion die gleichen geblieben sind und wie viel Veränderung wir in einzelnen, ausgewählten Bereichen (z.B. Bildungsbereich, Arbeitswelt) wahrnehmen können.  

Am ersten Veranstaltungstag stand die Annäherung an zentrale, theoretische Konzepte von Bourdieu (wie Klasse, Habitus, sozialer Raum und soziales Feld) aus wissenschaftlicher und künstlerischer Perspektive im Vordergrund. Im Mittelpunkt des Interesses stand die Frage nach den Mechanismen der sozialen Reproduktion von Ungleichheit.

Nach einer kurzen Einführung in die theoretischen Grundkonzepte Bourdieus folgte ein wissenschaftlicher Vortrag von Mike Savage, Professor für Soziologie an der London School of Economics (LSE). In seinem Vortrag „Rethinking class in an era of escalating inequality: the importance of Pierre Bourdieu” wurde die Relevanz von Bourdieus Klassen-Konzept für die gegenwärtigen Gesellschaften am Beispiel Englands erörtert. Mike Savage präsentierte theoretische Überlegungen und empirische Befunde zur Selbstwahrnehmung von Klassenlage, Milieuzugehörigkeit usw. sowie politischer Repräsentation in Zeiten des Brexits. Die Präsentation von Mike Savage findet sich hier. Ein weiterführendes Interview mit Mike Savage, welches im Rahmen der Konferenz geführt wurde, erschien am 04.07.2019 in der Sendung Ö1-Dimensionen und kann hier nachgehört werden:

Interview mit Mike Savage

Datum: 25.07.2019,

Der freischaffende Schriftsteller Egon Christian Leitner näherte sich in seinem Beitrag „Bourdieu für ÖsterreicherInnen und den Rest der Welt“ aus literarischer Perspektive Bourdieus Arbeiten und Werk an. Seine Literarische Rede kann hier heruntergeladen und nachgelesen werden.

Der erste Tag wurde von zwei Kunst-Acts abgeschlossen: einem Video von Magdalena Fischer und einer Performance von Walter Ego.  

Am zweiten Veranstaltungstag folgten nach einem Einführungsvortrag von Carola Iller (Professorin für Fort- und Weiterbildung, Universität Hildesheim) zum Thema soziale (Re)Produktion im Aus- und Weiterbildungssystem zwei Parallelworkshops (geleitet von Barbara Rothmüller, freie Soziologin aus Wien, und Carina Altreiter, Soziologin Univ. Wien). Ziel der Workshops war es, auf der Grundlage Bourdieus reflexiver Analyse Mechanismen sozialer Ungleichheit in Gesellschaften besser zu verstehen. Den Abschluss der Veranstaltung bildete eine Podiumsdiskussion (C. Iller, C. Altreiter, B. Rothmüller und E. Ch. Leitner) zum Thema „Klasse und politische Repräsentation: ist Pierre Bourdieus Analyse noch aktuell?“.  

Resümee

Resümierend lässt sich festhalten, dass sich die Selbstwahrnehmung von Klassenlage und Zugehörigkeit zu einem bestimmten sozialen Milieu in den letzten Jahrzenten verändert hat. Während in den ökonomisch egalitäreren 1960er und 1970er-Jahren die kulturelle Distinktion ausgeprägter war, um sich vor anderen, in sozialer Hinsicht klar abgegrenzten Klassen (und Subklassen) zu unterscheiden, haben sich im Zuge der fortschreitenden Globalisierung die sozio-ökonomischen Lagen der Menschen weiter ausdifferenziert und Klassenwahrnehmungen diffuser gemacht, zB in dem Sinne, dass sich fast alle Menschen als Teil der Mittelklasse sehen. Die hinter zunehmenden milieuabhängigen Unterschieden stehenden Prozesse der sozialen Reproduktion sind jedoch weitgehend die gleichen geblieben; in Zeiten der allseits betonten Chancengleichheit mögen sie noch subtiler geworden sein.