Inklusive Arbeitswelt 4.0

Digitalisierung, Globalisierung, Industrie 4.0, Dienstleistung 4.0, umfassende Migrationsbewegungen, demographischer Wandel, veränderte Arbeitsbedingungen und vieles mehr – ziehen weitreichende Veränderungsbedarfe – auch am Arbeitsmarkt und im Bildungswesen nach sich. Nicht nur das Verhältnis von Angebot und Nachfrage am Arbeitsmarkt, auch die qualitativen Anforderungen an ArbeitnehmerInnen unterliegen einem deutlichen – und glaubt man den Prognosen - zukünftig noch kurzfristigeren Veränderungsprozess. Wie können auch wirklich alle ArbeitnehmerInnen an diesem Wandel teilnehmen? Dieser und weiteren Fragen widmete man sich bei der Veranstaltung „Inklusive Arbeitswelt 4.0“ von Arbeiterkammer Wien und prospect Unternehmensberatung am 15. Dezember 2015.

Arbeit 4.0 – ein wichtiges Thema für die Arbeitnehmer­vertretung

Alice Kundtner, stellvertretende Direktorin der AK Wien, hat als Gastgeberin die Begrüßung und eine Einleitung in das Thema vorgenommen und dabei betont, dass auch die Effizienzgewinne einer digitalisierten Arbeitswelt allen ArbeitnehmerInnen zu Gute kommen und gerecht verteilt werden müssen. Es ist ein zentrales Anliegen der ArbeitnehmerInnen-Interessenvertretung den digitalen Wanden proaktiv mitzugestalten und die Chancen der Entwicklungen für alle ArbeitnehmerInnen zu nutzen. Qualifikationen sind hier ein wesentliches Element, damit alle Menschen am digitalen Wandel und dem Arbeitsmarkt der Zukunft teilnehmen können.

Gefahr der zunehmenden Segmen­tierung auf dem Arbeitsmarkt

Trude Hausegger, Geschäftsführerin von Prospect und Arbeitsmarktexpertin, hat in ihrem Input zentrale Dynamiken, die mit der Digitalisierung der Arbeitswelt verbunden sind, herausgearbeitet: Die steigende Arbeitslosigkeit von Menschen mit niedrigen formalen Qualifikationen, älteren oder gesundheitlich beeinträchtigten Personen ist heute schon Realität. Schreckensszenarien in Hinblick auf die Beschäftigungsentwicklung werden laut Trude Hausegger nicht eintreffen, aber es werden teils völlig veränderte Anforderungen in der Arbeitswelt auf die Menschen zukommen. Neben digitalen Kompetenzen werden kreative, soziale und emotionale Kompetenzen immer wichtiger, es braucht zudem ein hohes Maß an Entscheidungskompetenz, um sich in der Arbeitswelt 4.0 gut bewegen zu können. Hausegger weist darauf hin, dass nicht alle Menschen diese (teils hohen) Kompetenzanforderungen erreichen können. Damit einher geht die Gefahr der zunehmenden Segmentierung auf dem Arbeitsmarkt. 

Soziale Entwicklungen dürfen nicht vergessen werden

„Die technischen und ökonomischen Entwicklungen werden sehr genau analysiert und prognostiziert, auf die demografischen, vor allem aber die sozialen, gesellschaftlichen Entwicklungen wird fast immer vergessen“, konstatierte Jutta Rump, Professorin für Personalmanagement und Organisationsentwicklung an der Hochschule Ludwigshafen. „Der Arbeitsmarkt der Zukunft ist geprägt von Verdichtung, Komplexität, Beschleunigung und raschen Veränderungen. Für die individuelle Beschäftigungsfähigkeit bedeutet dies, eine Strategie zu entwickeln, um gleichzeitig ‚in Bewegung’ und ‚in Balance’ zu bleiben“, empfahl Rump.

Arbeit 4.0 – Revolution oder schrittweiser Wandel?

Ob die Digitalisierung eine neue Revolution einleitet, war die zentrale Frage des Impulsreferats von Annika Schönauer, Mitglied des Leitungsteams von FORBA und Wissenschafterin am Soziologieinstitut der Uni Wien. Auch wenn die Auswirkungen der Digitalisierung nicht unterschätzt werden dürfen, die mancherorts beschriebenen Horrorszenarien über das Ausmaß des Jobabbaus werden nicht eintreffen, so ihre These. Die Komplexität steigt, es entstehen vielfältige Schnittstellen, der Koordinationsaufwand wird zunehmen. Die Digitalisierung ermöglicht künftig mehr Individualisierung aufgrund von mehr Flexibilität, zugleich steigt aber das Ausmaß der Fremdsteuerung durch die digitalen Technologien. Innerhalb dieser Polarisierung entstehen neue Arbeitsformen wie Crowdwork oder Crowdsourcing, betriebliche Prozesse werden verstärkt ausgelagert. Einige Beispiele veranschaulichten künftige Szenarien: Während die Digitalisierung von Erfahrungswissen eher aufwändig und äußerst anspruchsvoll ist, führt das Generieren einer Fülle von personenbezogenen Daten nicht immer zur erhofften Produktivitätssteigerung, sondern löst viel öfter ein Gefühl der Überwachung aus. Um tatsächlich durch Digitalisierung die Chance auf eine Teilhabe an der Gesellschaft zu erhöhen, können unterschiedliche Pfade eingeschlagen werden: von einer Fortsetzung des Taylorismus, über die eigenverantwortliche, qualifizierte Nutzung der neuen Technologien, bis zu unterschiedlichsten Mischformen „kontrollierter Autonomie“ oder „hybrider Steuerung“.

Kompetenzen in der digita­lisierten Arbeitswelt  

Julia Bock-Schappelwein, Referentin am WIFO, zeigte auf, welchen „Rucksack“ es für eine erfolgreiche Teilhaben an der Arbeitswelt 4.0 zu packen gilt. Was brauchen Arbeitskräfte in Zukunft an formaler Ausbildung, welche Kompetenzen, welches Erfahrungswissen, um Zugang zum Arbeitsmarkt zu finden bzw. am Arbeitsmarkt zu verbleiben? Von Personen mit hoher formaler Ausbildung wird die Kombination aus sozialen, emotionalen, kognitiven und berufsspezifischen Skills erwartet und gefordert werden. Bei Personen mit eher niedriger formaler Ausbildung gewinnen soziale und emotionale Skills für eine Beschäftigungsaufnahme an Bedeutung. In deren Rucksack sollten sich künftig neben einer guten formalen Qualifikation vor allem sprachliche Kompetenzen, Empathie, Problemlösungskompetenz sowie die Fähigkeit, Informationen nach ihrer Relevanz zu filtern, befinden. Und: für einige von ihnen könnte die vermehrte Fokussierung auf Empathie und Problemlösungskompetenz, wie etwa im stark wachsenden Sektor der sozialen Berufe, auch eine Chance darstellen.

Bildung ist und bleibt zentraler Faktor

Bei der anschließenden Diskussionsrunde mit Julia Bock-Schappelwein, Jutta Rump, Trude Hausegger (prospect), Gernot Mitter und Gabriele Schmid (beide AK Wien), moderiert von Friederike Weber (prospect), waren sich alle einig, dass neben vielen Hebeln Bildung der zentrale Faktor ist, damit ArbeitnehmerInnen und Betriebe mit den Entwicklungen am Arbeitsmarkt Schritt halten können. Auch wenn das gleichzeitig jener Bereich ist, indem der drängendste Veränderungsbedarf besteht. Das betrifft in erster Linie das Ausbildungssystem aber natürlich auch die Erwachsenenbildung und die Arbeitsmarktpolitik. Das Thema wird uns aber in Zukunft verstärkt beschäftigen und bedarf einer weitergehenden Diskussion auf den unterschiedlichen Ebenen. Wir hoffen mit der Veranstaltung einen ersten Diskussionsimpuls gesetzt zu haben.