20.10.2016
Drucken
Zu Merkzettel hinzufügen

„Fit für die Vielfalt? Qualität und Mehrsprachigkeit im Kindergarten

Am 20.10.2016 fand in der AK Wien die Veranstaltung „Fit für die Vielfalt? Qualität und Mehrsprachigkeit im Kindergarten?“ statt. Die Veranstaltung wurde von der Arbeiterkammer Wien, Caritas Österreich, Caritas Wien, Industriellenvereinigung, ÖGB, Rotes Kreuz, Samariterbund Österreich und der Wirtschaftskammer Österreich finanziert und organisiert. Auf Basis neuer Ergebnisse aus zwei aktuellen Studien wurde diskutiert, in welchem Ausmaß die Teilnahme am und die Qualität im Kindergarten die weitere Bildungslaufbahn von Kindern beeinflusst.

Guter Kindergarten wirkt positiv auf Schullaufbahnen und -erfolge

In einem ersten Vortrag präsentierte Prof. Kathy Sylva (Universität von Oxford) Befunde aus England und die dort gezogenen Lehren für die Frühförderung. Sylva´s Studie ist eine der aktuellsten europäischen Untersuchungen zu den Langzeiteffekten des Kindergartenbesuchs. Darin wurden zwischen 1997 und 2013 rund 3.000 Kinder von ihrer frühen Kindheit (3 Jahre) bis in die Grundschule, 2.600 davon sogar bis zum Alter von 16 Jahren begleitet. Das Ziel war, die wichtigsten Einflussfaktoren in ihrer Entwicklung zu untersuchen und Unterschiede in Schulerfolg und sozialem Verhalten zu erklären. Hauptergebnis der Studie: Wer im Kindergarten war, der hat später im Schnitt bessere Schulleistungen. Und zwar nicht nur in der Volksschule, sondern sogar noch mehr als zehn Jahre nach dem Kindergarten.

Der Besuch des Kindergartens wirkt sich in England also erheblich auf die späteren Schulleistungen aus - vor allem bei Kindern aus armen oder wenig gebildeten Familien. Kinder, die nur das in England verpflichtende letzte Kindergartenjahr ab dem Alter von fünf Jahren absolviert haben, das an der Schule stattfindet, sind im Lesen demnach signifikant schlechter als jene, die schon mit drei Jahren im Kindergarten waren. Besonders dramatisch ist der Effekt bei Kindern aus wenig gebildeten Familien: Ohne Kindergarten bleiben sie mit sieben Jahren durchschnittlich sogar unter dem Mindestlevel, das erreicht werden sollte, um in der dritten Volksschulklasse mitzukommen. Waren benachteiligte Kinder dagegen schon mit drei Jahren im Kindergarten, schaffen sie als Siebenjährige beim Lesen das Mindestlevel.

Entscheidend ist auch, von welcher Qualität der Kindergarten ist. Ist die pädagogische Qualität des Kindergartens hoch, so ist auch der positive Effekt auf die Mathematik- und Englischleistungen später, bei den Elfjährigen, drei Mal so groß. Zu hoher Qualität im Kindergarten zählt unter anderem Personal mit universitärer Ausbildung aber auch das Ressourcenangebot, das Ausmaß an Interaktion oder (sprachlichen) Förderaktivitäten. Die präsentierte Studie zeigt: Ist die pädagogische Qualität des Kindergartens hoch, dann ist der positive Effekt auf die Mathematik- und Englischleistungen später, bei den Elfjährigen, drei Mal so groß. Im weiteren Verlauf der Schullaufbahn verliert der Kindergartenbesuch zwar an Bedeutung, weil andere Bildungsmaßnahmen Wirkung zeigen, ist aber der positive Einfluss ist auch zu einem späteren Zeitpunkt noch da und statistisch relevant.

Positiver Einfluss des Kindergartens in Österreich geringer als erwartet

Der zweite Beitrag des Abends richtete den Blick auf Österreich. Dr. Barbara Herzog-Punzenberger präsentierte Ergebnisse zur Elementarpädagogik aus der Studie „Migration und Mehrsprachigkeit“, die in einer Kooperation von Arbeiterkammer Wien, Caritas Österreich, Caritas Wien, Industriellenvereinigung, ÖGB, Rotes Kreuz, Samariterbund Österreich, Wirtschaftskammer Österreich finanziert wird. Im Mittelpunkt standen folgende Fragen: Wie fit sind Österreichs Kindergärten für den Umgang mit stetig gestiegener Diversität unserer Kinder und den damit einhergehenden Herausforderungen? Welche Rolle spielt die Qualität der frühkindlichen Bildung – insbesondere für mehrsprachige Kinder?

Im Unterschied zu den zuvor präsentierten Ergebnissen aus England zeigt die Studie für Österreich, dass Kinder aus sozial weniger gut gestellten Familien nach mehrjährigem Kindergartenbesuch weniger Zuwachs bei den Schulleistungen (Mathematik) aufweisen als jene aus besser gestellten Familien - insbesondere wenn sie aus einer zugewanderten Familie stammen. Österreichs ElementarpädagogInnen ist es unter den gegebenen Bedingungen auch bei mehrjährigem Besuch nicht möglich ist, etwaige Benachteiligungen, die mit dem sozioökonomischen Hintergrund – sowohl von einheimischen als auch von zugewanderten Familien – zusammenhängen, zumindest teilweise zu kompensieren.

Ein zweites markantes Ergebnis betrifft die erheblichen Unterschiede in der Besuchsdauer elementarpädagogischer Einrichtung zwischen den Bundesländern. Diese Unterschiede beziehen sich jedoch weniger auf die Herkunftsgruppen, sondern vielmehr auf unterschiedliche Bundesländermuster: In Niederösterreich und dem Burgenland besuchten bereits zu Beginn der 2000er-Jahre sehr viel höhere Anteile drei Jahre oder länger den Kindergarten – und zwar im Ausmaß von bis zu vierzig Prozentpunkten mehr als in Vorarlberg oder auch Tirol. Für Kinder mit Migrationshintergrund gleicht sich die Besuchsdauer mit zunehmender Aufenthaltsdauer stark an die der einheimischen Familien an. Sind die Kinder schon in Österreich geboren und die Familie (der 14-jährigen SchülerInnen) bereits mehr als 14 Jahre in Österreich, so ist der Unterschied gering. Insgesamt kann also festgehalten werden, dass die Regionalpolitik den Zugang zur und damit die Nutzung der elementarpädagogischen Bildungseinrichtung sehr viel stärker strukturiert als individuelle Einstellungen zugewanderter oder nicht-zugewanderter Eltern.

Forderung

Aus Sicht der AK muss Bildung für alle und unabhängig vom familiären Hintergrund zugänglich sein, damit soziale Mobilität nicht nur ein Versprechen bleibt. Folgende fünf Maßnahmen sollen zur Erreichung dieses Ziels beitragen:

  • Bundeskompetenz und Bundesrahmengesetz: Grundlegende Struktur- und Organisationsfragen sollten durch den Bund (Bildungsressort) geregelt werden. Über ein Bundesrahmengesetz für elementare Bildungseinrichtungen sollten einheitliche Standards für Bildungspläne, Personalausbildung, Betreuungsschlüssel, Raum- und Ressourcenfragen sichergestellt werden.

  • Aus Sicht der AK braucht es einen Qualifizierungsschub in der Ausbildung, etwa durch eine einheitliche und bessere Ausbildung der unterstützenden Kräfte auch zur pädagogischen Assistenz. Auch eine Neuausrichtung der BAKIP als BMHS oder die schrittweise Tertiärisierung für Elementar- und HortpädagogInnen sowie verpflichtende Fort- und Weiterbildung für alle Fachkräfte zu Vielfalt und Diversität, Mehrsprachigkeit und Sprachförderung sollten dies zusätzlich unterstützen.

  • Zur Erhöhung der Diversität im Berufsfeld sind umfassende Maßnahmen in Bezug auf Geschlecht, Kultur und Sprache, sowie (Zusatz-) Qualifikation notwendig. Durch den Einsatz von mehrsprachigem, interkulturell bzw. gendersensibel geschultem Personal sowie von PädagogInnen mit Migrationshintergrund soll vorhandene Diversität stärker als Ressource genutzt werden.

  • Im Sinne einer Bildungspartnerschaft zwischen Einrichtungen und Familie sollen Eltern von Anfang an eingebunden werden und Verantwortung für das positive Gelingen elementarer Bildungsprozesse wahrnehmen. Zur partnerschaftlichen Zusammenarbeit zwischen Einrichtungen und Familie gehören u.a. Elternabende, Entwicklungsgespräche und Transitionsbegleitung.

  • Im Sinne evidenzbasierter Politikentscheidungen ist dem gegenwärtigen Defizit an bundesweiten Daten über elementarpädagogische Einrichtungen, deren Ressourcenausstattung sowie deren Effektivität mit stärkerer Grundlagenforschung zur Elementarpädagogik zu begegnen.

Das aktuelle Sozialpartnerpapier zur „Zukunft der Elementarbildung in Österreich“ (2015) ist hier zugänglich.

TeilenZu Merkzettel hinzufügen

Facebook-Funktion aktivieren

Drucken
Zu Merkzettel hinzufügen
Zum Seitenanfang
Um Ihnen den bestmöglichen Service zu bieten, speichert diese Website Informationen über Ihren Besuch in sogenannten Cookies. Durch die Nutzung dieser Webseite erklären Sie sich mit der Verwendung von Cookies einverstanden. Weitere Informationen über Cookies, sowie welche Daten wir wie lange speichern, finden Sie in unserer Datenschutzerklärung. Dort können Sie auch der Verwendung von Cookies widersprechen und die Browsereinstellungen entsprechend anpassen.
Diese Website verwendet Cookies. Durch die Nutzung erklären Sie sich mit der Verwendung von Cookies einverstanden. Weitere Informationen dazu sowie welche Daten wir wie lange speichern, finden Sie in unserer Datenschutzerklärung. Dort können Sie auch der Verwendung von Cookies widersprechen.
OK