26.4.2016

Digitale Veränderungen aktiv mitgestalten!

„Wir als ArbeitnehmerInnenvertretung sehen es als unsere Aufgabe, die Veränderungen durch den digitalen Wandel im Sinne der Beschäftigten aktiv mitzugestalten“, sagte AK-Präsident Rudi Kaske bei der Veranstaltung „Industrie 4.0 – Optionen für Beschäftigung und Arbeit“ im Bildungszentrum der AK Wien. Kaske verwies in diesem Zusammenhang auf die industriepolitischen Forderungen von AK und ÖGB und meinte wörtlich: „Wir waren und sind der Meinung, dass Forschung und die Anwendung neuer Technologien in den Betrieben wichtige Voraussetzungen für Produktivitätswachstum sind – und damit für anständiges Einkommen, Beschäftigung, faire Verteilung und gute Arbeit.“ Aber: „Den von den digitalen Veränderungen betroffenen Menschen muss das Rüstzeug mitgegeben werden, mit dem sie diesen Wandel positiv bewältigen können. Und: Wir werden eine faire Verteilung der erwarteten zusätzlichen Produktivität einfordern, um auch hinkünftig unser Sozialsystem abzusichern.“ Der AK-Präsident sieht die neuen technologischen Möglichkeiten nicht als Bedrohung, sondern insbesondere als Gestaltungsaufgabe, an der sozialpartnerschaftlich gearbeitet werden müsse. Er verwies bei dieser Gelegenheit auf den Verein „Industrie 4.0“, der genau für diesen Zweck im Vorjahr neu gegründet wurde.

Zum Hintergrund der Veranstaltung

Der digitale Wandel und seine Auswirkungen werden derzeit breit diskutiert. Zu Recht, denn die möglichen Wirkungen des digitalen Wandels betreffen uns letztlich alle, als SteuerzahlerIn, als KonsumentIn, als BürgerIn sowie auch als ArbeitnehmerIn. Neben den positiven Möglichkeiten gilt es daher auch, mögliche negative Wirkungen der neuen digitalen Technologien zu diskutieren. Ziel der AK-Veranstaltung war es, die Entwicklungen im Produktionsbereich näher zu beleuchten, die derzeit unter dem Schlagwort „Industrie 4.0“ diskutiert werden. Dabei sollte das Augenmerk auf zwei für ArbeitnehmerInnen zentrale Themen gelegt werden: Die Auswirkungen von Industrie 4.0 auf den Arbeitsmarkt und mögliche Optionen hinsichtlich der Entwicklung der Qualität der Arbeitsplätze.

An der hochkarätig besetzten und mit fast 200 Gästen außerordentlich gut besuchten Fachtagung nahmen unter anderem Gewerkschaftsvorsitzender Rainer Wimmer (ProGe) und Rudolf Wagner (GPA-djp), von der Wissenschaftsseite Enzo Weber (Institut für Arbeitsmarkt- und Berufsforschung, Uni Regensburg) und Jörg Flecker (Forschungs- und Beratungsstelle Arbeitswelt, Uni Wien) sowie Julia Bock-Schappelwein vom Wifo teil. Moderiert wurde die Veranstaltung von Agnes Streissler-Führer.

Weber: „Die Arbeit wird uns nicht ausgehen!“

Professor Enzo Weber präsentierte eine Studie seines Instituts zu den Auswirkungen von Industrie 4.0 auf den deutschen Arbeitsmarkt. Wörtlich meinte er: „Die Arbeit wird uns auch durch die Digitalisierung nicht ausgehen. Allerdings ändern sich Anforderungen und Tätigkeiten, Arbeitsplätze werden umgeschichtet. Österreich und Deutschland haben gute Voraussetzungen für Industrie 4.0, müssen ihre Stärken aber auch weiterentwickeln.“ Entscheidend sind für ihn in diesem Kontext Bildung und Weiterbildung.

Bock-Schappelwein: „Rechtzeitig Weichen stellen!“

Für Julia Bock-Schappelwein erzeugt der fortschreitende Wandel der Wirtschaft einen hohen Anpassungsbedarf am Arbeitsmarkt. Dieser verlange Flexibilität, sowohl von Betrieben als auch von Arbeitskräften. Arbeitsmarkt- und Bildungspolitik seien daher gefordert, rechtzeitig Weichen zu stellen, sodass Arbeitskräfte in diesem Prozess mithalten können.

Wagner: „Zugewinne aus Industrie 4.0 fair verteilen!“

Der Gewerkschafter Rudolf Wagner hielt fest, dass der technische Wandel keinen Natur-gesetzen unterliegt, sondern dass dieser Wandel gestaltbar ist. „Daran werden wir uns als Gewerkschaften aktiv beteiligen. Die Zugewinne aus Industrie 4.0 müssen fair verteilt werden. Die Digitalisierungsgewinne dürfen nicht bei einer kleinen Schicht konzentriert bleiben.“ Wagner forderte eine Art „Wertschöpfungsabgabe 4.0“, die unerlässlich sei, wenn man einen Wohlstandsgewinn für alle Menschen durchsetzen wolle.

Flecker: „Verbesserte Arbeitsbedingungen politisch durchsetzen!“

Jörg Flecker, Mitautor einer von der AK Wien in Auftrag gegebenen FORBA-Literaturrecherche zum Thema „Industrie 4.0“, meinte, dass im Zusammenhang mit Industrie 4.0 zwar gerne von einer Revolution gesprochen wird, tatsächlich würden die Innovationen in den Betrieben aber nur schrittweise erfolgen. Flecker: „Es gibt bereits viel Erfahrung mit Automation. Man sollte sich also von den vollmundigen Ankündigungen nicht überrumpeln lassen“. Kritisch merkte er an, dass im Hinblick auf die Veränderungen der Arbeit in erster Linie die möglichen positiven und negativen Folgen der technischen Veränderungen diskutiert werden. Viel weniger würde aber zum Thema gemacht, wie die technischen Möglichkeiten aktiv genutzt werden können, um die Arbeit bewusst zu verändern um die Qualität der Arbeit zu steigern. Denn: „Wie Technik entwickelt, gestaltet und eingesetzt wird, welche organisatorische Gestaltung dabei gefunden wird, ist nicht von der Technik bestimmt. Vielmehr hängt das von ökonomischen und gesellschaftlichen Interessen und Zielen ab.“ Ein Ziel könnte durchaus die Verbesserung der Arbeitsbedingungen sein, also die Humanisierung der Arbeit. Diese werde sich aber nicht als Nebeneffekt technischer Neuerungen automatisch ergeben, sie müsse vielmehr aktiv angestrebt und politisch durchgesetzt werden, so Flecker in seinem Resümee.

Wimmer: „Arbeitszeitverkürzung und Wertschöpfungsabgabe wieder aktuell!“

Für den Bundesvorsitzenden der ProGe, Rainer Wimmer, steht fest: „Industrie 4.0 kommt nicht, sondern hat bereits begonnen. Unsere Aufgabe ist es, die Arbeitswelt der Zukunft – Stichwort ‚Arbeit 4.0‘ – gemeinsam mit den betroffenen Menschen zu gestalten.“ Dafür braucht es starke Betriebsräte und eine neue Qualität der Mitbestimmung. Die Menschen müssen auf die sich verändernden Bedingungen vorbereitet und auf den Weg mitge-nommen werden. Der ProGe-Vorsitzende verlangte unter anderem „massive Investitionen in Bildung“ und meinte: „Durch die technologische Entwicklung werden Arbeitsplätze verloren gehen, es werden aber auch neue, hochwertigere entstehen. Es wird neue Berufsbilder geben. Wir werden andere Qualifikationen und mehr Aus- und Weiterbildung, auch in den Betrieben, brauchen. Dafür braucht es entsprechende Instrumente wie beispielsweise einen Rechtsanspruch auf Bildungsfreistellung.“

Für Wimmer ist klar, dass die Digitalisierung große Auswirkungen auf den Arbeitsmarkt und die Gesellschaft haben werde. Dies habe man letztlich bei allen Technologieschüben der Vergangenheit erlebt. Aus seiner Sicht sind daher auch bei der sogenannten vierten industriellen Revolution insbesondere moderne und innovative Formen der Arbeitszeit-verkürzung das beste Instrument, die ArbeitnehmerInnen an der Produktivitätssteigerung teilhaben zu lassen und gleichzeitig die vorhandene Arbeit fair zu verteilen.

Der Gewerkschafter: „Wir wissen, dass wir mit immer weniger Menschen immer mehr erzeugen können. Aber dann müssen wir auch intensiv darüber nachdenken, wie wir künftig den Sozialstaat finanzieren. Es wird eine Entlastung des Faktors Arbeit und dafür eine Abgabe auf die Wertschöpfung brauchen. Denn die Wertschöpfung wird sich weiter von den Menschen weg, hin zu Maschinen verlagern.“ Abschließend hielt Rainer Wimmer fest: „Wir fürchten uns nicht, sondern betrachten die Digitalisierung als Chance, die wir gemeinsam mit den Beschäftigten nutzen wollen. Wir nehmen die Herausforderung an!“

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