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Migration und Mehrsprachigkeit. Die Vielfalt an Österreichs Schulen

Am 23.11.2017 fand im Bildungszentrum der AK Wien die Veranstaltung „Migration und Mehrsprachigkeit. Die Vielfalt an Österreichs Schulen“ statt. Die Veranstaltung bildete den Abschluss des gleichnamigen Projekts, das gemeinsam von Arbeiterkammer Wien, Caritas Österreich, Caritas Wien, Industriellenvereinigung, ÖGB, Rotes Kreuz, Arbeiter-Samariter-Bund Österreichs und Wirtschaftskammer Österreich finanziert und organisiert wurde. Eröffnet wurde die Veranstaltung mit einem Videostatement aller Präsidenten der beteiligten Organisationen, das die Wichtigkeit des schulischen Umgangs mit Migration und Mehrsprachigkeit für die verantwortlichen Häuser unterstrich.

Ersten Programmpunkt bildete die Präsentation der Studienergebnisse durch die Studienautorin, Dr. Barbara Herzog-Punzenberger. Sie unterstrich anhand der Bildungsstandards-Testdaten der 8.Schulstufe (2011/12), dass der Migrationshintergrund nicht grundsätzlich ausschlaggebend für Leistungsunterschiede von SchülerInnen in Mathematik und Englisch ist. Während einige Sprachgruppen ähnlich oder sogar besser als die einsprachig-deutschsprachigen SchülerInnen abschneiden, liegen die Leistungen anderer Sprachgruppen darunter.

Grundsätzlich wirkt sich sowohl bei SchülerInnen mit deutscher Erstsprache als auch bei jenen mit anderer Erstsprache ein niedriger Bildungshintergrund der Eltern benachteiligend aus. Da dieser in bestimmten Sprachgruppen aber überdurchschnittlich stark vorliegt, sind sie auch stärker von schwächeren Leistungen betroffen als andere Sprachgruppen.

Eine wichtige Rolle spielt auch das Alter, in dem die Kinder nach Österreich kommen. In den meisten Sprachgruppen schneiden die bereits in Österreich geborenen oder als Kleinkinder zugewanderten SchülerInnen besser ab als später zugewanderte. Nicht jedoch Kinder aus Deutschland bzw. aus osteuropäischen Ländern, was neben dem sozialen Hintergrund auch mit dem qualitativen Unterricht im Herkunftsland zu tun haben könnte, so die Studienautorin Herzog-Punzenberger.

Auf schulorganisatorischer Ebene bestätigt die Studie den Selektionseffekt, der durch die frühe Trennung in unterschiedliche Schultypen (Gymnasium und Neue Mittelschule) mit 10 Jahren entsteht. Sie verstärkt die schulische Segregation von Kindern mit einer anderen Erstsprache als Deutsch. Während in AHS-Unterstufen nur 23% der SchülerInnen der 8.Schulstufe in Klassen sitzen, in denen mehr als 1/4 der Kinder eine andere Erstsprache als Deutsch aufweist, gilt dies in Hauptschulen für 43% der SchülerInnen, in den noch gemeinsam geführten Volksschulen für 39%. Nicht zuletzt deshalb weist Österreich, als eines der Länder mit der frühesten Trennung, wesentlich stärkere Unterschiede in den Leistungstests der achten Schulstufe auf als Länder mit einer späteren Trennung.

Diese Befunde wurden im Anschluss mit wissenschaftlichen ExpertInnen für Durchgängige Sprachbildung und Mehrsprachigkeit aus Deutschland (Prof. Ursula Neumann) und Südtirol (Franca Quartapelle) diskutiert. Zentrales Fazit der beiden ExpertInnen: Es brauche den Willen zur Innovation im Bereich der schulischen Sprachbildung. Mehrsprachigkeit sollte als Normalität erkannt und der Unterricht auf die gemeinsame Förderung der vorhandenen SchülerInnensprachen abgestimmt werden – die in Hamburg und Südtirol entwickelten Unterrichtsmaterialien böten dafür eine geprüfte Vorlage, die bereits Erfolge gezeigt habe.

Der Nachmittag stand schließlich im Zeichen des gemeinsamen Austauschs über diese Erkenntnisse im anwesenden Publikum in Diskussionen an Tischgruppen. Die dort gesammelten Einschätzungen und Fragen flossen in eine bildungspolitische Podiumsdiskussion ein, an der VertreterInnen aus dem Bildungsministerium (Dr. Rüdiger Teutsch), dem NÖ Landesschulrat (HR OSR Maria Handl-Stelzhammer, M.A), einer Wiener NMS-Direktion (Mag.a Erika Tiefenbacher) sowie eine VS-Pädagogin (Dipl.-Päd.in  Sanja Biwald) und die Leiterin der Lerncafés der Caritas (Mag.a Snežana Janković) teilnahmen. Sie hoben unter anderem die Bedeutung der "Haltung" seitens der Schulleitungen und PädagogInnen, aber auch die Verfügbarkeit von Ressourcen, den flexiblen Umgang mit Rahmenbedingungen und Bedürfnissen von SchülerInnen sowie stärkere Verbindung mit der Elementarpädagogik hervor.

Abschluss der Veranstaltung bildete eine Kurzvorstellung der Schlussfolgerungen und Maßnahmenvorschläge des Konsortiums zur Hebung des Mehrsprachigkeitspotentials, die in einem eigenen Maßnahmenkatalog zusammengefasst wurden. Er steht gemeinsam mit den in Form von 7 Policy Briefs verfassten Studienergebnissen nunmehr als digitales Material als Download ebenso wie in Druckform (Bestellung) zur Verfügung.

Forderung

Die AK Wien fordert:


  • Durchgängige Sprachförderung als unterrichtsinhärentes Prinzip: Zwischen Sprach- und Fachgegenständen einerseits (horizontale Durchgängigkeit) und zwischen Erst- und Zweitsprachenunterricht andererseits.

  • Bessere Gestaltung der Übergänge zwischen Bildungseinrichtungen (vertikale Durchgängigkeit und flexible Übergänge), etwa durch ein kontinuierliches Portfolio-System mit Weitergabe von Kompetenzdiagnosen und darauf aufbauenden Förderplänen.

  • Verpflichtende Fort- und Weiterbildung der PädagogInnen in den Bereichen Frühe sprachliche Förderung sowie sprachsensibler Unterricht.

  • Verstärkter Einsatz von SprachlernkoordinatorInnen: Anzustreben ist eine systematische Unterstützung der PädagogInnen durch Sprachlernkoordinatoren, die sich im Bereich Mehrsprachigkeit, Migrationspädagogik und sprachliche Bildung spezialisiert haben.

  • Ausstattung der Schulen mit hohem Anteil an sozial benachteiligten Kindern mit zusätzliche Ressourcen auf Basis des AK Chancen-Index Modells

  • Ausbau von Angeboten einer qualitativ hochwertigen und pädagogisch strukturierten Ganztagsbetreuung und von Ganztagsschulen

  • Verstärkter Einsatz ausgebildeter ExpertInnen für Interkulturelle Elternbegleitung als Brücke zwischen Eltern, Elternvereinen und PädagogInnen, v.a. in Gemeinden/Bezirken mit hohem Migrationsanteil

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