19.9.2019

Lucio Baccaro: Challenges for labour relations in Europe

Vortrag von Lucio Baccaro, Direktor des Max-Planck-Instituts für Gesellschaftsforschung in Köln. Seit 2009 ist Baccaro Professor für Makrosoziologie an der Universität Genf. Seine Forschungsschwerpunkte sind insbesondere die vergleichende politische Ökonomie der Arbeitsbeziehungen und Arbeitsmärkte, soziale Ungleichheit und die Rolle von Gewerkschaften sowie die Transformation korporatistischer Institutionen. Kommentare von Bettina Haidinger (Forba) und Vera Glassner (AK Wien).

Lucio Baccaro, Max-Planck-Institut

In seinem Vortrag „Trajectories of Neoliberal Transformation in European Industrial Relations“ dokumentiert Lucio Baccaro Liberalisierungsprozesse in den Arbeitsbeziehungen in 15 OECD-Ländern seit 1970. Vertiefende Fallstudien zu Ländern wie Italien, Deutschland, Frankreich und Schweden verdichten den pessimistischen Befund eines neoliberalen Wandels in allen untersuchten Ländern. Liberalisierung bedeutet nicht die Konvergenz der Form von Institutionen über die Länder hinweg, sondern die Erweiterung des (einseitigen) Handlungsspielraums der Arbeitgeber bei gleichzeitigem Machtverlust der Arbeitnehmervertretungen. Neben der Deregulierung der Arbeitsmärkte und der Systeme des Sozial- und Arbeitsschutzes kommt es zu Abweichungen von arbeitsrechtlichen oder kollektivvertraglichen Bestimmungen. Längerfristig verändern sich dadurch die Funktionen von Institutionen. Diese wandeln sich für Arbeitgeber von handlungseinschränkenden zu handlungsermöglichen Institutionen, z.B. Erleichterungen bei Entlassungen, Dezentralisierung der Lohnfindung, Ausnahmen und Abweichungen von Kollektivverträgen.

Der Fall Deutschland demonstriert eindringlich den neoliberalen Entwicklungsverlauf der industriellen Beziehungen. Das Reallohnwachstum bleibt hinter dem Produktivitätsfortschritt zurück, der gewerkschaftliche Organisationsgrad fällt deutlich und atypische Beschäftigungsverhältnisse nehmen zu. Diese Entwicklungen erfassen nicht nur den Dienstleistungssektor, sondern auch die Sachgüterproduktion. Auf lange Sicht unterminiert die Liberalisierung der industriellen Beziehungen nachfragegetriebenes Wachstum und führt zur Entstehung instabiler, nämlich exportgetriebener und kreditfinanzierter, Wachstumsmodelle in Europa. Hier geht's zur Präsentation.

Bettina Haidinger, Forba

In ihrem Kommentar „Forces of labour against ‘divide and rule’ strategies in the logistics industry” präsentiert Bettina Haidinger Befunde der arbeitnehmerseitigen Gegenmachtsbildung im Logistiksektor in Italien und Österreich. Die Logistiksektoren in Europa zeichnen sich durch Ähnlichkeiten hinsichtlich des Managements von Lieferketten und der starken Arbeitsmarktsegmentierung aus. Demgegenüber stehen (potenzielle) Machtpositionen der ArbeitnehmerInnen. Die Erfolge und Misserfolge der Gewerkschaften bei der Organisierung von ArbeitnehmerInnen in Logistik-Lieferketten werden in Bezug auf die Anwendung von Strategien zur Bekämpfung von Präkarisierung der Arbeit und Fragmentierung der Arbeitsbeziehungen untersucht. Entscheidend sind unterschiedliche Gewerkschaftsstrukturen und –kulturen bei der Erschließung marginalisierter Beschäftigtengruppen und beim Aufbau inklusiver Solidarität. In beiden Ländern gelang es ArbeitnehmerInnen, strukturelle, institutionelle und organisationale Machtressourcen zu erschließen und als AkteurInnen der Arbeitsbeziehungen wieder handlungsfähig zu werden. Präsentation

Vera Glassner, AK Wien

Der Beitrag von Vera Glassner, „Forces of continuity and change in collective bargaining“, beschäftigt sich mit Stabilität und Wandel der Institutionen der Lohnfindung in der Metallindustrie in Deutschland und Italien. Es wird argumentiert, dass neben der Intensivierung des internationalen Wettbewerbs symbolische Kämpfe um die Legitimität von Kollektivvertragsverhandlungen zu unterschiedlichen Verläufen in der Tarifpolitik geführt haben. Diese Kämpfe sind von Entwicklungen der rechtlichen und normativen Ordnungen auf nationaler und Europäischer Ebene, z.B. European Economic Governance, geprägt. Während das deutsche Tarifsystem in der EU hohes Ansehen genießt, wird das italienische System als defizitär hinsichtlich der Gewährleistung einer Entwicklung der Löhne im Einklang mit der Produktivität beurteilt. Die von EU, IWF und EZB geforderten Reformen einer Dezentralisierung der Arbeitsbeziehungen haben die tarifpolitischen Akteure in Italien zwar geschwächt. Die schwächere Position der italienischen Sozialpartner hat deren Innovationsbereitschaft und Willen zu gemeinsamen Lösungen jedoch erhöht und zu einer Re-Zentralisierung der Tarifpolitik im Metallsektor geführt. Im Gegensatz dazu haben die mächtigeren deutschen tarifpolitischen Akteure die Institutionen der Tarifpolitik in (schrumpfenden) industriellen Kernsegmenten reproduziert. Präsentation