21.7.2015

Bildung und Soziale Mobilität – Immer mehr nur ein Versprechen?

Wie lassen sich gerechte Bildungs- und Mobilitätschancen für alle und unabhängig vom familiären Hintergrund ermöglichen? Welche bildungspolitischen Maßnahmen und Reformen sind notwendig, um alltägliche Stolpersteine zu reduzieren und bestehende Barrieren im Bildungsprozess abzubauen? Diesen Fragen widmete sich die AK Wien Veranstaltung „Bildung und Soziale Mobilität – Immer mehr nur ein Versprechen?“ am 16.06.2015. 

Vererbung von Bildung ist soziale Wirklichkeit

Im ersten Teil der Veranstaltung wurden zunächst neue Ergebnisse aus aktuellen Studien präsentiert, die das Thema Bildung und soziale Mobilität aus unterschiedlichen Blickwinkeln betrachteten. Für die Studie „Chancengleichheit in Österreich – Bildungs- und Einkommenskorrelationen von Geschwistern“ haben René Böheim und Christina Judmayr von der Universität Linz Registerdaten über Geschwisterpaare in Österreich ausgewertet. Das Ergebnis: Der Familienhintergrund ist in Österreich für Aufstiegsmobilität wichtiger als das persönliche Wissen und Können der Kinder. Hat jemand einen formal niedrigen Bildungsabschluss, gilt das auch mit hoher Wahrscheinlichkeit für die Geschwister. Bei einem formal hohen Abschluss haben auch die Geschwister einen entsprechenden Abschluss: Nur knapp über drei Prozent der Geschwister von PflichtschulabsoventInnen haben einen Hochschulabschluss, aber 44 Prozent der Geschwister von AkademikerInnen. Auch die Einkommen der Geschwister ähneln sich stark, ergibt die Studie.  

Auf der Grundlage von europaweit vergleichbaren Daten über die Vererbung von Bildungsabschlüssen kam Alyssa Schneebaum von der Wirtschaftsuniversität Wien zu ähnlichen Befunden. Sie zeigte zum einen, dass die intergenerationale Mobilität von Bildung und Einkommen in Österreich besonders stark vom familiären Hintergrund abhängt. Rund 54 Prozent der Kinder, die in Akademikerelternhäusern aufwachsen, erreichen selbst einen akademischen Titel, während dies nur für 6 Prozent der Kinder gilt, deren Eltern maximal einen Pflichtschulabschluss haben. Die Wahrscheinlichkeit, höchstens einen Pflichtschulabschluss zu erreichen, beträgt 4 Prozent für Kinder aus Akademikerfamilien und 30 Prozent für Kinder aus einem Elternhaus mit maximal Pflichtschulabschluss. Zum anderen präsentierte Alyssa Schneebaum Unterschiede in der intergenerationalen Mobilität nach Geschlecht und Migrationshintergrund. Dabei zeigte sich deutlich: Migrantinnen haben in Österreich die niedrigsten Chancen auf Bildungsmobilität.

Weniger soziale Durchmischung durch Uni-Zugangsbeschränkungen

Abschließend zeigten die Ergebnisse der Studie von Anna Palienko und Ko-AutorInnen, dass gerade in Studienrichtungen, deren Zugang mittels Aufnahmetests oder anderen Formen der Selektion beschränkt ist, die Präsenz von Studierenden aus sozial schwächeren Familien gesunken ist. So hat sich beispielsweise in den Fächern Human- und Zahnmedizin in Folge von Zugangsbeschränkungen der ohnehin bereits hohe Anteil von Studierenden aus einem akademischen Haushalt weiter erhöht und auf hohem Niveau verfestigt. Kamen in den Jahren 2000 bis 2005 maximal 40 Prozent der StudienanfängerInnen im Bereich Humanmedizin aus AkademikerInnenfamilien, so stieg der Anteil im Studienjahr 2005/06 auf 54 Prozent und hält sich bis 2011/12 konstant über 50 Prozent.

Im Anschluss an die Studienpräsentationen diskutierten Wilfried Altzinger (Wirtschaftsuniversität Wien), Martha Eckl (AK Wien), Julia Hofmann (Johannes Kepler Universität Linz) und Kurt Nekula (Bundesministerium für Bildung und Frauen) über die notwendigen bildungspolitischen Maßnahmen und Reformen im österreichischen (Hoch-) Schulsystem, um bestehende Barrieren im Bildungsprozess abzubauen.

Aus Sicht der AK muss Bildung für alle und unabhängig vom familiären Hintergrund zugänglich sein, damit soziale Mobilität nicht nur ein Versprechen bleibt.

Forderungen

  1. Damit jedes Kind seine Chance bekommt, will die Arbeiterkammer ein zweites, verpflichtendes Gratiskindergartenjahr.
  2. Die ganztägigen Schulen müssen ausgebaut werden, um die Familien von teurer Nachhilfe und vom Lernen mit den Kindern zu unterstützen.
  3. Die AK verlangt überdies eine soziale Schulfinanzierung: Schulen sollen umso mehr Mittel bekommen, je mehr sozial benachteiligte Schülerinnen und Schüler sie haben.
  4. Ebenso müssen die Fachhochschulen ausgebaut sowie Studium und Beruf besser vereinbar gemacht werden.