18.11.2016

Arbeitsmarkt­ökonomie­workshop 2016

Am 11.11.2016 fand auf vielfachen Wunsch erneut ein Workshop von und für Arbeitsmarkt-ÖkonomInnen in Österreich statt. Der von Arbeiterkammer Wien, Johannes Kepler Universität und Wirtschaftsuniversität Wien veranstaltete Workshop zeichnete sich durch ein dichtes Programm und offene Diskussionen aus.

Die Themen der angenommenen Papiere reichten fast von der Wiege bis zur Bahre; das heißt von Fragen der Elternkarenz und der Kinderbetreuung, wie sie von Nicole Schneeweis, von der Johannes Kepler Universität (JKU) Linz behandelt wurden, über die Frage der  Polarisierung am Arbeitsmarkt im Zuge des technischen Fortschritts und der Globalisierung, die von Gerlinde Titelbach untersucht wurde,  bis hin zum Übergang in die Pension, der unter anderem von Mario Meier von der GESS Universität in Mannheim behandelt wurde.

Die präsentierten Arbeiten waren hochinteressant und es ergaben sich viele interessante und konstruktive Diskussionen. Die Präsentationen stehen nun – soweit verfügbar – rechts in der Infobox zum Downloaden bereit.

Der Workshop wurde zweisprachig auf Englisch und Deutsch gehalten. Hier daher noch einmal ein Kurzüberblick auf Deutsch zu den einzelnen Themen:

Nicole Schneeweis, JKU

Nicole Schneeweis von der JKU Linz befasste sich gemeinsam mit  Natalia Danze Martin Halla und Martina Zweimüller mit der Frage, wie sich die Dauer der Karenzzeiten der Mütter auf die spätere Entwicklung bzw. den Schulerfolg der Kinder auswirken. In der bisherigen Literatur gibt es dazu widersprüchliche Ergebnisse und die AutorInnen vermuten, dass die Unterschiede in den beobachteten Auswirkungen auf Unterschiede in der verfügbaren Kinderbetreuung zurückgehen. Indem sie die Karenzzeiten vor und nach der Karenzgeldreform 1990 in Österreich vergleichen und dabei zwischen Gemeinden mit und ohne Betreuungsangebot einander gegenüberstellen, kommen sie zu dem Ergebnis, dass formale Kinderbetreuung sowie die Betreuung durch die Mutter sich positiver auf die Entwicklung der Kinder auswirkt als informelle Betreuungsarrangements.

Julia Schmieder, WU Wien

Julia Schmieder von der WU Wien, untersuchte in einer gemeinsamen Arbeit mit Martin Halla und Andrea Weber die Auswirkungen eines Arbeitsplatzverlustes eines Ehemannes auf die Erwerbstätigkeit seiner Frau. Da die Merkmale von Personen mit hoher Wahrscheinlichkeit ihren Job zu verlieren und jene, bei denen diese gering ist, sehr unterschiedlich sind, und sich dies auch auf die Merkmale der Ehepartner bezieht, wurden nur Personen einbezogen, die ihre Arbeit wegen einer Firmenschließung verloren haben. In diesem Fall kann man davon ausgehen, dass der Jobverlust nicht von den individuellen Merkmalen der Betroffenen mitverursacht wurde. Sie finden einen erwerbssteigernden  Effekt des Jobverlustes durch den Partner. Allerdings wird dieser erst sichtbar, nachdem die im Lebenszyklus ohnehin auftretenden Veränderungen der Erwerbstätigkeit der Frauen entsprechend berücksichtigt wurden, und ein passendes Counterfactual konstruiert werden konnte.

Jasper Haller, Uni Mannheim

Jasper Haller von der Uni Mannheim präsentierte ein theoretisches Modell, mit dem er versucht, die Motivation von Unternehmen Lehrlinge auszubilden zu erklären. Entsprechend der bekannten These von Gary Becker sollte man eigentlich keine Firmen beobachten, die bereit sind im Rahmen betrieblicher Weiterbildung allgemeine Fähigkeiten zu vermitteln. Hallers Modell unterschiedet sich von früheren Arbeiten, indem er Firmen mit unterschiedlicher Produktivität annimmt, die damit auch unterschiedliche Ausbildungskosten haben. Seine These ist, dass produktivere Firmen kleinere, teurere, aber auch hochwertigere Ausbildungsprogramme haben, während weniger produktive größere, aber dafür kostengünstigere Programme haben. Diese Effekte versucht er dann sowohl in einem mehrstufigen Verhandlungsmodell als auch in den Daten zur Lehrlingsausbildung zu zeigen.

Gerlinde Titelbach, IHS

Gerlinde Titelbach vom IHS untersuchte in ihrem gemeinsam mit Helmut Hofer und Stefan Vogtenhuber erstellten Papier, wie weit die Polarisierungsthese von Goos, Manning und Salomons am österreichischen Arbeitsmarkt zutrifft. Während Goos et al. diese Polarisierung nach Einkommen auch für Österreich konstatieren, zeigen die Daten von Titelbacher et al. eine deutlich schwächere bis keine Tendenz zur Polarisierung nach Einkommen. Sie führen die widersprechenden Ergebnisse auf eine mangelnde Bereinigung um Datenbrüche bei Goose et al. zurück. Sehr wohl finden aber auch Titelbach et al. Hinweise auf eine Polarisierung hinsichtlich des Routinegehalts von Tätigkeiten, die in der aktuellen Digitalisierungsdebatte gerade eine große Rolle spiel.

Jan Nimczik, Uni Mannheim 

Jan Nimczik ebenfalls von der Universität in Mannheim entwickelte eine endogene Abgrenzung unterschiedlicher Teilarbeitsmärkte, indem er die vom Wechsel der Beschäftigten zwischen den Firmen definierten Netzwerke untersuchte. Technisch nutzt er zur Abgrenzung der Teilmärkte das Stochastik Block Model (SBM). Anhand von Hauptverbandsdaten findet er für Österreich in den Jahren von 1980-2005 eine zunehmende geografische Größe der jeweiligen Teilarbeitsmärkte, eine mit der Qualifikation zunehmende Größe der Teilarbeitsmärkte, und er kann anhand der Stahlkrise auch zeigen, dass sich Schocks innerhalb der Teilarbeitsmärkte und nicht notwendiger Weise innerhalb der regionalen, oder Branchenarbeitsmärkte ausbreiten. Er zeigt zudem, wie sich dieses Modell auch bei der Untersuchung der Ausbreitung von Schocks, die vom Welthandel ausgehen, nutzen lässt und schlägt noch viele andere Anwendungsgebiete vor.

Hierbei ist darauf hinzuweisen, dass diese Sicht der Teilarbeitsmärkte auch einige der auf regional- oder Branchenabgrenzungen beruhenden Identifikationsstrategien in Frage stellt.

Florian Schoiswohl, WU Wien

Florian Schoiswohl von der WU befasste sich mit der Frage, wie Beschäftigte mit einem Auseinanderfallen ihrer gewünschten und ihrer tatsächlichen Arbeitszeit umgehen. Angesichts von ca. 20% der Beschäftigten, die einen solchen Mismatch angeben, ist diese Frage auch quantitativ relevant. Um dieser Frage für Österreich nachgehen zu können, nutzt er die Pseudopanelstruktur des Mikrozensus, und vergleicht darin Jobwechsler über ein propensity score matching mit möglichst ähnlichen job stayern. Er stellt fest, dass es den Wechselnden tatsächlich gelingt ihren Arbeitszeitwunsch besser zu erfüllen und dass diese bessere Übereinstimmung von gewünschter und tatsächlicher Arbeitszeit nicht auf eine Anpassung der Wünsche zurückgeht.

Nikolaus Fink

Nikolaus Fink untersuchte die Folgen der Auflösung des bis 1995 bestehenden, legalen Zementkartells in Österreich.  Interessant daran ist, dass in diesem Kartell wie zu erwarten die Mengen entsprechend quotiert waren, gleichzeitig aber der Eintritt in den Markt nicht beschränkt werden durfte. Das heißt, bei einem neu eintretenden Produzenten mussten die andern Mitglieder Quoten an diesen abgeben.  Daneben waren die Preise zwar im Kartell relativ eng geregelt, unterlagen allerdings einer Zulassungspflicht, das heißt, die Mitglieder konnten nicht wie in den einfachen Kartellmodellen einfach ihre optimalen Monopolpreise setzen. Mit der Auflösung zeigten sich dann deutliche Effekte bei den Effizienzsteigerungen, indem weniger produktive Werke geschlossen wurden, und damit auch die Beschäftigung in sehr kurzer Zeit um ca 40% sank. Bei den Preisen trat ein massiver Rückgang im Bereich der Großabnehmer (bulk cement) ein. Bei den quantitativ wenig bedeutenden Sackzementpreisen, die überwiegend kleine Endabnehmer betreffen, war allerdings kein solcher Preissenkungseffekt erkennbar. Offenbar ermöglichte der Wegfall der Preisregulierung auch das Erzielen von Renten zulasten weniger informierter Kleinabnehmer.

Phillipp Haunschmid und Dennis Tamesberger

Phillipp Haunschmid und Dennis Tamesberger von der AK-Linz stellten sich in ihrem Papier die Frage, wie die Verhandlungsmacht der Gewerkschaften von der Arbeitslosigkeit beeinflusst wird, insbesondere ob sich Lohnkürzungen in Zeiten hoher Arbeitslosigkeit leichter durchsetzen lassen. Sie zeigen, dass zurückgehend auf Kalecki eine breite Literatur zum Thema existiert, die empirische Überprüfung der Zusammenhänge aber keineswegs trivial ist. Da das Papier noch in einem frühen Stadium ist, lassen sich bisher nur erste Untersuchungsentscheidungen und Ergebnisse darstellen. So wird als Maß für die  Macht der Gewerkschaft, das Ausnutzen des verteilungsneutralen Spielraums bei den Steigerungen der Tariflöhne verwendet. Als erste vorsichtige Resultate zeigt sich, dass die Abschlüsse stark von Inflation und Arbeitslosigkeit getrieben sind. Zugleich zeigt sich wenig Einfluss von  BIP Wachstum und Produktivität. Aufgrund der hohen Kolinearitäten in den Variablen und der relativ kurzen Zeitreihen lassen sich aber noch keine Kausalitätsaussagen treffen.

Martin Kerndler, Uni Wien

Martin Kerndler von der Universität Wien untersuchte in seiner Arbeit die Lohnflexibilität älterer Arbeitnehmer und den Einfluss der Institutionen auf diese Flexibilität. Die Frage ist von hoher Relevanz, da zu hohe und inflexible Löhne bei älteren ArbeitnehmerInnen unter Umständen zu Altersarbeitslosigkeit führen. Anhand einer umfassenden Analyse der deutschen Linked-Employer-Employee-Daten des IAB (LIAB), schätzt er zunächst die Lohnreaktionen nach Altersgruppen auf transitorische und permanente Schocks. Als Exogener Einflussfaktor wird die Entwicklung des Umsätze pro Beschäftigten verwendet. Da er in der Folge die ersten Differenzen  der firmenspezifischen Entwicklung nutzt dürfte die Verwendung von Umsatz anstelle von Wertschöpfungsdaten unproblematisch sein. Entgegen vieler Erwartungen findet er nur bei älteren Arbeitnehmern (es wurden nur Männer untersucht) eine signifikante Reaktion sowohl auf transitorische als auch auf permanente Schocks. Wie zu erwarten war Reaktion auf permanente Schocks ausgeprägter. Institutionell zeigt sich ebenfalls ein interessantes Ergebnis, nämlich, dass das Vorhandensein eines Betriebsrates die Reaktionen auf temporäre Schocks senkt, allerdings jene auf permanente Schocks erhöht. Kendler wertet dies als Anzeichen dafür dass durch die bessere Information, die dem Betriebsrat im Vergleich zum Einzelnen zur Verfügung steht die Verifikation der Veränderungen und damit die Kompromissfindung im Unternehmen erleichtert.

Mario Meier, Uni Mannheim

Mario Meier von der Uni Mannheim untersuchte Peer Effekt beim Pensionsantiritt. Einfacher gesagt wie wirkt sich die Wahl des Pensionsantrittszeitpunkts  Pensionsantritts auf die Pensionsentscheidung der Kollegen aus. Er und seine Koautorin nutzen dabei die quasi experimentelle Situation, die sich durch die österreichische Pensionsreform 2000 ergab. Diese Reform ließ die Regeln für die vor 1945 Geborenen unverändert und sah für alle danach Geborenen eine sukzessive Erhöhung des Pensionsalters vor. Zudem gab es einige Gruppen, die auch nach wenn sie nach 45 geboren wurden von der Neuregelung ausgenommen waren.

Nun wurden Personen deren Kollegen von der Reform Betroffenen waren mit jenen vergleichen deren Kollegen nicht von der von der Reform betroffen waren.

Der Vorteil dieses Vorgehens ist, das die Regeln für die Personen in der Vergleichsgruppe gleich geblieben sind und die Tatsache ob ihre Kollegen ein bisschen älter oder ein wenig jünger sind eine Zufällige Variation darstellt.

Meier et al. finden für jene Männer, deren Kollege um ein Jahr früher in Pension gehen konnte, einen, im Vergleich zu anderen ähnlichen Personen, deren Kollegen diese Möglichkeit nicht hatten, um 2 Monate früheren Pensionsantritt. Interessanter Weise ist dieser Effekt bei Frauen deutlich schwächer. Die Autorinnen fanden Hinweise, dass durch den Pensionsantritt eines Kollegen die Informationen über die Vor- und Nachteile eines Pensionsantrittes der Kollegen verändert werden, und dies die Koordination verursacht.

Wolfgang Nagl, IHS

Wolfgang Nagl vom IHS untersuchte die inter- und intragenerationalen Verteilungswirkungen des österreichischen Pensionssystems über die sehr lange Frist. Er und sein Ko-Autor nutzen dafür ein 50% Sample aus den vollständigen Versicherungsverläufen von Personen die zwischen 2001 und 2011 ihre Pension angetreten haben und vergleichen dann die internen Ertragsraten sowohl nach Kohorten als auch nach sozioökonomischen Merkmalen. Nicht inkludiert sind die Pensionen der Beamten, der Hinterbliebenen oder Invaliditätspensionen, ebenso wird die Ausgleichszulage nicht berücksichtigt. Obwohl mit der Ausgleichszulage sowie den Hinterbliebenen- und Invaliditätspensionen wesentliche umverteilende Elemente des Systems ausgeblendet bleiben, zeigen sich deutliche Differenzen zwischen den internen Ertragsraten. Das System verteilt tendenziell zu den älteren Kohorten und zu den ärmeren Versicherten um.

Der Effekt beim Alter dürfte vor allem von den früher geringeren Beitragssätzen verursacht werden, während der Effekt über die Einkommensgruppen vor allem von der Bemessung der Pensionen im alten Recht anhand der besten 15 Jahre bewirkt werden. Konterfaktische Berechnungen mit den neuen Pensionsregeln zeigen eine Abnahme dieser Umverteilung, wenn auch kein Verschwinden. Die Berücksichtigung einkommensabhängiger Lebenserwartungen schwächt den Umverteilungseffekt weiter. Die scheinbare Besserstellung von unteren Einkommensschichten relativiert sich zumindest bei den Männern deutlich.