5.11.2015
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40 Jahre 40-Stunden-Woche in Österreich

2015 jährt sich zum 40. Mal die Einführung der gesetzlichen 40-Stunden-Woche in Österreich. Aus diesem Anlass wurde auf dieser Veranstaltung das Thema Arbeitszeit(verkürzung) aus gleichstellungspolitischer Perspektive mit mehr als 200 TeilnehmerInnen reflektiert.  

Nach einem historischen Rückblick auf die Einführung der 40-Stunden-Woche in Österreich sorgte Ingrid Kurz-Scherf, Professorin für Politikwissenschaft an der Universität Marburg, mit ihrem Referat über feministische Perspektiven auf Arbeitsmarkt- und Arbeitszeitpolitik für einen furiosen Auftakt. Sie stellte Care Revolution mit der zentralen Forderung nach einer Ausweitung des Arbeitsbegriffs und einer drastischen Arbeitszeitverkürzung als Alternative zum derzeit dominanten Arbeitsdiskurs rund um die Industrie 4.0 dar. Denn im Diskurs um die digitale Revolution ist kaum die Rede von Arbeitszeitverkürzungen trotz der überwiegend düsteren Arbeitsmarktprognosen. Überhaupt vollständig ausgeklammert bleibe lt Kurz-Scherf in der Digitalisierungsdebatte die Gestaltungsmöglichkeiten in diesem Prozess, während in den feministischen Diskursen um den Ausbau des Care Sektors gerade die Notwendigkeit der politische Gestaltung dieses Prozesses in Richtung „gute Arbeit und gutes Leben“ hervorgestrichen wird.   

Praxisbeispiele aus europäischen Ländern

Im Anschluss wurden konkrete Beispiele aus der Praxis in Österreich und anderen europäischen Ländern vorgestellt. Für Österreich waren dies Erfahrungen zu Kurzarbeit und Freizeitoption, aus Schweden wurde das Pilotprojekt des 6-Stunden-Arbeitstag in der kommunalen Verwaltung Göteborg präsentiert, dann folgte ein Referat zur Verbreitung der Teilzeitarbeit in den Niederlanden sowie eines zur Familienarbeitszeit von 32 Wochenstunden in Deutschland.  

Arbeitszeitverkürzungsfragen sind für  Kurz-Scherf ein wesentlich konfliktträchtigeren Bereich als Lohnfragen. Arbeitszeitverkürzung müsse stärker gesellschaftspolititisch diskutiert werden („besseres Leben“), AZ-Politik werde derzeit zu sehr auf Sozialtechnologie reduziert („Arbeitszeitvolumen wird weniger, deshalb brauchen wir Arbeitszeitverkürzung“)Sie sah eine Grundsatzfrage darin, ob Arbeitszeit generell (Verkürzung der Wochenarbeitszeit) oder nur durch optionale Modelle (z.B. Freizeitoption, dt. Modell der Familienarbeitszeit) verkürzt werden soll. Aus gleichstellungspolitischer Perspektive plädierte sie für eine generelle Verkürzung und sieht dabei die Gewerkschaften stark gefordert. Ihnen sei die Forderung die Arbeitszeitverkürzung, die früher "Zweck der Industrialisierung" gewesen sei, in den Flexibilisierungsdebatten abhandengekommen.

Außerdem gelte es sich vor Augen zu halten, dass die Verweigerung eines neuen Arbeitszeitstandards nicht verhindere, dass Arbeitszeit verkürzt wird, sondern es passiert individuell durch zunehmende Teilzeit, allerdings ohne Lohnausgleich.

Großes Interesse am 6-Stundenarbeitstag

Wie sehr das Thema Arbeitszeitverkürzung und konkrete Modelle brisant sind, zeigt das extreme internationale Interesse am Pilotprojekt in Göteborg, der Arbeitszeitreduktion auf einen Sechs- Stunden -Tag im städtischen Altenheim Svartedalen. Bisherige Resultate – wie Verbesserung der Pflegequalität, weniger Krankenstand , Überstunden und Stressbelastung der Beschäftigten – seien vielversprechend lt. dem stellvertretender Bürgermeister der zweitgrößten Stadt Schwedens Daniel Bernmar. 

Mit einem Blick auf geschlechtergerechte Arbeitszeiten zwischen Vision und Realisierung von Nadja Bergmann & Claudia Sorger (L&R Sozialforschung Wien) erfolgte der Einstieg in die, von Eva Linsinger (profil) moderierte, Podiumsdiskussion mit Ingrid Kurz-Scherf, Eva Scherz (GPA-djp), Margareta Steinrücke (Arbeitnehmerkammer Bremen) und Rudolf Karazman (Leiter von Arbeitszeit-Projekten). Es bestand Einigkeit, dass es aus einer Vielzahl von Gründen notwendig sei, die Debatte über Arbeitszeitverkürzung – mit Fokus auf die Wochenarbeitszeit – zu führen. Das hohe Interesse an Arbeitszeitverkürzung hat ein starkes Mobilisierungspotenzial. Diese sollte aber aus mehreren Blickwinkeln heraus diskutiert werden: nicht nur aus beschäftigungspolitischer Perspektive, sondern auch als Beitrag zu mehr Lebensqualität, Gesundheitsförderung und Prävention von Burn Out etc.  

Tagung

Diese Tagung wurde gemeinsam von der AK Wien (Abteilung Frauen und Familie sowie Abteilung Wirtschaftswissenschaft), der Frauenabteilung der Stadt Wien, der Abteilung Arbeitsmarktpolitik für Frauen des AMS und dem Bundesministerium für Bildung und Frauen durchgeführt. Die inhaltliche Konzeptionierung erfolgte durch L&R Sozialforschung. Visuell wurde sie von Friederike Scherr (ÖGB-Archiv) unterstützt.

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