19.12.2018

Was die Menschen im Pflege­alltag brauchen

Wer betreut und pflegt Menschen mit Unterstützungs­bedarf in Österreich? Es ist nicht die Regierung und auch nicht die Arbeiterkammer. Es sind die pflegenden Angehörigen und die Angehörigen der Betreuungs- und Pflegeberufe. Daher fordert AK Präsidentin Renate Anderl: „Jedes Konzept für die Langzeitpflege in Österreich muss sicherstellen, dass diese beiden tragenden Säulen für die Menschen spürbar gestärkt werden. Sonst wird die vielbeschworene Tragfähigkeit für die Zukunft fehlen.“

Im sogenannten Masterplan der Regierung ist auch eine Imagekampagne für Pflegeberufe vorgesehen. Aus Sicht der AK Präsidentin wird diese aber wenig bringen. „Denn es sind nicht die Pflegenden, die ein Problem mit ihrer Reputation haben. Wenn irgendetwas hier eine Imagepolitur braucht, dann sind es die Arbeitsbedingungen und die Entlohnung. Alles andere ist so wirkungsvoll, wie ein Schulterklopfen. Wir von der AK haben den Masterplan genauer unter die Lupe genommen, sehr viel zu sehen gab es aber leider nicht“, kritisiert Anderl, die vagen Ankündigungen der Regierung.  

Berufstätige pflegende Angehörige

„Pflegende Angehörige erweisen nicht ihrer Familie, sondern der Gesamtgesellschaft einen unglaublich großen Dienst. Ohne sie würde das Pflegesystem sofort kollabieren. Aber mit Sonntagsreden ist diesen Menschen genauso wenig geholfen, wie mit Imagekamapgnen“, fordert Anderl konkrete unterstützende Maßnahmen.

Müsste die Arbeit der pflegenden Angehörigen, wie für professionelle Dienste bezahlt werden, dann würde das mindestens drei bis vier Milliarden Euro kosten. Das hat die Wirtschaftsuniversität Wien bereits 2006 berechnet.[1] Heute, 12 Jahre später, müsste wohl noch einiges draufgelegt werden, um die Leistungen angemessen in Geld zu bewerten. In Österreich gibt es aktuell rund 950.000 Menschen, die informelle Unterstützung von Angehörigen mit Pflegebedarf leisten. Über 300.000 davon sind berufstätig, etwas mehr als die Hälfte im Rahmen einer Vollzeitanstellung, der kleinere Teil mit einer Teilzeitstelle. 

Die Arbeiterkammer richtet den Blick besonders auf jene berufstätigen Menschen, die neben ihrer Erwerbsarbeit auch ein Familienmitglied mit Pflegebedarf unterstützen. Doch wer sind diese Menschen?[1] Die durchschnittliche erwerbstätige pflegende Angehörige ist weiblich, etwa 50 Jahre alt und damit rund 10 Jahre jünger als der Gesamtdurchschnitt der pflegenden Angehörigen. Bei einem Drittel leben auch Kinder im eigenen Haushalt, die meist über 14 Jahre alt sind. 

Die durchschnittliche erwerbstätige pflegende Angehörige betreut eine Person, mit sehr hoher Wahrscheinlichkeit nicht ganz alleine, aber sie übernimmt zumindest die Hälfte der erforderlichen Betreuung. Ein Viertel der berufstätigen pflegenden Angehörigen ist ganz alleine für die Unterstützung ihres Familienangehörigen verantwortlich. Im Durchschnitt wendet sie regelmäßig 13 Stunden pro Woche auf und ist mindestens zweimal die Woche im informellen Pflegeeinsatz. 40 Prozent der Angehörigen unterstützen täglich und zehn Prozent haben einen richtigen Zweitjob, weil sie 40 und mehr Stunden pro Woche betreuen und pflegen.

Betreuungspflicht hemmt Karriere

Die pflegenden Angehörigen sind als ArbeitnehmerInnen nicht besonders auffällig. Sie machen ihre Arbeit so gut wie alle anderen. Doch einige Unterschiede gibt es: Die durchschnittliche erwerbstätige pflegende Angehörige ist weniger geneigt Überstunden zu machen – sie hat daheim zu tun. Sie achtet stärker auf Flexibilität in der Arbeitszeit, etwa Gleitzeit oder die Möglichkeit für Homeoffice.

Damit bekleidet sie weniger oft Führungspositionen oder prestigeträchtige Stellen in den Unternehmen. Sie findet sich häufiger bei den Büro- und Hilfskräften. Das liegt vielleicht auch daran, dass ihre formale Bildung im Schnitt geringer ist als jene von Leuten ohne informelle Pflegeaufgabe. Da verwundert es auch nicht, dass sowohl ihr persönliches Einkommen als auch das Gesamteinkommen ihres Haushalts im Vergleich niedriger ist.

Unselbstständig erwerbstätige pflegende Angehörige sind schlechter dran als ArbeitnehmerInnen ohne informelle Pflegeverpflichtung. Dass sie im Schnitt auch eine schlechtere Gesundheit haben als andere, kommt noch dazu. Die Einführung der 12 Stunden Arbeitszeit pro Tag tut ihr Übriges und führt zu noch höheren Belastungen.

Gerade deshalb brauchen berufstätige pflegende Angehörige handfeste Unterstützung und Entlastung im Alltag durch professionelle Dienste und Angebote. Sie können nämlich keine kurzfristig angeordneten 12-Stunden-Schichten übernehmen (auch nicht freiwillig).

„Wenn man also ´Pflege daheim statt Heim´ zu seinem Motto macht, wie die Regierung, müsste man diesen Menschen auch die Vereinbarkeit von Pflege und Beruf ermöglichen. Zum Beispiel durch den Rechtanspruch auf die 4-Tage-Woche oder noch besser: durch eine Arbeitszeitverkürzung“, betont Anderl.

Genau an diesem Punkt stellt sich auch die Frage, warum die von der Regierung geplante Pflegegelderhöhung erst ab Stufe 4 ansetzen soll, denn der Großteil der zu Hause informell betreuten Menschen befindet sich in den Pflegegeldstufen 1 bis 3. Diesen Familien bleibt man damit auf finanzieller Ebene die versprochene Unterstützung schuldig. Denn Pflegebedürftigkeit kostet nicht nur Zeit, sondern auch Geld, etwa für Hilfsmittel, Wohnungsumbauten, professionelle Pflegeleistungen und ähnliches.

Berufliche Einschränkungen durch informelle Pflege

Die schwierige Vereinbarkeit von Pflege und Beruf führt auch zur Einschränkung oder sogar Aufgabe der Erwerbstätigkeit.  

Knapp mehr als die Hälfte der pflegenden Angehörigen in Teilzeitarbeitsverhältnissen (51 Prozent) geben an, heute weniger zu arbeiten als früher. Das betrifft damit rund 71.000 Personen in Österreich.

Etwa ein Siebtel der pflegenden Angehörigen insgesamt sind zwar im Erwerbsalter aber ohne Erwerbstätigkeit. Es handelt sich um arbeitslose Menschen, Hausfrauen/-männer oder um Menschen in Ausbildungen. 43 Prozent von ihnen gaben an, den letzten Beruf wegen der Pflege aufgegeben zu haben. Das sind in absoluten Zahlen knapp 60.000 Personen.

Für etwa 130.000 Menschen in Österreich ist somit die Vereinbarkeit von informeller Pflege und Beruf zu schwierig geworden. Sie mussten deshalb berufliche Konsequenzen ziehen.  

Dabei kann besonders der Berufsausstieg sehr negative Folgen für die pflegenden Angehörigen haben. Da das Durchschnittsalter der pflegenden Angehörigen bei 50 Jahren liegt und diese Menschen mitunter schon auf die 60 zugehen, wenn die Zeit der informellen Pflege zu Ende ist, haben sie sehr schlechte Karten, wieder erfolgreich auf den Arbeitsmarkt zurückzukehren.

Damit all diese Probleme gemildert werden können, fordert die AK:

  • Den sofortigen Ausbau stationärer, teilstationärer als auch mobiler und alternativer Pflege- und Betreuungsangebote: denn ohne verfügbare Betreuung können pflegende Angehörige nicht entlastet werden 

  • Pflegekarenz: Arbeitsrechtlicher Rechtsanspruch auf Freistellung samt wirkungsvollen Kündigungsschutz (Vorbild MSchG) 

  • Kurzfristiger Freistellungsanspruch (§ 16 Urlaubsgesetz) von 10 Tagen/Jahr für nahe Angehörige, die nicht im gemeinsamen Haushalt leben und Pflege- und Betreuungsbedarf haben 

  • Einbeziehung aller Pflegegeldstufen inklusive der Stufen 1 bis 3 bei einer Erhöhung des Pflegegeldes 

  • Österreichweite Schaffung von Anlaufstellen auf Gemeindeebene, um Informationen zu geben, Pflegebedarf zu erheben und Unterstützung zu leisten bzw. zu organisieren.

ArbeitnehmerInnen in den Betreuungs- und Pflegeberufen

Alle wissen, dass Personalmangel eines der drängendsten Probleme in der Pflege ist. Aber nicht nur die ArbeitnehmerInnen in den Betreuungs- und Pflegeberufen wünschen sich mehr KollegInnen, sondern auch die Angehörigen von Menschen, die in einem Pflegeheim leben, äußern als ihren größten Wunsch „mehr Personal“!  

„Es ist mehr als offensichtlich: Es gibt zu viele Aufgaben für zu wenig Pflegepersonal. Und das gilt sowohl für die Langezeitpflege als auch im Krankenhaus. Es hat dramatische Folgen, wenn personelle Unterbesetzung das Bild der Pflege in der Öffentlichkeit prägt. Denn wir brauchen in absehbarer Zukunft viele neue Arbeitnehmer­Innen“, sagt Anderl und verweist darauf, dass die bald in Pension gehenden Pflegenden ersetzt werden und aufgrund des steigenden Bedarfs noch zusätzliche neue Pflegepersonen gefunden werden müssen.

Imagekampagnen alleine bringen nichts

Im sogenannten Masterplan der Regierung ist eine Imagekampagne für Pflegeberufe vorgesehen. Sie wird aber wenig bringen. Denn es sind nicht die Pflegenden, die ein schlechtes Image haben, sondern deren Arbeitsbedingungen. Die besten Maßnahmen sind daher jene, die gute Arbeit in der Pflege ermöglichen und damit gute Pflege für Menschen mit Unterstützungsbedarf sicherstellen. 

Steigend Anforderungen und Aufgaben

Das ist auch dringend notwendig, denn die ArbeitnehmerInnen berichten aus den mobilen Diensten und den Pflegehäusern von laufend steigenden Anforderungen und Aufgaben. Da geht es zum Beispiel um einen bestmöglichen Umgang mit Menschen mit Demenz, der viel Zeit für Vertrauensarbeit, Vermittlung von Sicherheit und Orientierung und Empathie braucht. Es gibt viele engagierte und besorgte Angehörige, mit denen Pflegende regelmäßig die Situation besprechen müssen. Dabei geht es nicht einfach nur um Information. Es ist ganz wichtig, auf die Ängste und Sorgen einzugehen, die Menschen in ihrer Situation ernst zu nehmen – auch das eine Aufgabe, die viel Zeit benötigt.  

Menschen mit Pflegebedarf sind heute häufig chronisch krank und haben auch mehrere Krankheiten gleichzeitig. Das benötigt eine hohe fachliche Kompetenz in der Pflege. Gleichzeitig beobachten Pflegende auch eine Zunahme der psychiatrischen Krankheitsbilder in der Langzeitpflege. Hier erhalten die MitarbeiterInnen bislang viel zu wenig fachliche Unterstützung. 

Nicht zuletzt kommt auch die soziale Komponente dazu. Viele alte Menschen sind alleinstehend, egal ob sie zu Hause oder in einem Pflegehaus wohnen. In diesen Situationen müssen Pflegende auch mit Problemen wie Einsamkeit umgehen.

Die Herausforderungen haben sich in den vergangenen Jahren sehr verändert. Sie wachsen und führen zu Stress, hoher Arbeitsdichte, mangelnder Zeit für die menschliche Begegnung und letztlich zu Überbeanspruchung. Die Methoden, um das erforderliche Pflege- und Betreuungspersonal zu ermitteln, haben sich hingegen über lange Jahre hinweg nicht verändert und sorgen für systematische Unterbesetzung. Auch die Zeitvorgaben in den mobilen Diensten entsprechen häufig nicht dem erforderlichen Ausmaß für gute, attraktive Pflege.  

Gute Pflege braucht ausreichend Zeit

In den mobilen Diensten bedeutet das mehr Zeit pro Hausbesuch, in den Pflegehäusern eine ausreichende personelle Besetzung in den Tag- und vor allem auch den Nachtdiensten. Das setzt eine bedarfsgerechte Personalberechnung voraus, die es derzeit nicht gibt. Die Grundannahmen der heute üblichen Personalbedarfsfeststellungen sind veraltet – teils über 20 Jahre alt –  und haben keine erklärbaren fachlichen Grundlagen. Dazu kommt, dass Zeiten und Personen in die Personalschlüssel hineingerechnet werden, die in der Praxis nicht verfügbar sind. Da werden KollegInnen in Fortbildungen, im Zeitausgleich, im Urlaub oder im Krankenstand, schwangere Mitarbeiterinnen, Leitungen, SchülerInnen und Ehrenamtliche mitgerechnet. Faktisch ist dieses Personal aber nicht da. Dass diese Berechnungen nur auf dem Papier stimmen, nicht aber in der Praxis, liegt auf der Hand. Die Überbeanspruchung ist vorprogrammiert. 

Deshalb fordert die AK:

Die Bundesregierung muss fachlich fundierte Grundlagen für eine bedarfsorientierte Personalberechnung schaffen, die alle Leistungsbestandteile einbezieht. Mit diesem Vorhaben muss so bald wie möglich begonnen werden, da die wissenschaftlich begleitete Entwicklung natürlich Zeit braucht. 

Um die Situation unmittelbar zu verbessern und die Arbeit in der Langzeitpflege attraktiv zu machen, müssen Sofortmaßnahmen ergriffen werden:

  • Unmittelbare gesetzlich verbindliche und österreichweite Vorgaben zur Verbesserung des Personaleinsatzes, damit MitarbeiterInnen genügend Zeit für ihre Aufgaben haben. Das bedeutet z.B. keine Nachtdienste mehr alleine in einer Station oder einem Wohnbereich – der Zusatzbedarf muss auch zusätzlich finanziert werden, sonst fehlt die Zeit am Tag.

  • Bessere Arbeitszeitmodelle: faire und verlässliche Dienstpläne, längere Freizeitblöcke (zB 3 Tage Arbeit/3 Tage am Stück frei).

  • Mehr fachliche Unterstützung in der Langzeitpflege durch medizinische Konsiliardienste, wie z.B. Gerontopsychiatrie.

  • Angleichen der Löhne in der Langzeitpflege an jene in den Krankenhäusern. Es ist nicht erklärbar, warum die Arbeit mit alten Menschen weniger wert sein soll als die mit jüngeren Menschen. 

  • Entscheidungskompetenzen der Pflege müssen gestärkt werden, z. B. in der Versorgung von Wunden oder der Gabe von rezeptfreien Arzneimitteln. Eine Pflegefachkraft darf derzeit kein rezeptfreies Schmerzmittel, Baldriantropfen oder andere rezeptfreie Medikamente verabreichen, die ansonsten jeder ungeschulte Laie anwendet. Eine im Wundmanagement ausgebildete Pflegefachkraft darf nicht eigenständig entscheiden, welche Salbe oder welcher Verband für die Wunde verwendet wird, obwohl sie es gelernt hat.

Downloads

Kontakt

Kontakt

Pressestelle der AK Wien und der Bundesarbeitskammer

Tel. : +43 1 50165 12565
Fax. : +43 1 50165 12209 
E-Mail: presse@akwien.at

nur für JournalistInnen -