13.3.2018
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Lehrlinge sollen etwas werden können

Die neue Bundesregierung hat ein „starkes Bekenntnis zur dualen Berufsausbildung“ in ihrem Programm und plant die „Aufwertung der Lehre durch eine Imagekampagne“. Nach Auffassung von Arbeiterkammer, Gewerkschaftsbund und Gewerkschaftsjugend muss sie aber noch ein paar Hausübungen machen, damit die Ausbildung für alle Lehrlinge passt. Für zwei von drei Lehrlingen sind die Lehr- und Lernbedingungen im Betrieb ok. Bei gut einem Drittel der Lehrlinge haben die Lehrbetriebe noch immer Aufholbedarf. Das ergibt der zweite österreichische Lehrlingsmonitor von Gewerkschaftsbund, Gewerkschaftsjugend und Arbeiterkammer. Das Österreichische Institut für Berufsbildungsforschung hat dafür die Angaben von 6.000 Lehrlingen im letzten Lehrjahr ausgewertet.

Das sagen die Lehrlinge

Insgesamt ergibt der zweite Lehrlingsmonitor leichte Verbesserungen im Vergleich zur ersten Untersuchung im Jahr 2015. Trotzdem sagt weiterhin fast ein Drittel der befragten Lehrlinge, es würde den/die verantwortliche/n AusbildnerIn nie oder nur selten im Betrieb sehen. Zwei von fünf sagen, sie würden in ihrem Lehrbetrieb kaum oder gar keine adäquate Rückmeldung über ihre Ausbildungsleistung bekommen – genauso viele wie 2015. Und weiterhin müssen mehr als ein Drittel der Lehrlinge unter 18 (36 Prozent) Überstunden machen, obwohl das eigentlich verboten ist. Auch in diesem Punkt hat sich nichts geändert 

In der Folge wollen vier von zehn Befragten nicht im Lehrbetrieb bleiben – fast die Hälfte davon auch nicht im Beruf. Insgesamt ist die Zustimmung zum Verbleib im erlernten Lehrberuf mit 70 Prozent höher als die Zustimmung zum Verbleib im Betrieb (61 Prozent). Zusätzliches Problem für die Jugendlichen: Es ist für viele nach wie vor schwer, überhaupt eine Lehrstelle in einem Betrieb zu finden. Trotz leichter Zunahme der Zahl der offenen Lehrstellen haben noch immer fast 23.000 Jugendliche keine Lehrstelle im Betrieb. 

Im Interesse der Jugendlichen und damit auch der Wirtschaft haben Gewerkschaftsbund, Gewerkschaftsjugend und Arbeiterkammer ein Programm für Ausbildungsqualität. Sie wollen die gesetzliche Einführung eines Qualitätsmanagements für die Berufsausbildung, die Zertifizierung von Lehrbetrieben auf Grund von Qualitätsnormen, regelmäßige Überprüfungen, ob die Normen eingehalten werden, und einen Kompetenzcheck mit einem Feedback an die Lehrlinge und Lehrbetriebe während der Ausbildung. Und damit alle Interessierten die Chance auf eine Lehre bekommen, müssen die Betriebe zusätzlich Lehrstellen schaffen. Außerdem darf die überbetriebliche Ausbildung nicht eingeschränkt werden.

Weltklasse? Nur teilweise

In der internationalen Diskussion herrscht breiter Konsens, dass das duale Ausbildungssystem, also Lehre im Betrieb plus Berufsschule, eine Reihe von Vorteilen mit sich bringt. Dazu zählen die Integration in die Arbeitswelt, das praktische Lernen am Arbeitsplatz, der finanzielle Vorteil durch die Lehrlingsentschädigung und der Erwerb von Beitragszeiten zur Pensionsversicherung. 

Doch während die duale Ausbildung zunehmend zum Exportschlager avanciert, entscheiden sich Jugendliche und ihre Eltern oft für berufsbildende mittlere oder höhere Schulen und streben eine Lehre erst dann an, wenn sie auf diesem Weg nicht erfolgreich sind. Um diesem Widerspruch auf den Grund zu gehen, haben die Arbeiterkammer und der ÖGB und die Gewerkschaftsjugend neuerlich eine umfassende Lehrlingsbefragung beauftragt. 

Ergebnis

Für zwei von drei Befragten passt die Ausbildung, für ein Drittel muss es deutliche Verbesserungen geben. 

Zwei von fünf befragten Lehrlingen bekommen kaum oder gar keine Rückmeldung zum Ausbildungsfortschritt. Fast ein Drittel der befragten Lehrlinge sieht den Ausbildner, die Ausbildnerin nur manchmal. Fast jede/r dritte Befragte gibt sogar an, immer oder häufig für ausbildungsfremde Tätigkeiten eingesetzt zu werden.

In der Folge wollen vier von zehn Befragten nicht im Lehrbetrieb bleiben – fast die Hälfte davon auch nicht im Beruf. Insgesamt ist die Zustimmung zum Verbleib im erlernten Lehrberuf mit 70 Prozent höher als die Zustimmung zum Verbleib im Betrieb (61 Prozent).

Lehrabschluss? Für jeden Vierten keine Chance

In Ermangelung bindender Qualitätskriterien ist die Lehrabschlussprüfung gegenwärtig das einzige Instrument zur Messung der Ausbildungsqualität. Werden die Erfolgsquoten bei der Lehrabschlussprüfung betrachtet, hat sich die Qualität nicht verbessert. 

Im Jahr 2010 sind von allen Lehrlingen, die in den Betrieben ausgebildet wurden, 17,4 Prozent beim Erstantritt zur Lehrabschlussprüfung nicht erfolgreich gewesen, 2015 waren es 17,5 Prozent. Lediglich die Nichtantrittsquoten zur Lehrabschlussprüfung sind gesunken: von 5,9 Prozent im Jahr 2010 auf 4,2 Prozent im Jahr 2015.

Rechte – Anspruch und Wirklichkeit

Jugendliche brauchen besonderen Schutz. Für sie gelten daher besondere arbeits- und sozialrechtliche Bestimmungen. So sind zum Beispiel Überstunden für Lehrlinge unter 18 Jahren in Österreich verboten. Ebenso sind die Lehrbetriebe zu Aufzeichnungen über die geleisteten Arbeitsstunden verpflichtet. Das gilt auch für die Leistung von Lehrlingen. 

Die Realität sieht in vielen Betrieben leider anders aus: Jeder dritte Lehrling unter 18 Jahren gibt an, regelmäßig Überstunden zu leisten. Weiters gibt ein Fünftel der Lehrlinge an, dass es für sie keine schriftliche Arbeitszeitaufzeichnung gibt; wobei jede/r siebente überhaupt nicht weiß, ob es im eigenen Lehrbetrieb eine schriftliche Arbeitsaufzeichnung für sie/ihn gibt.

Und noch immer: Zu wenige Lehrstellen in den Betrieben

Wirtschaftsvertreter sagen in letzter Zeit immer wieder, dass es in Österreich bereits mehr offene Lehrstellen als Lehrstellensuchende gäbe. Das stimmt einfach nicht. Die Lehrstellenlücke ist größer geworden. Fast 23.000 Jugendliche suchen eine Lehre im Betrieb, wenn zu den sofort Lehrstellensuchenden auch die Jugendlichen in Schulungen und in der überbetrieblichen Ausbildung gezählt werden.

Den fast 23.000 Jugendlichen, die trotz Suche keine Lehrstelle im Betrieb haben, bieten die Betriebe nur knapp 4.500 offene Lehrplätze an. Außerdem haben Jugendliche, die in Wien eine Lehre als MechatronikerIn suchen, nichts davon, dass in Tirol Lehrstellen für KöchInnen frei sind. Fast die Hälfte der offenen Lehrstellen bieten die Betriebe überhaupt nur in drei Bereichen an: im Tourismus, im Handel und für FriseurIn/KosmetikerIn/FußpflegerIn (47 Prozent). 

Vor diesem Hintergrund kann die Klage der Unternehmen über Fachkräftemangel nicht so ernst sein, wie sie klingt. Die Betriebe müssten nur mehr Lehrlinge aufnehmen, um den Mangel zu beheben.

Gleichzeitig ist klar: Solange die Zahl der Jugendlichen ohne Lehrstelle in einem Betrieb so hoch ist, darf die überbetriebliche Ausbildung nicht eingeschränkt werden – es könnten sogar zusätzliche Plätze nötig sein, damit alle Jugendlichen die Ausbildungspflicht erfüllen können, die seit vorigem Jahr gilt. Überdies gilt: Es darf auch zu keinen Einschränkungen beim Förderbudget des Arbeitsmarktservice kommen. 

Helfen würde auch ein Qualitätssicherungssystem, damit mehr Lehrlinge bei der Lehrabschlussprüfung antreten und erfolgreich abschließen.

Das Programm für mehr Qualität in der Ausbildung

Lehrbetriebe können sich inzwischen freiwillig beraten lassen, wenn sie ihre Ausbildung verbessern wollen. Aber nur eine verlässlich hohe Ausbildungsqualität, die sich nach transparenten und bindenden Qualitätsindikatoren ausrichtet, kann den Lehrlingen optimal jene fachlichen und persönlichen Kompetenzen vermitteln, die sie erfolgreich durch die Lehrabschlussprüfung und in eine qualifizierte Berufstätigkeit führen. 

Nötig ist ein gesetzlich verankertes Qualitätsmanagement in der betrieblichen Ausbildung und ein Kompetenzcheck (Teilprüfung) mit Feedback an die Lehrlinge und die Lehrbetriebe, um den Stand der Ausbildung überprüfen und während der Lehrzeit fehlende Lerninhalte nachholen zu können. Nur eine verlässlich hohe Ausbildungsqualität, die sich nach transparenten und bindenden Qualitätsindikatoren ausrichtet, kann den Lehrlingen optimal jene fachlichen und persönlichen Kompetenzen vermitteln, die sie erfolgreich durch die Lehrabschlussprüfung und in eine qualifizierte Berufstätigkeit führen. Die Forderungen von Gewerkschaftsbund, Gewerkschaftsjugend und Arbeiterkammer:

Forderungen
  • Gesetzliche Einführung eines Qualitätsmanagements für die Berufsausbildung in den Betrieben: Wenn es für die Qualität jeder Schraube Normen gibt, dann muss das auch für die Ausbildung der Fachkräfte gelten, die sie herstellen. Ein wichtiger erster Schritt wäre die Zertifizierung von Lehrbetrieben auf Grund von Qualitätsnormen – und regelmäßige Kontrollen durch externe PrüferInnen, ob die Normen eingehalten werden.
     
  • Verpflichtende Kompetenzchecks zur Mitte der Lehrzeit, um den Ausbildungsstand festzustellen. Damit können der Inhalt der Lehrabschlussprüfung besser aufgeteilt und allfällige Ausbildungsdefizite noch innerhalb der Lehrzeit nachgeholt werden. Am Ende der Lehrzeit mit der Lehrabschlussprüfung die erreichten Ausbildungsziele zu überprüfen, ist zu spät.
     
  • Qualitätsgebundene Fördermodelle statt „Gießkannenprinzip“. Engagierte Lehrbetriebe sollen mehr Lehrstellenförderung erhalten als Betriebe, die nur Minimalanforderungen erfüllen. Die finanziellen Förderungen für die Lehrbetriebe müssen sich an zu erreichenden Mindeststandards in der Ausbildung orientieren.
     
  • Facharbeitsfonds: Die ÖGJ fordert seit langem die Einführung des so genannten Facharbeitsfonds (Fachkräftemilliarde), in den Betriebe einzahlen, die nicht ausbilden, obwohl sie könnten, und der Betriebe unterstützt, die sich der Lehrausbildung annehmen. Ein ähnliches Konzept gibt es in der Vorarlberger Metallindustrie seit Jahren.
     
  • Monitoring der Erfolgsquoten in der Lehre: Die Antritts- und Erfolgsquoten müssen besser werden. Dafür soll es auch entsprechende Projekte in Branchen/Lehrberufen geben. Außerdem wäre es sinnvoll, wenn die Erfolgs- und die Durchfallquoten der Lehrabschlussprüfungen transparent und öffentlich einsehbar sind.
     
  • Es braucht gut qualifizierte AusbildnerInnen. Das geht nur mit verpflichtenden Weiterbildungen sowohl fachlich als auch pädagogisch. Und die AusbildnerInnen – in vielen Betrieben sind das MitarbeiterInnen, die vor allem andere Aufgaben haben und Ausbildung „nebenbei“ erledigen – müssen ausreichend Zeit für die Ausbildung und Unterstützung der Lehrlinge haben.
     
  • Motivation, respektvoller Umgang miteinander, Erfolgserlebnisse, vielfältige Aufgaben und Tätigkeiten und ein positives Lernklima sollen für die Lehrlinge organisiert werden.
     
  • Lehrabschlussprüfung: Lehrlinge sollen „automatisch“ zur Abschlussprüfung eingeteilt werden und sich nicht mehr extra selbst anmelden müssen. Die Prüfungen sollen öffentlich zugänglich sein – wie die Matura in den Schulen. Und Lehrlinge sollen die Prüfungstaxen nicht mehr vorfinanzieren müssen, bevor sie vom Betrieb zurückerstattet werden. Die Behörden sollen die Taxen direkt bei den Betrieben einheben.

Daten zur Umfrage: Die Auswertung berücksichtigt die Angaben von 6.000 Lehrlingen im letzten Lehrjahr (bereinigte Nettostichprobe), die in Lehrbetrieben in allen österreichischen Bundesländern ausgebildet wurden. Die Befragung erfolgte zwischen November 2016 und Mai 2017 mittels Online-Fragebögen in Berufsschulen quer über alle Branchen; Durchführung: öibf – Österreichisches Institut für Berufsbildungsforschung.

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