Lehrling mit Ausbilder © Seventyfour, stock.adobe.com
Lehrling mit Ausbilder © Seventyfour, stock.adobe.com
30.3.2021

Jugendliche: Gute Ausbildung dringend gesucht

Die offizielle Zahl von derzeit über 6.500 Lehrstellensuchenden in Österreich wäre schlimm genug. Tatsächlich ist ihre Zahl mit knapp 21.000 mehr als dreimal so hoch, zeigt die aktuelle Analyse der AK ExpertInnen. Auch die Jugendlichen in Schulungen des Arbeitsmarktservice und in der überbetrieblichen Ausbildung brauchten ja eigentlich eine Lehrstelle in einem Betrieb. Die Lücke zwischen Lehrstellensuchenden und offenen Lehrstellen ist in der Corona-Krise größer geworden.

Wer das Glück hat, doch noch eine Lehrstelle im Betrieb gefunden zu haben, wird manche Corona-bedingt notwendige Maßnahme seitens der Bundesregierung vermissen: Für den Distanz-Unterricht der Berufsschulen während der Schul-Lockdowns hatten viele keine passenden digitalen Geräte, bis die Arbeiterkammer als Erste einsprang. Zum Teil fehlten FFP2-Masken und Test-Kits für die Lehrlinge in der Berufsschule. Und während es für die anderen Schulen ein eigenes Förderbudget gibt, um im Schul-Lockdown Versäumtes nachzuholen, ist das für die Berufsschulen nicht vorgesehen.

Nachschau

Auf der Pressekonferenz präsentierten Arbeiterkammer und Gewerkschaftsjugend, wie groß die Lehrstellenlücke tatsächlich ist und was jetzt für die Jugendlichen getan werden muss. Sie können das Pressegespräch hier nachsehen. 


Jugendliche brauchen dringend mehr Unterstützung

Arbeiterkammer und Gewerkschaftsjugend fordern für die Lehrlinge und die, die Lehrstellen suchen, endlich ausreichend Unterstützung durch die Bundesregierung. Sie fordern etwa mehr Plätze in der öffentlich finanzierten überbetrieblichen Ausbildung und ein Förderpaket zur Unterstützung der Lehrlinge, die sich heuer auf die Abschlussprüfung vorbereiten.

Nach wie vor entscheiden sich in Österreich knapp zwei Fünftel der Jugendlichen mit 15 Jahren für eine Lehrausbildung. Derzeit haben sie es allerdings schwer, eine Lehrstelle in einem Betrieb zu bekommen. Bei den BildungsberaterInnen der Arbeiterkammer Wien melden sich immer wieder Jugendliche und ihre Eltern auf der Suche nach einem Ausbildungsplatz. Viele haben mit den Unternehmen, bei denen sie sich beworben haben, schlechte Erfahrungen gemacht. Nur drei Beispiele: 

  • Wegen Corona-Krise wieder heimgeschickt: Ein Mädchen hat sich intensiv beworben, bekam endlich eine Lehrstelle als Kanzleiassistentin. Die Freude war groß. Doch nach zwei Wochen hieß es: Wegen Corona sei es nicht möglich, sie auszubilden. Sie sucht noch immer im Bereich Verwaltung oder Büro. 

  • Falsche Versprechungen: Ein anderes Mädchen hatte im Handel eine Lehrstelle gefunden – glaubte sie. Tatsächlich war das Angebot an sie eine geringfügige Beschäftigung. In einem Jahr, hieß es, könnte sie vielleicht eine Lehre anfangen. 

  • Corona-Infektion – Firma meldete Burschen ab: Ein Bursch erkrankte an Corona. Die Firma nahm das zum Anlass, ihn in der Probezeit abzumelden.

Lehrstellenlücke ist wieder größer geworden

Offiziell wird derzeit von 6.519 Lehrstellensuchenden ausgegangen, denen die Unternehmen 5.272 offene Lehrstellen anbieten. Das wäre schlimm genug. Gleichzeitig beklagen sich Wirtschaftsvertreter, dass sich zu wenige Jugendliche um eine Lehrstelle bewerben würden, und es wird auch kritisiert, dass es zu wenig SchulabbrecherInnen gibt, weil es derzeit möglich ist, mit einem Fünfer im Jahreszeugnis einer mittleren oder höheren Schule automatisch in die nächste Klasse aufzusteigen.

Tatsächlich sind derzeit keineswegs zu wenige Jugendliche auf Lehrstellensuche. Zu ihnen gehören nicht nur jene, die derzeit als sofort lehrstellensuchend gemeldet sind, sondern auch Lehrstellensuchende in Schulungen des Arbeitsmarktservice und in der öffentlich finanzierten überbetrieblichen Ausbildung. Insgesamt sind das fast 21.000. Es fehlen nicht die Lehrstellensuchenden, sondern ein ausreichendes Angebot an offenen Lehrstellen in den Betrieben.

Lehrstellensuchende in Österreich © Arbeitsmarktservice
Bild teilen

Besonders dramatisch: Offene Lehrstellen fehlen gerade in jenen Branchen, die noch vor einem Jahr gut die Hälfte aller offenen Lehrstellen angeboten haben – im Handel, im Tourismus und bei den FriseurInnen. Sie bieten derzeit rund 2.000 offene Lehrstellen an. Vor einem Jahr waren es zur selben Zeit noch knapp 3.300.

Lehrlinge – von der Bundesregierung im Stich gelassen

Junge fühlen sich von der Politik nicht gehört – das bestätigt auch die unlängst veröffentlichte Ö3-Jugendstudie. Fast 80 Prozent der 16-17-jährigen Berufstätigen geben an, dass die Politik bei der Bekämpfung der Corona-Pandemie die Probleme der jungen Generation nicht berücksichtigt. Dieses Bild spiegelt sich wider, wenn man sich ansieht, was die Bundesregierung bisher zur Abfederung der Krise für Lehrlinge unternommen hat – wenig bis gar nichts.

Spätestens seit letztem September hätte es einen Plan für die Sicherstellung der Lehrlingsausbildung für alle Lehrlinge gebraucht. Doch außer einer Lehrlings-Taskforce und dazugehörigen PR-Gags ist seitens der Bundesregierung nichts gekommen. Bildungsminister Faßmann hat überdies die BerufsschülerInnen als SchülerInnen zweiter Klasse behandelt. Sei es beim Fördertopf für Nachhilfe, der für alle SchülerInnen, außer BerufsschülerInnen, vorgesehen ist, der Belieferung der Berufsschulen mit Testkits oder bei der Ausstattung von BerufsschülerInnen mit Laptops für das Distance Learning. Die Ausbildung von Lehrlingen zu den Fachkräften von morgen muss der Bundesregierung genau so viel Wert sein, wie die der anderen SchülerInnen.

Es braucht einen langfristigen Plan, ABER vor allem eine kurzfristige Lösung für die jungen Menschen, die aktuell betroffen sind. Viele Lehrlinge waren oder sind noch immer aufgrund des Lockdowns nicht im Betrieb und können dementsprechend nicht kontinuierlich ausgebildet werden. Beispielsweise, wenn sie in einem der tausenden geschlossenen Hotels, Restaurants, Friseur- oder Kosmetikstudios ihre Lehre absolvieren. Die Berufsschule kann vieles abfedern, aber nicht alles. Denn der Großteil der dualen Ausbildung ist die betriebliche Ausbildung, und die muss im Betrieb stattfinden. 

Die Bundesregierung muss eine qualitativ hochwertige Ausbildung unserer Lehrlinge sicherstellen und dafür Betriebe und Lehrlinge unterstützen. Lehrabschlussprüfungen müssen regulär unter Einhaltung aller Sicherheitsvorkehrungen zum vorgesehenen Zeitpunkt stattfinden können. Denn nur mit einem guten Abschluss und einer qualitativ hochwertigen Ausbildung haben junge Menschen auch gute Zukunftsperspektiven. Perspektiven und Sicherheit benötigen aber auch jene Lehrlinge, die in Unternehmen ausgebildet werden, die von Insolvenz betroffen sind. Lehrlinge, die davon betroffen sind, müssen daher bei der Suche nach einem neuen Ausbildungsbetrieb bestmöglich unterstützt werden.

Die Top 3 Lehrberufe halten sich sowohl bei Mädchen als auch Jungen hartnäckig. Österreich hat eine Bandbreite an Lehrberufen anzubieten, die jungen Menschen aber nicht vermittelt wird. Die Berufsorientierung an den Schulen funktioniert in diesem Bereich offenbar seit Jahren nicht und muss daher fundamental verbessert werden. Dadurch kann das Interesse an „Randberufen“ und neuen Lehrberufen geweckt und offene Lehrstellen in diesen Bereichen besser besetzt werden sowie zur Aufwertung der dualen Ausbildung generell beitragen.

Im Herbst droht Zuspitzung der Lage

So schwer es für Jugendliche jetzt schon ist, eine Lehrstelle zu finden: Die AK ExpertInnen rechnen, dass es im Herbst noch schlimmer wird. Dafür sehen sie drei Gründe.

  • Voraussichtlich mehr AbgängerInnen von Schulen: Gespräche mit SchuldirektorInnen haben ergeben, dass sich im vergangenen Schuljahr mehr SchülerInnen dafür entschieden haben, in der Schule zu bleiben, da es eben schwierig war, eine Lehrstelle zu finden. Vor allem in den berufsbildenden mittleren und höheren Schulen sind aber SchülerInnen, die möglicherweise doch eine Lehre bevorzugen, daher vorzeitig die Schule abbrechen und auf den Lehrstellenmarkt drängen. Dazu kommen die AbsolventInnen der Polytechnischen Schulen. 

  • Insolvenz von Betrieben, die derzeit Lehrlinge ausbilden: Mit Auslaufen der Überbrückungsmaßnahmen wegen der Corona-Krise droht die Zunahme der Insolvenzen, besonders in kleineren Betrieben und in Branchen wie dem Einzelhandel, dem Tourismus und bei den FriseurInnen. Auch hier werden Lehrlinge ihre Lehrstelle verlieren und nach Betrieben suchen, wo sie ihre Lehre fortsetzen können. 

  • Grundsätzlich weniger Lehrstellen-Angebote wegen Unsicherheit über die wirtschaftliche Entwicklung: Vor allem in der Gastronomie und im Handel herrscht große Unsicherheit über die weitere wirtschaftliche Entwicklung. Es ist zu vermuten, dass es hier ein geringeres Angebot an Lehrstellen geben wird im Vergleich zur Zeit vor den Lockdowns. 

    Aufgrund der Ausbildungspflicht bis 18 können die Jugendlichen identifiziert werden, die sich noch in keiner an die Pflichtschule anschließenden Ausbildung befinden. Besonders in der Krise muss die Ausbildungspflicht bis 18 ihre Wirkung entfalten. Damit besteht die Verpflichtung, allen Jugendlichen einen angemessenen Ausbildungsplatz anzubieten – sei es in der Schule oder in der Lehre.

Unsere Forderungen

Schon jetzt müssen Maßnahmen für mehr Lehrstellen gesetzt werden, um die Lage am Lehrstellenmarkt zu entschärfen. Dafür ist es einerseits notwendig, dass alle Lehrlinge in der vorgesehenen Lehrzeit ihre Lehre abschließen können. Gleichzeitig muss auch allen Jugendlichen ein Ausbildungsplatz angeboten werden. Auch junge Arbeitslose müssen ausreichend Unterstützung bekommen – zum Beispiel die Möglichkeit, einen Lehrabschluss nachzuholen, um die Einstiegschancen in eine Beschäftigung zu erhöhen. Dafür wollen Arbeiterkammer und Gewerkschaftsjugend:

  • genügend Plätze in der überbetrieblichen Ausbildung;
     
  • ausreichend angemessene Ausbildungs- und Qualifikationsmöglichkeiten im Zusammenhang mit der Ausbildungspflicht bis 18;

  • Betriebe müssen den Jugendlichen eine Chance geben, denn die Ausbildung von Fachkräften für die Zeit nach der Krise ist auch in ihrem Interesse. Es soll keine verlorene Corona-Generation geben.

  • Freistellung vom Betrieb für Lerntage, die die Lehrlinge beispielsweise zusätzlich in der Berufsschule oder in anderen Kursmaßnahmen zum Nachholen und Festigen des Lernstoffs nutzen können.

  • Unterstützung der BerufsschülerInnen, um sich auf die Lehrabschlussprüfung vorbereiten zu können, um Lernrückstände aufholen zu können, die sowohl die praktischen als auch die theoretischen Unterrichtsfächer betreffen können.

  • Verstärkte Aufnahme von Lehrlingen im öffentlichen Dienst, wie es beispielsweise die Stadt Wien bereits macht.
     
  • Verstärkte und intensive Berufsorientierung als Lehrinhalt in den Pflichtschulen.

  • Finanziert werden könnten diese Forderungen mit Hilfe des EU-Aufbaufonds für die Wirtschaft nach Corona: Die Bundesregierung muss konkrete Vorschläge einreichen, die den guten Einstieg von Jugendlichen ins Arbeitsleben beinhalten.

Kontakt

Kontakt

Pressestelle der AK Wien und der Bundesarbeitskammer

Tel. : +43 1 50165 12565
Fax. : +43 1 50165 12209 
E-Mail: presse@akwien.at

nur für JournalistInnen -