Schülerin mit Schultasche © detailblick-foto , stock.adobe.com
© detailblick-foto , stock.adobe.com
28.5.2021

Familien unter Druck – Bedarf an Nachhilfe steigt durch Covid

Die langen Monate des Distance-Learning haben den Lerndruck in den Familien massiv erhöht. Die aktuellsten Ergebnisse der AK-Nachhilfebefragung zeigen nun deutlich, dass Familien versuchen, mittels privat finanzierter und organisierter Nachhilfe den Lernstoff im Distance-Learning zu bewältigen und ihre Kinder vor möglichen Lernrückständen zu schützen. 

Pressekonferenz „Nachhilfe: Mehr Bedarf durch COVID?“

mit AK Präsidentin Renate Anderl und AK Bildungsexpertin Elke Larcher: 


Bedarf nach Nachhilfe stark gestiegen

Das Zurückgreifen auf private Nachhilfe belastet das Geldbörserl der Familien stark. Für viele Familien ist das allerdings keine Option, sie können sich die bezahlte Nachhilfe nicht leisten. 

Schulen haben sich oftmals ebenfalls bemüht und Nachhilfe bzw. Förderunterricht in Bildungseinrichtungen angeboten. Dennoch sind die Belastungen (finanziell, psychisch, …) bei allen Beteiligten am Endes des Schuljahres enorm – wie auch schon die vorherigen Sonderbefragungen im Rahmen der AK Schulkostenstudie gezeigt haben.

Etwas weniger Tempo beim Lernen. Vor den Osterferien kam ein Schreiben, dass es keine Tests und Schularbeiten vor Ostern geben wird. Genau das Gegenteil war der Fall. Zwischen Semester- und Osterferien gab es alle 3 Schularbeiten und zusätzlich jede Menge Tests und Wiederholungen. Und man bedenke, es gibt ja wöchentlich nur 2 Schultage. Vielleicht können sie sich vorstellen, wie lustig es für ein Kind ist, wenn es von Montag bis Sonntag lernen muss um das alles unter einen Hut zu bringen. (Mutter, 2 Kinder, Mittleres Einkommen)

37 Prozent der SchülerInnen bekamen Nachhilfe – und die Corona-Krise reißt die Lernschere zwischen jenen Kindern auf, denen die Eltern gut helfen können, und jenen, bei deren Eltern das nicht möglich ist: Das zeigt die AK Nachhilfebefragung 2021 im Rahmen der Schulkostenstudie, für die über 1.000 Eltern mit rund 1.700 Schulkindern befragt wurden. Die Arbeiterkammer fordert, dass kurzfristig das Betreuungsverhältnis in den Schulen im kommenden Schuljahr verbessert wird. Langfristig müssen Schulen für die zukünftigen Herausforderungen vorbereitet werden – mit flächendeckenden, hochwertigen und beitragsfreien Ganztagsschulen und einer gerechten Schulfinanzierung nach dem AK-Chancenindex. 

„Der kostenlose Schulbesuch ist eine gesellschaftliche Errungenschaft. Ein guter Abschluss ist aber immer öfter nur durch teuren, privaten Zusatzunterricht möglich“, kritisiert AK Präsidentin Renate Anderl. „Jedes Kind braucht eine faire Chance, seinen Platz in unserer Gesellschaft zu finden – unabhängig von den finanziellen oder zeitlichen Ressourcen der Eltern.“ Die AK Präsidentin fordert: „Wir müssen die Zeit jetzt für eine Neuorganisation der Schulen nützen und in die Schulzeit unserer Kinder investieren. Wir brauchen eine Schule, in der die Kinder genug Zeit und Unterstützung bekommen, damit sie das Gelernte durch individuelles Üben festigen können.“

Die Fakten belegen den Bedarf der Kinder

  • 367.000 Kinder und Jugendliche bekamen heuer private Nachhilfe – (37 Prozent). 

  • Viele hätten insbesondere nach dem besonderen letzten Schuljahr Nachhilfe gebraucht: 27 Prozent der Eltern ohne Nachhilfe hätten gerne Nachhilfe für ihre Kinder gehabt aber konnten keine organisieren, vor allem, weil die Eltern nicht dafür zahlen können. 

  • Bereits vor der Krise haben die Kinder ihre Eltern als unfreiwillige NachhilfelehrerInnen gebraucht: Das Lernen und Üben kommt in der Schule zu kurz und so wird der Schulerfolg zur Herausforderung für den Familienalltag. Durch die langen Phasen des Distance-Learnings wurden noch mehr Eltern unfreiwillige NachhilfelehrerInnen, über 80 Prozent der Eltern haben zumindest einmal in der Woche mit ihren Kindern gelernt.

Heuer bekamen rund 367.000 Kinder (37 Prozent) Nachhilfe – das ist eine klare Steigerung von 10 Prozent. Zusätzlich ist der Anteil an Kinder die laut Angabe ihrer Eltern private Nachhilfe gebraucht hätten, aber keine bekamen, enorm angestiegen (2020: 7 Prozent auf 2021: 27 Prozent der Eltern mit Kindern ohne bezahlte Nachhilfe). 

Grafik © SORA
Bild teilen © SORA

Im Durchschnitt gab eine Familie, die für Nachhilfe zahlt, im heurigen Schuljahr dafür rund 360 Euro pro Kind aus. Die Gesamtausgaben der Eltern für Nachhilfe betragen bis zum Schulschluss etwa 62 Millionen Euro österreichweit. 

Corona-bedingt war die Nachhilfe viele Wochen lang kaum möglich, daher ist zwar der Bedarf und der Anteil der Kinder und Jugendlichen, die Nachhilfe brauchen gestiegen, die Ausgaben der Familien für bezahlte Nachhilfe aber zurückgegangen. Die größer werdende Zahl von kostenlosen Nachhilfeangeboten kann den Bedarf von Nachhilfe nicht decken. 

Unterstützung vor allem in Mathematik und Deutsch 

Der Bedarf an Nachhilfe in Mathematik ist gleichbleibend hoch – 68 Prozent aller SchülerInnen, die Nachhilfe bekommen, brauchen in diesem Fach zusätzliche Unterstützung. Ein Anstieg zeigt sich bei der Nachhilfe in Sprachen: 47 Prozent bekommen Nachhilfe in Deutsch, 37 Prozent in einer Fremdsprache. 

Die bezahlte Nachhilfe wurde von Nachhilfe-Instituten (37 Prozent), StudentInnen (30 Prozent), LehrerInnen (27 Prozent) und anderen Personen (29 Prozent) oftmals aus dem Bekanntenkreis der Eltern gegeben. 

Die Nachhilfebefragung 2021 zeigt: Viele Familien haben privat Nachhilfe finanziert um den fehlenden Unterricht während des Distance-Learning zu kompensieren (39 Prozent). Weiters zeigt sich, dass sich der Trend der Vorjahre fortsetzt: Mit Nachhilfe soll oft nicht „Sitzenbleiben“ (22 Prozent) verhindert werden, sondern immer öfter eine oder mehrere Noten verbessert werden (18 Prozent), um die Chancen auf den Aufstieg in eine ausgesuchte weiterführende Schule zu steigern. Bildungschancen hängen daher stark vom Geldbörserl der Eltern ab.

   Der Alttext fehlt. Es muss mind. ein Copyright-Feld gesetzt sein.  Dieses Bild teilen über:  Twitter | Facebook  Bild herunterladen | in Originalgröße anzeigen  Bild teilen © (C) Tea Mina Jamarez
Bild teilenDerzeitiger Notenstand bei den Nachhilfen © (C) Tea Mina Jamarez

Nachhilfe ist für viele in der Krise nicht leistbar

Viele Familien können sich teuren Privatunterricht nicht leisten. Schlechtere Chancen haben Kinder von WenigverdienerInnen und KrisenverliererInnen. 

Nicht alle Kinder, die Nachhilfe brauchen, bekommen sie: In den vergangenen Jahren hatten zwischen 5 und 9 Prozent der Eltern den Wunsch, bezahlte Nachhilfe für ihre Kinder zu bekommen, aber keine erhalten. Durch COVID hat sich der Anteil an Eltern, deren Kinder keine Nachhilfe bekommen, aber eine brauchen, vervielfacht.

Grafik © SORA
Bild teilen © SORA

Alleinerziehende und ihre Kinder trifft das in besonderem Ausmaß. Häufig müssen Alleinerziehende mit nur einem Einkommen die hohen Ausgaben, die Belastung des Lernens und Übens für die Schule der Kinder nach der Arbeit und den emotionalen Druck zu Hause alleine bewältigen. Während der COVID-Krise sind darüber hinaus soziale Netzwerke zur Unterstützung weggefallen und das Distance-Learning ist als weitere Belastung hinzugekommen.

Diese Mehrfachbelastung der AlleinerzieherInnen ist unzumutbar. 24 Prozent der Alleinerziehenden, die im Regelfall ein unterdurchschnittliches Haushaltseinkommen haben, haben für ihr Kind bezahlte Nachhilfe gehabt, bei den anderen Haushalten waren es 15 Prozent. JedeR dritte AlleinerziehendeR (32 Prozent) hätte gerne Nachhilfe für sein/ihr Kind gehabt, konnte sich diese aber nicht leisten oder organisieren. Von den Alleinerziehenden mit einem Nachhilfekind haben sich sechs von zehn Betroffenen mit der Finanzierung der Nachhilfe sehr schwer getan.

So gut wie alle Kinder brauchen aktuell die Eltern zum Lernen

Es sollte mehr Nachhilfe in den Schulen direkt angeboten werden, für schwächere Kinder! Ich fühle mich als Elternteil massiv überfordert (neben meiner 30 Std. Arbeitsstelle) mit dem täglichen Lernbedarf! Es sollte nicht alles an die Eltern abgeschoben werden! (Mutter, 1 Kind, Niedriges Einkommen)

So gut wie täglich lernt aktuell die Hälfte der Eltern mit ihren Kindern, mehr als 80 Prozent zumindest einmal pro Woche. Schulkinder brauchten bereits vor der Schulschließung wegen Corona die Hilfe ihrer Eltern beim Lernen, mit dem Distance-Learning wurde das gemeinsame Lernen endgültig zur Belastung des Familienalltags. Mütter oder Väter kontrollieren nach der Arbeit die Hausübungen, sie lernen mit ihnen für Prüfungen und Schularbeiten und erklären Aufgabenstellungen.

Erneuerung jetzt einleiten: Schule als wichtigster Lernort

Für uns als Eltern waren die letzten 2 Schuljahre mit einem extremen Lern/Erkläraufwand verbunden, damit unsere Kinder überhaupt halbwegs Leistung bringen konnten. Diese Art von Nachhilfe/ Lernunterstützung kostet uns als Eltern zwar kein Geld, doch ist dies extrem zeitaufwändig neben unseren Jobs. (Mutter, 2 Kinder, mittleres Einkommen)

Corona-bedingt waren die SchülerInnen viele Monate im Distance-Learning, und Lernen fand ausschließlich in den Familien statt. Die Arbeiterkammer tritt dafür ein, dass die Zeit nach COVID für eine Erneuerung genützt wird. Denn die Corona-Krise zeigt die grundlegenden Probleme der österreichischen Schule mit übergroßer Deutlichkeit: Wenn Eltern selbst LehrerInnen sein müssen, geht die Lernschere zwischen den Kindern weiter auf und der Schulerfolg wird zur Belastung fürs Familienleben. 

Die Arbeiterkammer will, dass jedes Kind von der Schule unterstützt wird und seine Talente entfalten kann. AK Präsidentin Renate Anderl: „Wir können uns die Schule von gestern nicht mehr leisten: Kinder werden nach ihren Schwächen beurteilt, verzweifeln manchmal an ihren Noten. Lehrerinnen und Lehrer haben kaum Raum, um auf individuelle Bedürfnisse einzugehen. Eltern müssen teuren Privatunterricht in Form von Nachhilfe zukaufen oder selbst die Rolle der Zusatz-Lehrkraft übernehmen. Oder die Kinder bleiben alleine gelassen zurück, und die Lernschere geht auf. So eine Schule ist ungerecht und nicht zukunftsfit. Die Schulen müssen es den Kindern ermöglichen, daheim nur Kind zu sein und sich nicht zwischen Hausübung, Nachhilfe und Freizeit aufreiben zu müssen.“

Unsere Forderungen

  • In die Zukunftschancen der Kinder und Jugendlichen investieren – die Lernschere schließen: Kinder sollen nicht auf die Geldtasche und Zeit ihrer Eltern angewiesen sein, um die Lernziele zu erreichen. Die Arbeiterkammer verlangt ein besseres Betreuungsverhältnis an den Schulen um individuelles Lernen in der Schule im nächsten Schuljahr zu ermöglichen. Dafür müssen kurzfristig besondere Lernumgebungen geschaffen werden, so dass jedes Kind seine Chance entwickeln kann.

    Konkret braucht es im kommenden Schuljahr mehr Personalressourcen für die Schulen, damit in den Fächern Mathematik und Deutsch in den ersten fünf Schulstufen zwei LehrerInnen pro Klasse (Klasse ab 16 SchülerInnen) unterrichten können, für höhere Schulstufen sollen Förderstunden schulautonom eingerichtet werden können. Insgesamt fordert die Arbeiterkammer Investitionen im Ausmaß von 400 bis 450 Mio. für die ersten fünf Schulstufen.  

  • Anerkennung erbrachter Kompetenzen im COVID-Schuljahr: SchülerInnen, Eltern und LehrerInnen haben im letzten Schuljahr eine Vielzahl an neuen Kompetenzen und Leistungen erlernt und erworben -  von Digitalisierungskompetenzen bis hin zur Selbstorganisation. Diese neu erworbenen Kompetenzen sollen für SchülerInnen wertgeschätzt und deshalb auch am Ende des Schuljahres sichtbar gemacht werden.  

  • Weder Normalbetrieb noch Distance-Learning: Das kommende Schuljahr muss solide vorbereitet werden, damit sicherer Schulbetrieb jedenfalls ohne Distance-Learning möglich ist. Für die Akzeptanz und die Bewältigung der COVID-Maßnahmen ist die Verlässlichkeit und Planbarkeit für Schulen wie Familien entscheidend. Die Maßnahmen müssen abhängig von dem Pandemiegeschehen in Szenarien geplant und anhand transparenter Kriterien getroffen und umgesetzt werden. Die kurzfristige Kommunikation neuer Maßnahmen senkt das Vertrauen und erhöht den Druck auf Familien wie Schulen. Diese zusätzliche Belastung durch kurzfristige Planung und Kommunikation sind vermeidbar. 

  • Alleinerziehende nicht allein lassen: Alleinerziehende Mütter und Väter hat die COVID-Krise in besonderem Ausmaß getroffen. Sowohl die finanziellen als auch die psychisch-emotionalen Belastungen waren enorm. Die Arbeiterkammer fordert die Bundesregierung auf, ein Entlastungspaket und Ferienangebote für Alleinerziehende zu schaffen. 

Mittelfristig Schulen krisenfest machen

  • Treffsicher investieren – Schulfinanzierung nach dem AK-Chancenindex für alle Schulen: Jedes Kind soll gut gefördert werden und Lernerfolg haben können, unabhängig davon, wie viel Geld die Eltern haben. Bei einer Bildungsfinanzierung nach Chancenindex bekommen Schulen umso mehr Mittel, je mehr SchülerInnen sie haben, denen die Eltern selbst nicht beim Lernen helfen können. Diese Schulen waren von Corona besonders betroffen. Die Arbeiterkammer fordert die zeitnahe Umsetzung des Chancenindex für alle Schulen österreichweit. 

  • Lernräume für alle eröffnen, beitragsfreie hochwertige Ganztagsschulen flächendeckend anbieten: Die AK Nachhilfebefragung zeigt eindeutig, dass der Schulerfolg der eigenen Kinder zur Mammutaufgabe für Eltern wird. Die echte Ganztagsschule entlastet Eltern vom Lernen mit den Kindern und von teurer privater Nachhilfe. Notwendig sind Schulen, in denen LehrerInnen mehr Raum zum Üben mit ihren SchülerInnen bekommen; in denen Lernen, Üben und Freizeit gut miteinander verbunden werden können. Investitionen in den Ausbau von Ganztagsschulen fördern die Lernchancen der Kinder und Vereinbarkeit von Beruf und Familie und schaffen Arbeitsplätze. 

SORA-Befragung unter 1.035 Eltern mit 1.673 Schulkindern. Befragungszeitraum 4. bis 17. Mai 2021. 


Downloads

Kontakt

Kontakt

Pressestelle der AK Wien und der Bundesarbeitskammer

Tel. : +43 1 50165 12565
Fax. : +43 1 50165 12209 
E-Mail: presse@akwien.at

nur für JournalistInnen -