grüne Zahnräder mit Naturymbolen  © j-mel , stock.adobe.com
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Stück für Stück: Neuerungen für die Nachhaltigkeits­berichterstattung

Im April 2021 hat die EU-Kommission Vorschläge für neue Regeln zur Nachhaltigkeitsberichterstattung veröffentlicht, die Auswirkungen für Vorstand und Aufsichtsrat nach sich ziehen: Mit den geplanten Bestimmungen der Corporate Sustainability Reporting Directive („CSRD“) soll die bisher geltende nichtfinanzielle Berichtspflicht für (bestimmte) europäische Unternehmen im Hinblick auf Anwendungsbereich, Umfang und Verankerung in der Corporate Governance deutlich erweitert werden. So soll es künftig eine verpflichtende Befassung zum Nachhaltigkeitsbericht im Prüfungsausschuss sowie eine externe Prüfung durch Dritte geben. ArbeitnehmervertreterInnen im Aufsichtsrat können hier Vorreiter sein und schon jetzt verstärkt strategische Fragen aus dem Nachhaltigkeitsbericht z.B. zu beschäftigungsrelevanten Kennzahlen (wie Fluktuation, Aus- und Weiterbildungskosten nach Geschlecht und Alter, etc.) im Aufsichtsrat und Prüfungsausschuss einbringen.

Bestimmungen sollen ab 2023 in Kraft treten

Mit dem nunmehr vorliegenden Richtlinienentwurf der EU-Kommission werden die Weichen für die Zukunft der europäischen Nachhaltigkeitsberichterstattung neu gestellt, dafür ist es höchst an der Zeit. Spätestens seit dem Green Deal (2019), aber auch schon im Zuge des Aktionsplans zur Finanzierung nachhaltigen Wachstums (2018) hat sich die Kommission auf die Fahnen geheftet, mittels Gesetzgebung die Umlenkung von Finanzierungsmitteln in nachhaltige Investitionen voranzutreiben. Die dafür notwendigen Unternehmensinformationen stehen bislang jedoch nicht in der erforderlichen Qualität zur Verfügung. Vor diesem Hintergrund ist die grundlegende Stoßrichtung des Vorschlags für eine neue, europäische Nachhaltigkeitsberichterstattung wie auch der ambitionierte Zeitplan sehr positiv zu bewerten: Bereits für Geschäftsjahre, die ab 2023 beginnen, sollen die neuen Berichtspflichten zur Anwendung kommen.

„Doing well by doing good“

Der Kommissionsvorschlag stellt primär konkretere Berichtsvorgaben in Aussicht: Die neue Berichterstattung sieht erweiterte Anforderungen in Bezug auf Inhalt (z.B. Ziele und Strategien), Format (z.B. retrospektive und prospektive Informationen) und Sachverhalt (z.B. Abdeckung der gesamten Wertschöpfungskette, neue Governance-Belange) vor. Zudem werden legistische Lücken geschlossen: Durch den erweiterten Kreis der berichtspflichtigen Unternehmen, zum erhöhten Informationsbedarf im Finanzsektor sowie durch neue Angabepflichten zur Taxonomie-Verordnung. Dabei geht es nicht um das Reporting als Selbstzweck, vielmehr braucht es die neuen, verbindlichen Regeln, um den Boden für nachhaltiges und gerechtes Wirtschaften aufzubereiten.

AK Forderungen 

Der ambitionierte Richtlinienvorschlag der EU-Kommission zur Nachhaltigkeitsberichterstattung von Unternehmen darf keinesfalls verwässert werden.“

Alice Niklas, Betriebswirtin, AK Wien

AK-Forderung #1: Erweiterung des Anwendungsbereichs

Umfasst werden ab 2023 alle großen Kapitalgesellschaften gemäß Bilanzrichtlinie, große Banken und Versicherungsunternehmen sowie alle innerhalb der EU auf geregelten Märkten gelisteten Unternehmen (mit Ausnahme börsennotierter Kleinstunternehmen). Erfasst werden auch Unternehmen, die nicht in der EU niedergelassen sind, aber an einem regulierten Markt in der EU notieren. Mit der Erweiterung des Anwendungsbereichs wird eine langjährige Forderung der AK umgesetzt. Darüber hinaus sollte auch das Konzernprivileg, wonach Tochtergesellschaften von der Berichtspflicht ausgenommen sind, sofern das Mutterunternehmen einen Nachhaltigkeitsbericht erstellt, im Rahmen der CSRD fallen. Gerade im Zusammenhang mit der Einhaltung von Sozial- und Umweltstandards wirkt ein hohes Aggregationsniveau kontraproduktiv. Die AK fordert daher, dass auch Tochtergesellschaften in den Anwenderkreis fallen, sofern die Größenkriterien erreicht werden. Die AK spricht sich darüber hinaus für eine Erweiterung der Berichtspflichten auf Unternehmen mit bedeutenden Geschäften in der EU und Sitz in einem Nicht-EU-Mitgliedsstaat aus (z.B. Amazon.com, Inc.) die ebenfalls unter die Nachhaltigkeitsberichterstattung fallen sollten – dies wird im vorliegenden Richtlinienentwurf nicht berücksichtigt. Zudem sollte verstärkt auf die Verknüpfung mit anderen Berichts- und Überwachungspflichten geachtet werden, insbesondere auf jene, die aus dem Lieferkettengesetz entstehen.

AK-Forderung #2: Verankerung im Lagebericht

Dem vorliegenden Entwurf zufolge, sollen künftig umfassendere Berichtspflichten zu Umwelt-, Sozial-, und Governance-Aspekten verpflichtend im (Konzern-)Lagebericht und damit im Kern der Rechnungslegung verankert werden. Dies ist sehr zu begrüßen, denn durch diese verpflichtende Offenlegung im (Konzern-)Lagebericht erhalten Nachhaltigkeitsparameter einen gleich hohen Stellenwert wie Finanzkennzahlen. 

AK-Forderung #3: Europäische Berichtsstandards

Der Kommissionsvorschlag sieht vor, dass es zu einer verpflichtenden Anwendung von neuen europäischen Berichtsstandards kommen soll, die durch die European Financial Reporting Advisory Group (EFRAG) zu entwickeln sind. Bei der Etablierung dieser einheitlichen, europäischen Berichtsstandards ist darauf zu achten, dass neben der – aufgrund der drängenden Frage des Klimawandels prioritär behandelten – Umwelt- und klimabezogenen Berichterstattung, soziale und Governance-Aspekte gleichberechtigt berücksichtigt werden und nicht in den Hintergrund geraten.

Das Ziel muss eine vollständige und geprüfte „Umwelt- und Sozialbilanz“ sein, die auf Augenhöhe mit der Finanzberichterstattung steht.

Christina Wieser, Betriebswirtin, AK Wien

AK-Forderung #4: Sozialindikatoren nach GRI

Um dies zu gewährleisten, ist darauf zu achten, dass soziale Indikatoren zu den ArbeitnehmerInnenbelangen aus dem Rahmenwerk der Global Reporting Initiative (GRI) in ihrer „umfassenden“ Form integriert werden. Diese bereits etablierten Standards (Modul GRI-400) sollten jedenfalls als „Mindestkatalog“ neuer europäischer Berichtsinhalte implementiert werden. Beispielhaft seien an der Stelle vier Indikatoren aus dem (weit umfassenderen) Indikatoren-Set angeführt: GRI-401-1 (Fluktuation nach Altersgruppe, Geschlecht, Region), GRI-404-1 (Stundenanzahl der Aus- und Weiterbildung nach Geschlecht und Angestelltenkategorie), GRI-405-1 (Diversität in Kontrollorganen und in der Belegschaft, jeweils für Geschlecht, Altersgruppe und gegebenenfalls andere Diversitätsindikatoren wie z.B. Minderheiten oder schutzbedürftige Gruppen) und GRI-407-1 (zu Vereinigungsfreiheit und Tarifverhandlungen). Ziel muss sein, dass Unternehmen möglichst klare Vorgaben zur Darstellung von Key Performance Indicators (KPI) erhalten, die sich dann sowohl in den Nachhaltigkeitszielen als auch in den Zielen für den Vorstand bzw. die Geschäftsführung wiederfinden – dafür eignen sich aus Sicht der AK die GRI-Standards in ihrer umfassenden Variante besonders gut. 

AK-Forderung #5: Strategische Unternehmensziele ableiten

Ökologische, soziale und Governance-Kennzahlen sind jedenfalls so zu definieren, dass auf deren Grundlage strategische Unternehmensziele fußen können, die sich wiederum als Kriterien der variablen Vergütung für Vorstände und Geschäftsführungen widerspiegeln. Aus Sicht der AK müssen Stakeholder-Organisationen (wie Gewerkschaften, NGOs) im Rahmen der Erarbeitung dieser künftigen Berichtsstandards eingebunden werden: Gefordert wird daher ein Entsendungsrecht für VertreterInnen von Gewerkschaften und NGOs in das zuständige Gremium. Die Beteiligung der Stakeholder-Organisationen darf nicht von finanziellen Beiträgen an EFRAG abhängig gemacht werden. Die zu entwickelnden Standards sollten in möglichst enger Abstimmung mit bestehenden Standards (wie GRI) sowie unter Berücksichtigung laufender Initiativen wie jene der IFRS-Foundation entwickelt werden. Durch den vorliegenden Richtlinienvorschlag dürfen bereits bestehende, weitreichendere Berichtsstandards in Mitgliedstaaten wie Frankreich keinesfalls herabgesetzt werden.

AK-Forderung #6: Prüfung der Nachhaltigkeitsberichterstattung

Erfreulich ist, dass die bisher bestehende „Prüflücke“ geschlossen werden soll. Künftig soll eine – von der AK immer wieder geforderte – inhaltliche, externe Prüfpflicht etabliert werden, dabei bleibt allerdings ein Wermutstropfen: Vorerst ist nämlich lediglich eine Prüfung mit „begrenzter Zusicherung“ („limited assurance“) vorgesehen.

Diese Regelung greift zu kurz, es sollte bereits ab Inkrafttreten der Richtlinie eine Prüfungspflicht mit hinreichender Sicherheit („reasonable assurance“) und damit auf Augenhöhe mit dem Finanzbericht implementiert werden.

Alice Niklas, Betriebswirtin, AK Wien

AK-Forderung #7: Qualifizierung von Prüfungsdienstleistern

Um eine angemessene Qualitätssicherung der Prüfung von Nachhaltigkeitsberichten sicherzustellen – im Gleichklang mit der Finanzberichterstattung – gilt es nächste Schritte in der Frage der Akkreditierung, Ausbildung, Kompetenz und Verantwortlichkeit sowie in der Frage der Unabhängigkeit und Berufung/Abberufung der PrüferInnen zu setzen. Die geplanten Bestimmungen sehen dazu u.a. vor, dass eine (Weiter-)Qualifizierung der PrüfungsdienstleisterInnen wie AbschlussprüferInnen erfolgen soll sowie eine Öffnung für andere Prüfstellen, die Nachhaltigkeitsexpertise aufweisen – sprich zertifizierte ExpertInnen aus dem Nachhaltigkeitsbereich. Diese Maßnahmen sind notwendige Schritte, um Prüfstandards anzuheben und den neuen Nachhaltigkeitsberichten die notwendige Konsistenz und Reliabilität zu verleihen.

AK-Forderung #8: Nachhaltigkeitsexpertise für den Prüfungsausschuss

Dem Aufsichtsrat kommt bei der Überwachung und Prüfung der Nachhaltigkeitsstrategie sowie des nachhaltigkeitsorientierten Risikomanagements eine Schlüsselrolle zu. Die vorliegende Richtlinie sieht nunmehr eine gleichwertige Verankerung der Überwachungspflichten für den Finanz- und Nachhaltigkeitsbericht im Prüfungsausschuss vor. Daher fordert die AK, dass – analog zur Finanzberichterstattung – mindestens ein Mitglied des Prüfungsausschusses über entsprechende Nachhaltigkeitsexpertise („sustainability expert“) verfügen sollte.

Es sollte schon jetzt darauf geachtet werden, Aufsichtsräte möglichst divers zusammenzusetzen, Expertise im brennenden Zukunftsthema Nachhaltigkeit darf in keinem Gremium fehlen.

Christina Wieser, Betriebswirtin, AK Wien

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