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Nachhaltige Europäische Wirtschaft

Handlungsbedarf bei der „Nichtfinanziellen Berichterstattung“

  • Seit 2017 sind gemäß Richtlinie 2014/95/EU rd. 8.000 europäische Unternehmen in der Pflicht, eine nichtfinanzielle Berichterstattung zu den Belangen Umwelt, Soziales, ArbeitnehmerInnen, Achtung der Menschenrechte und Bekämpfung von Korruption und Bestechung vorzulegen – mit dem Ziel die Nachhaltigkeitsleistung der Unternehmen darzustellen.
  • Nationale und internationale Studien zeigen, dass die vergleichsweise junge Berichtspflicht in der Praxis bisher unbefriedigend umgesetzt wird. So ist für Österreich festzuhalten, dass nur ein kleiner Kreis von 89 Unternehmen (das sind lediglich 0,09 % aller Kapitalgesellschaften) erfasst ist und die nichtfinanzielle Berichterstattung dieser oftmals nur unzureichend erfolgt.
  • Damit die angestrebten Ziele der EU-Richtlinie tatsächlich Realisierung finden, ist der europäische Gesetzgeber gefordert, tätig zu werden. Im Zuge der Überarbeitung der nichtfinanziellen Berichtspflichten, die von der EU-Kommission für das Jahr 2020 anberaumt wurde, sollte die dringend notwendige Weiterentwicklung erfolgen.
  • Drei wesentliche Stoßrichtungen sind dabei die Ausweitung des Geltungsbereichs, die Konkretisierung der Berichtspflichten sowie die Verankerung einer verpflichtenden externen Prüfung, die sich auf Augenhöhe mit den Standards der Finanzberichterstattung bewegt.
  • Die europäische Wirtschaft braucht klare Gesetze, wie nichtfinanzielle Berichterstattung auszusehen hat. Nach der Maxime „What gets measured gets done“ sind Unternehmen angehalten, ihre Beiträge zur Erreichung der Sustainable Development Goals (SDGs) sowie der europäischen Klima- und Energieziele zu leisten – und hierüber Rechenschaft abzulegen, basierend auf transparenten, vergleichbaren und validen nichtfinanziellen Informationen und Leistungsindikatoren.

Hintergrund

Nach Vorarbeiten ab der Jahrtausendwende hat das Konzept der nichtfinanziellen Berichterstattung mit der Richtlinie 2014/95/EU erstmals breite Umsetzung gefunden. Seit dem 1.1.2017 sind demnach rd. 8.000 Unternehmen in der EU verpflichtet, einmal jährlich über ausgewählte Aspekte ihrer Nachhaltigkeitsleistung transparent Rechenschaft abzulegen. Dadurch soll das Bewusstsein der Unternehmen für ihre soziale und ökologische Verantwortung geschärft werden. Stakeholder-Gruppen (z.B. Beschäftigte, Lieferanten, KundInnen, NGOs, ...) haben bereits begonnen, diese neuen Informationen gezielt für die Durchsetzung ihrer Interessen nutzbar zu machen. Und auch der europäische Gesetzgeber misst der nichtfinanziellen Berichterstattung hohe Bedeutung bei, indem die generierten nichtfinanziellen Informationen als Grundlage weiterer Gesetzesinitiativen vorgesehen werden: Dazu zählen der „Aktionsplan zur Finanzierung nachhaltigen Wachstums“ (2018) sowie der „Green New Deal“ (2019).

Den gegenwärtig hohen Ansprüchen an die erweiterte Unternehmensberichterstattung steht die – von Hürden geprägte – Entwicklungsgeschichte der Richtlinie 2014/95/EU gegenüber. Vor dem Hintergrund, dass in den EU-Mitgliedsstaaten Nachhaltigkeitsberichterstattung traditionell sehr unterschiedlich gehandhabt wird, schlug den ambitionierten Bemühungen der EU-Kommission großer Widerstand entgegen. Die letztlich verabschiedete Richtlinie ist im wesentlichen Maße als politische „Kompromisslösung“ zu sehen. Inhaltliche Inkonsistenzen und großzügige Wahlrechte beeinträchtigten die Rechtsumsetzungen und wirken bis heute (negativ) nach. Zahlreiche Mitgliedsstaaten – wie auch Österreich und Deutschland – haben dezidiert nur Mindeststandards berücksichtigt, ohne dabei Defizite der europarechtlichen Bestimmungen zu beseitigen („Gold  Plating“). Dabei hat die Arbeiterkammer bereits im Zuge des Gesetzeswerdungsprozesses in Österreich in der Stellungnahme zum Ministerialentwurf  sowie in der Studie „Nachhaltigkeitsberichterstattung in Österreich – Zur Offenlegung von ArbeitnehmerInnenbelangen bei der Umsetzung der Richtlinie 2014/95/EU“ (2015) darauf hingewiesen, worauf der Gesetzgeber im Hinblick auf die nationale Umsetzung (u.a. Geltungsbereich und Prüfung) achten sollte.

Zur Umsetzung in Österreich

AK-Studie: Zur Weiterentwicklung der Nichtfinanziellen Berichtspflichten 

Die Richtlinie 2014/95/EU wurde in Österreich im Dezember 2016 mit dem Nachhaltigkeits- und Diversitätsverbesserungsgesetz (NaDiVeG) umgesetzt. Seither sind große Kapitalgesellschaften, die zugleich Unternehmen von öffentlichem Interesse sind und mehr als 500 Beschäftigte aufweisen, zur nichtfinanziellen Berichterstattung verpflichtet. In einer ersten Schätzung ging der Gesetzgeber noch davon aus, dass es rund 125 Unternehmen bzw. Konzerne davon umfasst sind. Wie eine Studie von Development International (2019) zeigt, dürften aber wesentlich weniger – nämlich nur 89 Gesellschaften (= 0,09 % aller Kapitalgesellschaften in Österreich) – unter die Berichtspflicht fallen. Auf einige der größten Konzerne des Landes trifft dies (z.B. mangels Börsennotierung) nicht zu, was der Transparenz nicht zuträglich ist.

Die AK Wien hat im Jahr 2019 die Umsetzung des NaDiVeG in der zweiten Berichtssaison und damit für das Geschäftsjahr 2018 evaluiert: Die Ergebnisse der entsprechenden Studie „Eine Evaluierung der Umsetzung des NaDiVeG in börsennotierten Unternehmen“ (2019)  decken sich mit Befunden sowohl für den österreichischen als auch für den europäischen Kontext. Dieser Erhebung kommt damit über den nationalen Kontext hinaus Bedeutung für die Reformvorhaben auf EU-Ebene zu. Die Erkenntnisse können somit einen wertvollen Beitrag zu den Überlegungen anlässlich der Überarbeitung der Richtlinie 2014/95/EU leisten, die die EU-Kommission für das 4. Quartal 2020 ankündigt hat.

Berichtsform und Integrierte Berichterstattung

Der überwiegende Teil der österreichischen Unternehmen macht vom Wahlrecht Gebrauch, die Berichtspflichten in Form eines gesonderten nichtfinanziellen Berichts zu erfüllen. Die eine Hälfte dieser Unternehmen veröffentlichten den nichtfinanziellen Bericht als Abschnitt ihres Geschäftsberichtes („kombinierte Berichterstattung“), während die andere Hälfte eine Veröffentlichung als gesondertes, eigenständiges Dokument („Nachhaltigkeitsbericht“) wählten. Nur in Ausnahmefällen ist eine „integrierte (Geschäfts-)Berichterstattung“ vorzufinden – in Anlehnung an das einschlägige Berichtskonzept des International Integrated Reporting Councils (IIRC).

Demnach herrscht in der österreichischen Berichtspraxis ein hoher Trennungsgrad von finanzieller und nichtfinanzieller Berichterstattung vor, der stärker in der Tradition der (freiwilligen) Nachhaltigkeitsberichterstattung denn im Zeichen der begrüßenswerten, integrierten Berichterstattung steht. Dies spiegelt sich auch bei der Umsetzung der gesetzlichen Vorgabe wider, wonach nichtfinanzielle Leistungsindikatoren „unter Bezugnahme auf die im Jahresabschluss ausgewiesenen Beträge und Angaben“ zu erläutern sind. In rund einem Drittel der Unternehmen werden die Informationen nicht entsprechend der gesetzlichen Vorgabe verknüpft. Weiterer Wermutstropfen: Jene zwei Drittel der Unternehmen, die diese Anforderung berücksichtigen, tun dies lediglich in eingeschränkter Qualität.

Rahmenwerk
Unabhängig von der Wahl des Berichtsformates zeigt sich beim Rückgriff auf die Rahmenwerke folgende Tendenz: Durchgängig wurden die Leitlinien der Global Reporting Initiative (GRI) herangezogen, nur in einem Fall zusätzlich das Rahmenwerk des International Integrated Reporting Councils (IIRC). Es zeigen sich dabei allerdings große Unterschiede bei der Anwendung – sowohl beim Umfang als auch bei der (formalen) Berichterstattung hierüber. Dies erschwert die Nachvollziehbarkeit der zur Verfügung gestellten Informationen und führt zu eingeschränkter Vergleichbarkeit.

Berichtsgrenzen

Sehr problembehaftet ist außerdem die Frage der Berichtsgrenzen, d.h. wie fließen Konzerngesellschaften und – in der Wertschöpfungskette vor- bzw. nachgelagerte – weitere Unternehmen in die nichtfinanzielle Berichterstattung ein. Tatsächlich finden sich dazu immerhin in drei Viertel der Berichte generelle Aussagen, der Rest hält sich bedeckt. 

„Kritisch zu sehen sind dabei vor allem jene Fälle, in denen eine teils sachlich nicht gerechtfertigt wirkende Beschränkung der Berichterstattung auf Konzernunternehmen einzelner Länder, bestimmter Größe oder gar nur auf Einzelstandorte erfolgt.“ 

Josef Baumüller, Wirtschaftsuniversität Wien

Eine (wünschenswerte) vollständige Berichterstattung ist damit nicht gewährleistet, was allerdings nicht zuletzt damit in Zusammenhang steht, dass die Gesetzestexte dazu keine expliziten Ausführungen enthalten. 

Wesentlichkeitsanalyse 

Das Herzstück einer aussagekräftigen nichtfinanziellen Berichterstattung ist die sogenannte „Wesentlichkeitsanalyse“. Dabei werden sämtliche Themen identifiziert, die sowohl für das Unternehmen als auch für Stakeholder (Beschäftigte, BetriebsrätInnen, KundInnen, Gesellschaft, Umwelt, …) von großer Bedeutung sind – etwa Arbeitsbedingungen, CO2-Emissionen etc. In der Praxis zeigt sich hier Aufholbedarf, allein die Quantität betreffend: Im Mittelwert umfasst die Berichterstattung dazu knapp drei Seiten, die Spannweite liegt bei 1,5 bis 13,25 Seiten. Aber auch im Hinblick auf die Qualität ist Luft nach oben gegeben: Eine Orientierung erfolgt dabei häufig an den Leitlinien, die aus der Nachhaltigkeitsberichterstattung übernommen werden (zumeist GRI). Mit Hilfe dieser Standards wird versucht, die vagen gesetzlichen Vorgaben für die praktische Umsetzung zu konkretisieren. Auf die Besonderheiten der Vorgaben durch die EU-Richtlinie wird demgegenüber kaum eingegangen.

Mindestbelange

Die im Gesetzestext angeführten fünf Mindestbelange (Umwelt, Soziales, ArbeitnehmerInnen, Achtung der Menschenrechte und Bekämpfung von Korruption und Bestechung) werden mit unterschiedlichem Umfang und Tiefgang abgedeckt, was eine Vergleichbarkeit zwischen Unternehmen derselben Branche erschwert. Hier bietet die recht unterschiedliche Auslegung des Wesentlichkeitsgrundsatzes den berichtspflichtigen Unternehmen einen (zu) großen Spielraum. Dennoch finden sich selbst hierzu sowie zu den in weiterer Folge zu tätigenden Mindestangaben je Belang zahlreiche Beispiele von Unternehmen, die ihren Berichtspflichten nicht vollständig nachkommen. Maßnahmen, die der Sicherung oder Verbesserung der Nachhaltigkeitsleistung dienen, werden hingegen häufig verstärkt in den Fokus gerückt, ohne sich dabei auf nichtfinanzielle Leistungsindikatoren zu stützen („Greenwashing“).

Prüfung

Laut NaDiVeG hat der Aufsichtsrat zu prüfen, ob die nichtfinanzielle Berichterstattung rechts- und zweckmäßig ist. 

„Die Ergebnisse der AK-Studie haben leider gezeigt, dass sich der Aufsichtsrat bislang sehr wenig mit der Materie befasst und es der Unternehmensaufsicht offenbar noch an entsprechender Expertise fehlt.“

Christina Wieser, Abteilung Betriebswirtschaft AK Wien

Der Aufsichtsrat kann seiner Sorgfaltspflicht zudem nachkommen, indem eine freiwillige externe Prüfung beauftragt wird (was in Österreich nur in wenigen Fällen geschieht). Sofern Wirtschaftsprüfer befasst wurden, orientierten sich diese zumeist an Mindeststandards: Geprüft wurde durchwegs mit „begrenzter Prüfungssicherheit“, damit bleibt das Testat hinter den gesetzlichen Anforderungen an die Prüfung durch den Aufsichtsrat („hinreichende Prüfungssicherheit“) zurück. Sofern der Aufsichtsrat selbst nicht zusätzliche Prüfungshandlungen gesetzt hat, ist es demnach bei der nichtfinanziellen Berichterstattung in keinem Unternehmen zu einer gesetzeskonformen inhaltlichen Prüfung gekommen. Aufsichtsräten wie Wirtschaftsprüfern dürfte es bislang offenbar noch am Bewusstsein um die Reichweite der gesetzlichen Vorgaben sowie an geeigneten Methoden mangeln, um diesen Vorgaben zu entsprechen.

AK-Forderungen

Zusammenfassend zeigt sich, dass das NaDiVeG und dem zugrundeliegend auch die Richtlinie 2014/95/EU inhaltlich verbesserungswürdig sind. Im Lichte der hohen Relevanz der politischen Ziele sowie des Impacts der nichtfinanziellen Berichterstattung sollten aus Sicht der Arbeiterkammer im Zuge der Überarbeitung der entsprechenden Richtlinie, deren öffentliche Konsultation bis 11. Juni 2020 erfolgt, vor allem diese Punkte adressiert werden:

  • Ausweitung des Anwendungsbereiches: Der Anwendungsbereich der nichtfinanziellen Berichtspflichten in der EU sollte auf alle großen Kapitalgesellschaften und auf Unternehmen, die mehrheitlich im Eigentum des Bundes stehen, ausgeweitet werden.
  • Definition eines verpflichtenden Mindestkatalogs zu berichtender Themen und Leistungsindikatoren: Zunächst ist in der Richtlinie 2014/95/EU der Grundsatz der „Wesentlichkeit“ ausdrücklich zu konkretisieren. Die europäischen Unternehmen müssen aber darüber hinaus klare Vorgaben erhalten, wie eine korrekte, vergleichbare Berichterstattung auszusehen hat. Aus Sicht der Arbeiterkammer ist hervorzuheben, dass dabei die Belange der Beschäftigten (wie ILO-Kernarbeitsnormen,...) adäquat zu berücksichtigen sind.
  • Management und Aufsichtsrat in die Pflicht nehmen: Die Unternehmensleitungen der europäischen Wirtschaft müssen Verständnis für nachhaltige Unternehmensführung entwickeln. Dafür braucht es Anreize: Nichtfinanzielle Ziele müssen mit mehr Nachdruck in der Vergütungspolitik für den Vorstand verankert werden. Bei der Weiterentwicklung der Qualität der nichtfinanziellen Berichterstattung kommt wiederum dem Aufsichtsrat eine Schlüsselrolle zu. Analog zum Finanzexperten/zur Finanzexpertin sollte daher im Aufsichtsgremium ein Nachhaltigkeitsexperte/eine Nachhaltigkeitsexpertin repräsentiert sein. Dies erfordert auf EU-Ebene die korrespondierende Anpassung des Normenrahmens, in den die Richtlinie 2014/95/EU eingebettet ist.
  • Verpflichtende externe Prüfung:

    „Die inhaltliche Prüfung muss verpflichtend durchgeführt werden – und zwar in Bezug auf Form und Inhalt sowie mit gleicher Prüfungsintensität, wie sie bei der Finanzberichterstattung angewendet wird.“

    Alice Niklas, Abteilung Betriebswirtschaft AK Wien




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