Frauenpower © Coloures-Pic , stock.adobe.com
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Frauen in die Aufsichtsräte: Die Quote wirkt

Das Beste kommt zu Beginn: Die Quote von mindestens 30 % Frauen für den Aufsichtsrat wirkt. Der Frauenanteil in den quotenpflichtigen Unternehmen an der Wiener Börse hat sich innerhalb von zwei Jahren deutlich von 22,4 % (2018) auf 31,7 % (2020) gesteigert. Bislang ist „kein Stuhl“ leer geblieben, d.h., bei Neubestellungen wurden Frauen entsprechend berücksichtigt und es war keine Sanktion wegen Nichteinhaltung notwendig. Dank Quote steigt nicht nur der Frauenanteil, sondern die neuen Aufsichtsrätinnen sind außerdem vergleichsweise jünger und besser qualifiziert. Ernüchternd hingegen der Blick in die Aufsichtsräte nicht-quotenpflichtiger Unternehmen. Dort muss man Frauen nach wie vor mit der Lupe suchen: Nicht einmal jedes sechste Aufsichtsratsmitglied (15,4 %) ist weiblich. Hier gibt es Handlungsbedarf, profitieren doch bisher viel zu wenige Unternehmen (ca. 70 bis 80) von der Quote. Bedingt durch Ausnahmen (mindestens 20 % Frauen in der Belegschaft sowie sechs KapitalverteterInnen im Aufsichtsrat) ist bekanntlich ein Gutteil der großen und börsennotierten Unternehmen von der Quote „befreit“. Dass es anders geht, zeigt der internationale Vergleich: So sind z.B. in Norwegen sämtliche börsennotierte Unternehmen (600 Gesellschaften) von der Quotenregelung umfasst, dies gilt auch für Italien und Portugal. 

Wermutstropfen

Neben dem überschaubaren Anwenderkreis bleibt als weiterer Wermutstropfen: Dank Quote sind heute zwar mehr Frauen denn je in Aufsichtsräte, diese wirken aber weit weniger in wichtigen Ausschüssen mit und sind kaum in Vorsitzpositionen zu finden. Während in den zentralen Aufsichtsratsausschüssen börsennotierter Unternehmen (Prime Market) im Schnitt 20,6 % Frauen vertreten sind, sind es unter den Vorsitzenden nur mehr 14,6 %. Ähnliches gilt für die mächtige Position des Aufsichtsratsvorsitzes: In den 200 umsatzstärksten Unternehmen sind lediglich 10,5 % der Aufsichtsratsvorsitzenden Frauen. Das ist kein österreichisches Spezifikum, auch internationale Studien belegen dies. Hier braucht es ein klares Bekenntnis für mehr Frauen in entscheidenden Funktionen, um die Etablierung einer „neuen gläsernen Decke“ zu verhindern. Gerade die Besetzung des Vorsitzes im Nominierungsausschuss ist dabei von erheblicher Bedeutung, da Frauen bei der Nachfolgeplanung für Vorstand und Aufsichtsrat ihre eigenen Netzwerke nützen könnten. Gegenwärtig sind Vorsitzende der Nominierungsausschüsse in den Prime Market-Unternehmen nur zu 6,3 % weiblich.

Löwenanteil

Ein weiteres Zwischenfazit lässt sich dazu ziehen, wie ArbeitnehmerInnen- und Arbeitgeberseite die Erfüllung der gesetzlichen Vorgabe in der Praxis handhaben: Der Gesetzgeber sieht grundsätzlich das Prinzip der „Gesamterfüllung“ von 30 % Frauen im Aufsichtsrat vor, jedoch kann die Mehrheit der KapitalvertreterInnen bzw. der ArbeitnehmervertreterInnen Widerspruch einlegen. Im Falle des Widerspruchs, der immer jeweils für den konkret anstehenden Wahl- oder Entsendungsvorgang gilt, muss jede Kurie die Mindestquote getrennt erfüllen. Aktuell hat sich die Mehrheit der Gesellschaften (18 Unternehmen) für die Gesamterfüllung des Mindestanteilsgebots entschieden, dies gilt auch für weitere vier Gesellschaften, wo ArbeitnehmervertreterInnen nicht im Aufsichtsrat repräsentiert sind. Nur in sechs Unternehmen gilt derzeit die Getrennterfüllung. Die Erhebung des Frauenanteils nach Kapital- und Arbeitnehmerseite ergibt im Jänner 2020 folgendes Bild: Der Frauenanteil in den quotenerfassten Gesellschaften liegt unter den KapitalvertreterInnen bei 30,2 % und damit knapp über der Zielvorgabe. Übertroffen wird dies deutlich vom Frauenanteil in der Arbeitnehmervertretung, der bereits 36,2 % erreicht hat und damit nur mehr knapp unter 40 % liegt. Diese Diskrepanz ist nicht auf quotenpflichtige Unternehmen beschränkt, sondern zeigt sich auch in anderen Untersuchungsgruppen (börsennotierte und umsatzstärksten Unternehmen)

Frauenanteil im Aufsichtsrat © AK.Frauen.Management.Report, 2020
Frauenanteil im Aufsichtsrat © AK.Frauen.Management.Report, 2020

Lichtblick

Dieses Phänomen zeigt sich besodners eklatant am Beispiel der Bawag Group AG: Der Aufsichtsrat der Großbank besteht insgesamt aus neun Aufsichtsratsmitgliedern, davon drei Frauen (33 %), die ausschließlich von Arbeitnehmervertreterseite entsandt wurden. Damit erfüllen allein die Betriebsrätinnen die gesetzliche Zielvorgabe. Es ist eine zentrale Aufgabe von Betriebsräten, für Gleichbehandlung der Geschlechter, Integration und Inklusion zu sorgen. Die immer diverser werdenden Belegschaften sollten sich in der Zusammensetzung von Betriebsratsgremien und entsandten AufsichsichtsrätInnen widerspiegeln. Eine Erhebung der deutschen Hans Böckler Stiftung zufolge, sind es auch in deutschen Gremien die Arbeitnehmervertreterinnen, die für mehr „Gender Diversität“ in den Aufsichtsräten sorgen. Gerade angesichts großer Herausforderungen, wie der Digitalisierung und der Transformation von Geschäftsmodellen hin zu mehr Nachhaltigkeit, ist künftig mehr Diversität (wie Geschlecht, Alter, Expertise) im Aufsichtsrat ein entscheidender Erfolgsfaktor, um zukunftsorientiert und innovativ zu steuern. Erhebungen zeigen, dass gerade Betriebe mit Betriebsräten innovativer sind, als Betriebe ohne Betriebsrat. Mitbestimmung sorgt für mehr Diversität, Diversität schafft wiederum Raum für Innovation und davon sollten möglichst viele Unternehmen und deren Aufsichtsräte profitieren.

Ein Mehr an Quote

Die Mitbestimmung leistet bereits jetzt einen wesentlichen Beitrag für divers zusammengesetzte Aufsichtsräte, dennoch gibt es auch in den Reihen der ArbeitnehmerInnenvertretung Aufholbedarf. Die heimischen Aufsichtsratsgremien sind nach wie vor sehr homogen zusammengesetzt, überwiegend mit Männern (Ø 55 Jahre), zumeist Betriebswirte oder Juristen aus Österreich und Deutschland stammend. Ein Spiegelbild der Arbeitswelt sind diese Gremien weder im Hinblick auf das Geschlecht, das Alter noch die Expertise. Es hat sich gezeigt, dass die Frauenquote Aufsichtsräte nicht nur weiblicher, sondern mittel- und langfristig bunter und vielfältiger macht. Davon werden die Wirtschaft und letztlich die Beschäftigten profitieren. Die Quote muss daher – ausnahmslos – auf alle großen und börsennotierten Unternehmen ausgeweitet und auf 40 % angehoben werden. Außerdem braucht es – wie gerade in Deutschland diskutiert – auch eine Quote für das Management: Der Gesetzgeber sollte ein Mindestanteil von 33 % Frauen vorsehen, sobald ein Vorstand aus drei Personen besteht. Die öffentliche Hand könnte – wie in den Aufsichtsräten – mit gutem Beispiel vorangehen: Der Erhöhung des Frauenanteils in den Aufsichtsratsgremien staatsnaher Unternehmen von 35 % auf 40 %, wie im Regierungsprogramm 2020–2024 angekündigt, ist die richtige Maßnahme, sollte eine Zielvorgabe für die geschlechtergerechte Besetzung von Geschäftsführungen folgen.

Die Aufsichtsratsquote muss endlich – ohne Ausnahme – für alle großen und börsennotierten Unternehmen gelten und sollte rasch von 30 % auf 40 % angehoben werden. Wie in Deutschland oder Frankreich diskutiert wird, braucht es auch in Österreich eine Geschlechterquote für das Management. Ab drei Vorstände sollte zumindest eine Frau vertreten sein.

AK Frauen.Management.Report.2020

 

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Erkenntnisse aus der Studie 2020: Frauen im Management

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