Banker mit Geldstapel © Andrey Popov, stock.adobe.com
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COVID-19-Krise: Jetzt ist nicht die Zeit für Dividenden

Banken: Liquidität sichern – und was der Aufsichtsrat tun kann 

Die Sozialpartner haben angesichts der massiven wirtschaftlichen Folgen der Covid-19-Krise gemeinsam mit der Bundesregierung rasch gehandelt, um die Wirtschaft zu stützen und Arbeitsplätze zu sichern. Es wurde ein großzügiges Kurzarbeitsmodell geschaffen, zusätzlich hat die Regierung ein 38 Mrd. Euro schweres Hilfspaket für Unternehmen angekündigt: Dieses setzt sich aus dem Krisenbewältigungsfonds (4 Mrd. Euro) sowie Steuerstundungen für Unternehmen mit Umsatzeinbußen (10 Mrd. Euro), Haftungen und Garantien (9 Mrd. Euro) und einer Notfallhilfe für besonders betroffene Branchen (15 Mrd. Euro) zusammen.

Dividenden trotz Kurzarbeit und Staatshilfe? 

Es ist jetzt richtig, die Wirtschaft rasch zu unterstützen und krisenbedingte Lücken bei der Liquidität zu überbrücken, umgekehrt ist es selbstverständlich erforderlich, mit diesem „Staatsgeld“ sorgsam umzugehen. Nicht alle Unternehmen scheinen sich ihrer gesellschaftlichen Verantwortung dahingehend bewusst zu sein. Und auch Christoph Boschan, Vorstandsvorsitzender der Wiener Börse, sieht den geforderten Dividendenverzicht wenig überraschend kritisch: Er spricht in diesem Zusammenhang sogar von einer „nachträglichen Enteignung“ der Eigenkapitalgeber. Die ungebrochene Großzügigkeit in Sachen Dividendenpolitik ist kein Einzelfall: Trotz Krisenmodus in Österreich sieht es Anfang April so aus, als würden Dividenden ungebremst weitersprudeln. Bislang haben laut Berechnungen der AK Wien 16 Konzerne die im Leitindex Austrian Traded Index (ATX) der Wiener Börse gelistet sind, ihre Konzernabschlüsse vorgelegt. Das entspricht 80 % des ATX. Diese Unternehmen haben ein den AktionärInnen zurechenbares Ergebnis von 7,75 Mrd. Euro erwirtschaftet. Die geplanten Dividenden belaufen sich auf 3,1 Mrd. Euro. 

„Damit würden die Dividenden für den gesamten ATX im heurigen Jahr nicht nur erneut die 3-Milliarden-Grenze sprengen, sondern hochgerechnet für alle mit rd. 3,5 Milliarden ein neues Rekordniveau erreichen.“

Markus Oberrauter, Betriebswirt, AK Wien

Lediglich zwei der 16 untersuchten ATX-Konzerne weisen eine niedrigere Dividende (Andritz und Lenzing) aus, die Post bleibt bei einer unverändert hohen Auszahlung. Bei der S Immo wird zwar die Dividende mit 0,70 Cent pro Aktie belassen, allerdings wurde dort mittels Kapitalerhöhung das Dividendenvolumen um 10 % erhöht.  Die restlichen zwölf Unternehmen haben eine teils deutliche Erhöhung (die Bandbreite liegt zwischen 1,9 % und 64,3 %) angekündigt. Schon in den vergangenen Jahren sind die Ausschüttungen stetig gestiegen. Jetzt ist es an der Zeit, umsichtig zu agieren: Denn für die Existenz der Unternehmen und damit der Sicherung der Arbeitsplätze ist es wichtig, sämtliche Reserven, für die Bewältigung der Krise einzusetzen. Auch innerhalb heimischer Unternehmen werden bereits erste Stimmen laut, die einen Dividendenverzicht fordern. So fordert Alexander Sollak, Betriebsrat der Telekom Holding, die Ausschüttungen für die Geschäftsjahre 2019 und 2020 auszusetzen.

 

„Es muss jetzt ein Gebot der Stunde sein, dass das Geld im Unternehmen bleibt und nicht das Füllhorn über die Aktionärinnen und Aktionäre ausgeschüttet wird“

Renate Anderl, AK-Präsidentin

Dividendenstopp für den Kreditsektor

Den vorliegenden AK-Berechnungen zufolge würde fast die Hälfte der Ausschüttungssumme (1,2 Mrd. Euro) der ATX-Unternehmen allein von den drei Bankkonzernen Erste (639,8 Mio. Euro), Bawag (229,5 Mio. Euro) und RBI (328,6 Mio. Euro) stammen. Dies würde sogar einer Steigerung von 7,1 % gegenüber dem bisherigen Rekordvolumen aus dem Vorjahr entsprechen. Ob aufgrund der aktuellen Krisensituation eine Kehrtwende erfolgt, wird von den bisherigen Gewinnverwendungsplänen abgewichen wird, ist noch offen. Die RBI hat Ende März bekräftigt, dass der Dividendenvorschlag (1,00 Euro je Aktie) nach wie vor gelte. Bei der Erste Group wird der Dividendenvorschlag überprüft und mittlerweile zeichnet sich ab, dass die geplante Ausschüttung (1,50 Euro je Aktie) zumindest gekürzt, wenn nicht sogar gestrichen wird. Ursprünglich wollte der Vorstand der Bawag in der an sich   für Anfang Mai geplanten Hauptversammlung eine Dividende von 2,61 Euro je Aktie (Vorjahr: 2,18 Euro je Aktie) vorschlagen. Mittlerweile wurde die Hauptversammlung verschoben und soll erst im vierten Quartal 2020 stattfinden, um laut Vorstand mehr Klarheit über die Auswirkungen der Krise zu erlangen und weitere Empfehlungen der EZB oder staatlicher Behörden zu beurteilen. Eine andere Vermutung könnte sein, dass es wohl die Hoffnung gibt, im Herbst wäre ein Dividendenbeschluss nicht mehr so emotionsgeladen.

„Bankenregulierung und –aufsicht haben nach der Finanzkrise 2008/2009 haben vieles richtiggemacht. Zuletzt haben Kreditinstitute im Investitionszyklus wieder mehr Kredite vergeben und gleichzeitig ist es gelungen, Eigenkapital aufzubauen. Bereits für das Jahr 2018 haben sich Aktionäre Rekorddividenden gegönnt. Von den guten Gewinnen von 2019 sollten Reserven für die Stärkung des Eigenkapitals aufgebaut werden.“

Thomas Zotter, Ökonom, AK Wien

Österreichische Banken zögern noch beim Dividendenverzicht, dabei hat die europäische Bankenaufsicht bereits eine klare Leitlinie für direkt beaufsichtigte Banken vorgegeben: Die Europäische Zentralbank (EZB) hat Kreditinstitute aufgefordert, bis Oktober 2020 keine Gewinnausschüttungen für 2019 und 2020 zu tätigen. Die Institute sollten das Geld vielmehr nutzen, um Haushalte und Unternehmen mit Krediten zu unterstützen und ihre eigene Stabilität zu gewährleisten. Aufgrund erwarteter Zunahmen von Insolvenzen von Unternehmen sowie Privathaushalten müssen Banken mit der Abschreibung zahlreicher Kredite rechnen. Damit wird das Eigenkapital der Banken geschmälert. Für Österreich hat die Finanzmarktaufsicht (FMA) diese „dringliche Empfehlung“ noch einmal gesondert ausgesprochen.

 

Banken: Anforderungen an Beschäftigte, Management und – den Aufsichtsrat

Die schnelle Dynamik und die erheblichen Auswirkungen der Covid-19-Krise befasst nicht nur Bankenaufsicht und Aktionäre, sondern stellt insbesondere Beschäftigte, Management und Aufsichtsräte vor große Herausforderungen. Trotz aller Möglichkeiten, Bankgeschäfte online oder telefonisch abzuwickeln, ist eine personelle Besetzung vor Ort in den Filialen notwendig. Dabei geht es um tausende Beschäftigte, vor allem sind es Frauen, in den Bankfilialen, die derzeit unter erschwerten Bedingungen systemrelevante Tätigkeiten verrichten. Für diesen Einsatz der MitarbeiterInnenfordert die GPA-djp eine sogenannte Corona-Zulage, die auch entsprechend steuerfrei behandelt werden soll.  Selbst wenn das Banken-Management krisenerprobt ist und aufgrund der implementierten „Business Continuity Management“ Prozesse sowie der Stresstest-Szenarien gerüstet sein dürfte, so ergeben sich doch völlig neue Fragen und Anforderungen. Dies gilt auch für den Aufsichtsrat, dem in Krisenzeiten eine besonders bedeutende Rolle zukommt und der entsprechend seiner Sorgfaltspflicht und gemessen an den neuen Rahmenbedingungen tätig werden muss.

„Jetzt ist es bei den Aufsichtsratssitzungen besonders wichtig, Liquiditätsrisiken zu steuern, denn der Polster muss aufgrund möglicher Kreditausfälle gut gefüllt sein. Wie die Bankenaufsicht empfiehlt, ist auf Dividenden zu verzichten und auf eine sorgfältige Kapitalplanung unter dem gegenwärtigen akuten Stressszenario zu achten.“

Christina Wieser, Betriebswirtin, AK Wien

Dabei stehen neben Fragen des operativen Geschäfts (wie z.B. Filialbetrieb, Zahlungsverkehr, Outsourcing), insbesondere das Überwachen und Steuern von finanziellen Risiken (wie Liquiditätsrisiken, Marktrisiken, Kreditrisiken, Kapitalrisiken, Ertragsrisiken) auf der Agenda. Ob Video- oder Telefonkonferenz, es braucht ausreichend Raum und Zeit für umsichtige Aufsichtsratsarbeit, dies kann auch bei einer außerordentlichen Aufsichtsratssitzung in den Sommermonaten sein, wo die Auswirkungen der Krise bereits besser zu fassen sind und strategische Leitlinien für die „Zeit danach“ definiert werden sollten.

 

TIPP:

Die Wirtschaftsprüfgesellschaft „Deloitte“ hat wesentliche Leitfragen zusammengestellt, die für das Navigieren durch die Krise relevant sein können:
https://www2.deloitte.com/de/de/pages/financial-services/articles/covid-19-auswirkungen-auf-banken.html

ATX-DIVIDENDEN Report 2020

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