Mann liest mit Lupe © Andrey Popov, stock.adobe.com
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Die Behandlung des Jahresabschlusses im Aufsichtsrat in der COVID-19-Krise – Fünf Empfehlungen

Die aktuellen Entwicklungen rund um die COVID-19-Krise stellen auch Mitglieder von Aufsichtsräten vor neue Herausforderungen. Außerhalb von Krisenzeiten sind die Aufgaben des Aufsichtsrates oft langfristiger und strategischer Natur. Es geht darum die Geschäftsführung oder den Vorstand durch aufmerksame Kontrolle, durch die richtigen Fragen und Hinweise auf eventuelle blinde Flecken oder schleichende Entwicklungen strategisch zu begleiten. Der Aufsichtsrat unterstützt auf diese Art und Weise die handelnden Organe, damit diese ihren Blick gleichzeitig weiten und schärfen, um das langfristige Wohl der Gesellschaft und der Beschäftigten zu sichern. In der aktuellen Krise müssen mitunter sehr kurzfristig Maßnahmen beschlossen werden. Mitten in diese Krise fällt nun in den meisten Fällen die Behandlung des Jahresabschlusses im Aufsichtsrat. Die folgenden Punkte sollen Ihnen helfen bei der Behandlung des Jahresabschlusses die richtigen Themen anzusprechen und Fragen zu stellen, sofern diese nicht ohnehin in der Aufsichtsratssitzung aufgeworfen werden.

Fünf Empfehlungen

  1. Ereignisse nach dem Bilanzstichtag hinterfragen:
    Der Bilanzstichtag für die Jahresabschlüsse 2019 wird in den meisten Fällen vor dem Auftreten der größten Auswirkungen der COVID-19-Krise liegen. In vielen Fällen hat auch der Wirtschaftsprüfer/die Wirtschaftsprüferin den Jahresabschluss auch noch vor dem Auftreten der Krise geprüft und den Bestätigungsvermerk unterfertigt. Prüfen Sie, ob im Jahresabschluss auf „Ereignisse nach dem Bilanzstichtag“ eingegangen wird. Falls dies nicht der Fall ist fragen Sie (den Wirtschaftsprüfer und/oder die Geschäftsführung/den Vorstand), welche konkreten Auswirkungen die bisher eingetretenen Ereignisse im Zusammenhang mit COVID-19 auf die Zahlen im Jahresabschluss haben und welche Maßnahmen die Geschäftsführung/der Vorstand gesetzt hat oder gedenkt zu setzen. 

  2. Gewinnausschüttungen vermeiden:
    Fragen Sie nach, ob durch die Krise das Vermögen, das Eigenkapital bzw. die Liquidität der Gesellschaft nachhaltig gemindert wird. Wenn dies bejaht wird oder Sie den Eindruck haben, dass dies so ist, thematisieren Sie eine mögliche Sperre des Bilanzgewinnes. Dies würde bedeuten, dass dieser nicht mehr als Dividende an die EigentümerInnen der Gesellschaft ausgeschüttet werden kann, um die Substanz und die Liquidität der Gesellschaft zu schützen.
     
  3. Maßnahmen auf Basis unterschiedlicher Szenarien diskutieren und Annahmen gut prüfen:
    Wenn der Vorstand oder die Geschäftsführung im Aufsichtsrat Maßnahmen zur Bewältigung der Krise vorschlägt, sollten diese aufgrund von nachvollziehbaren Szenarien erwogen werden. Es ist wenig sinnvoll, nur ein einziges Szenario/Zukunftsbild zu zeichnen. Die Entwicklungen der letzten Tage haben gezeigt, dass Annahmen sehr schnell wieder „veraltet“ sein können. Seriös ist es also, verschiedene Möglichkeiten und Szenarien für die Zukunft zu zeichnen. Fordern Sie also für Zukunftsentwicklungen immer unterschiedliche Szenarien ein („Bestes Szenario“ – „Wahrscheinlichstes Szenario“ – „Schlimmstes Szenario“). Hinterfragen Sie für die Szenarien auch jeweils die Annahmen, die getroffen wurden. Diese sollen verständlich, plausibel und nachvollziehbar erklärt werden. 

  4. Mittelfristige Pläne für die Umsätze und Liquidität einfordern:
    Auch wenn akut im Ausnahmefall keine bzw. nur geringfügige oder sehr kurzfristige Maßnahmen getroffen werden – fordern Sie eine Diskussion über die Entwicklung der Umsätze und der Zahlungsfähigkeit  („Liquidität“) des Unternehmens für die nächsten Monate ein. Diese Pläne sind die Grundlage für mögliche Maßnahmen und sollten allen Mitgliedern des Aufsichtsrates bekannt sein und von diesen erörtert werden.
     
  5. Die Werte in der Bilanz hinterfragen:
    Achten Sie in diesem Zusammenhang besonders auf die Marktwerte des Anlagevermögens und hinterfragen Sie diese. Die meisten Vermögenswerte werden in Österreich aufgrund gesetzlicher Bestimmungen sehr „vorsichtig“ bewertet. Der tatsächliche Wert von Wertpapieren oder Liegenschaften kann weit über dem Wert stehen, der in der Bilanz/im Jahresabschluss angeführt ist. Es kann aber natürlich auch aufgrund eines akuten Kursverfalls das Gegenteil eintreten. Der Aufsichtsrat sollte hier den Jahresabschluss als Grundlage umfassende und über den Jahresabschluss hinausgehende Informationen sehen

In allen Fällen gilt für BelegschaftsvertreterInnen im Aufsichtsrat wie immer auch in der Krise: Wenden Sie sich mit ihrem Jahresabschluss und Ihren Aufsichtsratsunterlagen jederzeit an Ihre Gewerkschaft oder Ihre zuständige Arbeiterkammer! 

Übrigens: In der aktuellen Ausnahmesituation bis zumindest 31.12.2020 können alle Aufsichtsratssitzungen auch in Form von Video- oder Telefonkonferenzen stattfinden – nähere Informationen hier

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