28.9.2017
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Die verborgenen Super-Reichen

Erst seit wenigen Jahren bringt eine Erhebung der Oesterreichischen Nationalbank deutlich mehr Transparenz in die Vermögensverteilung in Österreich. Der HFCS (Household Finance and Consumption Survey) ist eine hochwertige und unerlässliche Datenquelle, um einen Einblick in die finanzielle Situation von privaten Haushalten zu erhalten. Eine besondere Schwierigkeit ist dabei die korrekte Erfassung sehr vermögender Haushalte, da diese nur in kleinem Umfang befragt werden und darüber hinaus die Teilnahme an der freiwilligen Erhebung eher verweigern. Dies bewirkt, dass die gemessene Ungleichheit deutlich unter der tatsächlichen Schieflage liegt. Ein Team rund um Jakob Kapeller (Johannes Kepler Universität Linz / Institut für die Gesamtanalyse der Wirtschaft) hat im Auftrag der AK Wien und Oberösterreich eine statistische Hochschätzung für diese fehlenden reichen Haushalte in der zweiten Welle des HFCS vorgenommen. Ergebnis: Die Vermögenskonzentration ist noch ungleicher als bisher vermutet.

Wie sieht das Vermögen der Haushalte in Österreich wirklich aus?

Die Ergebnisse der Studie zeigen, dass das Vermögen privater Haushalte in Österreich höher ist als bislang bekannt. Bisher wurde das Gesamtvermögen privater Haushalte in Österreich mit 998 Milliarden Euro beziffert. Das hochgeschätzte Gesamtvermögen liegt deutlich höher, nämlich bei 1.317 Milliarden Euro. Somit wuchs das Gesamtvermögen durch die Hinzuschätzung der fehlenden Reichen im Datensatz um 319 Milliarden Euro. 

Das Durchschnittsvermögen steigt unter der Berücksichtigung vorher nicht erfasster reicher Haushalte von 258.000 auf 341.000 Euro.

Vermögen in Österreich © AK Wien, Johannes Kepler Universität


Info

Interessant ist vor allem das reichste 1 Prozent: In Österreich besitzt das reichste 1 Prozent rund 40,5 Prozent des gesamten privaten Vermögens. Im Durchschnitt bedeutet das ein Nettovermögen von 14 Millionen Euro pro Haushalt. Das Gesamtvermögen des reichsten Prozents liegt bei 534 Milliarden Euro.


Zum Vergleich: Die „unteren“ 90 Prozent besitzen zusammen etwa 34,2 Prozent des Vermögens, also weniger als das reichste 1 Prozent allein.

Vermögen in Österreich © AK Wien, Johannes Kepler Universität


Vergleich geschätzte Daten vs. Originaldaten

Durchschnittsvermögen341.000 Euro bisher 258.000 Euro
Gesamtvermögen1.317 Milliarden Euro bisher 998 Milliarden Euro
Das reichste 1 Prozent besitzt40,5% des Vermögens bisher 25%
Die reichsten 5 Prozent besitzen56 % des Vermögens bisher 43%
Die untersten 50 Prozent besitzen2,5 % des Vermögens bisher 3,2%
Anzahl der Millionäre148.000bisher 129.000
Anzahl der Milliardäre35,8bisher 0

Wie werden die Vermögen hochgeschätzt? 

Datengrundlage der Untersuchung ist die mit Dezember 2016 veröffentlichte zweite Welle einer Erhebung der Europäischen Zentralbank (EZB). Im sogenannten Household Finance and Consumption Survey (HFCS) wurden in Österreich die Vermögenswerte von 2.997 Haushalten aufgezeichnet. Damit liegt die bislang beste Erfassung von Vermögen und der soziodemografischen Merkmale ihrer Besitzer vor.  

In diesen Daten sind besonders reiche Haushalte aber unzureichend erfasst, da diese nur in geringem Umfang befragt werden und eher dazu tendieren, die Teilnahme an der Befragung zu vermeiden. Die daraus resultierenden Ungenauigkeiten führen typischerweise zu einer Unterschätzung des Vermögens der reichsten Haushalte sowie der Vermögensungleichheit. Jakob Kapeller, Leiter des Instituts für Gesamtanalyse der Wirtschaft der Johannes Kepler Universität Linz, hat nun mit einem Team an Ökonomen in einer wissenschaftlichen Untersuchung im Auftrag der AK Wien und Oberösterreich die Vermögen dieser nicht erfassten besonders vermögenden Haushalte statistisch geschätzt.

Grundsätzlich bestehen mehrere Möglichkeiten zur Erhebung von Vermögenswerten. Eine davon wäre der Rückgriff auf Steuerdaten. In Österreich ist dieser Weg nicht möglich, da keine Vermögenssteuern eingehoben werden. 

Ausgangspunkt für die Schätzung der Top-Vermögen ist die empirisch fundierte Annahme, dass Beobachtungen am oberen Verteilungsrand mir einer sogenannten Pareto-Verteilung beschrieben werden können. Zusätzlich dienen besonders bekannte reiche Haushalte, die vom „Trend“ in Form einer Reichenliste zusammengefasst sind, als Anhaltspunkte.

Wie sicher ist die neue Schätzung?

Die von Kapeller und seinem Team verwendete Methode wurde auch im Jahr 2014 im Zuge der ersten Welle der EZB-Umfrage verwendet, weiter verfeinert und für die zweite Welle der HFCS-Daten adaptiert.

Ihre innovative Forschungsarbeit wurde 2015 im renommierten wissenschaftlichen Journal „Review of Income and Wealth“ zur Publikation angenommen und ist Teil des „state of the art“ in der wissenschaftlichen Literatur.

Forderungen der AK

Forderungen

Gerechtigkeitsdiskussion muss sein: Die Vermögenskonzentration ist schon in den unbereinigten Rohdaten erschreckend und erfordert rasches Handeln. Die Hochschätzung zeigt lediglich, dass die Realität noch bei weitem schlimmer ist. Wir brauchen wieder eine Gerechtigkeitsdiskussion darüber, wie privates Vermögen in Österreich verteilt sein soll. Die AK verlangt ergänzend zum Bericht zur Armutsgefährdung einen umfassenden Reichtumsbericht der Bundesregierung, der regelmäßig dem Parlament und der Öffentlichkeit vorgelegt wird. Vermögens- und Erbschaftssteuern sind aus zweierlei Perspektive unumgänglich: Die Finanzierung des gemeinsamen Wohlfahrtsstaates für alle braucht einen fairen Beitrag der Reichsten. Soll das gesellschaftliche und demokratische Gefüge nicht nachhaltig gefährdet werden, brauchen wir eine gleichere Verteilung des Wohlstands statt einer dynastischen Vererbung der Vermögenskonzentration über Generationen hinweg.


Bessere Daten bei Vermögenserhebungen: Um verlässlichere Daten als in der Vergangenheit zu erhalten, muss es eine Teilnahmeverpflichtung an den Haushaltserhebungen der EZB geben. Auch das in vielen anderen europäischen Ländern, aber nicht in Österreich angewandte „Oversampling“, also die Einbeziehung von mehr reichen Haushalten in die Stichprobe, würde zu einem realistischeren Abbild der Vermögensungleichheit führen.

AK Dividendenreport

Die Dividenden-Zahlungen klettern um 30 Prozent auf 2,3 Milliarden €. Ausgeschüttet wird teilweise auch bei Verlust oder mehr als der Gewinn ausmacht.

Unternehmensmonitor

Zu wünschen übrig lässt die Investitionsbereitschaft. Und bei der Verteilungspolitik ortet die AK eine Schieflage zu Ungunsten der ArbeitnehmerInnen.

Branchenanalysen

Einmal jährlich wird die wirtschaftliche Lage der wichtigsten Branchen in Österreich untersucht. Grundlage sind v.a. veröffentlichte Jahresabschlüsse.

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