14.2.2019

Unterschätztes öffentliches Vermögen

Die Debatten über öffentliche Haushalte drehen sich oft um eines: Schulden. Ausgeblendet bleibt dabei meist die andere Seite der Bilanz, nämlich das Vermögen der öffentlichen Hand: Dieses setzt sich aus öffentlicher Infrastruktur wie Schulen, Spitälern und anderen Gebäuden, Verkehrswegen, öffentlichen Transportmitteln, Grundstücken, Seen, Wäldern, Kunst­gegenständen, Wissen u.v.m. zusammen. Sie summieren sich in Österreich auf über 450 Mrd. Euro (122 % des BIP) – und übersteigen die Schulden damit um zig Milliarden.

Aber warum wird die Vermögensbilanz so einäugig betrachtet, obwohl die Bruttoschulden für sich genommen wenig aussagen? Jedenfalls nicht „für die Zukunft unserer Kinder“, für die eine gute öffentliche Infrastruktur ohne Engpässe relevanter ist – vor allem dann, wenn ihre Eltern privat wenig Vermögen haben, mit dem sie ihnen gute Bildung, Freizeitmöglichkeiten oder leistbaren Wohnraum finanzieren können. Auch ist öffentliches Vermögen gesamtgesellschaftlich relevant. Es ermöglicht Mobilität, hochwertige Netzinfrastrukturen, öffentliche Gesundheitsversorgung, eine funktionierende Verwaltung, usw. Und wird in zunehmenden Maße in der Zukunft von Bedeutung sein, will man Klimaschutz, Digitalisierung, Alterung, Urbanisierung und sonstige Herausforderungen sozial verträglich stemmen.

Auch wenn öffentliches Vermögen in letzter Zeit bereits zunehmend mehr Aufmerksamkeit erfahren hat (siehe zB OECD zur Messung von ökonomischen und sozialen Fortschritt, Internationaler Währungsfonds oder die Haushaltsrechtsreformen auf nationaler Ebene), ist seine detaillierte Erfassung noch wenig fortgeschritten. Erst wenn sich das ändert, wird sich die Debatte von der Verschuldung verstärkt in Richtung Vermögen verschieben können.

Grafik © Tea Mina Jaramaz

Datenquelle: Statistik Austria. *Werte für Grund und Boden erst für 2016 verfügbar.

Die hier abgebildeten Daten von Statistik Austria, die momentan noch aus unterschiedlichen Quellen zusammenzustellen ist, zeigen zumindest einmal ein grobes Gesamtbild: Knapp die Hälfte des Vermögens entfällt auf das sogenannte produzierte Nettoanlagevermögen, das Gebäude, Fahrzeuge und Maschinen, aber ferner auch Wissen in Form von Grundlagenforschung umfasst. Grund und Boden sowie Beteiligungen – und hier zu grob zwei Drittel Unternehmensbeteiligungen – betragen jeweils gut ein Achtel. Das letzte Viertel entfällt auf sonstige Finanzvermögen, also Bargeld, Einlagen, Kredite und sonstige Forderungen.

Auf der Passivseite sind neben den Maastricht-Staatschulden (78 % des BIP) noch weitere Verbindlichkeiten zu finden, sodass sich ein Nettovermögen von 76 Mrd Euro bzw. gut 20 % des BIP ergibt. Das illustriert, dass den Schulden ein höheres Vermögen gegenüberstehen, das im Sinne einer auf nachhaltigen Wohlstand und gesellschaftlichen Fortschritt orientierten Wirtschaftspolitik auch qualitativ relevanter ist. Ein radikaler Schuldenabbau ist mit einem zukunftsorientieren Vermögensaufbau nicht vereinbar– zumindest wenn die Abgabenquote nicht steigen, radikale Sozialkürzungen vermieden und große Vermögenspositionen wie Unternehmensbeteiligungen, Gebäude und Wälder nicht verkauft werden sollen. 

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