17.5.2018

Hartz IV ist nicht der Grund für bessere Arbeitsmarkt-Entwicklung in Deutschland im Vergleich zu Österreich

Immer wieder wird behauptet, der Rückgang der Arbeitslosigkeit in Deutschland wäre auf unsoziale Maßnahmen wie Hartz IV zurückzuführen. Mehr Druck auf Arbeitslose, so die Geschichte, hätten dabei den Arbeitsmarkt dynamisiert. Und daraus wird gefolgert, dass in Österreich ähnliche Reformen durchgeführt werden sollten. Hingegen: Ein faktenbasierter Ländervergleich (bis 2015) zeigt, dass Hartz IV nicht der Grund für die bessere Arbeitsmarktentwicklung in Deutschland im Vergleich zu Österreich ist. Vergleicht man nämlich die Beschäftigungsentwicklung gegenüber 2004 (Hartz IV trat mit 1.1.2005 in Kraft), so zeigt sich, dass die Beschäftigung in Österreich sogar etwas stärker gewachsen ist als in Deutschland (+12,0 zu +9,5 Prozent).

Grafik © Tea Mina Jaramaz

Dieses Bild teilen über:

Twitter | Facebook

Bild teilenGrafik © Tea Mina Jaramaz

Wie passt das nun dazu, dass die Arbeitslosigkeit (gemäß Eurostat) in Deutschland praktisch kontinuierlich zurückging, während sie in Österreich – nach einem Tiefstand von 4,1 % - seit der Krise wieder stieg?

Die Antwort liefert die völlig unterschiedliche Entwicklung des Arbeitsangebots. Die drei wichtigsten Gründe für den Anstieg der Arbeitslosenrate in Österreich von 5,5 (2004) auf 5,7 (2015) Prozent (+39.000) gegenüber dem Rückgang von 10,4 auf 4,6 Prozent in Deutschland sind:

  • Vor allem stieg die Zahl der Personen im Erwerbsfähigen Alter (15-64) in Österreich stärker: Plus 4,0 Prozent, während sie in Deutschland stagnierte (+0,0 %, den Datenbruch in der Zeitreihe 2011 berücksichtigend). Hätte sich die Bevölkerung wie in Deutschland entwickelt, wäre das Arbeitsangebot in Österreich 2015 um 224.300 Personen geringer gewesen.

  • Die wachsende Zahl an grenzüberschreitende EinpendlerInnen – rechnet man diese in die Bevölkerungsentwicklung mit ein, ergibt sich in Österreich ein Gesamtanstieg von 5,5 % gegenüber einem Rückgang von 0,1 % in Deutschland. Hätte sich die Zahl der grenzüberschreitenden EinpendlerInnen so wie in Deutschland entwickelt, wäre das Arbeitsangebot in Österreich 2015 um rund 84.900 Personen geringer gewesen.

  • Pensionsreformen gab es in beiden Ländern, doch dürfte in Deutschland seit der Einführung von Hartz IV das Arbeitsangebot der ArbeitnehmerInnen 55+ weniger stark gestiegen sein. Vergleichszahlen für den Analysezeitraum liegen zwar nicht vor – allerdings lässt sich zeigen, dass es in Österreich alleine in den Jahren 2010 bis 2016 zu einem Anstieg der Zahl der älteren Erwerbstätigen um 128.000 Personen gekommen ist. 

Der faktenbasierte Ländervergleich zeigt: Mehr Druck auf Arbeitslose führt nicht zu einem Rückgang der Arbeitslosigkeit. Besonders für ein kleines Land wie Österreich fallen Veränderungen im Arbeitsangebot besonders ins Gewicht und sind maßgeblich ausschlaggebend für die unterschiedliche Entwicklung der Arbeitslosenstatistik. 

Der Schlüssel zur Reduktion der Arbeitslosigkeit liegt in der Verknappung des Arbeitsangebotes. Das kann durch innovative Formen von Arbeitszeitverkürzung geschehen, die auch dazu beitragen können den Herausforderungen durch die demografischen Entwicklungen gegen zu wirken. Darüber hinaus gilt es die Hürden zu beseitigen, die arbeitslosen Menschen bei der Integration in den Arbeitsmarkt im Weg stehen.

Doch dazu braucht es den politischen Willen, also die entsprechenden finanziellen Mittel, für eine aktive Arbeitsmarktpolitik. Im Speziellen für die Integration von älteren Langzeitarbeitslosen, Menschen mit gesundheitlichen Beeinträchtigungen, Menschen die besonders vom Digitalen Wandel betroffen sind und von Asylberechtigten.