7.4.2015

Wien: Eine Stadt für Junge, eine Stadt für alle?

Wien wächst. In den nächsten Jahren wird Wien zum „jüngsten Bundesland“ avancieren. Die Zahl der Jungen in Wien wird steigen. Bis 2035 wird die Zahl der unter 14-Jährigen um fast 24 Prozent ansteigen. Eine aktuelle Studie des Instituts Sora im Auftrag der AK beleuchtet die Sozialwissenschaftliche Grundlagenstudie (Sowi) der Stadt Wien in Bezug auf die Lebenslagen junger Menschen zwischen 15 und 30 Jahren. Die  jungen WienerInnen geben „ihrer“ Stadt gute Noten in puncto Lebensqualität. Aber beim Arbeiten, beim Wohnen oder in der Freizeit gibt es auch eine wachsende Gruppe von jungen Menschen, die in allen drei Bereichen benachteiligt wird: Junge MigrantInnen, junge Frauen, insbesondere wenn sie höchstens eine Lehre abgeschlossen haben.

„Die Jungen in Wien sind meist überzeugte Wienerinnen und Wiener“, sagt AK Präsident Rudi Kaske. Aber viele haben Schwierigkeiten, eine fair bezahlte Arbeit zu finden. Dazu kommen große Problemen bei der Wohnungssuche. Für die Freizeit bleibt dann oft nichts mehr übrig. „Diese Stadt bietet den Jungen sehr viel“, sagt Kaske. „Damit alle daran teilhaben können, müssen wir jetzt handeln, auch mit Blick darauf, dass künftig immer mehr junge Menschen in Wien leben werden.“

Arbeit von der man leben kann, bessere Berufschancen von Anfang an

Die Unternehmen klagen viel über Facharbeitermangel, aber nur noch rund 3.800 Unternehmen in Wien bildeten im Jahr 2013 Lehrlinge aus, vor gut zehn Jahren waren es noch über 4.400. Knapp die Hälfte der Lehrberufe werden  in nur drei Branchen angeboten: Handel, Tourismus und Friseur/Kosmetik/Fußpflege. Außerdem schöpfen  die Unternehmen die Fördermittel nicht aus, mit denen Lehrlinge mit Schwächen in Rechnen und Lesen gefördert werden. Hier müssen sich die Unternehmen bewegen und mehr in die Ausbildung der Fachkräfte von morgen investieren.

Generation Praktikum: HochschulabsolventInnen oder junge Menschen mit abgeschlossener Ausbildung erleben den Berufseinstieg immer häufiger nicht in Form eines regülären Arbeitsverhältnisses mit korrekter Bezahlung und sonstigen Arbeitsbedingungen, sondern in der Mogelpackung „Praktikum“ und übernehmen dabei für wenig Geld die Arbeit einer Vollzeitkraft. Hier muss gelten: Wer seine facheinschlägige Berufsausbildung abgeschlossen hat, ob durch Lehre, berufsbildende Schule, Fachhochschule, oder Hochschule muss mit mindestens mit dem Einstiegslohn des jeweils geltenden Kollektivvertrags und einem regulären Arbeitsvertrag beschäftigt werden. Die AK bietet PraktikantInnen Rechtsberatung an. Praktika im Rahmen einer Ausbildung müssen klar begrenzt sein, der Ausbildungscharakter muss im Vordergrund stehen. Im Zweifel gelten Praktika als Arbeitsverträge. Die Arbeitgeber müssen das Gegenteil beweisen. Klare Vorgaben für Praktika müssen in Ausbildungsplänen definiert werden.

MigrantInnen sind besonders häufig überqualifiziert und unterbezahlt

Über 30 Prozent der Zuwanderer, die zu uns kommen, können ihre im Herkunftsland erworbenen Kenntnisse und Fertigkeiten im Beruf nicht verwerten. Auch auf Druck der AK gibt es für jedes Bundesland Anlaufstellen für Migranten und Migrantinnen, die beraten und helfen, um zu dieser Berufsanerkennung und damit auch zu fairer Bezahlung zu kommen. Allerdings ist die Finanzierung dieser Anlaufstellen nur bis Ende 2016 gesichert.

Die AK fordert daher einen Ausbau und die nachhaltige finanzielle Absicherung dieser Anlaufstellen. Hauptproblem der jungen MigrantInnen ist, dass die Firmen ausländische Zertifikate nicht für gleichwertig halten. Hier muss ein verlässliches System der Validierung ausländischer Berufsabschlüsse her, damit die Unternehmen darauf vertrauen können, dass diese validierten Abschlüsse tatsächlich den inländischen gleichzuhalten sind. Ein solches Validierungssystem muss aufgebaut und nachhaltig finanziert werden. Im Rahmen eines von der Regierung geplanten Anerkennungsgesetzes könnte dafür auch eine legistische Grundlage geschaffen werden.

Wohnen muss billiger werden

Der Justizminister muss endlich handeln: Befristungen sollen nur noch erlaubt sein, wenn der Vermieter Eigenbedarf für sich, seine Kinder oder Enkel geltend macht. Die Maklerkosten soll der Auftraggeber bezahlen, wie beispielsweise seit kurzem in Deutschland. Außerdem braucht es wirksame Mietobergrenzen. 

Gerade junge Familien sind auf bezahlbaren Wohnraum angewiesen. Deshalb und aufgrund des anhaltenden rasanten Zuzugs müssen in Wien ausreichend geförderte Wohnungen gebaut werden. Jährlich braucht es in den nächsten zehn Jahren mindestens 8.000 neue geförderte Wohnungen pro Jahr in Wien. Die Stadt Wien hat in den beiden vergangenen Jahren jeweils rund 8.000 geförderte Wohnungen zugesichert. Hier gilt es, dieses Niveau im kommenden Jahrzehnt zu halten beziehungsweise bei Bedarf weiter zu erhöhen. Das seitens des Bundes angekündigte Sonderwohnbauprogramm kann zusätzlich dazu beitragen, durch mehr erschwingliches Angebot den Druck aus dem Wiener Wohnungsmarkt zu nehmen.

Freizeit und Mobilität müssen für alle leistbar sein

Junge Leute brauchen attraktive Freiflächen, auf denen man nichts konsumieren muss, insbesondere in den dichter bebauten Stadtregionen. Gute Beispiele gibt es schon: Etwa in den Fußballkäfigen am Gürtel. Diese Möglichkeiten muss Wien noch mehr nutzen.  So sollte es an wichtigen Treffpunkten wie etwa in Fußgängerzonen oder am Donaukanal etwa gleichviel Räume ohne Konsumzwang wie etwa Schanigärten geben. Ein gelungenes Beispiel ist das Museumsquartier, in New York gibt es eine ganz einfache Lösung direkt am Broadway. 

Schulturnhallen und Schulsportplätze stehen oft nach dem Unterricht und das ganze Wochenende leer, während die WienerInnen dringend Bewegungsräume brauchen: Dafür sollten Schulturnhallen und Schulsportplätze mehr geöffnet werden. Da gibt es auch noch unterschiedliche rechtliche Voraussetzungen bei Bundes- und Landesschulen. Die AK fordert daher einen zentralen Ansprechpartner, etwa im Stadtschulrat. Der soll helfen, jungen Leuten und nicht nur Vereinen unbürokratisch und schnell Sportmöglichkeiten zu vermitteln.

Junge als StammkundInnen der Öffis ernst nehmen

Laut einer Studie der TU Dresden festigt sich im Alter zwischen 15 und 25 Jahren die Entscheidung, mit welchem Verkehrsmittel man bevorzugt unterwegs sein will. Die Studie zeigt: Die Jungen sind geübte Öffi-NutzerInnen. Wenn es gelingt, diese Öffi-NutzerInnen zu halten, hat die Stadt einen Schlüssel gegen kommende Verkehrsstaus und Parkplatznot. Das heißt: Junge als StammkundInnen der Öffis ernst nehmen. Beteiligung schafft Identifikation und Kundenbindung: Junge KundInnen nach ihren Bedürfnissen fragen und Fahrpläne auch danach ausrichten, wäre ein Weg, die Bindung an die Jungen noch zu festigen.

Junge Leute bewegen sich oft sehr spontan: Ein gutes Öffi-Netz mit kurzen Takten macht dies in weiten Teilen der Stadt gut möglich. Besser werden muss die Versorgung allerdings in den Randgebieten. S-Bahnen mit einem durchgängigen 10-Minuten-Takt und eine bessere Abstimmung auf die anderen Verkehrsmittel könnten hier schnelle und bezahlbare Lösungen bringen.

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Zeitschrift "AK Stadt"

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Was Schule können muss
Verlag: AK Wien
Erschienen: Wien, 2018