Mutter mit Sohn © luxorphoto, stock.adobe.com
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2.12.2020

Alleinerzieher*innen: „Wer nicht nach der Norm lebt, wird bestraft“

„Wer nicht nach der Norm eines traditionellen Familienbildes lebt, wird noch immer indirekt bestraft“, sagt Ingrid Moritz, Leiterin der Abteilung Frauen, Familie in der AK Wien. 

Ein höheres Arbeitslosengeld ist gerade für Alleinerzieherinnen besonders dringlich, so Moritz anlässlich einer Online-Diskussion zum Thema „Leben am Limit – Alltag von Alleinerzieher*innen in der Coronakrise“ von AK, ÖGB-Frauen, dem Verein feministische Alleinerzieherinnen (FEM.A)und dem ABZ*AUSTRIA.

Diskutiert wurden Alltagsbelastungen und Herausforderungen von Alleinerzieherinnen sowie mögliche Lösungsansätze.

Schumann: Schulen müssen in Krisenzeiten Bildungseinrichtung bleiben

ÖGB-Vizepräsidentin und Frauenvorsitzende Korinna Schumann: „Alleinerziehende sind von der Pandemie mit am härtesten getroffen – sie brauchen jetzt Entlastung, um nicht in die Armut abzurutschen.“

„Alleinerziehende, über 90 Prozent davon Frauen, fühlen sich von der Bundesregierung im Stich gelassen. Sie sind verunsichert und wissen nicht, ob sie ihre Kinder in Schule und Kindergarten bringen können, um arbeiten gehen zu können, oder ob sie sie lieber zuhause lassen sollen“, so Schumann weiter. „Schulen und Kindergärten müssen auch in Krisenzeiten Bildungseinrichtung bleiben und dürfen nicht nur als Aufbewahrungsstätten für Kinder dienen, deren Eltern arbeiten müssen. Die Coronapandemie entwickelt sich sonst immer mehr zur sozialen Krise.“

Czak: Alleinerzieherinnen sind die großen Verliererinnen der Krise

Andrea Czak, Obfrau von FEM.A (Verein feministische Alleinerzieherinnen): „Alleinerzieherinnen sind die großen Verliererinnen der Krise: kein Job, kein Geld, weniger Unterhalt, keine Unterstützung. Alleinerziehende werden auch in der Corona-Krise von der Politik vergessen. Verliert der Kindesvater den Job, kürzt sich der Unterhalt erheblich, auch dann, wenn er Vermögen hat. Eine Lösung beim Unterhaltsschuss fehlt nach wie vor.

Um Kinderarmut zu vermeiden, ist ein Mindestunterhalt von 300 Euro erforderlich. Die Regelbedarfe zur Unterhaltsbemessung basieren aber auf einer Kinderkostenstudie von 1964. Es braucht dringend eine neue Kinderkostenstudie. Der Staat bietet Alleinerzieherinnen ohne Auffangnetz wenig strukturelle Unterstützung bei der Betreuung von Babys und Kleinkindern. Kinder groß zu ziehen muss endlich als echte Arbeit anerkannt werden: Unsere Care-Arbeit ist eine Vorableistung für die Wirtschaft, und wir ziehen die Steuerzahler von morgen groß!“ 

Vollmann: Es braucht Verbesserungen auf struktureller Ebene

Manuela Vollmann, Geschäftsführerin von ABZ*AUSTRIA sagt: „Viele der Frauen, die wir bei ABZ*AUSTRIA beraten und während unterschiedlichster Ausbildungen begleiten, sind Alleinerzieherinnen. Die Frauen sind sehr zielstrebig und sind sich der Notwendigkeit einer gut fundierten Ausbildung bewusst.

Wir wissen aber auch, mit welchen Herausforderungen sie zu kämpfen haben: Die Großeltern sind oft selbst noch berufstätig und fallen für eine stabile Kinderbetreuung aus, ein Kindergartenplatz in der Nähe des Wohnorts, damit lange Fahrtzeiten ausfallen, ist schwierig zu bekommen und Teilzeit Ausbildungen sind vor allem für existenzsichernde Jobs noch viel zu selten. Es braucht noch einige Verbesserungen auf struktureller Ebene.“

Moritz: Höheres Arbeitslosengeld gerade für Alleinerzieherinnen dringlich

AK Expertin Moritz‘ Fazit: „Alleinerzieher*innen sind viel zu wenig im Blick, aber während der Coronakrise wurde völlig auf sie vergessen. Bestes Beispiel ist der Familienhärteausgleich: Paare, die zusammenleben, bekommen Unterstützung, wenn es bei einem Elternteil durch Arbeitslosigkeit oder Kurzarbeit zu Einkommensverlusten kommt. Alleinerzieherinnen erhalten nichts, wenn der Vater des Kindes wegen Arbeitslosigkeit nun weniger Unterhalt zahlt.

Wer nicht nach der Norm eines traditionellen Familienbildes lebt, wird noch immer indirekt bestraft. Ein eigenständiges und unabhängiges Leben für Frauen ist, sobald Kinder da sind, noch immer nicht möglich. Die AK fordert ein höheres Arbeitslosengeld. Das ist für Alleinerzieher*innen ganz besonders wichtig: Sie sind besonders darauf angewiesen, dass der Einkommensverlust möglichst gering ausfällt.“


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