27.10.2017

Junge als Betroffene von sexueller Belästigung

Das Institut für Konfliktforschung hat im Auftrag der AK Wien und des AMS eine qualitative Studie zu sexueller Belästigung junger Frauen und Männer in Ausbildung und Beruf erstellt. Ergebnis: Als BerufseinsteigerInnen sind junge Menschen im Unternehmen in einer schwächeren Position und daher besonders stark betroffen. Ingrid Moritz, Leiterin der Abteilung Frauen, Familie in der AK Wien sagt: „Es braucht das klare Signal der Unternehmensleitung, dass sexuelle Belästigung nicht toleriert wird. Die Aufgabe der Führungskräfte ist es insgesamt ein respektvolles Arbeitsklima zu schaffen.“

Für die Studie wurden 31 Mädchen und 19 Burschen zwischen 16 und 25 Jahren in Fokusgruppen bzw. Einzelinterviews befragt. Es wurden keine Größenrelationen erhoben, sondern es wurden junge Frauen und Männer als (potentiell) Betroffene nach ihren Erfahrungen befragt, um Rückschlüsse auf effektive Präventions- und Schutzmaßnahmen zu ziehen. Gefragt wurde, was es schwierig macht, sich zur Wehr zu setzen, wer als Vertrauensperson gesehen wird und welche Unterstützung notwendig wäre. Ein zentrales Thema war zudem das Gewaltverständnis der Jugendlichen – wann wird ein „komisches" oder unangenehmes Verhalten zur sexuellen Belästigung?

Die wichtigsten Ergebnisse:

  • Für die meisten jungen Frauen gehört sexuelle Belästigung zum Alltag. Sie erleben diese auf der Straße, in öffentlichen Verkehrsmitteln oder in Lokalen.

  • Am Arbeitsplatz ist es den jungen Frauen nicht immer sofort erkennbar, wenn es zu sexuellen Belästigungen kommt, etwa im Fall von scheinbar zufälligen Berührungen. Oft wird versucht, bei leichteren Übergriffen diese Belästigungen zunächst zu ignorieren. Frauen wollen auch nicht zickig wirken oder als Opfer gesehen werden und übergehen deshalb diese Vorfälle.

  • Die befragten jungen Männer hingegen erlebten sexuelle Belästigungen vor allem durch KundInnen, etwa als Zivildiener bei der Rettung. Die befragten jungen Frauen machten Erfahrungen mit sexueller Belästigung durch Arbeitgeber, Arbeitskollegen und Kunden.

  • Vielfach gibt es gute Gründe, nicht gegen die sexuelle Belästigung vorzugehen. Genannt werden etwa: Angst, den Arbeitsplatz zu verlieren, nicht als Opfer stigmatisiert zu werden, sich selbst verteidigen zu wollen. Aber auch die fehlende betriebliche Einbindung bei kurzen Beschäftigungen (Praktika, Studentenjobs etc) und der Zusammenhalt langjähriger MitarbeiterInnen erschwert es, sexuelle Belästigung anzusprechen. Mehrere nannten auch Schamgefühle oder suchten die Schuld bei sich selbst (zu viel geschminkt, zu höflich).

  • In einzelnen Fällen haben junge Frauen und Männer aber auch Unterstützung von ihren Vorgesetzten erhalten. So wurde in einem Lokal ein Kunde rausgeworfen, es gab Anti-Sexismus-Workshops für Beschäftigte, und es gab Hinweise durch Vorgesetzte, dass sexuelle Belästigung nicht toleriert wird. In einer Werbeagentur wurden die MitarbeiterInnen extra gecoacht, bei sexueller Belästigung laut zu sagen: „Mein Herr, Ihre Hände gehören da nicht hin.“ Damit machte das Unternehmen ebenfalls klar, dass sexuelle Belästigung nicht toleriert würde.

  • Ein wichtiger Befund der Studie ist: Eine Opfer-Täter-Umkehr muss vermeiden werden. Ratschläge, die Jugendlichen sollten frühzeitig und deutlich Grenzen setzen, sind nicht ausreichend. In der Regel gibt es begründete Hindernisse, warum nicht gehandelt wird. Hilfreich sind hingegen klare Signale im Unternehmen und die Förderung eines respektvollen Arbeitsklimas als Aufgabe von Führungskräften.

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