9.10.2019

Elternteilzeit und Berufschancen von Frauen

Frauen mit Kindern, die arbeiten, können es offenbar niemandem Recht machen: Für die einen sind Mütter in Vollzeit Rabenmütter, weil sie früh in den Beruf zurückkehren; für die anderen Mütter in Teilzeit Hausmütterchen, die für ihr Kind ihre Karriere vernachlässigen. 

Elternteilzeit bringt Frauen bessere Jobschancen 

Vor 15 Jahren wurden mit der Einführung der Elternteilzeit wichtige Gestaltungsrechte bei der Arbeitszeit für erwerbstätige Eltern geschaffen. Die vorliegende Studie im Auftrag der AK Wien zeigt, wie sich die Elternteilzeit auf die Entwicklung der Beschäftigung von Eltern ausgewirkt hat. 

Elternteilzeit in Österreich*, wichtigste Ergebnisse:

  1. Bessere Jobchancen für Frauen.
  2. Allerdings arbeiten Mütter fast ausschließlich (niedrige) Teilzeit.
  3. Bei Vätern ist nach wie vor Vollzeitarbeit vorherrschend. 

AK Präsidentin Renate Anderl: „Als Gesellschaft sollten wir als erstes allen Frauen, die täglich den Spagat zwischen Beruf und Familie schaffen, unseren Respekt zollen und sie nicht ständig in Frage stellen, egal ob sie Vollzeit oder Teilzeit arbeiten. Und dann sollten wir eine gleichberechtigte Arbeitsteilung zwischen Frauen und Männern unterstützen, und zwar durch kürzere Arbeitszeiten für alle.“ 

*FORBA, Datenbasis der Statistik Austria Mikrozensus-Arbeitskräfteerhebung 2005 bis 2017, jährlich 16.800 befragte Eltern mit Kindern zwischen 0 und 10 Jahre. 

Elternteilzeit wird nicht direkt in der Mikrozensus-Arbeitskräfteerhebung abgefragt. Aber durch Informationen über die Beschäftigungsdauer und die Zahl der Beschäftigten im Betrieb kann ermittelt werden, welcher Anteil der weiblichen und auch der männlichen Erwerbstätigen in potentiell für Elternteilzeit in Frage kommenden Erwerbsverhältnissen beschäftigt ist und welcher Anteil der Erwerbsverhältnisse diese Kriterien nicht erfüllt. 

Bessere Jobchancen

Die Erwerbstätigkeit von Frauen ist in den letzten 25 Jahren kontinuierlich gestiegen. Auffallend ist dabei ein besonders deutlicher Anstieg in der zweiten Hälfte der 2000er Jahre. Dieser fällt zeitlich mit der Einführung der Elternteilzeit 2004 zusammen.

Erwerbstätigkeit von Frauen mit Kindern

Grafik © AK Wien

Anspruch auf Elternteilzeit bzw. Änderung der Lage der Arbeitszeit haben ArbeitnehmerInnen in Betrieben mit mehr als 20 MitarbeiterInnen, deren Arbeitsverhältnis zum Zeitpunkt des Antritts der Elternteilzeit bereits drei Jahre ununterbrochen gedauert hat (inklusive z.B. Elternkarenz). Die Elternteilzeit kann bis zum 7. Geburtstag des Kindes in Anspruch genommen werden, es gibt einen Kündigungs- und Entlassungsschutz bis zum 4. Geburtstag und einen Motivkündigungsschutz bis zum 7. Geburtstag. 

Besteht kein Rechtsanspruch auf Elternteilzeit, weil etwa der Betrieb zu klein oder die Dauer des Arbeitsverhältnisses zu kurz ist, kann trotzdem Elternteilzeit vereinbart werden. Diese vereinbarte Elternteilzeit kann längstens bis zum Ablauf des 4. Lebensjahres des Kindes dauern. 

Frauen mit mittleren Bildungsabschlüssen profitieren am meisten

Frauen mit mittleren Bildungsabschlüssen – Lehre, Berufsbildende Mittlere Schule, Matura und Kolleg – konnten ihre Erwerbstätigkeit am stärksten steigern: So ist beispielsweise der Anteil der erwerbstätigen Frauen mit Lehrabschluss mit jüngstem Kind im Alter von 2 bis 3 Jahren von 53 Prozent im Jahr 2005 auf 63 Prozent im Jahr 2017 gestiegen, und mit jüngstem Kind von 4 bis 6 Jahren von 66 Prozent auf 84 Prozent.  

Wenig hat sich dagegen bei der Erwerbstätigkeit von Müttern mit Pflichtschulabschluss getan. Ein Grund könnte sein, dass Frauen mit Pflichtschulabschluss deutlich seltener Zugang zum Rechtsanspruch auf Elternteilzeit haben, weil ihre Arbeitsverhältnisse entweder weniger stabil also kürzer sind oder sie häufiger in zu kleinen Betrieben beschäftigt sind. 

Frauen in Teilzeit, Männer weiterhin Vollzeit

Frauen mit vorschulpflichtigen Kindern sind fast ausschließlich teilzeitbeschäftigt, im Beobachtungszeitraum hat sich diese Entwicklung noch verstärkt. Vollzeit geht zurück, trotz deutlich höherer Erwerbsbeteiligung der Frauen. 

Rechtsanspruch auf Elternteilzeit gibt es bis zum 7. Geburtstag des Kindes. Die Elternteilzeit wirkt aber darüber hinaus: Mehr Frauen mit jüngstem Kind zwischen sieben und zehn Jahren sind erwerbstätig, der Teilzeitanteil ist von 45 auf 53 Prozent gestiegen, der Vollzeitanteil von 21 auf 19 Prozent etwas gesunken. 

Elternteilzeit unterstützt damit ohne Zweifel Mütter dabei, rascher wieder erwerbstätig zu sein. Gleichzeitig bleibt der Zugang zu Erwerbstätigkeit für Frauen vielfach – und oft lange – auf niedrige Teilzeit beschränkt. So liegt die durchschnittliche wöchentliche Arbeitszeit von Müttern mit vorschulpflichtigen Kindern im gesamten Beobachtungszeitraum erstaunlich stabil bei 19 bis 23 Stunden (je nach Alter des Kindes und Teilzeit mit und ohne Rechtsanspruch unterschiedlich). Hier ist der Gestaltungsspielraum, um die Betreuung der Kinder abzudecken, nach wie vor offensichtlich zur gering für Frauen, nicht zuletzt aufgrund nicht ausreichender Angebote an Kindergärten und Krippen. 

Ausschlaggebend dafür ist natürlich auch, dass die unbezahlte Arbeit sehr ungleich zwischen den Geschlechtern verteilt ist: Erwerbstätige Frauen arbeiten im Schnitt 27 Stunden in der Woche unbezahlt im Haushalt, in der Kinderbetreuung und in der Pflege. Bei Männern sind es mit 16 nur rund halb so viele Stunden. (Zeitverwendungsstudie 2008/2009) 

Zwar ist die Wochenarbeitszeit von Vätern im Beobachtungszeitraum in Vollzeit um zwei bis drei Stunden zurückgegangen. Mit 42 Stunden ist sie aber immer noch sehr hoch. Und Männer mit Kindern arbeiten sogar öfter Vollzeit (oft mit Überstunden) als Männer ohne Kinder, obwohl sie eigentlich mehr Zeit für ihre Familie brauchen und wollen. Der Teilzeitanteil von Vätern mit vorschulpflichtigen Kindern hat sich im Beobachtungszeitraum nur von 3 auf 7 Prozent im Jahr 2017 erhöht. Und das, obwohl mehr Männer als Frauen einen Rechtsanspruch auf Elternteilzeit haben! 

Auffallend ist, dass sich bei den – leider noch wenigen – Vätern die in Elternteilzeit mit Rechtsanspruch sind die Arbeitszeit im Beobachtungszeitraum kontinuierlich erhöht hat und 2017 bei durchschnittlich 27 bzw. 30 Wochenstunden liegt. Väter können offensichtlich die mit dem Rechtsanspruch verbundenen besseren Gestaltungsmöglichkeit für höhere Teilzeit nutzen. 

Die Erfahrung aus der AK Beratung zeigt weiters: Viele Eltern wissen nicht, dass sie gleichzeitig mit dem Partner oder der Partnerin in Elternteilzeit gehen können, dass also sowohl die Frau als auch der Mann die Arbeitszeit z.B. auf je 30 Stunden pro Woche verringern können. 

Rechtsanspruch wirkt

Es zeigt sich, dass Frauen in Teilzeit zum Großteil nicht die Kriterien für einen Rechtsanspruch auf Elternteilzeit erfüllen. Die Gruppe jener Frauen, die diese erfüllen, ist im Beobachtungszeitraum allerdings stärker gestiegen, als jene, die diese nicht erfüllen. Das zeigt, dass sich durch die Gestaltungsmöglichkeiten, die Frauen durch den Rechtsanspruch haben, Elternteilzeit besser realisieren lässt. Ursache: Bei Elternteilzeit mit Rechtsanspruch kann die Arbeitnehmerin im wesentlichen selbstbestimmt die Arbeitszeit so gestalten, dass Beruf und Familie gut für sie vereinbar sind. Anders ist es bei Elternteilzeit ohne Rechtsanspruch (vereinbarte Elternteilzeit). Hier ist die Arbeitnehmerin de facto vom Goodwill des Arbeitgebers abhängig.

Anderl fordert mehr Respekt für berufstätige Mütter und Väter 

AK Präsidentin Renate Anderl: „Die Elternteilzeit bringt Licht aber auch Schatten! Die Jobchancen der Frauen sind gestiegen, dagegen sind die Einkommen zu niedrig. Zudem bleibt der Zugang zur Erwerbstätigkeit oft lange und auch oft auf niedrige Teilzeit beschränkt. Und die Männer haben zu wenig Zeit für ihre Familie. 

Ein Dilemma also, bei dessen Lösung die Familien alleine dastehen. Denn in unserer Gesellschaft herrscht die Meinung: Das müssen sich die Eltern selbst ausschnapsen. Doch hier machen es sich Gesellschaft und Politik sehr bequem. Ich fordere mehr Respekt für berufstätige Mütter, egal ob in Vollzeit oder Teilzeit. In der Gesellschaft, im Wirtschaftsleben und in der Politik muss ein Umdenken stattfinden.“

Forderung

AK fordert eine bessere Vereinbarkeit von Familie und Beruf

  • Ein Prozent der Wirtschaftsleistung für Kindergärten und Krippen: Österreich gibt nur 0,67 Prozent des Bruttoinlandsproduktes (BIP) für Kinderbildung aus und liegt damit weit unter dem EU-Schnitt von einem Prozent. Daher: Anhebung der Mittel auf den europäischen Schnitt. Das bedeutet jährlich über 1,2 Milliarden Euro mehr, die hier für eine Verbesserung der Kinderbildung zur Verfügung stehen. 

  • Mehr Zeit für die Familie auch für Väter: Drei Viertel aller erwerbstätigen Frauen mit Kindern unter 15 Jahren arbeiten Teilzeit, Väter dagegen arbeiten fast ausschließlich Vollzeit. Ein Zitat eines Vaters aus der AK Online-Umfrage zum 12-Stunden-Tag: „Ich habe bei der Kindererziehung ALLES, was einen Vater heute ausmacht, versäumt. Die Kinder werfen mir das heute noch vor!" Daher: Reden wir über kürzere Arbeitszeiten! Es gibt viele Modelle: Wir müssen uns die Wochenarbeitszeit genauso anschauen wie die Lebensarbeitszeit und wie die Arbeitszeit verteilt ist. 

  • Gerechtigkeit beim Einkommen: Lange Durchrechnungszeiträume führen gerade bei Teilzeitkräften dazu, dass Mehrstunden nur 1:1 ausgeglichen werden. Der Mehrarbeitszuschlag beträgt bei Teilzeitkräften nur 25 Prozent und nicht 50 Prozent, wie bei Vollzeitkräften. Die Lösung: Mehrarbeitszuschlag bei Teilzeit ab der ersten Stunde! Und: 50 Prozent Mehrarbeitszuschlag für Teilzeitkräfte. 

  • Rechtsanspruch auf Elternteilzeit auch in Kleinbetrieben: Derzeit wandern die immer besser ausgebildeten Frauen in größere Betriebe ab. Daher: Rechtsanspruch auf Elternteilzeit auch in Betrieben bis 20 MitarbeiterInnen. 

  • Väter wünschen sich mehr Zeit für Kinder:  Das muss auch bei den Unternehmen ankommen: Es braucht familienfreundliche Arbeitszeiten, Förderung von Väterkarenz und Elternteilzeit von Vätern. 

  • Gesicherte Daten über unbezahlte Arbeit: Es braucht eine neue Zeitverwendungsstudie zu bezahlter und unbezahlter Arbeit und deren Aufteilung zwischen Frauen und Männern. 

AK Präsidentin Renate Anderl: „Wir reden viel darüber, wie die Digitalisierung die Arbeitswelt des 21. Jahrhunderts prägen wird. Aber manchmal habe ich das Gefühl, dass wir noch nicht einmal im 20. Jahrhundert angekommen sind: Frauen gehen arbeiten, wenn sie Kinder haben. Es wird Zeit, dass sich die Gesellschaft und die Unternehmen endlich darauf einstellen.“


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