4.12.2019

Längere Väter-Karenz pusht Jobrückkehr der Mütter

Das vierte Wiedereinstiegsmonitoring der Arbeiterkammer zeigt: Gehen Väter länger in Karenz ist die Chance auf einen Wiedereinstieg der Frauen bis zum 2. Geburtstag des Kindes deutlich größer. Leider handelt es sich hier nur um eine Minderheit: Nur 3 Prozent der Väter in Partnerschaften gehen länger als 3 Monate in Karenz. Die Väterbeteiligung ist zwar sehr stark gestiegen, aber die meisten Väter unterbrechen ihre Arbeit nur sehr kurz. Viele möchten aber mehr Zeit mit ihren Kindern verbringen. Hier sind vor allem auch die Unternehmen gefordert.

Was ist das Wiedereinstiegsmonitoring? 

Im Wiedereinstiegsmonitoring wird die Erwerbs- und Einkommenssituation von Müttern und Vätern nach der Geburt eines Kindes analysiert. Basis sind die anonymisierten Daten von 647.840 Personen (553.620 Frauen und 94.220 Männer). Das sind all jene, die von 2006 bis 2016 in Österreich Kinder bekommen haben (ausgenommen sind Selbstständige und BeamtInnen). Der Beobachtungszeitraum ist jedoch deutlich länger und reicht bis zum dritten Quartal 2018.  

Die Daten werden seit 2013 alle zwei Jahre ausgewertet. Konzipiert wurde das Wiedereinstiegsmonitoring von der L&R-Sozialforschung im Auftrag und in Zusammenarbeit mit der AK Wien. Die Auswertung des aktuellen Monitorings wurde erstmals um eine sogenannte logistische Regressionsanalyse erweitert – und zwar bezogen auf Frauen mit Geburten im Jahr 2014. Damit kann der positive oder negative Einfluss einzelner Faktoren auf den Wiedereinstieg von Frauen bis zum 2. Geburtstag des Kindes im Gesamtzusammenhang dargestellt werden. „Die Wirksamkeit einzelner Faktoren ist wichtig, um zu wissen, wo am wirksamsten angesetzt werden kann, damit sich die Chancen der Frauen in Bezug auf die Rückkehr in den Arbeitsmarkt verbessern“, erklärt Ingrid Moritz, Leiterin der Abteilung Frauen und Familie in der AK Wien.

Die Ergebnisse

Fünf Faktoren haben sich als besonders wesentlich herausgestellt:  

Höhere Bildung und bessere Erwerbsintegration vor der Geburt sind ebenso wie kürzere Kinderbetreuungsgeldmodelle und ein gutes Angebot an Kinderbetreuungsplätzen förderlich für einen Wiedereinstieg bis zum 2. Geburtstag.  

Den mit Abstand größten positiven Einfluss von allen Faktoren haben allerdings längere Väterkarenzen – und zwar von mehr als 6 Monaten. Das Wiedereinstiegsmonitoring zeigt auf, dass in diesem Fall die Chance auf einen Wiedereinstieg rund zweieinhalb (!) Mal größer ist als im Durchschnitt.

Eine Väterbeteiligung von 3-6 Monaten wirkt sich ebenfalls positiv aus, allerdings mit einer um 20 Prozent höheren Chance auf einen Wiedereinstieg der Partnerin bis zum 2. Geburtstag weniger stark. 

Allerdings sind diese für den Wiedereinstieg von Frauen positiven Varianten Minderheiten-Programme. Denn nur knapp 1 Prozent aller Paare weisen eine Väterbeteiligung von mehr als 6 Monaten auf. Bei einer Beteiligung zwischen 3 und 6 Monaten sind es ebenfalls nur rund 2 Prozent.  

Dagegen ist eine Väterbeteiligung, die weniger als 3 Monate dauert, sogar hinderlich für die Rückkehr der Frauen an den Arbeitsplatz.  

Die Väterbeteiligung im Ausmaß von weniger als 3 Monaten, die wie erwähnt sogar kontraproduktiv wirkt, macht allerdings mit 10 Prozent den überwiegenden Teil bei der Partnerbeteiligung aus. Bei 7 Prozent der Paare bezieht der Vater zwar Kinderbetreuungsgeld, unterbricht aber seine Erwerbstätigkeit nicht. Ein Teil dieser Väter reduziert dabei die Arbeitszeit zur Betreuung des Kindes. Bei 80 (!) Prozent der Paare ist die Mutter alleinige Bezieherin des Kinderbetreuungsgeldes. Das heißt: In 8 von 10 Partnerschaften gibt es nach wie vor keinerlei Beteiligung des Vaters (siehe Grafik).

Grafik © Wiedereinstiegsmonitoring 2019
© Wiedereinstiegsmonitoring 2019

Zwar haben sich Erwerbsunterbrechungen von Vätern im Kinderbetreuungsgeldbezug in den vergangenen zehn Jahren mehr als vervierfacht: Waren es bei Paaren, die 2006 ein Kind bekamen, nur 3 Prozent der Väter, sind es bei Geburten im Jahr 2015 bereits 13 Prozent. 

Allerdings ist bei der Dauer der Väterbeteiligung ein kontinuierlicher Trend nach unten zu bemerken – besonders stark seit dem Jahr 2010. So ist die durchschnittliche Unterbrechungsdauer von 2009 auf 2010 von 182 auf 137 Tage zurückgegangen. Dieser Trend hat sich in den Folgejahren fortgesetzt. Dies fällt mit der Einführung des einkommensabhängigen Kinderbetreuungsgeldes 2010 zusammen.  

Gleichzeitig mit Einführung der einkommensabhängigen Variante wurde aber auch die Mindestdauer der Karenz und des Bezugs des Kinderbetreuungsgeldes von 3 auf 2 Monate reduziert. Dies war und ist ein starker Anreiz für Männer zu noch kürzeren Unterbrechungen. Aktuell bleiben Männer im Schnitt nur mehr 2 Monate bei ihren Kindern – also genau so lang wie die Mindestdauer des Kinderbetreuungsgeldbezugs beträgt.

Grafik © Wiedereinstiegsmonitoring 2019
© Wiedereinstiegsmonitoring 2019

In der Praxis bedeutet dieser Trend aber, dass Männer zwar die Mindestdauer von 2 Monaten Kinderbetreuungsgeld beziehen, ein Teil aber offenbar die Erwerbstätigkeit kürzer als zwei Monate unterbricht und damit auch nicht in Karenz geht. Denn Karenz ist auch an eine Mindestdauer von 2 Monaten gebunden. Das deutet darauf hin, dass es seitens der Unternehmen großen Druck auf die Väter gibt, möglichst rasch wieder in den Job zurückzukehren. Auch die traditionellen Rollenbilder werden bei fehlender betrieblicher Aufgeschlossenheit gegenüber Väterbeteiligung wieder stärker wirksam. Wenn von Unternehmen kein Signal kommt, dass Väterkarenz erwünscht ist, dann geht bei Vätern die Sicherheit des Arbeitsplatzes und die finanzielle Absicherung der Familie vor. 

 „Hier braucht es ein Umdenken in den Unternehmen, um den Wunsch vieler Väter nach mehr Zeit mit den Kindern in dieser ersten wichtigen Lebensphase auch wirklich zu unterstützen“, sagt AK Präsidentin Renate Anderl. Und weiter: „Wenn Väter länger in Karenz sind, ist das für alle von Vorteil. Längere Väterkarenzen sind der Motor für einen raschen Wiedereinstieg von Frauen. Und Kinder und Väter profitieren von mehr gemeinsamer Zeit.“ 

Parallel dazu müssen laut Anderl aber auch andere Hebel in Bewegung gesetzt werden – etwa bei der Kinderbetreuung: „Eigentlich sollte ein ausreichendes Betreuungsangebot für Kinder in allen Altersstufen, nämlich von klein auf, schon längst eine Selbstverständlichkeit sein. Es kann nicht sein, dass Eltern die Kinderbetreuung innerfamiliär organisieren müssen oder Frauen länger unterbrechen, weil die Kinderbetreuung fehlt.“

Unsere Forderungen

Konkret fordert die AK daher: 

  • Mehr Geld für Kinderbildung: Um den Ausbau von Kinderkrippen und Kindergärten zu beschleunigen, familienfreundliche Öffnungszeiten zu gewährleisten und den Betreuungsschlüssel zwischen pädagogischem Personal und betreuten Kindern zu verbessern, muss der Bund mehr Mittel bereitstellen. Im EU-Vergleich wird für Elementarbildung ein Prozent des BIP ausgegeben, in Österreich sind es derzeit nur 0,67 Prozent. Das bedeutet jährlich 1,2 Milliarden Euro zusätzlich, damit Österreich den EU-Schnitt erreicht.

  • Ausbau der Ganztagsschulen: Die Vereinbarkeit von Beruf und Familie muss auch längerfristig gesichert werden. Für viele Eltern ist der Wechsel vom Kindergarten in die Schule eine große Herausforderung. Ganztagsschulen sind ein wichtiger Beitrag, um Beruf und Familie zu vereinbaren. Zudem werden Familien vom Lernen zu Hause und von Nachhilfe für ihre Kinder entlastet.  

  • Familienfreundliche Arbeitswelt: Berufsunterbrechungen und Wiedereinstieg sind oft mit beruflichen Nachteilen verbunden. Unternehmen sind gefordert, familienfreundliche und planbare Arbeitszeiten anzubieten. Das darf auch nicht zu Nachteilen in der beruflichen Position und bei der beruflichen Karriere führen.  

  • Vereinbarkeit auch für Väter verwirklichen: Väter wünschen sich mehr Zeit für Kinder: Das muss auch bei den Unternehmen ankommen. Betriebe müssen Männer auch in ihrer Väterrolle wahrnehmen und es darf zu keinen beruflichen Nachteilen führen, wenn ein Vater Überstunden ablehnt, Teilzeit arbeitet oder in Karenz geht. Die AK fordert eine eigenständige Leistung während des Papamonats. Das Geld soll also nicht wie bisher vom Kinderbetreuungsgeld abgezogen werden.  

  • Kürzere Arbeitszeiten: Es gibt viele Modelle: Wir müssen uns die Wochenarbeitszeit genauso anschauen wie die Lebensarbeitszeit – und wie die Arbeitszeit verteilt ist. 

  • Bezug des einkommensabhängigen Kinderbetreuungsgeldes an die Karenz koppeln: Der Bezug des einkommensabhängigen Kinderbetreuungsgeldes ist im Unterschied zur pauschalen Geldleistung im Kinderbetreuungsgeldkonto an die Höhe des jeweiligen Erwerbseinkommens gekoppelt. Diese Geldleistung soll nur gewährt werden, wenn tatsächlich Karenz in Anspruch genommen wird. 

  • Verbesserungen beim Partnerschaftsbonus: Der Partnerschaftsbonus ist von 500 auf 1000 Euro pro Elternteil zu erhöhen, um mehr Anreize für eine ausgewogenere Aufteilung von Karenz zu fördern. 

  • Gesicherte Daten über unbezahlte Arbeit: Österreich soll sich in der EU an der Zeitverwendungserhebung beteiligen. Das ist eine wichtige Grundlage, um die Wechselwirkungen von bezahlter und unbezahlter Arbeit zwischen Männern und Frauen zu analysieren. 

Kontakt

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Kammer für Arbeiter und Angestellte für Wien

Prinz Eugenstraße 20-22
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Telefon: +43 1 50165-0

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