10.3.2017
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Kind da, Job weg?

In der AK Rechtsberatung wurde zwischen September und Dezember 2016 erhoben, mit welchen Problemen sich junge Eltern – in erster Linie sind es Frauen – an die AK Wien wenden. Die Untersuchung zeigt: Benachteiligungen von Müttern kommen häufig vor, jeden Tag wird zumindest ein neuer Fall den AK ExpertInnen bekannt gemacht. Die Probleme der Betroffenen reichen von Verschlechterungen des Arbeitsklimas über Zuweisung zu schlechteren Tätigkeiten bis hin zum Verlust des Arbeitsplatzes. Die AK fordert daher mehr Schutz und mehr Rechte für Eltern. So soll künftig das Recht auf Elternteilzeit auch in Kleinbetrieben mit weniger als 20 MitarbeiterInnen bestehen.

Ergebnisse der AK Erhebung

Prinzipiell schützt das Gleichbehandlungsgesetz Mütter und Väter vor Diskriminierungen am Arbeitsplatz. Demnach darf keine Arbeitnehmerin bzw. kein Arbeitnehmer aufgrund von Elternschaft oder einer Schwangerschaft benachteiligt werden. So haben Eltern nach einer Karenz oder während der Elternteilzeit ein Recht auf ihre bisherige, vertraglich vereinbarte Tätigkeit sowie ein Recht darauf, ihre Führungsposition zu behalten.  

„Dennoch sind Mütter und Väter immer wieder Benachteiligungen am Arbeitsplatz ausgesetzt“, sagt Irene Holzbauer, Leiterin der Abteilung Arbeitsrecht in der AK Wien.  

Das zeigt auch eine aktuelle Erhebung der AK Wien Rechtsberatung. Im Zeitraum von drei Monaten wurden in der persönlichen Beratung knapp 80 Fälle von Benachteiligungen aufgrund Elternschaft erhoben. Das bedeutet, es gab zumindest einen Fall pro Arbeitstag. Die Betroffenen waren fast ausschließlich Frauen – nur ein Mann wandte sich in diesem Zeitraum wegen Benachteiligung aufgrund der Elternschaft an die AK. Beschäftigt waren die Betroffenen vor allem in den Branchen persönliche Dienstleistungen (Frisörin, Kosmetikerin), Industrie, Handwerk und Gewerbe sowie Handel. Die Ergebnisse der Erhebung sind nicht repräsentativ, geben aber wichtige Einblicke in die Arbeitsrealitäten von Eltern. 

Die Formen der Benachteiligungen, denen Eltern ausgesetzt sind, sind vielfältig, oftmals gab es Mehrfach-Diskriminierungen. Oft wurde den Betroffenen auch erst im Laufe des Gesprächs deutlich, dass es zu einer Benachteiligung gekommen ist.  

Klar ist: Viele Betroffene melden sich gar nicht bei der Arbeiterkammer, weil sie nicht um ihre Rechte wissen. Eine große Anzahl der Betroffenen informiert sich auch bloß telefonisch und setzt keine weiteren Schritte, weil sie Angst haben, den Job zu verlieren. 

Benachteiligungen

Bei den in der AK Rechtsberatung vorgebrachten Fällen kam es am häufigsten (40 Prozent) zu Verschlechterungen des Arbeitsklimas bzw. den Arbeitsbedingungen, gefolgt von der Zuweisung einer schlechteren Tätigkeit (34 Prozent). „In rund 22 Prozent führte die Benachteiligung sogar zum Verlust des Arbeitsplatzes, den Verlust der Führungsposition mussten 19 Prozent hinnehmen“, sagt Irene Holzbauer.

Formen der Benachteiligung

in Prozent

Grafik © AK, Wien

Wann erfolgte die Benachteiligung?

in Prozent

Grafik © AK, Wien

Konkrete Fälle aus der Beratung 

Schwanger und abgemeldet: Die Arbeitnehmerin arbeitete in einem kleinen Kaffeehaus als Kellnerin. Nachdem sie den Arbeitgeber über ihre Schwangerschaft informierte, meldete dieser sie ohne ihr Wissen bei der WGKK ab. Bei einem Arztbesuch erfuhr die Arbeitnehmerin davon. Als sie den Arbeitgeber darauf ansprach, schickte dieser sie nach Hause und sagte ihr, er brauche sie nicht mehr. Nach schriftlicher Intervention der AK lenkte der Arbeitgeber ein, stornierte die Abmeldung, zahlte das offene Entgelt nach und stellte die Arbeitnehmerin wieder ein.

Führungsposition kann nur in Vollzeit ausgeübt werden? Die Arbeitnehmerin war seit 2006 in einem Unternehmen als Marketingleiterin beschäftigt. Nach der Geburt ihres ersten Kindes stieg die Arbeitnehmerin nach fünf Monaten Abwesenheit in Elternteilzeit wieder ein. Ihre Leitungsfunktion wurde in der Zwischenzeit jemand anderen übertragen. Sie wurde daher nicht in einer gleichwertigen Stelle, die ihr zugestanden wäre, sondern in einer schlechteren Position eingesetzt. Der Arbeitgeber war der Meinung, eine Leitungsfunktion kann nur in Vollzeit ausgeübt werden. Da die Arbeitnehmerin für den Arbeitgeber weiter arbeiten wollte beziehungsweise einen Imageschaden für sich in der gesamten Branche befürchtete, hat sie keine weiteren rechtlichen Schritte unternommen.

Elternteilzeit: Wiedereinstieg in einer schlechteren Tätigkeit: Die Arbeitnehmerin ist seit 2010 beim Arbeitgeber als Buchhalterin beschäftigt. Im Jahr 2014 bekam sie ihr erstes Kind und kehrte mit dessen 2. Geburtstag in Elternteilzeit zurück. Schon um in Elternteilzeit arbeiten zu können, musste die Arbeitnehmerin mit Unterstützung der AK vor Gericht gehen.

Nach der Karenz wurden der Arbeitnehmerin die Buchhaltungsagenden zur Gänze entzogen. Seit ihrem Wiedereinstieg muss sie Zeitschriften in eine Excel-Liste ein- und austragen. Statt ihrem ursprünglichen Büro wurde der Arbeitnehmerin das ungelüftete Kopierzimmer als Arbeitsplatz zugewiesen. Der Arbeitnehmerin wurde weder eine Garderobe noch ein verschließbarer Schrank zur Verfügung gestellt. Nachdem die AK vergeblich schriftlich beim Arbeitgeber diskriminierungsfreie Arbeitsbedingungen und eine gleichwertige Tätigkeit intervenierte, hat die AK Wien für die Arbeitnehmerin eine Klage bei Gericht eingebracht. 

Örtliche Versetzung – als „Springerin“ eingesetzt: Die Arbeitnehmerin ist seit 2001 als Verkäuferin in Vollzeit in der Modebranche beschäftigt. 2015 kam ihr Kind zur Welt und sie war bis zum 1. Geburtstag in Karenz. Sie meldete dem Arbeitgeber fristgerecht ihre Elternteilzeit. Der Arbeitgeber reagierte nicht auf die Meldung der Arbeitnehmerin und ließ sie im Ungewissen, ob, wie und wo er sie beschäftigen würde. Erst nach schriftlichem Einschreiten der AK erkannte der Arbeitgeber den Anspruch auf Elternteilzeit an. Obwohl die Arbeitnehmerin zuletzt immer in derselben Filiale gearbeitet hat, wurde sie aufgrund der Elternteilzeit versetzt und muss jetzt als Springerin in zwei bis drei Filialen arbeiten. Da die Arbeitnehmerin für den Arbeitgeber weiter arbeiten will, hat sie keine weiteren rechtlichen Schritte unternommen.

Forderungen der AK

Forderungen
  • Mehr Schutz vor schikanösen Versetzungen in der Elternteilzeit: Um diese zu verhindern, soll der Arbeitgeber bzw die Arbeitgeberin die gerichtliche Zustimmung einholen müssen, wenn er im Fall einer Elternteilzeit versetzen möchte.

  • Recht auf Elternteilzeit und Lageverschiebung in Kleinbetrieben: Derzeit besteht der Anspruch nur in Betrieben mit mehr als 20 Beschäftigten. Es sollten aber auch Mütter und Väter einen Rechtsanspruch haben, die in Kleinbetrieben beschäftigt sind. Aus Umfragen wissen wir, dass die Betriebsgröße über den Umgang mit Elternteilzeit entscheidet. In kleinen Betrieben, in denen die Elternteilzeit schwer durchsetzbar ist, bleibt den betroffenen Müttern und Vätern oft nur eine Möglichkeit: nämlich das Arbeitsverhältnis zu beendigen.


  • Betriebe brauchen ein Karenzmanagement: Damit Kinderkarenzen nicht zur Ausstiegs- oder Abstiegsfalle werden, ist es wichtig, dass seitens der Betriebe die Planung von Karenz und Wiedereinstieg strukturell unterstützt wird.

  • Förderung der Väterbeteiligung: Karenz und Elternteilzeit muss auch für Väter möglich sein. Hier braucht es auch noch ein Umdenken bei den Unternehmen.

Flexible Arbeitszeiten – Elternsicht

Auch bei der nun diskutierten Flexibilisierung der Arbeitszeit muss auf die Bedürfnisse von Familien Rücksicht genommen werden. „Mehr Flexibilität stellt Eltern oft vor unlösbare Aufgaben. Familie muss mit den Arbeitszeiten vereinbar bleiben“, sagt Ingrid Moritz, Leiterin der Abteilung Frauen und Familie der AK Wien. Zudem brauche es mehr Plätze in ganzjährig geöffneten Kinderbetreuungs- und Bildungseinrichtungen.

Derzeit haben österreichweit nur rund 18 Prozent (ohne Wien: 1,9 Prozent) der Kinderbildungseinrichtungen zwölf oder mehr Stunden offen. Nur für drei von zehn Kindern unter sechs Jahren gibt es in Österreich einen Betreuungsplatz, der mit einem Acht-Stunden-Arbeitstag vereinbar ist. Das bedeutet: mindestens 45 Wochenstunden geöffnet, Angebot von Mittagessen und maximal fünf Wochen im Jahr geschlossen. Die anderen sieben werden in Einrichtungen betreut, die deutlich schlechtere Bedingungen bieten.

„Vor allem in den westlichen Bundesländern ist es für arbeitende Eltern schwierig“, sagt Ingrid Moritz. Denn in Tirol und Vorarlberg schließen sechs von zehn Kindergärten vor 15 Uhr (österreichweit sind es vier von zehn).

Zu lange Arbeitstage sind kinderfeindlich

In der Realität würden Arbeitszeiten von bis zu zwölf Stunden dazu führen, dass Frauen noch kürzer arbeiten, Männer indes länger. „Damit entfernen wir uns von dem Ziel, dass beide Elternteile zu gleichen Teilen sich um die Kinder kümmern und einer bezahlten Arbeit nachgehen können“, sagt Ingrid Moritz. „Für die Gleichstellung der Frauen könnten solch lange Arbeitszeiten einen Rückschritt bedeuten.“ Zu lange Arbeitstage sind kinderfeindlich, denn den Kleinen ist nicht zumutbar, dass sie täglich zwölf Stunden oder noch länger (wenn die Fahrtzeiten zwischen Arbeit und der Bildungs- und Betreuungseinrichtung mitgerechnet werden), fremdbetreut werden. Damit wären viele Frauen mit Kindern gezwungen, ihre Arbeitszeit zu reduzieren oder die Erwerbstätigkeit ganz aufzugeben, weil sich sonst die Kinderbetreuung nicht mehr organisieren lässt, zumal ja die Männer wegen der langen Arbeitstage ausfallen würden. Wichtig für Eltern ist auch die Planbarkeit ihrer Arbeitszeiten, wenn es hier zu spontanen Änderungen kommt, müssen andere für die Betreuung organisiert werden. „Auch wenn beide Elternteile arbeiten, muss Familie möglich sein“, so Ingrid Moritz.

Frauen an der Unternehmensspitze

Die Luft in den Aufsichtsratsgremien und den Management-Etagen bleibt für Österreichs Frauen weiterhin dünn. Das zeigt der Frauen.Management.Report.

21.000 Kinderbetreuungsplätze fehlen

In Österreich fehlen nach wie vor zahlreiche Kinderbetreuungsplätze, sagt AK Expertin Ingrid Moritz. Allein bei den Unter-Dreijährigen sind es 21.000.

Frauenquoten in Aufsichtsräten

So wie Deutschland benötigt auch Österreich eine gesetzliche Zielvorgabe, um den Frauenanteil in Aufsichtsräten zu erhöhen.

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