24.1.2019

AK-ÖGB-Umfrage zeigt: Eltern wollen mehr Geld für Kindergarten und Co.

ÖGB und Arbeiterkammer wollten wissen, wie es Eltern mit dem Angebot an Kinderbetreuung und schulischer Nachmittagsbetreuung geht und was sie sich in diesem Bereich an Verbesserungen wünschen. An der österreichweiten Online-Befragung im Herbst 2018 nahmen 3.500 Personen teil, 2.500 schilderten ihre Situation im Detail. Dabei zeigt sich: Trotz Zufriedenheit in vielen Bereichen, gibt es einige schmerzhafte Druckstellen. Dazu gehören vor allem die mangelnden Öffnungszeiten sowie die Kosten. Aber auch eine bessere Qualität ist den Eltern ein Anliegen.

AK Präsidentin Renate Anderl: „Die Kinderbildung ist nicht der Schlüssel zu einem bestimmten Problem, sie ist ein ganzer Schlüsselbund. Ob es um die Vereinbarkeit von Familie und Beruf geht, die Gleichstellung von Männern und Frauen oder die Chancengerechtigkeit der Kinder – bei all diesen wichtigen Zielen spielt die Kinderbildung eine zentrale Rolle.“

Der Großteil der Eltern nutzt ein Kinderbildungs- und -betreuungsangebot. 18 Prozent der Befragten gaben an, derzeit keine Betreuung außer Haus in Anspruch zu nehmen. Zwei Drittel verzichtet jedoch nicht freiwillig darauf. Nur sechs Prozent aller befragten Eltern wollen bewusst keine Betreuung außer Haus.

Auch der 12-Stundentag kam zur Sprache, obwohl gar nicht danach gefragt wurde. So gaben viele Befragte von sich aus in ihren Kommentaren an, dass die Ausweitung der Arbeitszeit die Kinderbetreuung noch schwieriger mache; andere berichteten, dass sie bereits jetzt 12-Stundendienste haben und es kein passendes Kinderbetreuungs-Angebot dafür gibt.

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ÖGB-Vizepräsidentin Schumann fordert Anspruch auf Gratis-Kinderbetreuungsplatz
„Der kostenfreie Zugang zu Bildung ist für AK und ÖGB eine Frage der Gerechtigkeit! Kinderbetreuung und -bildung muss als Bildungseinrichtung - so, wie die Schule - kostenlos werden“, betont Korinna Schumann, ÖGB-Vizepräsidentin und -Frauenvorsitzende. Daher fordern die ÖGB-Frauen einen österreichweiten Maßnahmenplan zum Ausbau der Kinderbetreuung. Ziel müsse sein, dass jedes Kind einen Gratis-Kinderbetreuungsplatz hat. 

AK Präsidentin Anderl fordert 1 Prozent des BIP in Österreich für Kinderbildung
Dreiviertel der Befragten fordern mehr öffentliche Mittel für den Bereich der Kinderbildung. Österreich gibt nur 0,67 des Bruttoinlandsproduktes (BIP) für Kinderbildung aus und liegt damit weit unter dem EU-Schnitt von einem Prozent. 

AK Präsidentin Renate Anderl: „Wir müssen hier aufschließen, wenn wir nicht wollen, dass unsere Kinder dauerhaft abgehängt werden. Deswegen fordern wir eine Anhebung der Mittel auf den europäischen Schnitt. Das bedeutet über 1,2 Milliarden jährlich mehr, die hier für eine Verbesserung der Kinderbildung zur Verfügung stehen.“

Verzicht auf Betreuung ist unfreiwillig

Der Großteil der Eltern nutzt ein Kinderbildungs- und –betreuungsangebot. 18 Prozent der Befragten gaben an, derzeit keine Betreuung außer Haus in Anspruch zu nehmen. Zwei Drittel verzichtet jedoch nicht freiwillig darauf. Nur sechs Prozent aller befragten Eltern wollen bewusst keine Betreuung außer Haus.

Grafik © AK

Quelle: AK-ÖGB-Online-Umfrage: 3.500 Befragte, September, Oktober 2018

Jeweils ein Viertel von den 18 Prozent gaben an, dass die Einrichtung entweder zu teuer war oder die Öffnungszeiten nicht gepasst haben. Vielfach war das Problem auch, dass es für junge Kinder kein Angebot gab.

Das zeigen die Rückmeldungen der befragten Eltern: 

  • „Platz gibt es erst ab 14 Monaten“ 

  • „Es gibt kein Angebot für Kinder unter drei Jahren.“ 

  • „Vor 2,5 Jahren gibt es in NÖ keine Kindergartenplätze“

Einrichtungen schließen zu früh

Die Beginnzeiten der Kinderbildungs- und Betreuungseinrichtungen scheinen weitgehend zu den Bedürfnissen der Eltern zu passen, die Zufriedenheit ist relativ groß. Mit dem Ende der Öffnungszeiten sind allerdings drei von 10 Eltern wenig oder gar nicht zufrieden sind. 

Ein Viertel der Kinder ist nur bis 13 Uhr in der jeweiligen Einrichtung, ein Drittel geht zwischen 13 und 15 Uhr nach Hause. 38 Prozent verlassen zwischen 15 und 17 Uhr die Betreuung, 5 Prozent bleiben länger. 

Am größten ist die Unzufriedenheit in Kärnten und Tirol (knapp 4 von 10). Am wenigsten Unzufriedenheit gibt es Wien: nur 17 Prozent sind sehr oder eher unzufrieden.

Das sagen die Eltern: 

  • „Selbst wenn ich Teilzeit arbeiten gehe, geht sich das mit den Öffnungszeiten des Kindergarten hinten und vorne nicht aus. Der Kindergarten in unserer Gemeinde hat von 7:30 bis 15:00 offen und am Freitag bis 12:30, im Ernst, wer arbeitet so, dass diese Zeiten Sinn machen?!“ 

  • „Vollzeit arbeiten zu gehen, ist definitiv nicht möglich, und Teilzeit zu arbeiten muss man sich erst mal leisten können.“ 

  • „Meine Frau und ich pendeln beide 65km in die Arbeit (einfache Fahrt). Hätten wir nicht die Großeltern und Tante unseres Kindes in der Nähe, würden wir es an 3 von 5 Arbeitstagen nicht schaffen, unser Kind vor 17:00 Uhr aus dem Kindergarten abzuholen.“

Schließtage sind schwierig zu überbrücken

Jeder dritte Befragte war mit den Schließtagen wenig oder gar nicht zufrieden. Das Problem der Schließtage stellt sich am häufigsten bei der schulischen Nachmittagsbetreuung, wo 4 von 10 Eltern eher oder gar nicht zufrieden sind, in Kindergarten und Ganztagesschule sind es jeweils 3 von 10 Eltern. Am seltensten gibt es bei Krippen und Horten Beschwerden (26 Prozent und 21 Prozent). 

Dabei zeigen sich gravierende Unterschiede nach Bundesland: In Wien gibt es die wenigsten Beschwerden, aber selbst hier sind 2 von 10 Eltern in der Frage der Schließtage nicht wirklich glücklich. In Niederösterreich waren am meisten Eltern wenig oder gar nicht zufrieden, nämlich 4 von 10.

Das sagen die Eltern: 

  • „Am frustrierendsten ist, dass mein Partner und ich als Familie meist getrennt voneinander Urlaub nehmen müssen, um die Ferienbetreuung abdecken zu können.“ 

  • „Bin alleinerziehende Mutter von meinem 3-jährigen Sohn. Die Ferien abzudecken ist ein gewaltiger Balanceakt!“
     
  • „Die Betreuungssituation in den Ferien ist katastrophal. Bei uns im Ort (ländliche Gegend) gibt es in den Semester- und Osterferien gar keine Betreuungsmöglichkeit.“ 

  • „Es wird ein Ersatzkindergarten angeboten, die Kinder kennen dort jedoch niemanden und möchten daher auch nicht hingehen.“ 

  • „Die Tagesmutter ist super lieb, nur im Krankheitsfall gibt es keinen Ersatz.“

Probleme durch den 12-Stunden-Tag

In der aktuellen Umfrage gaben viele Eltern zum 12-Stunden-Tag Kommentare ab, obwohl gar nicht konkret danach gefragt wurde. 

Hier drei Zitate, die stellvertretend für die meisten anderen Aussagen der Eltern stehen: 

  • „Alleinerziehende haben gar keine Wahl. Sie können beim Wettbewerb 12 Stundentag gar nicht mehr mithalten und werden zu MindestsicherungsbezieherInnen.“ 

  • „Ich kann nur Nachtschicht arbeiten da ich keinen für meine Tochter habe. 12 Stunden Tag würde bei mir auf keinen Fall gehen.“ 

  • „Ich bin Alleinerzieherin und arbeite im Schichtdienst mit 12-Std Schichten (06:00 - 18:00 h oder 07:00 - 19:00 h). Es gibt kaum Möglichkeiten ein Kind über Nacht in Betreuung zu geben. Genauso problematisch ist der 12stündige Tagdienst.“

Schumann fordert Kostenfreiheit und Investitionsoffensive

Neben den schon ohne 12-Stunden-Tag unzureichenden Öffnungszeiten sind die hohen Kosten für die Kinderbetreuung ein großes Thema für die Eltern. Die Belastung der Haushalte durch die Elternbeiträge ist erheblich. 4 von 10 Befragten zahlen monatlich zwischen 100 und 200 Euro, 2 von 10 zwischen 200 und 300 Euro und jeder achte sogar mehr als 300 Euro. Im Bereich der Ganztagesschulen schlägt durch, dass hier auch hochpreisige private Einrichtungen miterfasst sind. 

Besonders teuer sind Tageseltern und Horte: jeweils 54 Prozent geben hier mehr als 200 Euro pro Monat aus, bei den Tageseltern muss über einem Drittel sogar mehr als 300 Euro aufwenden. Aber auch bei Ganztagesschulen und Krippen muss fast die Hälfte der Eltern 200 Euro und mehr bezahlen. 

Auf den ersten Blick ist es erstaunlich, dass es auf Ebene der Bundesländer kaum einen Zusammenhang gibt zwischen Höhe der Kosten und (Un-)Zufriedenheit. So zahlen in Wien 41 Prozent 200 Euro und mehr pro Monat im Vergleich zu 34 Prozent im Österreichschnitt. Trotzdem sind hier viel weniger Eltern mit den Kosten wenig oder gar nicht zufrieden, nämlich 24 Prozent im Vergleich zu 30 Prozent im Österreichschnitt. Für Tirol ist es genau umgekehrt: Hier zahlen „nur“ 29 Prozent 200 Euro und mehr, die Unzufriedenheit ist mir 37 Prozent aber viel größer als im Bundesschnitt. 

Ursache ist wohl die Qualität des Angebotes, weil Wien mehr personalintensive Einrichtungen, wie Krippen und Ganztagesschulen sowie die mit Abstand besten Öffnungszeiten in allen Einrichtungen bietet.

Teils hohe monatliche Kosten

Grafik © AK

Unabhängig von der Zufriedenheit der Eltern hat die Forschung in den letzten Jahren zur Genüge gezeigt, wie wichtig eine qualitativ gute Kinderbildung und -betreuung schon im Kleinkindalter ist. ÖGB Vizepräsidentin und Frauenvorsitzende Korinna Schumann fordert daher: „Der kostenfreie Zugang zu Bildung ist für AK und ÖGB eine Frage der Gerechtigkeit! Kinderbildung muss als Bildungseinrichtung - so, wie die Schule - kostenlos werden. Als Zwischenstufe soll möglichst rasch ein zweites kostenloses, verpflichtendes Kindergartenjahr für alle umgesetzt werden.“

Um Quantität und Qualität deutlich anzuheben fordern AK und ÖGB eine Investitions- und Ausbildungsoffensive, um den Gemeinden auch die erforderlichen Mittel zur Verfügung zu stellen. Schumann: „Heute ist der Tag der Elementarbildung. Wir fordern von der Bundesregierung, dass sie gemeinsam mit den Ländern und Gemeinden einen Maßnahmenplanerarbeitet, wie der Ausbau, die Verbesserung der Öffnungszeiten und die bundesweiten Qualitätskriterien binnen fünf Jahren, also bis Jänner 2024 erfolgreich umgesetzt werden können.“

Anderl fordert 1 Prozent des BIP für Kinderbildung- und betreuung

Die bisherigen Bundesmittel zum Ausbau der Kinderbetreuung waren wichtig, sind aber nicht ausreichend. Österreich liegt im internationalen Vergleich weit zurück. Derzeit werden hierzulande nur 0,67 Prozent des Bruttoinlandsprodukts für den Zukunftsbereich der Kinderbildung eingesetzt. Auch die befragten Eltern sehen das so: 74 Prozent fanden die Forderung nach mehr Mittel von der öffentlichen Hand wichtig oder sehr wichtig.

AK Präsidentin Renate Anderl sagt: „Das ist ein klarer Auftrag an die Politik! Wir müssen hier aufschließen, wenn wir nicht wollen, dass unsere Kinder dauerhaft abgehängt werden. Deswegen fordern wir eine Anhebung der Mittel auf den europäischen Schnitt. Das bedeutet über 1,2 Milliarden jährlich mehr, die hier für eine Verbesserung der Kinderbildung zur Verfügung stehen.“

Ausgaben für Kinderbetreuung in Prozent des Bruttoinlandsprodukts

Grafik © OECD

Quelle: OECD, veröffentlicht 2018

Mit diesen Mitteln sollen im Wesentlichen drei Verbesserungen für Eltern, Kinder und das pädagogische Personal erreicht werden: 

  • Flächendeckendes Angebot: Vor allem für die Unter-3-Jährigen braucht es noch mehr Plätze. 

  • Ganztägige und ganzjährige Öffnungszeiten: Tägliche Öffnungszeiten, die eine Vollzeitarbeit für beide Eltern ermöglichen und maximal Schließtage von zwei Wochen im Jahr. Das Beispiel Wien zeigt, dass das möglich ist.

  • Einheitliche Qualitätsstandards in ganz Österreich: Das fanden 72 Prozent der befragten Eltern wichtig oder sehr wichtig. AK und ÖGB fordern seit langem ein Bundesrahmengesetz für Null- bis Sechsjährige, das Bildungsplan, die Aus- und Fortbildung des Personals (einschließlich der unterstützenden Kräfte), die Kinderanzahl pro Gruppe, den Fachkraft–Kind-Schlüssel, Vor- und Nachbereitungszeiten, räumliche Erfordernisse und Ausstattung sowie Öffnungszeiten regelt. Dieses Bundesrahmengesetz soll auch Tageseltern umfassen.

Zwei Drittel der Kosten würden in Form von Steuern und Abgaben sowie durch Einsparungen in der Arbeitslosenversicherung wieder an die öffentliche Hand zurückfließen. Es besteht damit ein Netto-Finanzierungsbedarf von 400 Millionen Euro. 

Anderl: „Das ist nur eine Frage des politischen Willens: Alleine die geplante Senkung der Körperschaftssteuer, von der ausschließlich Konzerne profitieren, reißt ein Loch von bis zu 2 Milliarden jährlich ins Budget. Geld, das woanders sehr viel besser angelegt wäre.“ 

Auch die Wirtschaft profitiert: Gerade die weiblichen Arbeitskräfte sind besser gebildet als jemals zuvor und daher unverzichtbar für die Unternehmen. Mit gut ausgebauter Kinderbetreuung kehren sie schneller an den Arbeitsplatz zurück und sind dann zeitlich flexibler. Mit dem 12-Stundentag wurde außerdem eine Arbeitszeitregelung rein in betrieblichem Interesse geschaffen. Es ist daher nur gerechtfertigt, dass Unternehmen sich an der Finanzierung öffentlicher Leistungen beteiligen, von denen sie auch profitieren. 

Um sicherzustellen, dass diese Mittel auch für den zugedachten Zweck eingesetzt werden, braucht es ein transparentes und nachhaltiges Modell der Finanzierung von Kinderbildung. Die AK hat einen konkreten Vorschlag dafür in die Diskussion um den Finanzausgleich eingebracht: den aufgabenorientierten Finanzausgleich. Demnach bekommen jene Gemeinden, die ein gutes Angebot an Kinderbildung haben oder dieses verbessern, mehr Mittel. 

Auch ins neue Regierungsprogramm wurde diese Zielsetzung aufgenommen - jedoch nach Monaten der Untätigkeit nunmehr ohne genauere Begründung gestrichen. Anderl: „Das ist völlig widersinnig, denn wir sollten weg vom Gießkannenprinzip hin zu gesellschaftlich sinnvollen und treffsicheren Förderungen.“

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