19.2.2019

Wiener Familien wollen mehr Ganz­tags­schulen – Bund bremst

Die Wiener Familien mit Volksschulkindern sind mit der Nachmittags­betreuung ihrer Kinder grundsätzlich zufrieden, aber nicht wunschlos glücklich. Die Arbeiterkammer verlangt für sie mehr Geld und mehr Tempo vom Bund beim weiteren Ausbau der Ganztagsschulen und die „aufgabenorientierte“ Finanzierung des laufenden Betriebs aus Bundesmitteln. Nur so kann Wien seine Spitzenposition in der Nachmittagsbetreuung von Schulkindern weiter ausbauen und den Bedarf der Familien erfüllen, der sich aus einer Ifes-Befragung im Auftrag der AK unter 800 Wiener Familien mit Volksschulkindern ergibt.

Gut, aber nicht gut genug

  • Drei von vier Familien haben ihre Kinder in einer Ganztagsschule, einer schulischen Nachmittagsbetreuung nach dem Halbtagsunterricht oder im Hort. Aber ein Drittel hätte gern ein anderes Angebot, vor allem einen Platz in einer echten Ganztagsschule. 

  • Steigender Wunsch nach echten Ganztagsschulen: In der echten, so genannten verschränkten Ganztagsschule sind Unterricht, Üben, Sport und Freizeit über den ganzen Tag verteilt. Bei den Familien, die gern ein anderes Angebot zur Nachmittagsbetreuung hätten, steht der Wunsch nach einer Ganztagsschule an erster Stelle. Von jenen Befragten, die sich überhaupt ein Angebot für ihr Kind wünschen, will die Hälfte einen Ganztagsschul-Platz. 

  • Finanzielle Belastung: Ein Fünftel der Befragten ist vom Elternbeitrag für die Nachmittagsbetreuung befreit. Von jenen, die dafür zahlen müssen, empfinden drei Viertel die finanzielle Belastung als sehr oder ziemlich groß. Im Schnitt der öffentlichen und der privaten Angebote kostet die Nachmittagsbetreuung derzeit für jene, die nicht zum Teil oder zur Gänze befreit sind, inklusive Essensbeitrag 230 Euro im Monat. 

„Ich bin auf Seite der Familien, die ein gutes und leistbares Betreuungsangebot für ihre Schulkinder brauchen, und ich weiß, die Stadt Wien ist es auch“, sagt AK Präsidentin Renate Anderl. Immerhin gehe es darum, „dass die Kinder durch ganztägige Betreuung bessere Lernchancen haben und Beruf und Familie für die Eltern kein Widerspruch sind“. Anderl kritisiert, dass der Bund die Investitionen in den Ausbau der Ganztags­schulen gestreckt hat und dass er die Gemeinden bei der Finanzierung des laufenden Betriebs der Nachmittagsbetreuung nicht unterstützt: „Der Ausbau der Ganztags­schulen muss wieder beschleunigt, der Finanzausgleich zwischen Bund, Ländern und Gemeinden dem Bedarf angepasst werden. Und ganz wichtig: Für Kinder in einer echten Ganztags­schule muss der Elternbeitrag für die Zeit der Anwesenheitspflicht gestrichen werden.“

Bitte mehr davon

Wien ist österreichweit einsamer Spitzenreiter beim Nachmittagsbetreuungsangebot in der Volksschule. Drei Viertel der Befragten sagen, dass ihr Kind ein Angebot nutzt. Zusätzlich helfen bei 23 Prozent auch noch die Großeltern oder Verwandte mit.

Grafik © Ifes-Befragung
© Ifes-Befragung

Mehr als die Hälfte der Befragten ist mit jedem Aspekt des Angebots zufrieden – von den Öffnungszeiten bis hin zur Lernbetreuung und Förderung in der Schule. AK Präsidentin Renate Anderl sieht das „als großes Lob für das Angebot in Wien, vor allem auch für die Freizeitpädagoginnen und -pädagogen, die in den Freizeitphasen in den Schulen offensichtlich Hervorragendes leisten“. 

Und die Familien möchten noch mehr Nachmittagsbetreuungsangebot. Knapp ein Drittel der Befragten hätte gern ein anderes Angebot, wobei der Wunsch nach einer echten Ganztagsschule an erster Stelle steht – also nach einer Schule, in der Unterricht, Üben, Sport und Freizeit über den ganzen Tag verteilt sind. 40 Prozent der Wechselwilligen wollen einen Platz in der Ganztagsschule, 26 Prozent in einer anderen schulischen Nachmittagsbetreuung und 23 Prozent im Hort. 

Die echte Ganztagsschule ist auch die beliebteste Betreuungsform bei den Familien, die gar kein Nachmittagsbetreuungsangebot für ihr Volksschulkind haben.

Ganztagsschule hilft am meisten

Der Trend zur echten Ganztagsschule ist kein Wunder: Sie bietet die kindgerechteste Unterstützung – normalerweise bleibt die Schultasche unter der Woche in der Schule, und die Hausübungen sind gemacht, wenn das Kind heimkommt. Den Trend in diese Richtung bestätigt die Befragung. 

  • Eltern werden vom Halbtagsschulsystem zu unfreiwilligen NachhilfelehrerInnen gemacht. Neun von zehn müssen am Abend nach der Schule mit ihren Volksschulkindern lernen, fast die Hälfte sogar täglich. 

  • Die echte Ganztagsschule belastet Eltern und Kinder wesentlich weniger: Nur ein Viertel der befragten Wiener Eltern von Volksschulkindern muss am Abend täglich beim Lernen einspringen, wenn das Kind in eine echte Ganztagsschule geht.
Grafik © Ifes-Befragung
© Ifes-Befragung

Kostenbelastung als Problem

Für die Nachmittagsbetreuung in den Schulen werden österreichweit Elternbeiträge für die Betreuung eingehoben. In Wien sind die Beiträge nach Einkommen der Eltern gestaffelt. Das bewirkt, dass 21 Prozent der Befragten mit Kindern in der Ganztagsschule, der schulischen Nachmittagsbetreuung oder im Hort nichts zahlen. 

  • Vier von fünf befragten Familien (79 Prozent) mit ganztags betreuten Volksschulkindern in öffentlichen oder privaten Angeboten müssen dafür zahlen. Die Durchschnittskosten inklusive Essen: 230 Euro pro Monat. 

  • Finanziell belastet sind drei von vier befragten Familien (72 Prozent), die für die Ganztagsbetreuung ihrer Volksschulkinder in Wien zahlen müssen. Für 22 Prozent ist die Belastung sehr, für 50 Prozent ziemlich groß. 

„Gute Betreuung der Kinder darf nicht am Geld scheitern“, sagt dazu AK Präsidentin Renate Anderl. Sie fordert, dass der Elternbeitrag in der echten Ganztagsschule für die Zeit der Anwesenheitspflicht von 8:00 bis 16:00 Uhr gestrichen wird. Wobei es bei der Finanzierung der Ganztagsschulen noch ein wesentliches Problem gibt: die Budgetpolitik des Bundes.

Bund bremst Ganztagsschulen

Beim Ausbau und Betrieb der Ganztagsschulen ist Wien (so wie alle größeren Ballungsräume) inzwischen an die Grenze gestoßen. Die Grenze ist allerdings nicht der Bedarf der Familien, sondern die Budgetpolitik des Bundes. 

  • Ausbau Ganztagsschulen verlangsamt: Im Bund sind grundsätzlich Mittel für den Ausbau der Ganztagsschulen vorgesehen. Aber die 750 Millionen Euro laut Bildungsinvestitionsgesetz sollen laut Beschluss der Bundesregierung nicht bis 2025 ausgegeben werden, sondern erst bis 2032. Dadurch steht jährlich nur mehr halb so viel Geld zur Verfügung. Bis 2025 fehlen Wien dadurch 29 Millionen Euro. Dadurch kann Wien mit dem Bund jährlich 1.500 Ganztagsschulplätze weniger abrechnen. Die Kürzung ist fatal angesichts steigender SchülerInnenzahlen vor allem in Wien. 

  • Der derzeitige Finanzausgleich zwischen Bund, Ländern und Gemeinden macht es unmöglich, dass alle SchülerInnen ein gutes Angebot bekommen. Bei der Schulfinanzierung wird momentan im Wesentlichen nur berücksichtigt, wie viele SchülerInnen es gibt – und das gilt auch nur für die Finanzierung der Lehrerdienstposten, für die der Bund den Bundesländern das Geld überweist. Für Schulgebäude, deren Erhaltung und Betrieb und für die Nachmittagsbetreuung sind die Gemeinden zuständig. Und die Gemeinden bekommen Steuermittel nur danach zugeteilt, wie viele EinwohnerInnen sie haben. Gezielte Förderung der Kinder im Gemeindegebiet ist dadurch unmöglich.

Forderung

Bessere Betreuung: Das will die Arbeiterkammer

„Jedes Kind muss seine Chance zum erfolgreichen Lernen bekommen, und Beruf und Familie dürfen für Eltern kein Widerspruch sein“, sagt AK Präsidentin Renate Anderl. Das gelte gerade beim Angebot an ganztägiger Betreuung in der Schule. Dafür fordert die Arbeiterkammer:

  • Mehr echte Ganztagsschulen, in denen Unterricht, Üben, Freizeit und Sport über den ganzen Tag verteilt sind. Dabei lernen die Kinder am meisten, und die Eltern müssen am seltensten als unfreiwillige NachhilfelehrerInnen einspringen. Für den Ausbau muss der Bund mindestens wieder genauso viel ausgeben, wie ursprünglich geplant – also 750 Millionen Euro bis 2025. Das soll allen Gemeinden nutzen, die dringend mehr ganztägige Schulplätze brauchen.

  • Neue Schulfinanzierung: Über einen neuen „aufgabenorientierten“ Finanzausgleich zwischen Bund, Ländern und Gemeinden muss auch der laufende Betrieb von Ganztagsschulen finanziert werden, nicht nur die erstmalige Einrichtung. Überdies muss der Finanzausgleich auf eine Schulfinanzierung nach Chancenindex umgestellt werden, der den Förderbedarf der Kinder an der jeweiligen Schule berücksichtigt.

  • + Schluss mit der Kostenbelastung: In der echten Ganztagsschule muss der Elternbeitrag für die Zeit der Anwesenheitspflicht von 8:00 bis 16:00 gestrichen werden.

Daten zur Untersuchung: Ifes-Befragung unter 800 Haushalten mit Volksschulkindern in Wien. Befragungszeitraum September bis November 2018.

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