10.11.2016
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Chancen-Index: Schule gerecht finanzieren

„Die geplante Schulautonomie wird nur funktionieren, wenn die Mittelverteilung an die Schulen an die Bedürfnisse der Kinder am jeweiligen Standort angepasst wird“, sagt AK Präsident Rudi Kaske.

Von Schule zu Schule andere Chancen

Denn jede sechste Schule in Österreich hat kein Lernumfeld, in dem sie jedes Talent ausreichend fördern kann, zeigt eine Hochrechnung der Bevölkerungsdaten durch die AK Wien BildungsexpertInnen. In solche Schulen gehen überdurchschnittlich viele Kinder, deren Eltern nach der Pflichtschule keinen Abschluss mehr gemacht haben – das verschlechtert ihre Lernchancen. Trotzdem werden die Mittel an die Schulen fast ausschließlich nach der Zahl ihrer Schülerinnen und Schüler verteilt. 

„Alle unsere Schulen müssen Chancengerechtigkeit aufgrund bestmöglicher Förderung bieten“, sagt Kaske. Er fordert eine Schulfinanzierung nach einem Chancenindex, die den Familienhintergrund der Kinder berücksichtigt – also den Schulen mit größeren Herausforderungen bei der Förderung der Kinder mehr Mittel zuteilt. „So bekommen alle ihre Chance.“ 

Die Bundesregierung plant, den Schulen mehr Freiräume zu geben und sie gleichzeitig in größere Einheiten zusammenzufassen. „Das ist eine gute Voraussetzung zur Entwicklung standortbezogener Konzepte, um die Kinder in der Schule besser zu fördern“, sagt Kaske. „Was fehlt, ist aber eine Schulfinanzierung, die die unterschiedlichen Voraussetzungen der Kinder an der jeweiligen Schule berücksichtigt.“ Dort, wo die Eltern den Kindern nicht beim Lernen helfen können, müsse die Schule mehr Ressourcen haben – mit zusätzlichen Pädagoginnen und Pädagogen, Sozialarbeiterinnen und Sozialarbeitern oder Psychologinnen und Psychologen. Schließlich könne es sich Österreich nicht leisten, „auch nur ein Talent mangels Bildungschancen zu verlieren“.

Aufstieg durch Bildung – nur über viele Hürden

In Österreich gelingt es dem Schulsystem wesentlich weniger als anderswo, die unterschiedliche soziale Herkunft der SchülerInnen bei den Lernergebnissen auszugleichen. Haben die Eltern nach der Pflichtschule keinen weiteren Abschluss gemacht, schließen nur 6 Prozent ihrer Kinder eine Hochschule ab, bei einem Lehrabschluss werden nur 11 Prozent der Kinder AkademikerInnen, bei einer Matura 37 Prozent und bei einem Hochschulabschluss 54 Prozent. 

Das liegt auch am Lernumfeld in der Schule. Schulkinder, deren Eltern maximal die Pflichtschule abgeschlossen haben, liegen gegenüber Akademikerkindern nach acht Jahren um 27 Lernmonate zurück. Das entspricht fast drei Schuljahren. 

Vor allem haben viel zu viele Schulen ein Lernumfeld, das die Kinder nicht optimal fördert. Oft sind Eltern mit der für sie unlösbaren Aufgabe konfrontiert, mit den Kindern zu Hause etwa lineare Gleichungen mit einer Unbekannten oder Weg-Zeit-Aufgaben zu üben. Da können sich dann die einen teure Nachhilfe leisten, die anderen, die nicht mehr als den Durchschnittsverdienst haben, nicht. 

In welcher Schule die Kinder welche Lernchancen haben, lässt sich deshalb aufgrund der sozialen Zusammensetzung der SchülerInnen bestimmen. Der Grund: SchülerInnen erbringen laut aktueller Forschung bessere Schulleistungen, wenn sie in sozial gut durchmischten Klassen- oder Schulgemeinschaften sind; eine Konzentration schlechter gestellter SchülerInnen verschlechtert die Lernergebnisse deutlich.

Die BildungsexpertInnen der Arbeiterkammer Wien haben die Daten aus der österreichischen Bevölkerungsstatistik auf die soziale Zusammensetzung der Kinder in den jeweiligen Schulen für die 6- bis 14-Jährigen hochgerechnet, also für die Volksschulen, die Neuen Mittelschulen und die Unterstufen der Gymnasien. Danach haben sie die Schulen in räumlich nahe Cluster mit jeweils mindestens 200 Schulkindern zusammengefasst.

Ergebnis: Auf einer Skala von 1 = hohe Konzentration von Schulkindern ohne Förderbedarf bis 7 = hohe Konzentration von Schulkindern mit großem Förderbedarf sind 13 Prozent der Cluster in den Stufen 1 und 2 und 17 Prozent in den Stufen 5 bis 7.

Schule gerecht finanzieren © Statistik Austria, Berechnungen AK Wien

„Fast ein Drittel der österreichischen Schulen hat keine ausgewogene soziale Durchmischung der Schülerinnen und Schüler“, sagt AK Präsident Rudi Kaske. „Das ist zu viel.“

Geteiltes Schulsystem verschärft die Ungerechtigkeit

Die AK ExpertInnen haben sich auch die soziale Zusammensetzung der SchülerInnen in den einzelnen Schultypen angeschaut. Das wenig überraschende Ergebnis: 

  • In der Volksschule befinden sich die meisten Cluster in der Indexstufe 3, das heißt: Die soziale Durchmischung der SchülerInnen ist gut mit leichter Tendenz zu den besser gestellten SchülerInnen. 

  • In der Mittelstufe verschiebt sich die Verteilung der Kinder in der Neuen Mittelschule in Richtung Stufe 4 (gute Durchmischung mit Tendenz zu Schulkindern mit mehr Förderbedarf) und in den Gymnasien Richtung Stufe 2 (Tendenz zu Schulkindern mit wenig Förderbedarf). 

Hier ist es nach Auffassung der AK BildungsexpertInnen wichtig, bei jeder einzelnen Schule zu schauen, was für die Kinder, die Eltern und die LehrerInnen das Wichtigste für optimale Förderung je nach Ausstattung des Standorts ist. Eine gute Voraussetzung dafür sind die Bildungsreformen Richtung mehr Eigenständigkeit der Schulen, wie sie jetzt die Bundesregierung plant.

Verbesserung durch Bildungspaket

Die geplanten Reformen ermöglichen eine bessere Förderung je nach Schulstandort. Die geplante Clusterbildung und die erweiterte Schulautonomie sind eine Verbesserung im Vergleich zum Status quo. 

Beim Punkt Schulcluster ist positiv, dass Schuleinheiten für mindestens 200 SchülerInnen eingerichtet werden sollen. Das ermöglicht effektivere Förderung, vor allem in Ganztagsschulen. Positiv ist auch, dass die Schulen mehr Freiräume und somit mehr Eigenverantwortung bekommen sollen. Auch die geplante Schwerpunktsetzung auf eine moderne bedarfsorientierte Fort- und Weiterbildung der Lehrkräfte erscheint sinnvoll. In diesem Zusammenhang ist es auch richtig, dass Schulen Unterstützungspersonal ihren Bedürfnissen entsprechend anfordern können sollen. 

„Was aber fehlt, ist, die Mittel an die Schulen danach zu verteilen, wie viele Kinder an der jeweiligen Schule verstärkt Unterstützung brauchen“, sagt AK Präsident Rudi Kaske. „Das ist dringend notwendig, damit die Schulautonomie ein Erfolg wird. Autonome Schulen müssen den Unterricht an ihre Schülerinnen und Schüler anpassen. Dafür müssen sie den Standort bedarfsgerecht entwickeln und das Personal einstellen, das sie für die jeweiligen Bedürfnisse ihrer Schülerinnen und Schüler brauchen. Da wollen wir Gerechtigkeit.“

Schulfinanzierung: Das AK-Modell für den Chancenindex

Die Arbeiterkammer hat ein Modell für eine gerechte, transparente und bedarfsorientierte Schulfinanzierung nach einem Chancenindex mit sieben Stufen entwickelt, der den Förderbedarf der Kinder an der jeweiligen Schule zeigt. Das Grundprinzip: Zusätzlich zur bisherigen Basisfinanzierung gibt es Zuschläge. Alle bekommen genug Mittel – und die, die mehr brauchen, kriegen mehr.

Schule gerecht finanzieren © AK, Wien
AK-Modell
  • Voraussetzung für mehr Mittel nach dem Chancenindex muss in allen Fällen sein, dass die Schule ihr Angebot an die Voraussetzungen der Kinder anpasst. Zwar können die Herausforderungen oft nur mit zusätzlichen Mitteln bewältigt werden. Damit allein ist es aber nicht getan. Jeder Schulcluster soll ein Schulkonzept für die pädagogische Arbeit am Schulstandort erstellen. Enthalten sein soll die Situation an der Schule, die Situation des Teams der Pädagoginnen und Pädagogen, die Zusammensetzung der Schulkinder sowie eine Analyse auf Basis externer Daten. Darauf aufbauend wird festgehalten, was am Standort passiert, wie die Arbeit erfolgt und welches Personal der Cluster dafür braucht.

  • Basis-Ressourcen: Jeder Schulstandort erhält Ressourcen, die auf Basis der Zahl der SchülerInnen und die über den Lehrplan definierten Aufgaben berechnet werden. Dazu gibt es auch administrative Unterstützung. Zusatzaufgaben an Standorten wie Abbau von Lernschwächen, Legasthenie, Verhaltensauffälligkeiten werden berücksichtigt.

  • Chancenindex-Zuschlag: Der Chancenindex erlaubt eine Einschätzung der Zusammensetzung der SchülerInnenschaft an Schulen. Auf Basis der individuellen Voraussetzungen jedes Kinds wird für Standorte ein Indexwert berechnet, der Grundlage für zusätzliche Mittel ist. Je nach Indexstufe werden zusätzliche Mittel zur Bewältigung der vielfältigen Herausforderungen zugeteilt. Wobei es Zuschläge auf allen nicht akademischen Bildungsstufen der Eltern geben soll. Nur ein Hochschulabschluss der Eltern bringt keinen Zuschlag.

    Basiswert für jedes Kind ist 100. Der wichtigste Faktor zur Chancenindex-Berechnung ist der Bildungsstand der Eltern. Als zweiter Faktor mit geringerem Gewicht wird die Umgangssprache der Kinder herangezogen. Dies berücksichtigt die Notwendigkeit, dass alle Kinder die Bildungssprache Deutsch erlernen und entsprechende Ressourcen zur Verfügung gestellt werden.

    Aus diesen individuellen Werten wird ein Schulindexwert berechnet. Dieser Schulwert liegt zwischen 100 (hohe Chancen) und 180 (niedrige Chancen). Die Indexwerte werden insgesamt 7 Indexstufen zugeteilt – 1 = bis 110 und 7 = ab 160. Je nach Indexstufe werden dann die zusätzlichen Mittel verteilt – vor allem für mehr Personal nach dem Bedarf der Schule; ob das jetzt mehr Lehrerinnen und Lehrer, mehr Sozialarbeiterinnen und Sozialarbeiter oder mehr Psychologinnen und Psychologen sind.

  • Eine Schule mit guten Chancen hat 100 Punkte = Chancenindex-Wert 1. Eine Schule, wo es hohen Förderbedarf gibt, hat den Chancenindex-Wert 7. Auf Stufe 7 steht etwa eine Schule mit 166 Punkten. Hier haben 51 Prozent der Eltern maximal Pflichtschulabschluss, 46 Prozent eine Berufsausbildung, 3 Prozent Matura, und 88 Prozent haben eine andere Alltagssprache als Deutsch.

„Kurz zusammengefasst, wollen wir einfach mehr Mittel für Schulen mit vielen Kindern, denen die Eltern keine teure Nachhilfe zahlen können“, sagt AK Präsident Rudi Kaske. „Damit können die Bildungsreformen erst wirken. Letztlich soll es nur noch Schulen geben, in denen alle Kinder ihren Bedürfnissen entsprechend bestmöglich gefördert werden.“ 

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