Schule – Alle müssen mitkommen

In den größeren Städten Österreichs gehen in bis zu vier von fünf Volksschulen überdurchschnittlich viele Kinder, denen die Eltern nur schwer beim Lernen helfen oder Nachhilfe zahlen können. Das zeigt jetzt eine Statistik Austria-Analyse im Auftrag der Arbeiterkammer zum Chancen-Index je nach Schulstandort. Die Eltern können ihren Kindern deshalb nur schwer beim Lernen helfen, weil sie keine oder maximal eine mittlere weiterführende Ausbildung gemacht haben. In unserem Schulsystem verschlechtert das die Lernchancen der Kinder. 

„Unsere Schulen müssen jedem Kind eine gerechte Lernchance geben“, sagt AK Präsidentin Renate Anderl. Sie erneuert die Forderung der Arbeiterkammer nach einer Schulfinanzierung nach Chancenindex: „Unsere Schule ist darauf aufgebaut, dass nur die Kinder gute Chancen haben, die von den Eltern unterstützt werden können. Das müssen wir ändern.“

Chancenindex
Schulen müssen mehr Mittel bekommen, wenn sie viele SchülerInnen haben, deren Eltern darum kämpfen müssen, dass die Kinder in der Schule mitkommen. 

Eine Schulfinanzierung nach Chancenindex ist nicht nur in den Städten nötig, zeigt die Analyse der Statistik Austria. Österreichweit und über alle Schultypen für die Sechs- bis Vierzehnjährigen hinweg gehen in jede sechste Schule überdurschnittlich viele Kinder, deren Eltern nur in der Pflichtschule waren. Anderl: „Da brauchen die betroffenen Schulen einfach mehr Ressourcen. Wir können es uns nicht leisten, auch nur ein Talent zu verlieren.“

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Schon in der Volksschule getrennt

Wer in den österreichischen Schulen etwas werden will, braucht entweder „Gstudierte“ als Eltern oder Geld – am besten beides: Mit drei Vierteln der Kinder müssen die Eltern regelmäßig lernen, damit sie in der Schule mitkommen. Zwei von fünf Müttern oder Vätern tun sich schwer damit. Ein Teil der Kinder braucht deshalb zusätzlich bezahlte Nachhilfe. Das zeigt jährlich das AK Nachhilfebarometer

Gute Chancen – bitte warten

Und wenn die Eltern nicht helfen können, weil sie keine oder maximal eine mittlere weiterführende Ausbildung gemacht haben? Dann haben die Kinder Pech gehabt und gehen in eine Schule, in der praktisch alle so einen Familienhintergrund haben. Mit unfairen Kosequenzen: Haben die Eltern nach der Pflichtschule keinen weiteren Abschluss gemacht, schließen 7 Prozent ihrer Kinder eine Hochschule ab, bei einem Lehrabschluss werden 16 Prozent der Kinder AkademikerInnen, bei einer Matura 34 Prozent und bei einem Hochschulabschluss 57 Prozent. 

Hintergrund

Die Verantwortung für den Lernerfolg der Kinder liegt im österreichischen Schulsystem hauptsächlich bei den Eltern, die Schule gleicht vergleichsweise wenig aus. Das wird umso mehr zum Problem, wenn die SchülerInnen nicht in sozial gut durchmischten Klassen- oder Schulgemeinschaften sind. Eine Konzentration schlechter gestellter SchülerInnen verschlechtert die Lernergebnisse deutlich, zeigt die aktuelle Forschung zum Thema. 

In welcher Schule die Kinder welche Lernchancen haben, lässt sich aufgrund der sozialen Zusammensetzung der SchülerInnen bestimmen. Jetzt zeigt eine Analyse der Statistik Austria im Auftrag der AK zur Zusammensetzung der SchülerInnen je nach Schulstandort: In fast allen größeren Städten gibt es viele Volksschulen mit überdurchschnittlich vielen Kindern, die großen Förderbedarf haben. In manchen Städten sind in bis zu vier von fünf Volksschulen Kinder in der Mehrheit, denen die Eltern nur schwer beim Lernen helfen oder Nachhilfe zahlen können. Sie hätten hohen Bedarf nach Förderung durch die Schule. 

Mit anderen Worten: Schon in der Volksschule werden unsere Kinder nach ihrem familiären Hintergrund getrennt.

Grafik © Statistik Austria

„Wenn bis zu vier von fünf Volksschulen in den größeren Städten keine ausgewogene soziale Durchmischung haben, dann ist das ein Alarmzeichen“.

Renate Anderl

AK Präsidentin

Auch in ganz Österreich: Chancen ungleich verteilt

Der Blick auf ganz Österreich und alle Schulen für die Sechs- bis Vierzehnjährigen zeigt ebenfalls: Die SchülerInnen sind je nach Herkunft ungerecht auf die Schulen verteilt. Über alle Volksschulen, Neue Mittelschulen und Unterstufen der Gymnasien hinweg, hat jede sechste Schule überdurchschnittlich viele Kinder, deren Eltern nur geringe Bildung haben. 

Grafik © Statistik Austria


Schule muss mehr Verantwortung übernehmen – das Beispiel London

„Unsere Schule ist darauf aufgebaut, dass nur die Kinder gute Chancen haben, die von den Eltern unterstützt werden können. Das müssen wir ändern“, sagt Renate Anderl. In Wirklichkeit sei es so, dass sich alle Eltern schwer tun, beim Lernen mit den Kindern einzuspringen oder für Nachhilfe zu zahlen. Und für alle wäre es aber besser, würde die Schule mehr Verantwortung übernehmen. Das zeigt das Beispiel London. 

Als im Jahr 2003 im berühmten Globe Theatre ein groß angelegtes Reformprogramm für das Londoner Schulwesen startete, schafften nur neun Prozent der SchülerInnen an öffentlichen Londoner Mittelstufenschulen die erforderlichen Qualifikationen für die Fortsetzung der Schullaufbahn in der Oberstufe 2, 2015 waren es 70,5 Prozent. Dazwischen lief das Programm „London Challenge“ in den Bezirken, in denen die Schulen besonders schlecht abgeschnitten hatten, allesamt Bezirke mit einem sehr hohen Anteil an ZuwandererInnen sowie SchülerInnen aus mehrfach benachteiligten Familien: 

  • Jede Schule erhielt eine/n eigenen Berater/eine Beraterin. Dazu gab es SpezialberaterInnen wie etwa Disziplinberater, die die Schulen auf ihrem Entwicklungsprozess ganz gezielt unterstützten. 

  • Im Zentrum stand die Qualität des Unterrichts, der einzelne Lehrer, die einzelne Lehrerin, und so gab es eine intensive (Nach)qualifizierung von LehrerInnen an den teilnehmenden Schulen. 

  • Die SchulleiterInnen nahmen im Veränderungsprozess eine besonders wichtige Rolle ein, und durch Benchmarking wurden SchulleiterInnen von besonders erfolgreichen Schulen mit jenen aus nicht erfolgreichen Schulen zusammengebracht – Schulen mit gleichen Voraussetzungen wie etwa einer vergleichbaren Schülerpopulation. 

  • Datenmaterial wurde gezielt eingesetzt, fallweise heruntergebrochen auf den einzelnen Schüler / die einzelne Schülerin, um diese gezielt zu fördern. 

  • Und die Schulen bekamen mehr Mittel, wenn sie viele Kinder hatten, die zu Hause nicht von den Eltern beim Lernen unterstützt werden konnten.  

Als das Programm 2011 beendet wurde, war London aus der Region Englands mit den schlechtesten Schulergebnissen (bei den Abschlussprüfungen mit 16) zur Region mit den besten Ergebnissen geworden. Auch mehr als fünf Jahre später hat sich daran nichts geändert.

Schulfinanzierung: Das AK-Modell für den Chancenindex

Die Arbeiterkammer hat ein Modell für eine gerechte, transparente und bedarfsorientierte Schulfinanzierung nach einem Chancenindex mit sieben Stufen entwickelt, der den Förderbedarf der Kinder an der jeweiligen Schule zeigt. Das Grundprinzip: Zusätzlich zur bisherigen Basisfinanzierung gibt es Zuschläge. Alle bekommen genug Mittel – und die, die mehr brauchen, kriegen mehr.

Grafik © AK Wien
  • Voraussetzung für mehr Mittel nach dem Chancenindex muss in allen Fällen sein, dass die Schule ihr Angebot an die Voraussetzungen der Kinder anpasst. Zwar kann die Förderung der Kinder entsprechend ihren Voraussetzungen oft nur mit zusätzlichen Mitteln bewältigt werden. Damit allein ist es aber nicht getan. Jede Schule soll ein Konzept für die pädagogische Arbeit am Standort erstellen.

    Enthalten sein soll die Situation an der Schule, die Situation des Teams der Pädagoginnen und Pädagogen, die Zusammensetzung der Schulkinder sowie eine Analyse auf Basis externer Daten. Darauf aufbauend wird festgehalten, was am Standort passiert, wie die Arbeit erfolgt und welches Personal der Schulstandort dafür braucht. Im Idealfall wird die Schule als verschränkte Ganztagsschule geführt, in der Unterricht, Üben, Sport und Freizeit über den ganzen Tag verteil sind. Das führt nachweislich zu den besten Lernergebnissen.

  • Basis-Ressourcen: Jeder Schulstandort erhält Ressourcen, die auf Basis der Zahl der SchülerInnen und die über den Lehrplan definierten Aufgaben berechnet werden. Dazu gibt es auch administrative Unterstützung. Zusatzaufgaben an Standorten wie Abbau von Lernschwächen, Legasthenie, Verhaltensauffälligkeiten werden berücksichtigt.

  • Chancenindex-Zuschlag: Der Chancenindex erlaubt eine Einschätzung der Zusammensetzung der SchülerInnenschaft an Schulen. Auf Basis der individuellen Voraussetzungen jedes Kinds wird für Standorte ein Indexwert berechnet, der Grundlage für zusätzliche Mittel ist. Je nach Indexstufe werden zusätzliche Mittel zur Bewältigung der vielfältigen Herausforderungen zugeteilt. Wobei es Zuschläge auf allen nicht akademischen Bildungsstufen der Eltern geben soll. Nur ein Hochschulabschluss der Eltern bringt keinen Zuschlag.

    Basiswert für jedes Kind ist 100. Der wichtigste Faktor zur Chancenindex-Berechnung ist der Bildungsstand der Eltern. Als zweiter Faktor mit geringerem Gewicht wird die Umgangssprache der Kinder herangezogen. Dies berücksichtigt die Notwendigkeit, dass alle Kinder die Bildungssprache Deutsch erlernen und entsprechende Ressourcen zur Verfügung gestellt werden.

    Aus diesen individuellen Werten wird ein Schulindexwert berechnet. Dieser Schulwert liegt zwischen 100 (hohe Chancen) und 180 (niedrige Chancen). Die Indexwerte werden insgesamt 7 Indexstufen zugeteilt – 1 = bis 110 und 7 = ab 160. Je nach Indexstufe werden dann die zusätzlichen Mittel verteilt – vor allem für mehr Personal nach dem Bedarf der Schule; ob das jetzt mehr Lehrerinnen und Lehrer, mehr Sozialarbeiterinnen und Sozialarbeiter oder mehr Psychologinnen und Psychologen sind.


  • Eine Schule mit guten Chancen hat 100 Punkte = Chancenindex-Wert 1. Eine Schule, wo es hohen Förderbedarf gibt, hat den Chancenindex-Wert 7. Auf Stufe 7 steht etwa eine Schule mit 166 Punkten. Hier haben 51 Prozent der Eltern maximal Pflichtschulabschluss, 46 Prozent eine Berufsausbildung, 3 Prozent Matura, und 88 Prozent haben eine andere Alltagssprache als Deutsch.

„Kurz zusammengefasst, wollen wir einfach mehr Mittel für Schulen mit vielen Kindern, denen die Eltern keine teure Nachhilfe zahlen können. Letztlich soll es nur noch Schulen geben, in denen alle Kinder ihren Bedürfnissen entsprechend bestmöglich gefördert werden.“

Renate Anderl

AK Präsidentin