9.11.2018

Bildung braucht Orientierung

Fast 300.000 junge Menschen unter 35 Jahren in Österreich haben ihren ersten weiteren Bildungsweg gleich mit 15 oder kurz danach abgebrochen – und nur etwa 12.000 sind wieder in eine Lehre oder eine Schule zurückgekehrt. Dagegen fordert die Arbeiterkammer mehr und bessere Berufsorientierung in der Schule, und sie ergreift selbst die Zukunftsinitiative. Im Rahmen ihres neuen Programms AK Bildungs-Navi wird die Arbeiterkammer Wien ab dem Sommersemester 2019 persönliche Bildungsberatung für Jugendliche und ihre Eltern anbieten.

Vom Bildungsabbruch hauptsächlich betroffen sind drei große Gruppen, ergibt eine AK Untersuchung: junge Mädchen, die früh Mütter wurden; zugewanderte Jugendliche, die erst nach dem achten Lebensjahr in Österreich „quer“ in die Schule eingestiegen sind; und Jugendliche, die eine Lehre angefangen, aber den Lehrplatz bald wieder verloren haben. Und insbesondere LehrabbrecherInnen, ergab die Untersuchung, sind bei der Berufswahl nicht ausreichend unterstützt worden. 

Berufsorientierung verhindert Bildungsabbruch

AK Präsidentin Renate Anderl will das ändern: „Es ist aus meiner Sicht fatal, wenn junge Leute den falschen Weg im Bildungssystem einschlagen, weil sie nicht gewusst haben, was ihr richtiger Bildungsweg, das richtige Berufsziel für sie ist.“ Mit ihrem Programm AK Bildungs-Navi wird die Arbeiterkammer Wien eine große Lücke schließen: Jugendliche bekommen derzeit so gut wie gar keine persönliche Bildungsberatung in der Schule, die genau von ihren persönlichen Bedürfnissen ausgeht. Das wird die AK Wien jetzt ändern 

Auch wenn die Arbeiterkammer ein umfassendes Bildungs-Navi für die Jugendlichen und deren Eltern entwickelt hat, wollen wir die Politik nicht aus der Verantwortung entlassen“, sagt Anderl. Die AK fordert: Das Unterrichtsfach Berufsorientierung muss es zusätzlich zur Neuen Mittelschule auch in den Gymnasien geben – und zwar für die 13-, 14-Jährigen, für die 15-Jährigen und für die 17-, 18-Jährigen. Und damit jungen Menschen ausreichend Angebote haben, müssen die Unternehmen wieder mehr ausbilden.

Mehrere 100.000 fliegen raus

Punkto Entscheidung über weitere Bildung und Beruf ist Österreich im internationalen Vergleich ein Sonderfall: Weil die Schulpflicht neun Jahre dauert, die Mittelstufe in der Schule aber nach der achten Schulstufe aus ist, müssen Jugendliche spätestens mit 13, 14 Jahren wissen, was sie später einmal werden wollen. In den meisten anderen Ländern muss diese Entscheidung frühestens mit 16, oft auch erst mit 18 Jahren getroffen werden. Unsere Jugendlichen sind entsprechend überfordert. 

Wer zum Beispiel eine Lehre machen will, absolviert sein neuntes Schuljahr meistens in einer Oberstufenschule und nicht in der Polytechnischen Schule, die als einzige Schulform auf dieser Stufe auch spezielle Berufsorientierung und Bewerbungstrainings bietet. Oder: Viele versuchen es einmal in einer Oberstufenschule, fliegen dann aber ohne Berufsorientierung und Bildungsberatung, also ohne Orientierung wieder hinaus. Im Ergebnis ist früher Bildungsabbruch vorprogrammiert.

In Summe haben österreichweit fast 300.000 junge Menschen unter 35 Jahren die erste weiterführende Ausbildung abgebrochen, und nur gut 12.000 gehen wieder zurück in eine andere Lehrausbildung oder in eine Schule. Die meisten frühen BildungsabbrecherInnen arbeiten derzeit als Hilfskräfte oder sind arbeitslos (rund 180.000). Erschreckend hoch ist auch die Zahl derjenigen, die weder etwas lernt noch irgendwo arbeitet: fast 90.000 junge Menschen! Wobei für die meisten der derzeit vom Abbruch Betroffenen die Ausbildungspflicht bis 18 noch nicht galt. 

Grafik © Statistik Austria

Besonders betroffen: junge Mütter, QuereinsteigerInnen, Lehrlinge

Drei Gruppen sind vom frühen Bildungsabbruch besonders betroffen, ergibt eine Untersuchung für die Arbeiterkammer: junge Mütter; zugewanderte Jugendliche, die erst nach dem achten Lebensjahr „quer“ in das österreichische Schulsystem kamen; Lehrlinge. In Fokusgruppen mit Betroffenen und ExpertInnen wurde untersucht, was die Ursachen für den Abbruch sind. 

  • Junge Mütter sind stark durch Mehrfachbelastungen gefordert. Ein Wiedereinstig ins Bildungs- und berufliche Ausbildungssystem scheitert oft schon daran, dass sie keinen Anspruch auf einen Kindergartenplatz haben – sie sind ja nicht berufstätig. 

  • Jugendliche, die erst nach Beginn der Schulpflicht in Österreich zugewandert sind, haben das Problem, dass ihnen die Information über das Bildungssystem und das entsprechende Unterstützungs-Netzwerk fehlen. Meistens können sie auch noch nicht Deutsch. Kamen sie überhaupt erst als 15-Jährige nach Österreich, wird ihnen kein Schulplatz garantiert. Einige Schulen mit einem engagierten Lehrkörper haben über viele Jahre Kompetenzen im Umgang mit diesen „QuereinsteigerInnen“ erworben. Sie sagen: Die LehrerInnen müssen an einem Strang ziehen und zusätzliche sozialpädagogische Kompetenzen haben. 

  • Bei den LehrabbrecherInnen stellte sich heraus, dass viele keine ausreichende Berufsorientierung hatten. Ein Betroffener im qualitativen Interview: „Keiner weiß eigentlich, was er will. Aber die Berufe passen nicht zu den Vorstellungen, die man hat. Ich bin jetzt 30 Jahre und weiß immer noch nicht, wo ich hingehöre.“ 

    Verschärft wird die Situation für LehranfängerInnen durch das Aufnahmeverhalten der Lehrbetriebe: Zwei von fünf LehrabbrecherInnen verlieren ihren Lehrplatz bereits in der dreimonatigen Probezeit. Die letzten Zahlen gibt es für das Jahr 2016: Von 4.664 LehrabbrecherInnen verloren 1.956 den Lehrplatz bereits innerhalb der ersten drei Monate – das entspricht 42 Prozent aller LehrabbrecherInnen (Quelle: Wirtschaftskammer).

Bedarf an Berufsorientierung auch in der Oberstufe

Auch MaturantInnen tun sich schwer, nach Abschluss der Schule den richtigen Beruf oder das richtige Studium zu finden. BildungsberaterInnen schätzen, dass gleich die Hälfte nicht weiß, was sie nach der Matura anfangen sollen. 

Das zeigt auch der weitere Weg von StudienanfängerInnen. Die Zahlen für die AnfängerInnen eines Bachelorstudiums im Studienjahr 2008/2009: Nach sieben Jahren, im Jahr 2016, hatten nur 28 Prozent ihr Studium abgeschlossen, 25 Prozent haben ein anderes Studium abgeschlossen – und 27 Prozent haben überhaupt abgebrochen. 

Hier rächt sich nach Auffassung der Arbeiterkammer, dass in den Oberstufenschulen Berufsorientierung überhaupt nicht vorgesehen ist und dass sie in der Unterstufe der Gymnasien nicht als eigenes Fach verpflichtend ist.

AK springt ein: Das Zukunftsprogramm AK Bildungs-Navi

In der Berufsorientierung hat sich in den vergangenen Jahren einiges getan – vor allem ist Berufsorientierung in den Neuen Mittelschulen ein eigenes Fach für die 13-, 14-Jährigen. Was allerdings fehlt, ist Berufsorientierung als Fach in der Unterstufe der Gymnasien, in der neunten Schulstufe und vor der Matura. Die größte Lücke klafft in der persönlichen Bildungsberatung für Jugendliche und ihre Eltern. Die gibt es in der Schule so gut wie gar nicht.

Hier springt jetzt die Arbeiterkammer Wien mit ihrem Zukunftsprogramm AK Bildungs-Navi ein: 

  • Neu ist persönliche AK Bildungsberatung ab Feber 2019. Diese Einzelberatungen reichen von telefonischen Angeboten bis hin zu persönlichen Beratungsterminen. Der Schwerpunkt wird persönliche Bildungsberatung für 13-, 14-Jährige und für 17-, 18-Jährige sein, weil in diesem Alter die wichtigen Entscheidungen getroffen werden. Die BeraterInnen werden auf die persönlichen Bedürfnisse und Möglichkeiten eingehen, die die Jugendlichen auf dem Weg in die Zukunft haben. 

  • Die jährliche Bildungs- und Berufsinfomesse L14 gehört bereits jetzt zum Standardangebot der Arbeiterkammer Wien. Sie läuft gerade von 7. bis 10. November im AK Wien Bildungszentrum (1040, Theresianumgasse 16-18). Auf der Messe bietet die AK 13-, 14-Jährigen ein breites Informations- und Beratungsangebot an über 30 Ständen zu Lehrberufen und weiterführenden Schulen. Es gibt ein Theaterprogramm, Workshops, Spiele und eine „Probiers hier“-Zone, wo die SchülerInnen ihr handwerkliches Geschick ausprobieren können.
     
  • Zusätzlich im Angebot sind Elterninfoabende an den Neuen Mittelschulen, Berufsorientierungs-Workshops und Trainings für fast 5.000 SchülerInnen, bei denen die Jugendlichen lernen, wie sie sich am besten bei Ausbildungsstellen und später für einen Job bewerben. Auch für MaturantInnen bietet die AK Wien Gruppenberatungen für Berufs- und Bildungswege nach der Matura an. Insgesamt unterstützt die AK Wien schon jetzt pro Jahr 30.000 Jugendliche und deren Eltern bei der Berufs- und Bildungswegentscheidung.

Auch Bundesregierung und Wirtschaft müssen helfen

„Auch wenn die Arbeiterkammer ein umfassendes Bildungs-Navi für die Jugendlichen und deren Eltern entwickelt hat, wollen wir die Politik nicht aus der Verantwortung entlassen“, sagt AK Präsidentin Renate Anderl. Die Forderungen der Arbeiterkammer:

  • Ein eigenes Fach Berufsorientierung auch in der Unterstufe der Gymnasien. Immerhin geht etwa in Wien mehr als die Hälfte aller 10- bis 14-Jährigen in diese Schule.

  • Berufsorientierung auf jeden Fall auch in der neunten Schulstufe – und am Ende der Oberstufe, also vor der Matura.

Und Anderl richtet einen Appell an die Unternehmen: „Die beste Berufsorientierung nützt nichts, wenn Jugendliche zwar den richtigen Beruf für sich kennen, aber keinen Lehrplatz dafür bekommen. Die Unternehmen müssen Ausbildungsplätze schaffen, nicht immer nur nach Fachkräften rufen.“

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