Bäckereiangestellte mit Schutzmaske © ivan, stock.adobe.com
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7.1.2021

Gerechtigkeit für ArbeitnehmerInnen – heißt gegen Diskriminierung aufgrund sozialer Stellung auftreten!

Seit 100 Jahren kämpft die AK für Gerechtigkeit! Wir haben viel erreicht, aber es ist noch viel zu tun. Gerade die Auswirkungen von Corona haben gezeigt, dass Krisen bereits bestehende Diskriminierungen nochmals verstärken.

Ganz besonders bekommen das die sogenannten SystemerhalterInnen zu spüren, die immer noch nicht jene Anerkennung erhalten, die sie verdient haben – nämlich mehr als nur den wohlwollenden Applaus! Diese HeldInnen der Arbeit (und ihre Familien) zu würdigen heißt auch, sie vor Diskriminierung zu schützen – von dieser sind sie nämlich in der Gesellschaft am allerstärksten betroffen. Das zeigt eine Sonderauswertung der 2019 präsentierten Diskriminierungsstudie von SORA im Auftrag der AK. 

44 % aller Befragten haben selbst eine Diskriminierung erfahren

Darin berichten 44% aller Befragten[1] von einer selbst erfahrenen Diskriminierung in den letzten drei Jahren – ein Viertel davon führt dies auf die eigene soziale Stellung – also auf sog. „Klassismus“[2] – zurück. Die eigene soziale Stellung ist damit der häufigste aller vermuteten Diskriminierungsgründe in den Augen der Betroffenen.

Diese subjektive Selbsteinschätzung hängt stark mit objektiven Indikatoren für Sozialstatus (wie dem Einkommen, beruflichen Status oder Bildungshintergrund) der Person zusammen. Allerdings erhöhen auch andere Merkmale (wie Migrationshintergrund, sexuelle Orientierung oder eine körperliche Beeinträchtigung) die Wahrscheinlichkeit, sich in der gesellschaftlichen Hierarchie weiter unten einzuschätzen. Diese subjektive soziale Stellung hat weitreichende Folgen:

  • Die Befragten schildern nur geringes Ausmaß an sozialer Mobilität. 80% sehen gar keine Veränderung ihrer sozialen Stellung seit ihrer Kindheit. Nur 14% haben einen sozialen Aufstieg erlebt, 6% gar einen sozialen Abstieg. Sozialer Aufstieg wird vor allem von jenen erfahren, die sich schon in ihrer Kindheit "oben" gesehen haben, während sozialer Abstieg fast nur von jenen durchgemacht wird, die sich schon in ihrer Kindheit „unten“ gesehen haben.

  • Zudem erleben diejenigen, die sich subjektiv weiter „unten“ einstufen, eher Diskriminierung als Personen, die sich selbst „in der Mitte“ oder „oben“ einstufen. Während über drei Viertel der Befragten mit niedriger sozialer Selbsteinschätzung angeben, Diskriminierungserfahrungen gemacht zu haben, trifft das nur auf etwa die Hälfte der Personen mit mittlerer und auf rund ein Drittel mit hoher sozialer Selbsteinschätzung zu.
     
  • Nicht zuletzt spielt die subjektive soziale Stellung auch eine entscheidende Rolle dafür, wie man auf Diskriminierung reagiert: Wer sich einer niedrigen sozialen Stellung zuordnet, reagiert auf Diskriminierung wesentlich häufiger mit Rückzug oder Ratlosigkeit als Befragte, die sich der Mittel- oder Oberschicht zuordnen und sich häufiger wehren oder Hilfe und Unterstützung suchen bzw. angeben, es zu ignorieren oder darüberstehen. 

[1] Die Befragung ist repräsentativ für die österreichische Wohnbevölkerung (14 bis 65 Jahre), nach Geschlecht, Alter, Bildung, Migrationshintergrund, Erwerbsstatus und Bundesland. Stichprobengröße: 2.317 Befragte. Befragungszeitraum: 02-07/2018

[2] Klassismus beschreibt mit Winklerund Degele (2009: 17) ein „System der Zuschreibung von Werten und Fähigkeiten, die aus dem ökonomischen Status heraus abgeleitet oder besser: erfunden und konstruiert werden“ und auf Basis derer Aberkennungsprozesse auf kultureller, institutioneller, politischer und individueller Ebene stattfinden.

Unsere Forderungen

Angesichts dieser Befunde sind aus Sicht der AK konkrete Maßnahmen notwendig, um den aufgrund ihrer sozialer Stellung von Diskriminierung Betroffenen zu mehr Gerechtigkeit zu verhelfen:

  • Strukturelle Benachteiligungen beseitigen: Chancengleichheit muss in allen Bereichen hergestellt werden! Das beginnt bei einem Ausbau der Elementarbildung, Ganztagsschulen und einem durchlässigen Bildungssystem, reicht über die Unterstützung bei der Arbeitssuche, bei transparenten Strukturen bei der Bezahlung und beim Berufsaufstieg bis hin zu familien­freundlichen Arbeitszeiten, Zugang zu leistbarem Wohnraum und Vermeidung einer Zweiklassenmedizin durch ein starkes öffentliches und für alle zugängliches Gesundheitssystem.

  • Ausbau bzw. bessere Ausstattung der Gleichbehandlungsanwaltschaft und Gleichbehandlungskommission sowie Förderung von NGO’s, die sich gegen Diskriminierung  einsetzen: eine Wartezeit von durchschnittlich 1,5 Jahren bei Diskriminierungen in der Arbeitswelt ist für Betroffene eine Zumutung, die Entscheidungen müssen rascher gefällt werden. 
     
  • Verbesserungen im Gleichbehandlungsrecht: In Beschäftigung und Beruf schützt das Gleichbehandlungsrecht sämtliche Diskriminierungsmerkmale (Geschlecht, ethnische Zugehörigkeit, sexuellen Orientierung, Alter, Behinderung, Religion oder Weltanschauung). Lücken gibt es allerdings außerhalb der Arbeitswelt (z.B. beim Wohnen), deshalb muss auch in den anderen Bereichen der Schutz für sämtliche Merkmale ausgeweitet werden (Levelling-up).
     
  • Bewusstseinsbildung über Diskriminierung und Stärkung von Betroffenen: Da sozial benachteiligte Personen besonders häufig mit Rückzug und Ratlosigkeit auf Diskriminierungserlebnisse reagieren, bedarf es allgemeine Sensibilisierungsprogramme sowohl in Bildungseinrichtungen als auch in Betrieben. Für Betroffene braucht es zudem gezielte Angebote für Empowerment: Denn das Wissen um die eigenen Rechte bzw. Unterstützungsmöglichkeiten, Instrumente und Techniken zur Stärkung bei Diskriminierung ist die grundlegende Voraussetzung, um dieser Ungleichbehandlung individuell wie gesellschaftlich entgegenwirken zu können. 

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