Workshop 3: Gesundheit und digitales/mobiles Arbeiten

  • Referentin: Dr.in Gerlinde Vogl, Universität Oldenburg
  • Moderation: Gerald Hautz

„Unterschiedliche Formen mobiler Arbeit stellen unterschiedliche Anforderungen an die Beschäftigten, führen zu unterschiedlichen Belastungen und erfordern somit auch eine unterschiedliche Gestaltung“, fasst die Mobilitätsforscherin Gerlinde Vogl ihr Impulsreferat zusammen. Die TeilnehmerInnen diskutierten anschließend Herausforderungen und Handlungsfelder für einen Arbeits- und Gesundheitsschutz 4.0.  

Formen mobiler Arbeit

Grundsätzlich lässt sich mobile Arbeit danach unterscheiden, wer oder was mobil ist: Unterschieden wird die Mobilität von Arbeitsinhalten (Telework, Homework oder virtuell vernetzte Projektarbeit) von der Mobilität der Beschäftigten, Diese bezieht sich auf räumliche Mobilität im Beruf, etwa Dienstreisen oder die Arbeit bei KundInnen. Wird während des Unterwegs-Seins gearbeitet, so sind sowohl Arbeitsinhalte, wie auch Beschäftigte mobil. Mobile Arbeit heißt oft auch räumliche Mobilität, was im Digitalisierungsdiskurs oft vernachlässigt wird.  

Radikalisierte Entgrenzung und hoher Arbeitsdruck

Mobiles Arbeiten birgt zahlreiche Herausforderungen für Beschäftigte. Mobil Arbeitende stehen damit nicht nur vor der Aufgabe, berufsbedingte Mobilität mit dem Privatleben zu vereinbaren, sondern müssen auch mobilitätsbedingte Konflikte innerhalb der Arbeit lösen, die wiederum auf die Entgrenzung von Arbeit und Privatleben rückwirken. Dem im Kontext mobiler Arbeit häufig thematisierten Konflikt zwischen Privatleben und Arbeit steht damit ein weiterer Konflikt, der sich aus der Arbeit selbst ergibt, gegenüber. Im Ergebnis wird die private Zeit zur „Verhandlungsmasse“ bzw. Ressource, um arbeitsbedingte Konflikte zu bewältigen. Die Folge ist eine radikalisierte Entgrenzung im Verhältnis von Beruf und Privatleben.  

Mobilitätsbedingte Belastungen

Als belastende Faktoren mobil Beschäftigter identifiziert Vogl unzureichende Autonomie der ArbeitnehmerInnen, etwa durch fremdbestimmte Reiseorganisation sowie Rationalisierung durch zunehmende und verdichtete Reisetätigkeiten. Auch die ständige Erreichbarkeit und unpassende Arbeitsmittel- und Umgebung erhöhen die Arbeitsbelastungen. Mobile Endgeräte wie Laptop oder Smartphones sind nicht für eine Dauernutzung geeignet. Zudem sind Arbeiten im öffentlichen Raum selten ergonomisch und durch Verkehr oder Lärm belastend.

(Neue) Herausforderungen im Arbeits- und Gesundheitsschutz

Einige rechtliche Regelungen setzen einen konkreten Arbeitsplatz voraus, der in einer digitalen Arbeitswelt nicht mehr gegeben ist. Die Normen des Arbeits- und Gesundheitsschutzes müssen auch für mobile Arbeiten gelten und außerhalb des Betriebes kontrollierbar gemacht werden. Die Einhaltung der Regeln wird zunehmend auf Beschäftigte abgewälzt, sie werden trotz hohem Arbeitsdruck selbst dafür verantwortlich gemacht Höchstarbeitszeiten, Ruhepausen etc einzuhalten. Wie können mobil Arbeitende hier besser geschützt werden? Ein Schutzdefizit besteht auch für psychische und physische Belastungen. Denn mobil Arbeitende riskieren eine „Selbstgefährdung“, indem sie die eigene Gesundheit zu Gunsten einer Leistungsorientierung hinten anstellen und Vereinbarungen zum Gesundheitsschutz unterlaufen. „Mobil Arbeitende sind individualisierte ArbeitnehmerInnen. Eine gesundheitsfördernde Gestaltung der Arbeit muss daher ‚mit‘ und nicht ‚für‘ die Beschäftigten geschehen“, betont Vogl.

Was brauchen wir, um diese Herausforderungen gut zu bewältigen?
Ergebnisse aus der Diskussion der BetriebsrätInnen:

  1. Solidarität in der Belegschaft und Unterstützung durch die Botschaft: „Du wirst nicht allein gelassen!“
  2. Weiße Flecken auf der Landkarte der Mitbestimmung identifizieren und regeln
  3. Rechtliche Klarheit schaffen: Was ist eine angeordnete Überstunde hinsichtlich der Erreichbarkeit in der Freizeit? Wie ist das mit Arbeiten von unterwegs?
  4. Mobile ArbeitnehmerInnen von Verantwortung entlasten: Arbeits- und Gesundheitsschutz ist Aufgabe der ArbeitgeberInnen.
  5. Einbindung von Sicherheitsfachkräften: Wie leben wir in unserem Betrieb Mobilität? Wie können mobile Belastungen aufgrund von Zeitdruck reduziert werden?
  6. Mehr Muss-Bestimmungen statt Kann-Bestimmungen in Gesetzen und Kollektivverträgen und mehr Arbeitsinspektorate zur Kontrolle.
  7. Mittleres Management als Bündnispartner: Das mittlere Management erlebt Druck von „oben“ und „unten“ und kann somit zum Bündnispartner von BetriebsrätInnen und Gewerkschaften werden.