5.9.2017
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Plattform faircrowd.work

Kurzzeit-Jobs, die über so genannte Crowdwork-Plattformen im Internet digital vermittelt werden, sind auch in Österreich immer mehr verbreitet. Die Tätigkeiten reichen von einfach bis kompliziert, von Beschriftungen bis Übersetzungen und Softwarelösungen. Allerdings lässt sich meist nur schwer ermitteln, wie viel die unterschiedlichen Plattformen bezahlen und wie sie mit den Beschäftigten umgehen. In einer länderübergreifenden Kooperation haben AK, ÖGB, die deutsche Gewerkschaft IG Metall und die schwedische Gewerkschaft Unionen eine internationale Plattform aufgebaut, die zum Ziel hat, die Arbeitsbedingungen für Crowdworker zu verbessern. Zur Erstellung der Webseite wurden umfassende Informationen über Crowd-, App- und plattformbasierte Arbeit erstmals aus der Perspektive der Plattform-Beschäftigten und Gewerkschaften erhoben. So entstand die bislang größte Datensammlung zum Thema in Europa. Diese wurde zu einem „Rating“ einzelner Plattformen aus Sicht der Crowdworker verarbeitet – das Herzstück der Plattform. Außerdem bietet die Seite rechtliche Informationen und Anlaufstellen für Crowdworker. 

Warum es faircrowd.work gibt

Die Digitalisierung ermöglicht neue Arbeitsmodelle, die auch in Österreich mehr und mehr Verbreitung finden. Eine Online-Befragung zeigte im Vorjahr, dass in Österreich 18 Prozent der TeilnehmerInnen bereits mindestens einmal über Crowdwork-Plattformen wie Upwork, Clickwork oder MyHammer gearbeitet haben. 5 Prozent der Befragten gaben an, dass sie regelmäßig über solche Plattformen arbeiten.

Dass durch diese Plattformen neue Arbeits- und Einkommensmöglichkeiten entstehen, finden ÖGB und Arbeiterkammer (AK) positiv. Allerdings fehlen noch taugliche Rahmenbedingungen, die dazu beitragen, dass ArbeitnehmerInnen nicht Gefahr laufen, ausgebeutet zu werden. „Wir wollen Crowdwork nicht verhindern. Aber Technik darf nicht als Ausrede dazu herhalten, Standards zu senken und Arbeitsrecht zu umgehen“, betont AK Präsident Rudi Kaske. „Auch wer online arbeitet, hat ein Recht auf soziale Absicherung, auf faire Bezahlung und darauf, sich gewerkschaftlich zu organisieren.“

Da Crowdwork oft eine grenzüberschreitende Arbeit ist, haben sich Arbeiterkammer und ÖGB mit anderen Vertretungen von ArbeitnehmerInnen wie der deutschen IG Metall und der schwedischen Gewerkschaft Unionen zusammengeschlossen, um gemeinsam Crowdworker zu unterstützen, dass auch diese zu fairen Bedingungen arbeiten können. 

Pionierarbeit haben Arbeiterkammer und ÖGB noch in einem weiteren Feld geleistet. Gemeinsam mit Wissenschaftlern der Universität Wien wurden erstmals in Österreich mehrere Plattformunternehmen aus juristischer Perspektive beleuchtet und arbeitsrechtlich analysiert. „Wir leisten hier Grundlagenarbeit. Auf Basis dieser ersten Analysen können wir Menschen in solchen Arbeitsverhältnissen fundierter beraten. Und auf Basis der Befragungen von Crowdworkern wollen wir mehr Informationen generieren und gemeinsam politische Forderungen entwickeln“, so ÖGB-Erich Foglar.

Was die Plattform bietet

Licht ins Dunkle bringen 

Bisher ist wenig über Plattformen bekannt. Es gibt keine statistische Erfassung über Plattformunternehmen, die in Europa bzw. Österreich aktiv sind. Geschweige denn über die Arbeit, die dort geleistet wird, die Arbeitsbedingungen oder die Plattformworker selbst. Im Zuge eines internationalen Forschungsprojekts wurden zwölf große Plattformunternehmen untersucht, ihre Geschichte und Geschäftsmodelle analysiert und die dort tätigen Crowdworker befragt. Analysiert wurden so Bezahlung, Kommunikation, Aufgaben, Arbeitsprozess und Technik. Damit liegt die europaweit größte Datensammlung über Plattformunternehmen vor. Aus dieser wurde eine „Rating“ erstellt, das Menschen, die auf einer Plattform arbeiten, Orientierung bieten soll: Wie viel wird für einzelne Aufträge gezahlt? Wie verlässlich wird gezahlt? Was haben andere Crowdworker dort erlebt, was sind Probleme, was sind Vorteile? Für die Crowdworker selbst, aber auch für Wissenschaft und Politik soll so mehr Transparenz in einen bislang höchst undurchsichtigen Bereich gebracht werden.

Service für Crowdworker

Über faircrowd.work werden Informationen über rechtliche Fragen, die Crowdworker betreffen, bereitgestellt. Und zwar sowohl in deutscher als auch in englischer Sprache, jeweils mit länderspezifischen Schwerpunkten. Um eine klare Perspektive auf die rechtlichen Rahmenbedingungen rund um Plattformarbeit zu entwickeln –hier wird auch juristisches Neuland betreten – hat die AK gemeinsam mit Juristen der Universität Wien und dem ÖGB in den vergangenen Monaten das juristische Werk „Arbeit in der Gig Economy“ erarbeitet. Die Erkenntnisse werden in den nächsten Monaten in die Weiterentwicklung der Einschätzung spezifischer Fragestellung aus Sicht der Plattformworker einfließen.   

Eine Anlaufstelle wurde geschaffen

Kontakt

Wer als Crowd-, App- oder Plattform-Beschäftigte/r in Deutschland, Österreich oder Schweden unterwegs ist und Beratung und Unterstützung benötigt, findet Kontakte zu Gewerkschaften und Unterstützungsangebote. In allen drei Ländern sind Crowdworker künftig auch willkommen, Gewerkschaftsmitglieder zu werden. ÖGB/AK bieten Auskunft unter crowdwork@oegb.at. Das allgemeine Servicetelefon des ÖGB +43 1 53 444 39100 vermittelt den Kontakt zu ExpertInnen in ÖGB, AK und Gewerkschaften.

Infoquelle für ForscherInnen und EntscheidungsträgerInnen

Die gesammelten Daten stehen auch WissenschafterInnen, die zum Thema Crowdwork arbeiten zur Verfügung. Außerdem wird im Newsbereich über wichtige aktuelle Entwicklungen zum Thema Crowdwork berichtet.

Politische Vision

In der Frankfurter Erklärung, die ebenfalls auf der Homepage veröffentlich wurde, haben zahlreiche internationale Organisationen und ForscherInnen aus den USA und Europa ihre gemeinsame Perspektive für faire Plattformarbeit formuliert. Diese wollen wir mit Plattformworkern diskutieren und weiterentwickeln. 

Das zeigen die Bewertungen

So wie Online-Plattformen die Arbeit der Crowdworker „raten“, so gibt es nun erstmals auch eine Bewertung der Crowdwork-Plattformen nach verschiedenen Kriterien, die für die Beschäftigten relevant sind sowie zahlreiche Insider-Infos. Neben vielen weiteren Informationen zeigen die Bewertungen folgende Probleme, mit denen Crowdworker bei ihrer Arbeit zu kämpfen haben: 

Bezahlung

Um die Bezahlung auf den einzelnen Plattformen ist es nicht gut bestellt. Vielfach wird unter Mindestlöhnen gearbeitet. Die Stundenlöhne auf den untersuchten Plattformen liegen laut den Plattformworkern zwischen 0,50 Euro  und 26,32 Euro. Dazu muss gesagt werden: Es gibt eine große Bandbreite was die Bezahlung pro Aufgabe (Task) angeht. Das hängt mit der großen Diversität der Tätigkeiten zusammen. Wie zufrieden die Crowdworker mit ihrer Bezahlung sind, hängt auch davon ab, aus welchen Ländern sie kommen, und welches Lohnniveau es dort gibt, bzw. in welcher Branche sie arbeiten und auch davon, wie sehr sie auf die Plattformarbeit angewiesen sind.

Crowdworker berichten ... © ÖGB, AK

Nicht bezahlte Arbeiten

Viele Crowdworker geben an, dass sie schon einmal „umsonst“ gearbeitet haben. So sagen etwa 60 Prozent der Befragten von der Plattform AMT oder 41 Prozent der Befragten bei Clickworker, dass sie für eine von ihnen erledigte Arbeit schon einmal nicht bezahlt wurden. Allerdings geben die meisten an, das nicht öfter als ein- oder zweimal erlebt zu haben.

Die Gründe für Nichtzahlung liegt entweder bei technischen Fehlern der Plattform, bei Ablehnung der Arbeitsergebnisse durch die Requester (KundInnen) oder durch Fehler, die die Auftraggeber bei Self-Service Plattformen beim Einstellen von Aufträgen verursacht haben. So berichten Crowdworker:

Crowdworker berichten ... © ÖGB, AK

Unbegründete Ablehnung von Arbeitsergebnissen

Bei den meisten Plattformen kann der Kunde die Arbeitsergebnisse und damit die Zahlung ohne Begründung ablehnen. Besonders unangenehm ist es für die Crowdworker, wenn dann kein Feature für die Anfechtung vorgesehen ist, bzw. es keinen transparenten und klaren Weg zur Anfechtung oder Beschwerde über so einen Vorgang und auch kein entsprechendes Lösungsverfahren gibt.

Kommunikation

Oft wissen die Befragten nicht, wie sie mit den Plattformbetreibern kommunizieren können. So haben etwa weniger als ein Viertel der Befragten bei der Plattform AMT bereits mit Plattform-Betreibern kommuniziert. Bei anderen Plattformen läuft das besser: Bei Clickworker z.B. ist die Kommunikation mit der Plattform gut bewertet. Die Kommunikation mit einzelnen Auftraggebern dagegen ist nur schwer möglich: rund 70 Prozent gaben an, dass sie nicht wussten, wie sie sich direkt mit KundInnen in Verbindung setzen können oder dass dies nicht möglich sei. Das bringt Schwierigkeiten, wenn Einzelheiten zur Aufgabe geklärt werden müssen, und es macht einen Beziehungsaufbau zu KundInnen defacto unmöglich. 

Einseitige AGBs

Bei allen untersuchten Plattformen behalten sich die Betreiber vor, die AGBs einseitig jederzeit zu ändern. 

Qualifizierungen

Bei einigen Plattformen werden bestimmte, oft besser bezahlte Aufgaben erst dann für die Crowdworker freigeschalten, wenn diese bestimmte „Tests“ absolvieren oder sich durch gute Kundenbewertungen dafür „qualifizieren“. Schafft man solche Tests nicht, gibt es bei einigen Plattformen kein Recht darauf, sie zu wiederholen. Crowdworker beschreiben solche Situationen wie folgt: „Ich habe eine Bewertung von weniger als 100 Prozent bekommen, weil sich bei der Erledigung einer Qualifizierungsaufgabe aufgrund von Browser-Problemen Fehler eingeschlichen haben. Aber ich durfte die Prüfung nicht nochmal ablegen, so sind die Regeln, obwohl die Fehler auf ein technisches Problem zurückgingen.“

Ein Umfeld, das nicht darauf ausgerichtet ist, die Beschäftigten dabei zu unterstützen, sich selbst weiterzuentwickeln und ihre Erfahrungen und Fertigkeiten zum Einsatz zu bringen, wird ebenfalls als Nachteil beschrieben: 

Crowdworker berichtet ... © ÖGB, AK

Mangel an Aufträgen

Als eine der negativsten Seiten wird von den Crowdworkern die zeitweise sehr schlechte Auftragslage erlebt, wenn die Suche nach Aufträgen lange Zeit in Anspruch nimmt. Diese Beobachtungen machen die zu anderen Zeiten als positiv erlebte Flexibilität dann zunichte. Im Gegensatz zu der oft gepriesene Freiheit entsteht so eine Situation, bei der die Worker das lange und unbezahlte Ausharren vor dem Computer auf der Suche nach Arbeit, als frustrierenden Kontrollverlust beschreiben. Plattform-Worker berichten:

Crowdworker berichten ... © ÖGB, AK

Was mögen die Crowdworker an ihrer Plattform

Vor allem die Flexibilität scheinen Crowdworker an ihrer Arbeit zu schätzen, wenn sie durch andere Lebensumstände (fehlende Kinderbetreuung, Pflegetätigkeiten) an regelmäßiger Arbeit gehindert werden. 

Crowdworker berichtet ... © ÖGB, AK

Außerdem werden als positiv beschrieben: Die „Vielfalt der Aufgaben“ bzw. wenn die Aufgaben als „interessant“ erlebt werden, Möglichkeit „sich produktiv zu fühlen“ und die Möglichkeit, global arbeiten zu können: „Weil es einfach ist, mit Kunden aus aller Welt zu arbeiten, und weil die Bezahlung besser ist als in meinem Land“. Und zuletzt schlicht der Zugang zu Arbeit: „Die Website bietet mir Zugang zu einer Unzahl von Kunden und Projekten, zu denen ich keinen Zugang hätte, wenn ich offline arbeiten würde.“   

Forderungen

Rechtliche Klarheit: Für AK und ÖGB ist es wichtig, dass die Plattformen den Crowdworkern Klarheit über ihren vertragsrechtlichen Status geben. Es ist die Verantwortung der Plattformbetreiber, Verträge, die in Einklang mit dem nationalen Recht stehen, anzubieten und die Crowdworker ausreichend zu informieren. Praktiken wie etwa, dass schon vor dem Einstieg in die Plattform die „Allgemeine Geschäftsbedingungen“ (AGB) akzeptiert werden müssen, reichen dafür jedenfalls nicht aus. Zudem muss begonnen werden, Maßnahmen zu entwickeln, die sicherstellen, dass die Arbeit, die über Plattformen verrichtet wird, nicht unter kollektiven oder nationalen Mindestlöhnen liegt.  

Mehr Information und Transparenz: Die öffentliche Hand und Statistikinstitutionen verfügen meist nur über sehr limitierte Daten über Plattformen, hier müssen mehr Informationen über die Vorgänge auf Plattformen öffentlich gemacht werden. Es braucht eine statistische Erfassung von Plattformunternehmen, die Arbeit in Österreich anbieten. Mehr Transparenz brauchen Crowdworker auch, was AuftraggeberInnen betrifft. Oft ist für sie etwa nicht ersichtlich, welche AuftraggeberInnen hinter einzelnen Tasks stecken. Das erschwert die Kommunikation, die Rechtsdurchsetzung und faire Verhandlungen. 

Rechtsdurchsetzung: Es müssen Maßnahmen entwickelt werden, die sicherstellen, dass Plattformworker ihre Rechte durchsetzen können und die die Umgehung von Arbeitsrecht verhindern.  

Arbeitsbedingungen verbessern: Darüber hinaus können viele Verbesserungen geschaffen werden, wie beispielsweise die Übertragbarkeit und Akkumulierung von Bewertungen, ordentliches Konfliktmanagement durch die Plattformbetreiber, die Widerholbarkeit von Test, etc. Voraussetzungen dafür sind einerseits die Gesprächsbereitschaft der Plattformbetreiber, andererseits die Möglichkeit von Plattformworker, sich zu organisieren und entsprechende Vereinbarungen zu schließen.  

Konfliktlösungsmechanismen: Plattformbetreiber müssen Mechanismen einführen, die faire und gleichberechtigte Lösungen von Konflikten zwischen der Plattform, den Crowdworkern und den AuftraggeberInnen ermöglichen. So können etwa AuftraggeberInnen in vielen Plattformen die Crowdworker bewerten, was erhebliche Auswirkung auf weitere Arbeitsaufträge hat, ohne dass die Betroffenen eine Möglichkeit haben, sich gegen unfaire Ratings wehren zu können. 

Europäischer Rechtsrahmen: Zwar sind nationale Regelungen sinnvoll, umfassende Verbesserungen bedürfen allerdings eines europäischen Rechtsrahmens. „Es wäre begrüßenswert, wenn sich die österreichische Bundesregierung des Themas annähme und das Jahr der EU-Präsidentschaft 2018 als Anlass nimmt, eine europäische Richtlinie für Crowdworker auf den Weg zu bringen“, sind sich ÖGB und Arbeiterkammer einig.

Crowdwork: Digitale Akkordarbeit

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