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Crowdwork: Digitale Akkordarbeit

„Crowdwork“ ist ein neues Phänomen der digitalen Arbeitswelt. Doch was ist damit genau gemeint? Und was bedeutet die neue Form der Arbeit für die Rechte und Entlohnung der „Crowd“?

Noch mehr Infos
  • Studie: Wie groß ist Österreichs Crowdworkszene? Wer arbeitet als KlickarbeiterIn - und wie viel verdient man damit? Die Ergebnisse einer ersten großen Studie zu Crowdwork in Österreich finden Sie hier.
  • dialog.arbeit.digital: Wie geht es Crowdworkern in Österreich? Wie kann man ihre Situation verbessern? Betroffene, ForscherInnen und GewerkschafterInnen haben diese Frage auf unserer Veranstaltung diskutiert. Hier geht es zu allen Materialien und einem Videomitschnitt.

Was ist Crowdwork?

Das Prinzip Crowdwork ist einfach:

  • Ein Unternehmen schreibt Arbeit über Internetplattformen an eine große, anonyme Masse an Menschen aus. Große Arbeitsmengen werden dabei meist in viele sehr kleine Einzelaufgaben zerlegt.
  • Die CrowdworkerInnen übernehmen diese Aufträge und erledigen die Arbeit online und von zuhause aus.
  • Die Entlohnung für erledigte Arbeitsaufträge kommt von der Plattform. Das heißt: Mit dem eigentlichen Auftraggeber kommt eine ArbeiterIn dabei nie direkt in Kontakt.
Was ist Crowdwork? © Hannah Krumschnabel, AK Wien
BEISPIEL

Ein Modeschmuck-Hersteller möchte, dass seine Produktbilder auf Google besser gefunden werden und will die Fotos deshalb mit Schlagworten versehen. Er gibt den Auftrag an eine Crowdworking-Plattform weiter. Diese zerlegt den Auftrag in viele kleine Aufgaben (Microtasks) und schreibt für jedes Bild auf der Internetplattform einen eigenen Arbeitsauftrag aus. CrowdworkerInnen beschlagworten also einzelne Bilder vor ihrem Computer und werden pro Bild mit jeweils ein paar Cent von der Plattform bezahlt – egal, wie lange sie für die Arbeit brauchen.

Die größte und berühmteste Crowdworking-Plattform ist Amazon Mechanical Turk, doch auch viele andere Anbieter sind in Österreich bereits etabliert: Clickworker, Crowdguru, Streetspotter, 12designer, Testbirds, Jovoto, upwork u.a.

Weltweit arbeiten bereits hunderttausende Menschen als CrowdworkerInnen. Crowdwork-Anwendungen kommen mittlerweile in fast allen Branchen und auch für komplexere Tätigkeiten vor – für Übersetzungen genauso wie für technische Entwicklungsarbeit.

Die grundlegenden Rechte der Menschen, die dort Arbeit erledigen, bleiben dabei oft auf der Strecke.

Wie bekommen Crowdworker Aufträge?

So funktioniert Crowdwork im Wettbewerbsverfahren © Studioback.at, Redaktion: Ute Bösinger

Variante 1: Crowdwork-Wettbewerb

Bei dieser Variante werden Arbeitsaufträge als Wettbewerbe ausgeschrieben, an denen sich alle beteiligen können. Bezahlt wird dann aber nur, wer am besten oder schnellsten liefert.

Zum Beispiel:
Ein Unternehmen braucht ein neues Logo. Statt einen einzigen Grafiker zu beauftragen, entscheidet sich die Firma für einen Crowdworking-Wettbewerb, denn so erhält sie eine riesige Menge an Entwürfen zur Auswahl.
Auf einer Internet-Plattform schreibt sie den Auftrag aus. CrowdworkerInnen arbeiten nach ihren Vorgaben drauf los und liefern ihre fertigen Layout-Vorschläge online ab. Aber: Nur, wer am Ende vom Auftraggeber den Zuschlag bekommt, wird für die geleistete Arbeit bezahlt.
Das Unternehmen spart sich so Entwicklungskosten – die kreative Arbeit der dutzenden anderen GrafikerInnen bleibt unbezahlt.



Variante 2: Crowdworker werden für Aufträge freigeschalten

Bei dieser Variante müssen sich CrowdworkerInnen über ihre bisherigen Leistungen bzw. durch Bewertungen früherer Kunden für neue Arbeitsaufträge qualifizieren.

BEISPIEL

Die Programmiererin Sabine P. hat schon häufig über eine Crowdworking-Plattform kleinere Programmierarbeiten erledigt. Dadurch hat sie bewiesen, dass sie qualifiziert ist und professionell arbeitet. Alle bisherigen KundInnen waren zufrieden mit ihr. So wird sie auf der Plattform für immer mehr und immer anspruchsvollere Aufträge freigeschalten. Wenn Sabine eine dieser Aufgaben übernimmt, liefert sie den fertigen Programmteil online ab und wird dafür bezahlt.

Was bedeutet das für Crowdworker?

Aus den USA gibt es schon erste Studien, die Crowdwork und ihre Auswirkungen auf die ArbeiterInnen untersuchen. Diese kommen zum Ergebnis, dass sich besonders problematische Formen etablieren und sprechen vom „am wenigsten regulierten Arbeitsmarkt aller Zeiten“. Man spricht deshalb bei Crowdwork auch von „digitaler Akkordarbeit“.

Crowdwork: Digitale Akkordarbeit? © Hannah Krumschnabel, AK Wien

Bezahlung

Die Entlohnung der CrowdworkerInnen ist sehr unterschiedlich. Oft ist der Preis pro erledigter Aufgabe unverhältnismäßig niedrig. Auch über unverlässliche Bezahlung wird oft geklagt. Und: CrowdworkerInnen kritisieren, dass sie viel Zeit brauchen, um auf den Plattformen neue Aufträge zu finden. Das heißt um bezahlt arbeiten zu können, müssen sie oft längere Zeit unbezahlt nach neuen Aufträgen auf der Plattform suchen.

BEISPIEL

Amazon Mechanical Turk zahlt zwar einen fixen Preis pro erledigter Aufgabe. Errechnet man aber aus diesen Honoraren einen durchschnittlichen Stundenlohn, so liegt der bei gerade einmal 1,25 Euro.

Unklar ist am "Arbeitsmarktplatz Internet" auch, ob und wenn ja, von wem, wo, und auf welcher Bemessungsgrundlage im Sozialversicherungssystem Ansprüche erworben werden. 

Entgrenzung der Arbeitszeit

Durch die unregulierte Arbeit von zuhause aus können auch die Arbeitszeiten aus dem Ruder laufen: Nacht-, Wochenend- und Feiertagsarbeit ohne Zuschläge werden damit genauso zur Norm wie extrem lange Arbeitstage.

Macht des Auftraggebers und der Internetplattform

Die CrowdworkerInnen wissen oft nicht einmal, für wen sie arbeiten: Die Auftraggeber bleiben anonym. Dadurch besteht ein riesiges Machtungleichgewicht zwischen Auftraggeber und Plattform auf der einen Seite, und dem Arbeiter oder der Arbeiterin auf der anderen Seite. Die rechtlichen Verhältnisse zwischen den drei Parteien sind ungeklärt.

Druck auf die ArbeiterInnen

Der psychische und materielle Druck auf CrowdworkerInnen ist groß. Ihre Arbeitsergebnisse werden ständig in Ratings bewertet. Durch den Wettbewerb untereinander steigt damit auch die Konkurrenz um Aufträge und Lohn. Weil sich die ArbeiterInnen untereinander nicht kontaktieren können, geschweige denn kennen, können sie sich außerdem schwer organisieren.

Intransparenz

Manchmal erfahren CrowdworkerInnen nicht, warum eine Arbeit angenommen wird oder nicht. Die Kriterien, die darüber entscheiden, sind nur den Plattformen bzw. Auftraggebern bekannt.

Recht auf faire Bezahlung

Crowdworker werden oft unter dem jeweiligen Mindestlohn bezahlt. Die Festlegung von Mindestlöhnen ist in diesem Bereich mit etlichen Schwierigkeiten verbunden: Zum Beispiel, weil oft jede einzelne Erledigung von Mikroaufgaben bezahlt wird. Nichtsdestotrotz muss begonnen werden, Maßnahmen zu entwickeln, die sicherstellen, dass die Arbeit, die über Plattformen verrichtet wird, nicht unter kollektiven oder nationalen Mindestlöhnen liegt. 

Recht auf Organisation

Derzeit verbieten die Allgemeinen Geschäftsbedingungen mancher Plattformen, sich mit anderen CrowdworkerInnen der Plattform zu vernetzen. Doch CrowdworkerInnen müssen das Recht haben, sich gewerkschaftlich zu organisieren.

Recht auf mehr Transparenz

  •  Für CrowdworkerInnen: Oft ist für sie nicht ersichtlich, welche AuftraggeberInnen hinter einzelnen Tasks stecken. Das erschwert die Kommunikation, die Rechtsdurchsetzung und faire Verhandlungen.
  • Für die Öffentlichkeit: Die öffentliche Hand und Statistikinstitutionen verfügen meist nur über sehr limitierte Daten über Plattformen, hier müssen mehr Informationen über die Vorgänge auf Plattformen öffentlich gemacht werden.  

Faire Mechanismen zur Konfliktlösung

AuftraggeberInnen können auf vielen Plattformen die Crowdworker bewerten, was erhebliche Auswirkung auf weitere Arbeitsaufträge hat. Die Betroffenen wiederum haben keine Möglichkeit, sich gegen unfaire Ratings zu wehren.
Das muss sich ändern: PlattformbetreiberInnen müssen Mechanismen entwickeln, die faire und gleichberechtigte Lösungen von Konflikten zwischen der Plattform, den Crowdworkern und den AuftraggeberInnen ermöglichen. 

Ein europäischer Rechtsrahmen

Zwar sind nationale Regelungen sinnvoll, umfassende Verbesserungen bedürfen allerdings eines europäischen Rechtsrahmens. Die AK fordert die Bundesregierung auf, sich des Themas anzunehmen: Das Jahr der österreichischen EU-Präsidentschaft 2018 wäre ein guter Anlass, eine europäische Richtlinie für Crowdworker auf den Weg zu bringen.

Was Sie als CrowdworkerIn tun können

Crowdworker organisieren sich

Wie Crowdworker neue Ansätze verwenden, um sich für ihre Rechte einzusetzen.

Bewertungen für Auftraggeber

Was ihr könnt, können wir schon lange… Die IG Metall hat mit "Fair Crowdwork" eine Homepage für CrowdworkerInnen ins Leben gerufen, auf der sie ihre Auftraggeber nach deren Fairness bewerten können.

Link-Tipps zum Weiterlesen

BLOG ARBEIT & WIRTSCHAFT

Aktuelle Kommentare und ausführliche Analysen zu Fragen des digitalen Wandels in der Arbeitswelt finden Sie im gemeinsamen A&W-Blog von AK und ÖGB.

Interessante Medienberichte

Interview

Buchtipp

Ein Buch, das das neue Phänomen sehr gut erklärt und Einblicke in Arbeitswelt der Zukunft liefert: Christiane Benners „Crowdwork - zurück in die Zukunft?“


Crowdwork in Österreich

Die erste Studie über die österreichische Crowdworkszene: Wie verbreitet ist Crowdwork in Österreich? Wer sind die „digitalen TagelöhnerInnen“?

Die Macht der Daten

Die Sammlung und Analyse von Daten sind ein sehr gewinnbringendes Geschäftsmodell geworden. Welche Chancen haben NutzerInnen gegen Big Data?

dialog.arbeit.digital: Österreichs Crowdworkszene

Veranstaltungsrückblick: Wie geht es Menschen, die über Onlineplattformen arbeiten? Hier geht es zum Video sowie zu allen Infos und Unterlagen!

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