Bildungsungleichheit: Österreich verschleudert Talente

„Wir wollen, dass Familien und Schulen unterstützt werden, damit mehr Kinder Zugang zu höherer Bildung bekommen“, sagt Gabriele Schmid, Leiterin der AK Wien Abteilung Bildungspolitik. Sofortmaßnahmen wie Leseförderung und beste Qualität beim Ausbau der Ganztagsbetreuung sind dabei für die Arbeiterkammer aktuell die wichtigsten Schritte in der Bildungsreform.

Denn selbst die Mehrheit der niedrig qualifizierten Eltern will mindestens die Matura für ihre Kinder. Aber der ungleiche Zugang zu Bildung in Österreich benachteiligt Kinder von WenigverdienerInnen und damit vor allem Kinder von Zugewanderten, zeigt eine aktuelle Studie für die Arbeiterkammer.

Der ungleiche Zugang zu Bildung bremst auch Beschäftigung und Wachstum:
  • Egal, ob die Eltern unserer Schulkinder in Österreich, im früheren Jugoslawien oder in der Türkei geboren sind: Je niedriger das Familieneinkommen und der Bildungsgrad ihrer Eltern sind, desto seltener kommen sie nach der Volksschule ins Gymnasium.
  • Insgesamt will mehr als die Hälfte selbst der niedrig qualifizierten Eltern, dass ihre Kinder mindestens Matura machen. Kommen die Eltern aus dem früheren Jugoslawien oder der Türkei, ist dieser Wunsch besonders stark.
  • Dass in Österreich weniger junge Leute weiterführende Abschlüsse machen als anderswo, bremst Wachstum und Beschäftigung im Vergleich mit jenen Ländern, in denen die Bildungsbeteiligung höher ist. Die Arbeitnehmerinnen und Arbeitnehmer machen sich Sorgen um die Bildungschancen ihrer Kinder. Wir wollen, dass alle unabhängig von ihrer Herkunft gleich gut gefördert werden. Dafür fordert die AK:
  • ein flächendeckendes Sofortprogramm insbesondere zur Leseförderung in Volksschule, Hauptschule, Lehrausbildung;
  • Unterstützung Jugendlicher beim Übergang zu weiterführender Bildung und Ausbildung – insbesondere auch mehr Bildungsinfo in der Schule;
  • Sicherstellung bester Qualität beim Ausbau der Ganztagsbertreuung.

Soziale Hürden auf dem Weg zur Matura

Zu wenige junge Menschen können in Österreich eine weiterführende Ausbildung abschließen – und der Anstieg des Anteils der StudienanfängerInnen bleibt hinter den anderen entwickelten Industriestaaten zurück. Das zeigte unlängst wieder der OECD-Bildungsvergleich „Education at a Glance“ am 13. September 2011. Der Hintergrund dafür ist bekannt: Wir verlieren viel zu viele Talente auf dem Weg zur Matura – egal, ob es die Jugendlichen über eine weiterführende Schule oder über die Lehre mit Matura schaffen wollen.

Weniger bekannt ist: Manche kommen trotz bester Leistung nach der Volksschule nicht ins Gymnasium. Neun von zehn HauptschülerInnen in der ersten Leistungsgruppe erbringen mindestens gleich gute Leistungen wie GymnasiastInnen, ebenso die Hälfte der HauptschülerInnen in der zweiten Leistungsgruppe und immerhin noch ein Viertel in der dritten Leistungsgruppe. Das zeigte bereits 2008 eine Detailanalyse des internationelen PISA-Schulvergleichs.

Dass Kinder trotz Berechtigung nicht ins Gymnasium gehen können, ist eine Verschleuderung von Talenten. Ungerecht ist vor allem, dass die Chance auf weiterführende Bildung umso schlechter ist, je weniger die Eltern verdienen.

Entscheidung nach Brieftasche – Nationalität egal

Die grundlegende Entscheidung für den weiteren Bildungsweg unserer Kinder in Österreich fällt in der vierten Klasse Volksschule. Dabei wiegt die Brieftasche der Eltern schwerer als die Leistungen der Kinder und die Wünsche der Familien – und zwar unabhängig davon, ob die Eltern in Österreich geboren sind oder im früheren Jugoslawien oder in der Türkei. Das zeigt jetzt die Spezialauswertung einer AK-Studie über Bildungswegentscheidungen aus dem Blickwinkel Zuwanderung.

Mit wenig Einkommen in Hauptschule, Fachschule oder Lehre

Je weniger Eltern verdienen, desto eher kommen ihre Kinder in die Hauptschule und danach in eine Handels- oder Fachschule oder in eine Lehre. Der Anteil der Kinder von Wenigverdiener-Innen in der vierten Klasse Gymnasium beträgt 13 Prozent, in der vierten Klasse Hauptschule aber 34 Prozent – nach 25 Prozent in der vierten Klasse Volksschule. Und nach der Mittelstufe machen verhältnismäßig viele Kinder von WenigverdienerInnen Ausbildungen ohne Matura.

Bildungswege nach Familieneinkommen

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Wenig Einkommen und geringer Bildungsgrad treffen in Österreich in vielen, wenn auch nicht in allen Fällen auf Eltern mit Zuwanderungshintergrund zu: In fast drei Vierteln der befragten Familien mit weniger als netto 1.500 Euro Haushaltseinkommen im Monat sind Mutter und Vater im früheren Jugoslawien oder in der Türkei geboren. Damit erklärt sich hauptsächlich, warum Kinder aus Familien mit Zuwanderungshintergrund häufiger auf Bildungswegen ohne Abschluss mit Matura sind.

Bildungswege nach Geburtsland der Eltern

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Eltern wollen beste Bildung für ihre Kinder

An den Eltern liegt es nicht, dass die Bildungsentscheidungen von der sozialen und der nationalen Herkunft abhängen. Heute sind beste Bildung und Ausbildung das Wichtigste, das sich Arbeitnehmerinnen und Arbeitnehmer für ihre Kinder wünschen. Auch das wird durch die AK Studie untermauert.

Welchen Bildungsabschluss Eltern für ihre Kinder wünschen

Mutter/Vater nach eigenem höchstem Abschluss; alle Befragten in Prozent

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(Quelle: öibf-Studie „Bildungswegentscheidungen in Österreich“)

Noch stärker ist der Wunsch nach besten Bildungsabschlüssen für die Kinder bei Eltern ausgeprägt, die im früheren Jugoslawien oder in der Türkei geboren sind.

Gewünschte Bildungsabschlüsse – Herkunft früheres Jugoslawien

Mutter/Vater nach eigenem höchsten Abschluss; in Prozent

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Gewünschte Bildungsabschlüsse – Herkunft Türkei

Mutter/Vater nach eigenem höchsten Abschluss; in Prozent

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Anmerkung: Angaben türkischer Eltern mit Matura, Uni- oder Fachhochschulabschluss auf Grund zu geringer Fallzahlen nicht auswertbar

„Die Bildungswirklichkeit in Österreich ist leider weit entfernt ist von den Wünschen der Familien“, kommentiert Schmid das Umfrageergebnis. Bemerkenswert ist überdies: Eltern mit Geburtsland Jugoslawien oder Türkei interessieren sich seltener für eine Lehre für ihre Kinder als die befragten Eltern insgesamt – und sie bemühen sich in einem höheren Ausmaß als Eltern mit Geburtsland Österreich, ihre Kinder über Aufnahmeprüfungen ins Gymnasium zu bringen.

Insgesamt zeigt sich, dass es vorrangig die Mütter sind, die sich mit dem Thema Schule beschäftigen. Sie reden oft über die Schule, gehen oft zu Sprechtagen, lernen oft mit den Kindern und halten gute Noten durchwegs für wichtig. Dieses Ergebnis der Studie ist unabhängig von der sozialen und nationalen Herkunft.

Ungleicher Bildungszugang bremst das Wachstum

Eine zeitgemäße Schule orientiert sich an den Bedürfnissen der Kinder, vor allem an der Entwicklung und Förderung von Talenten und Begabungen – und nicht hauptsächlich an den Möglichkeiten der Eltern, ihr Kind zu unterstützen. Insgesamt müsse es in der Schule mehr individuelle Förderung geben. Schließlich gibt es auch einen eindeutigen Zusammenhang zwischen der Bildung der Menschen und dem Ausmaß des Wohlstands in einem Land.

„Bildung bringt mehr Wohlstand“, zitiert Schmid den Bevölkerungswissenschafter Wolfgang Lutz vom Wittgenstein-Zentrum für Demographie und globales Humankapital. Lutz hat das am Beispiel des „asiatischen Tigers“ Südkorea nachgewiesen.

Schmid ergänzt Lutz‘ Argumentation mit dem Beispiel des PISA-Testsiegers Finnland. Finnland hat sein Schulsystem Anfang der siebziger Jahre auf eine ganztägige gemeinsam Schule ohne Sitzenbleiben, aber mit individueller Förderung umgestellt.

Unter anderem das war ein wesentlicher Faktor, als Finnland in den neunziger Jahren den Zusammenbruch seines bisherigen Haupt-Exportmarkts Sowjetunion rasch wegstecken musste. Die Stichworte lauten Handy-Technologie oder Weltmarktführer in der (heutzutage hochtechnologischen) Papierproduktion. In einer aktuellen Studie der Bildungsökonomen Eric Hanusheck und Ludger Wöss-mann heißt es: „Wenn es alle OECD-Länder schaffen würden, innerhalb von 20 Jahren das Testniveau des PISA-Musterlandes Finnland zu erreichen, wäre bis zum Jahr 2090 Wohlfahrtsgewinne von rund 275 Billionen US-Dollar möglich.“

Insbesondere die skandinavischen Erfahrungen zeigen, dass wohl verteilte Bildunschancen zentrales Element des Wohlfahrtsstaats sind, damit steuern sie besser durch Krisenzeiten. Siehe Finnland, aber auch Schweden.

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