Umfrage: Junge wollen Fairness und Chancen
-
|
Mehr
Noch immer weniger betriebliche Lehrplätze für AnfängerInnen als vor der Wirtchaftskrise – und dann noch verbotene Überstunden, Beleidigungen, mangelhafte Ausbildung: „Zu vielen jungen Leuten fährt der Ernst der Wirtschaftswelt gleich nach der Schule eiskalt ins Gesicht“, fasst AK Präsident Herbert Tumpel die Ergebnisse einer AK-Umfrage unter 750 Wiener Lehrlingen zusammen, die eine Lehrstelle im Betrieb haben.
Die Arbeiterkammer will die gesetzliche Einführung eines Qualitätsmanagements für die Berufsausbildung, die Zertifizierung von Lehrbetrieben auf Grund von Qualitätsnormen und regelmäßige Kontrollen, ob die Normen eingehalten werden. So lange das nicht geschieht, kann ich die Klagen der Unternehmen über Fachkräftemangel auf Grund angeblich ungeeigneter Lehrstellensuchender nicht ernst nehmen.
Umfrage
Die Umfrage zeigt jedenfalls, dass Lehrlinge zu oft zur Schnecke gemacht werden.
- Arbeitsrecht: Zwei von fünf befragten Wiener Lehrlingen (37 Prozent) klagen über häufige Überstunden, die für Jugendliche unter 18 Jahren verboten sind. Ein Viertel der Befragten (24 Prozent) bekommt zu spüren, dass Krankenstände von Lehrlingen nicht erwünscht seien.
- Ausbildungsqualität, menschlicher Umgang: Mehr als ein Drittel der Befragten (34 Prozent) sagt, sie würden den/die AusbildnerIn nur selten sehen. Zwei von fünf (42 Prozent) klagen, sie würden oft vor anderen kritisiert. Wiederum mehr als ein Drittel (35 Prozent) erlebt oft Kritik unter der Gürtellinie.
- Die Konsequenz: Mehr als ein Viertel der Befragten (27 Prozent) will sich nach dem Abschluss in anderen Berufsfeldern umschauen.
Programm
Im Interesse der Jugendlichen und in letzter Konsequenz auch der Wirtschaft hat die AK ein Programm für Ausbildungsqualität:
- Gesetzliche Einführung eines Qualitätsmanagements für die Ausbildung.
- Zertifizierung von Lehrbetrieben auf Grund von Qualitätsnormen – und regelmäßige Kontrollen, ob die Normen eingehalten werden.
- Mehr Aus- und Weiterbildung für AusbildnerInnen.
3 Fälle aus der AK-Beratung
In der Arbeitsrechtsberatung der Arbeiterkammer gehört es zum Tagesgeschäft: Lehrlinge kommen, weil sie sich vom Chef ungerecht behandelt fühlen, zeigen die Abrechnungen über ausbezahlte Lehrlingsentschädigungen, oder sie klagen über unbezahlte Überstunden. Drei von den AK BeraterInnen erfolgreich gelöste Fälle zeigen die Bandbreite der Ungerechtigkeit gegenüber Lehrlingen.
1. Eddy, einfach hinausgeschmissen: Eddy (Name geändert, Anm) fand eine Kfz-Techniker-Lehrstelle in einer kleinen Autowerkstatt. Etwas mehr als ein Jahr lang ging es irgendwie. Dann musste er an einer Karosserie schweißen, der Meister schaute ihm zu. Auf einmal kam der Chef aus seinem Büro und herrschte ihn, wie Eddy sagt, an: „Du verbraucht zu viel Gas.“ Eddy bat den Chef, ihm zu zeigen, wie er richtig schweißen soll. Die Antwort: „Pack deine Sachen und geh.“
2. Jasmin, falsch eingestuft: Auf den ersten Anhieb fand Jasmin keine Lehrstelle in einer Firma. Sie absolvierte deshalb ihr erstes Lehrjahr als Einzelhandelskauffrau in der öffentlich finanzierten überbetrieblichen Lehrausbildung. Nach einem Jahr konnte sie als Lehrling in der Filiale einer großen Möbelkette einsteigen. Aber obwohl sie bereits im zweiten Lehrjahr war, wurde ihr nur die Lehrlingsentschädigung für das erste Lehrjahr bezahlt. Mit ihrer Forderung nach korrekter Bezahlung kam sie nicht durch. Jasmin ging weg von der Firma, musste wegen der Gehaltsschulden „berechtigt vorzeitig austreten“, wie es juristisch korrekt heißt.
3. Natascha, für Überstunden nicht bezahlt: Natascha (Name geändert, Anm) ist mittlerweile ausgelernte Friseurin. Trotz verbotener Überstunden und Beschimpfungen hatte sie die Nerven, bis zur Lehrabschlussprüfung durchzuhalten. Aber sie schrieb alles auf, was ihr unfair vorkam. Ein Auszug: „Überstunden (minderjährig), Beschimpfungen, auch vor Kunden …, Gegenstände werden nachgeworfen zb. Handtücher, Klipse, Feiertagsarbeiten ohne Zustimmung der Arbeiter …“
Natascha ging mit ihren Aufzeichnungen zur AK – und bekam nach Intervention ihres Beraters 500 Euro für Überstunden nachbezahlt. Ebenso konnten die AK BeraterInnen Eddy und Jasmin helfen. Sie haben für sie die Nachzahlung von Lehrlingsentschädigung und Schadenersatz durchgesetzt. Wobei die BeraterInnen empfehlen, innerhalb von drei Monaten zu ihnen zu kommen, wenn der Chef Geld schuldig bleibt. Je nach Branche könnten sonst Ansprüche bereits verfallen sein.
Nur Einzelfälle? Leider nein!
Sind alle Lehrbetriebe so unfair zu den Jugendlichen, wie die Fälle der Arbeiterkammer vermuten lassen? Nicht alle, aber ganz schön viele, ergibt die Umfrage der Arbeiterkammer unter 750 Wiener Lehrlingen (Titel: „Wie geht es dir im Job?“). Die anonymen Antworten stellen nicht wenigen Lehrbetrieben ein schlechtes Zeugnis aus – an erster Stelle der Kritik der Jugendlichen steht sogar die Klage über wenig respektvollen Umgang der Vorgesetzten und AusbildnerInnen mit ihnen:
in %; Mehrfachnennungen möglich; Quelle: AK Umfrage „Wie geht es dir im Job?“
Kein Wunder, dass schließlich nicht einmal die Hälfte der Befragten (genau 45 Prozent) sagt: „Ich will im erlernten Beruf weiterarbeiten.“ Umgekehrt sagt ein Viertel der Jugendlichen (24 Prozent), dass es nach Abschluss der Lehre in einem anderen Berufsfeld arbeiten will. Knapp ein Drittel (31 Prozent) hatte sich zum Zeitpunkt der Umfrage noch nicht entschieden. Auffallend ist umgekehrt, dass Jugendliche, die sich fair behandelt und gut ausgebildet fühlen, viel häufiger im Berufsfeld bleiben wollen.
„Eigentlich schaden sich Unternehmen selbst, wenn sie unfair mit Jugendlichen umgehen“, kommentiert AK Präsident Herbert Tumpel die Konsequenz schlechter Behandlung der Lehrlinge durch die Firmen. In Misskredit geraten dadurch auch Lehrbetriebe, die ihre Lehrlinge gut und mit Respekt ausbilden. Freilich nahmen gerade diese Betriebe zuletzt zu wenige Lehrlinge auf. „Das ist Teil des Problems: Je weniger gute Lehrstellen es gibt, desto massiver leidet das Image der Lehre durch Unternehmen, die schlecht ausbilden.“
Die Jungen sind Opfer der Wirtschaftskrise
Wer aktuell über unfaire Behandlung im Betrieb klagt, hat seine/ihre Lehrstelle frühestens während der Wirtschaftskrise 2008/09 gefunden. In dieser Zeit gab es eine starke Veränderung in der Struktur der Lehrbetriebe:
- In der Industrie, wo bekannt gut ausgebildet wird, sank die Zahl der Lehrverträge im ersten Lehrjahr von September 2008 bis September 2009 von 4.906 auf 3.707 – ein Minus von fast 25 Prozent in nur einem Jahr. Seither stieg die Zahl der Lehranfänger in der Industrie wieder auf zuletzt 4.550 – was aber im Vergleich zu 2008 immer noch ein Minus von etwas mehr als sieben Prozent bedeutet.
- Im Gewerbe sank die Zahl der Lehrverträge im ersten Lehrjahr bis ins Jahr 2010 – um sieben Prozent von 17.840 im September 2008 auf 16.597 im September 2010. Inzwischen gibt es wieder einen bescheidenen Anstieg auf 16.877 Lehranfänger im September 2011 (minus 5,4 Prozent im Vergleich zu 2008).
- Umgekehrt ist die Entwicklung im Handel: Dort sank die Zehl der Lehrverträge im ersten Lehrjahr von September 2008 bis September 2010 von 6.860 auf 6.461 (minus 5,8 Prozent). Inzwischen hat der Handel bereits wieder mehr Lehranfänger als 2008. Ihre Zahl stieg auf 6.874 im September 2011 – ein leichtes Plus von 0,2 Prozent im Vergleich zu 2008.
Gleichzeitig mangelt es an Lehrstellen in Berufen mit guten Zukunftsaussichten. Mehr als die Hälfte der offenen Lehrstellen (55 Prozent) wird aktuell in nur drei Branchen angeboten: im Gastgewerbe, im Einzelhandel oder bei Friseuren. In Wien beträgt der Anteil der offenen Lehrstellen in diesen Branchen knapp 54 Prozent.
Bescheiden ist das Angebot an Lehrstellen in Metall- und Elektroberufen, wo es laut Arbeitsmarktservice gute Berufschancen gibt: Dort werden derzeit nur 629 offene Lehrstellen angeboten, das sind nicht ganz 13 Prozent aller offenen Lehr-stellen. In Wien sind 48 Lehrstellen in diesen Berufen offen (knapp 9 Prozent aller offenen Lehrstellen).
Damit haben die Jugendlichen immer öfter nur die Wahl zwischen keiner Lehrstelle im Betrieb oder einer Lehrstelle, wo die Ausbildungsqualität weniger gut sein kann, zumindest aber die Ausgelernten keine besonders guten Aussichten in ihrem Beruf haben.
Von wegen zu dumm
Die Wirtschaft begründet den Rückzug vieler Beriebe aus der Lehrausbildung mit mangelnder Qualifikation der Lehrstellensuchenden. „Das kann ich so nicht gelten lassen“, sagt AK Präsident Herbert Tumpel, „wenn ich mir gleichzeitig anschaue, wie mit den Lehrlingen umgesprungen wird.“ Außerdem sind Jugendliche, die Schwierigkeiten im Betrieb haben, in Wirklichkeit oft regelrechte Vifzacks:
- Eddy zum Beispiel hat, wie er erzählt, an der Karosserie genau so geschweißt, wie er es in der Berufsschule gelernt hat. Jetzt setzt er seine Lehrausbildung in den öffentlich finanzierten Lehrwerkstätten des bfi fort, und seine AusbildnerInnen sagen: Er ist ein gelehriger Bursch.
- Jasmin hat in Deutsch und Kommunikation einen Einser im Berufsschulzeuignis. Sie arbeitet jetzt übrigens als Hilfskraft in einem Supermarkt, bis sie nächstes Frühjahr zur außerordentlichen Lehrabschlussprüfung als Einzelhandelsverkäuferin antreten kann.
- Natascha schaffte ihre Lehrabschlussprüfung locker. Und wenn ein ausgelernter Frisörlehrling weiter als FrisörIn arbeitet, heiß das für gewöhnlich: Die/der ist in ihrem/seinem Beruf ziemlich gut.
Oft ist es die Ausbildungsleistung der Betriebe selbst, die Probleme macht. Nur eine Zahl dazu: Jährlich schaffen 16.000 Jugendliche die Lehrabschlussprüfung nicht oder treten erst gar nicht an, weil sie sich ihres Könnens nicht sicher sind.
Forderung
Das AK Programm für Qualität in der Lehrausbildung
Unsere jungen Leute haben etwas Besseres verdient als unfairen Umgang mit ihnen und mangelhafte Ausbildung: Wir brauchen wieder mehr Lehrstellen mit Zukunft in den Betrieben und wir müssen für mehr Qualität in der Ausbildung sorgen. Im Interesse der Jugendlichen und in letzter Konsequenz auch der Wirtschaft hat die AK ein Programm für Ausbildungsqualität. Darüber wird gerade mit VertreterInnen der Wirtschaft diskutiert:
1. Gesetzliche Einführung eines Qualitätsmanagements für die Berufsausbildung in den Betrieben: Wenn es für die Qualität jeder Schraube Normen gibt, dann muss das auch für die Ausbildung der Fachkräfte gelten, die sie herstellen.
2. Zertifizierung von Lehrbetrieben auf Grund von Qualitätsnormen – und regelmäßige Kontrollen, ob die Normen eingehalten werden: Verstoßen Betriebe gegen die Qualitätsvorschriften, soll ihnen das Zertifikat aberkannt werden.
3. Mehr Aus- und Weiterbildung für AusbildnerInnen: Es ist zu wenig, dass derzeit eine Ausbilderberechtigung bereits nach 40 Stunden Kurs vergeben wird.
Daten zur Umfrage
Befragung von 750 Wiener Lehrlingen im Jahr 2010 in den Berufsschulen quer über alle Branchen; Durchführung: AK Wien Abteilung Lehrlings- und Jugendschutz; Befragung per Fragebogen zum Ausfüllen; Rücklaufquote: 100 Prozent
-
|
Mehr

